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Unterföhring, Pfarrkirche St. Valentin

Aus Deckenmalerei-Lab


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 3, Teil 1: Stadt und Landkreis München. Sakralbauten. Hirmer, München 1987, ISBN 978-3-7991-6111-4, S. 174–179, geschrieben von Böhm, Cordula und Lüdicke, Lore. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Pfarrkirche, Erzdiözese München und Freising; z.Z. der Ausmalung Pfarrei Oberföhring (bis 1923), Fürstbischöfliches Hochstift Freising

Patrozinium: St. Valentin

Zum Bauwerk: Wegen Baufälligkeit wurde die frühere Kirche 1717 abgebrochen und 1717/18 ein Neubau errichtet; der Turmbau war bereits 1712 erfolgt. Weihe am 12. 9. 1718. Baumeister war der bischöfliche Hofbaumeister Dominikus Glasl aus Freising, Stukkatoren waren sein Sohn Thomas Glasl sowie Mathias Bader und Johannes Riederer. Vierjochiger Saalbau, vor dem AR sind die Seitenwände abgeschrägt und haben Altarnischen; Doppelempore im W. Eingezogener, einjochiger AR, halbrund geschlossen, Oratorium südlich im AR über der Sakristei. Pilastergliederung, Gurtbogenteilung; Belichtung im LHs durch je zwei hohe, schmale Fenster an der N- und S-Wand und ein weiteres Fenster in der W-Wand, im AR durch ein Fenster an der N-Seite und zwei neben dem Altar im AR-Abschluß.

Auftraggeber: Für die Chorfresken (D, a-d) das Hochstift Freising, Fürstbischof Johann Franz Freiherr Eckher von Kapfing (1695–1727), dessen Wappen sich am Oratorium befindet. Für die LHs-Fresken (A, B, 1-6) und das AR- Fresko C die Pfarrgemeinde, besonders wohl die Laurentius- oder Allerseelen-Bruderschaft von Oberföhring, mit dem amtierenden Pfarrer Kajetan Huber (1714-39), dessen Grabstein sich in der Oberföhringer Pfarrkirche St. Lorenz befindet (vgl. Mayer-Westermayer).

Autor und Entstehungszeit: Fresko A ist am W-Rand signiert und datiert Nicolaus Stuber 1718 (die 8 bei der Jahreszahl ist fragmentarisch erhalten; Nikolaus Gottfried

Stuber * 1688 München † 1749 München, weitere Lebensdaten vgl. CBD, Bd 3, II, und Thieme-Becker, Bd 32, 1938, S. 229-31).

Für die Chorfresken nennt eine »Paurechnung des Lobwurdtigen St. Vallentini Gottshaus zu Underforinng von anno 1716 bis anno 1718« für das Jahr 1717 unter Nr. 17: »Johannes Riederer von Freysing hat im Chorgewölb die Himmelfahrt Mariä und die Emblemata gemahlen, dafür er consentiert worden mit 20 fl.« AEM, PB 245).

Der auch unter den Stukkatoren genannte Johannes Riede rer (s. zum Bauwerk) ist als Maler unbekannt. Vielleicht liegt in der Freisinger Baurechnung eine fehlerhafte Notierung des Namens vor: Für Freising ist der Maler Franz Joseph Lederer ab 1707 als Hofmaler tätig, † 1733 (vgl. Johann Baptist Prechtl, Beiträge zur Geschichte der Stadt Freising Freising 1877, S. 77 f. und Thieme-Becker, Bd 22, 1928, S 532). Bei Dehio-Gall OB ist F. J. Lederer für Unterföhring angegeben.

In den Pfarrakten von Oberföhring befindet sich eine Rechnungsnotiz von 1718: »Das andere Jahr wurde de Maler fertig und hat die Gemeinde bezahlt 125 fl.«; dies ist auf Stubers Fresken zu beziehen. Stubers großzügig dekorativer, italienisch geschulter Stil mit plastischer Körpermodellierung findet sich nicht nur in dem signierten Fresko A und den weiteren LHs-Fresken B und 1-6, sondern ebenso in dem AR-Fresko C. Alle diese Fresken zeigen die gleichen Frauen- und Engeltypen – stets im Halbprofil und mit zurückgelegtem Kopf -, die drallen Putti mit Lockenkopf die stereotyp wiederholten Handgebärden und Gesichtsformen. Gemeinsam ist auch die ockertonige Farbgebung. Wir weisen daher das AR-Fresko C Nikolaus Gottfried Stuber zu und außerdem noch das Brustbild des hl. Paulus an der Kanzelbrüstung dieser Kirche.

St. Korbinlán

Schwarph

St. Korbinlán

St. Korbinlán

Die Eucharistie als Heilsmittel der Kirche Christi

EB, Patron St. Valentin

EB, Patron St. Valentin

St. Valentin

St. Valentin

St. Valentin

St. Valentin

St. Vaien

Nach dem stilistischen Befund schreiben wir entgegen den zitierten Angaben der Baurechnung von 1717 »Johannes Riederer« (= Franz Joseph Lederer?) nur die Embleme a-d und das nicht erwähnte Hl.-Geist-Bild, Fresko D, zu. Diese Fresken unterscheiden sich in ihrer zaghaft kleinteiligen Ausführung und in der graugrünen Farbgebung deutlich von Fresko C im AR und von den LHs-Deckenbildern.

Hl. Paulus an der Kanzelbrüstung

Die nicht mit dem Befund übereinstimmende Angabe der Bilddarstellung in Cals »Himmelfahrt Mariä«-statt Immaculata-deutet entweder auf eine geringfügig abweichende Bezeichnung in der Baurechnung (vgl. S. 174) oder auf eine später vorgenommene Änderung hin: Nach Fertigstellung der ersten Fresken im Chorgewölbe, die von Freising in Auftrag gegeben und bezahlt wurden, hat die um die Ausstattung offensichtlich sehr bemühte Pfarrgemeinde Oberföhring für die weiteren Kirchenfresken einen anderen, bedeutenderen Münchner Künstler ausgewählt und ihn weit höher honoriert (»Riederer« erhielt nur 20 fl., Stuber dagegen 125 fl.) und sicher auch das im Kirchenraum besonders wichtige Marienfresko malen lassen. Hierbei könnte das Thema eines vielleicht vorher vorhandenen Himmelfahrtsbildes abgewandelt worden sein.

Die Fresken an der unteren Emporenbrüstung EB1-3 weichen stilistisch von der übrigen Ausmalung ab und weisen nach Darstellungsstil wie auch nach Rahmenform und Stuckdekoration in die 20/30er Jahre des 18. Jh.

Befund

Träger der Deckenmalerei: LHs (A, B, 1−6) und AR (C, D, a-d) Tonne mit Stichkappen Pahmen: Stuckprofil

Nammen. Stuckprom Technik: Fresko; polychrom

Maße: A Höhe 9,20 m; 6,40 × 4,00

B Höhe 9,20 m; 2,00 × 1,60 C Höhe 8,50 m; 3,10 × 2,40

D Höhe 8,50 m; 0,90 × 1,80

Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1877, 1931 und 1980 Restaurierungen. 1980 befreite Heinrich Körner Oberschleißheim, die Deckenbilder von Verschmutzung und Ubermalungen. Die Seccomalschicht in A (Details, farbige Partien, Draperien, Licht- und Schattenauszeichnung) wurde mit Kasein gebunden, lockere Putzstellen wurden gefestigt und farblich eingestimmt. Ein Vergleich mit den unrestaurierten Fresken Stubers in der Magdalenenklause in Nymphenburg (CBD, Bd 3, II) macht deutlich, daß die markante Konturenzeichnung und kompakte Stoffbehandlung und die wenig differenzierte Farbigkeit Ergebnisse von Übermalungen sein müssen.

Die AR-Fresken waren stärker verschmutzt, aber weniger von Rißbildungen betroffen als die LHs-Fresken. Bei den Emblemen a–d wurden die Lemmata 1980 entfernt, die der Restaurator für eine Zutat der Restaurierung von 1931 hielt.

Die Bilder an der oberen Emporenbrüstung – in der Mitte die hl. Cäcilie, seitlich Putti – gehören nicht zur barocker Ausstattung; sie sind wohl im späteren 19. Jh., vielleicht 1877, entstanden (keine Abbildungen).

Beschreibung und Ikonographie

A DIE EUCHARISTIE ALS HEILSMITTEL DER KIRCHE CHRISTI Das Bildfeld erstreckt sich über die zwei mittleren Joche der LHs-Decke, nicht zum AR hin gerichtet, vielmehr gegen W, zur Musikempore (Betrachterstandort unter dem östlichen Bilddrittel). Ein folienhaft flächiger, heller Himmelsschauplatz ist durch kompakte, axial ins Bildfeld geordnete Wolkenpolster gegliedert. Die Figuren sind darin in drei Gruppen übereinander angeordnet und in geringer Untersicht gezeigt.

Vor einem die Glorie umschreibenden Wolkenbogen ragt die Gestalt Christi mit dem Kreuz auf; zu seinen Füßen Engel und Heilige als Halbfiguren. Ein Putto vermittelt zur Gruppe der Ecclesia darunter. Ecclesia ist neben einem Kirchenmodell stehend und beherrschend über den drei Göttlichen Tugenden angeordnet. Unterhalb eines Wolkenbogens werden am westlichen Bildrand unvermittelt Arme Seelen – die nackten Oberkörper zweier Männer und einer Frau – in den Flammen des Fegfeuers sichtbar.

Die Gelb-Ocker-Farben des Bildschauplatzes bestimmen den Gesamteindruck. Das Rot - in Gewändern, Flammen und Kirchendach – changiert mit Gelb-Ocker, es ist ganz an diese Farbwerte gebunden, ähnlich die zu Grau-Ocker gebrochenen hellen Grün- und Violettwerte in den Gewändern. Als Kontrast wirkt allein ein sehr klares, lichtes, mit Weiß changierendes Blau bei Christus (Weltkugel und ein Engelsgewand) und bei Fides.

Die schematische, dreiteilige Bildkomposition ist wohl bezeichnend für die frühen Werke Stubers (vgl. die Stuber zugeschriebenen Fresken von 1713/16 in Alt St. Margaret, Sendling, S. 97–101). In Unterföhring ist die Pinselführung noch nicht so locker und weich und die Farbgebung so duftig-frisch wie bei der elf Jahre späteren Ausmalung der Magdalenenklause in Nymphenburg (CBD, Bd 2, II).

Das Bild stellt die katholische Lehre von der Erlösung dar: Die Attribute der Passion und die Weltkugel bezeichnen

Christus als Salvator mundi. Der Heiligenhimmel wird durch einen Papst und drei Bischöfe repräsentiert (es gibt keine individuellen Attribute): darin ist ein Sinnbezug zur Figur der Ecclesia und damit zur römischen Kirche zu sehen und vielleicht auch zum Kirchenpatron Valentin, einem hl. Bischof.

Der unterhalb von Christus vor das Kirchenmodell platzierte Hostienkelch bedeutet die Gegenwart Christi im Altarsakrament der Kirche. Kelch und Kirchenmodell sind zugleich Attribute der Personifikation Ecclesia. Die Papstinsignien beziehen sich auf Rom. Die Eucharistie ist Gegenstand der Verehrung durch die drei Göttlichen Tugenden; diese bezeichnen den Weg des Gläubigen zu Christus über Eucharistie und Kirche. Die Personifikationen zeigen die ikonographisch verbindlichen Farben und Attribute (Ecclesia in Violett, Caritas in Rot – mit zum Herzen erhobener Hand –, Fides in Blau – mit Kreuz – und Spes in Grün – mit Anker). Die Armen Seelen wenden sich in der Geste der Demut zum Himmel (vgl. Ripa, s. v. humiltà). Das immer von neuem in der Kirche vollzogene eucharistische Opfer vermittelt den Armen Seelen die endgültige Erlösung, die Aufnahme in den Heiligenhimmel (vgl. LCI, Bd 2, s. v. Fegfeuer, Sp. 16–20, W. Braunfels). In Oberföhring wurde 1667 die Laurentius- oder Allerseelen-Bruderschaft bestätigt (Mayer-Westermayer).

A Die Eucharistie als Heilsmittel der Kirche Christi

Die Eucharistie als Heilsmittel der Kirche ist der tragende Bildgedanke, von dem Sinnbezüge zu allen Figuren geknüpft sind.

B DER AUFERSTANDENE ALS SIEGER ÜBER TOD UND SÜNDE Die Freskodarstellung geht an der östlichen Seite weit über das Bildfeld hinaus – der Stuckrahmen ist an dieser Stelle unterbrochen – und übergreift den Chorbogen.

Christus sitzt in lässiger Haltung auf Wolken, die österliche Siegesfahne im Arm, und weist seine Wundmale vor. Unterhalb stürzen eine vom Rücken gesehene halbnackte Gestalt und ein Totenkopf hinab, diese deuten auf Sünde und Tod (eine nähere Kennzeichnung des stürzenden Mannes als Sünde fehlt).

1-2 ARMA CHRISTI In den Dreipaßfeldern der Stichkappen zu Seiten der Fresken A und B präsentiert jeweils ein Putto-Engel auf Wolken die Leidenswerkzeuge:

1. Engel mit einem Schwamm am Rohr 2. Engel mit Geißel und Rutenbündel 3. Engel mit eiserner Faust 4. Engel mit Zepter und Dornenkrone 5. Engel mit drei Nägeln 6. Engel mit Lanze

In den LHs-Fresken (A, B, 1–6) ist das Erlösungsthema behandelt, und zwar als Fortsetzung zu den Bildwerken, dem Kruzifixus mit Blut auffangenden Engeln am Chorbogen und dem Andachtsbild des Heilandes an der Geißelsäule.

C Maria Immaculata
EB. St. Helena

C MARIA IMMACULATA Die Jungfrau Maria thront auf der Mondsichel in Wolken. Eine Strahlensonne hinterfängt das Haupt. Engel und Putti umspielen Maria.

Die Kreisform des Bildfeldes ist kompositionell betont durch die groß gegebene Sonnenscheibe und die als weiter Reif um Maria gezeichnete Mondsichel.

Die apokalyptischen Attribute Sonne und Mond, das weiß blaue Gewand der Jungfrau und die verehrenden Engel bestimmen Maria als Immaculata. Die beiden ausgebreiteten Arme erinnern an den Bildtypus der Assunta, daher ist verständlich, daß das Bild auch als Himmelfahr Mariens bezeichnet wird. Die Sitzhaltung ist für beide Bildtypen ungewöhnlich.

Die dem Marienfresko zugeordneten Bilder D und a-d bestätigen das Immaculata-Thema.

D GEISTTAUBE Die Taube schwebt vor dem Dreieck der Dreifaltigkeit und sendet Lichtstrahlen hinab - zur Immaculata (in Fresko C). In das einem Kreis eingeschriebene Dreieck ist das Auge Gottes gezeichnet.

a

Lauretanischen Litanei beruht die Elogie auf Eccli 24,19 »Quasi oliva speciosa in campis«.

c Torbogen auf einem Stufenpodest. – ECCE OSTIUM APERTUM – (= Apoc 4,1) Diese Schriftstelle ist, dem Mariensymbol der Himmelspforte zugeordnet, ungewöhnlich; die Litanei-Anrufung lautet »Janna caeli«.

d Berglandschaft mit Fluß. Ein lichter Horizont deute kaum mehr auf die Morgenröte (Erhaltungszustand!). QUASI AURORA CONSURGENS (= Cant 6,9). Die Morgenröte ist als Marienbild besonders in der Emblematik verbreitet (vgl. Picinelli, s. v. aurora, Lib. 1, Nr. 45-54). In der Lauretanischen Litanei ist das inhaltlich verwandte Bild der »Stella matutina« (Eccli 50,6 u. Par.) verwendet.

Im Hochaltar ist die Krönung Mariens plastisch dargestellt. Der nördliche Seitenaltar enthält eine Figur der Madonna (mit dem Kind), die auf der Mondsichel und der Weltkugel mit der Schlange steht und die Krönungsinsignien trägt.

EB1-3 An der unteren Emporenbrüstung sind die breitformatigen Bildfelder von stuckierten und gemalten Ornamenten gerahmt. (Die Gemälde an der oberen Emporenbrüstung: in der Mitte die hl. Cäcilia, seitlich Putti, sind nicht barock.)

EB1 PATRON ST. VALENTIN in Bischofskleidung, im Hintergrund die Kirche von Unterföhring. Der Patron erhebt segnend seine Hand über der Kirche. Ein stuckierter Fallsüchtiger zu seinen Füßen bezeichnet Valentin als Patron der Epileptiker.

EB2 ST. HELENA Die Kaiserin weist mit dem Zepter zwei Arbeiter an, an einer bestimmten Stelle ein Loch zu graben. Im Hintergrund deuten Bauten die Stadt Jerusalem an.

EB3 PATRON ST. KORBINIAN in Bischofskleidung, im Hintergrund der Freisinger Domberg, den der Heilige segnet. Sein Attribut, der Bär, ist in Stuck gebildet.

Zur malerischen Ausstattung von Nikolaus Gottfried Stuber gehört ein Fresko am Kanzelkorpus mit der Darstellung des hl. Paulus (Abbildung S. 175).

EB, Patron St. Valentin
EB. Patron St. Korbinian

Quellen und Literatur

Schmidtsche Matrikel, Bd 2, S. 482. Mayer-Westermayer, Bd 2, S. 636. Dehio-Gall OB, S. 50. Hilzensauer, Josef, 250 Jahre Sankt Valentin Unterföhring, München 1968. Landkreis München (o. V.), München 1979, S. 77, 79. Schwahn, Britta, St. Valentin Unterföhring, KKF Nr. 1435, München und Zürich 1983.