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Neuburg an der Donau, Schloß

Aus Deckenmalerei-Lab


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 10: Landkreis Neuburg-Schrobenhausen. Hirmer, München 2005, ISBN 978-3-7774-2365-4, S. 219–220, geschrieben von Volk-Knüttel, Brigitte. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Schloß

Ehemalige Residenz des Fürstentums Pfalz-Neuburg, jetzt unter der Bayerischen Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen, München. Öffentlich zugänglich sind die Schloßkapelle (1543) und weitere Räume im Westflügel sowie das Schloßmuseum im Ostflügel.

Saal im Nordturm S. 220 Diana-Zimmer S. 223 Ehem. Malereikabinett S. 225 Wendeltreppe zwischen Grottenanlage und Altane S. 228

Baugeschichte: Das Neuburger Schloß besteht aus vier ungleichen Trakten, die einen unregelmäßigen länglichen Hof umschließen. Die Flügel im W, S und N entstanden in den 30er Jahren des 16. Jahrhunderts unter Pfalzgraf Ottheinrich, den Ostflügel, in dem sich die barocken Deckenbilder befinden, ließ Herzog Philipp Wilhelm (* 1615 † 1690; seit 1685 Kurfürst von der Pfalz) von 1665–70 erbauen. Dazu wurden 1660 die zum Teil noch mittelalterlichen Osttrakte des Schlosses niedergelegt. Ausführender Architekt war der herzogliche Baumeister und Ingenieur Jeremias Doctor. Auf die Plangestaltung nahm möglicherweise auch der seit 1631 im Dienst des Pfalz-Neuburger Hofes stehende Architekt Giovanni Lolio, gen. Sadeler, Einfluß, der Erbauer des Wasserschlosses Benrath bei Düsseldorf (1660), zu dessen Mitarbeitern Doctor gehörte.

Der Philipp-Wilhelm-Bau ist ein langgestreckter Baukörper, der an der Ostseite 15 Fensterachsen aufweist. Er besteht aus Erdgeschoß und drei Obergeschossen und wird an den Ecken jeweils von einem dem Bau integrierten Rundturm flankiert, der um ein Geschoß höher ist. Der nördliche Turm ist an der N-Seite abgeflacht. Um an die älteren Gebäude des Schlosses anzuschließen, knickt die von S nach N verlaufende Hoffront ab der 16. Fensterachse nach Nordwesten ab. In dem siebenachsigen Nordwesttrakt, an den sich rechtwinklig der Nordturm anschließt – im Winkel liegt eine Altane – befindet sich eines der Treppenhäuser, ein zweites Treppenhaus liegt am anderen Ende des Trakts neben dem Südturm.

Die Raumaufteilung des Philipp-Wilhelm-Baus ist nicht in originaler Form erhalten, kann aber anhand eines Inventars von 1764 und durch Pläne zum Teil erschlossen werden. Im ersten Obergeschoß befand sich zwischen den Rundtürmen eine Zimmerflucht von sieben Räumen en enfilade gegen die Fensterseite; gegen den Hof hin lag ein Flur. Im zweiten Obergeschoß war die Raumaufteilung entsprechend, jedoch war der Flur gegen den Hof in Einzelkabinette aufgeteilt. Dazwischen verlief ursprünglich ein schmaler Gang mit Türen nach beiden Seiten, der sog. Schürgang, von dem aus die Öfen beheizt werden konnten. Über die ursprüngliche Bestimmung der Räume ist nichts bekannt. Wahrscheinlich diente das Appartement im ersten Geschoß dem Herzog als Wohnung, die Zimmerflucht darüber seiner Gemahlin, während die Räume an der Hofseite wohl ihren zahlreichen Kindern vorbehalten waren. Nach der Beschreibung des Inventars von 1764 wurde damals das zweite Stockwerk als Wohnung genutzt. Dem Kurfürsten war dabei die Hofseite vorbehalten, die Kurfürstin logierte gegenüber.

Zum Bauwerk: Der Saal umfaßt das zweite und dritte Obergeschoß, seine Fläche beträgt über unregelmäßigem Grundriß 114,5 Quadratmeter. Im O schwingt der Turm halbrund vor; hier weist der Saal in jedem Stockwerk vier Fenster auf. Im N ist der Turm wegen des Anbaus einer Altane abgeflacht; auf dieser Seite öffnen sich jeweils drei Fenster. Mit Ausnahme der vorschwingenden O-Wand verlaufen alle anderen Wände des Saals gerade, stoßen aber nur in der NW-Ecke im rechten Winkel aufeinander. In der SO-Ecke verbirgt sich hinter einer konvexen Mauerwölbung eine Wendeltreppe, die sowohl Zugang zu einem anschließenden Kabinett als zu den andern Geschossen gewährte. Über diese Treppe war eine Galerie zu erreichen, die ursprünglich in Höhe des Wandgesimses auf dem Niveau der dritten Etage vorsprang. Aufgrund einer Beschreibung von 1888/89 (BHStA, Kriegsarchiv Mkr 10326) war der Saal damals in der Waagrechten unterteilt. »Er bildete früher... einen durch zwei Stockwerke gehenden Concertsaal. Die jetzige Zwischendecke entspricht der Höhe der früheren Gallerien. In den Fensternischen sind noch die amphitheatralisch um die Galerie führenden Sitzreihen zu sehen«. 1835 bezeichnet Graßegger den Saal irrtümlich als Speisesaal. Dieser lag jedoch im Südturm in der Nähe des heute nicht mehr vorhandenen Küchengebäudes.

Auftraggeber: Die erste Ausmalung (teilweise erhalten) entstand im Auftrag Herzog Philipp Wilhelms im Zusammenhang mit dem Neubau des Ostflügels des Schlosses um 1670, die zweite Ausmalung wohl unter Kurfürst Carl III. Philipp von der Pfalz (1716–42).

Decke des Saals im Nordturm: Scheinarchitektur mit dem Gastmahl der Kleopatra

Autor und Entstehungszeit:

Erste Ausmalung: Architekturmalerei und Darstellungen aus der griechischen Mythologie in der oberen Wandzone (1984/85 freigelegt und größtenteils wieder abgedeckt, s.u.). Autor unbekannt, um 1670

Zweite Ausmalung: Deckenmalerei. Zuweisung an Carl Conrad Prauneck (*1686 Neuburg †1742 Rennertshofen) 1718. Spuren einer möglichen Signatur »P.S.G. (?)«, die vor 1945 zu sehen waren (Horn/Meyer 1958) und einer vermeintlichen Jahreszahl 1734 bzw. 1743 sind nicht zu verifizieren.

Ein aus historischen Gründen naheliegender Zeitpunkt für die Entstehung der illusionistischen Architekturmalerei an der Decke ist der etwa einjährige Aufenthalt des Kurfürsten Carl Philipp in Neuburg. Bis zu seinem Regierungsantritt war er kaiserlicher Statthalter von Tirol in Innsbruck, nach dem Tod seines Bruders Johann Wilhelm am 18.6.1716 in Düsseldorf wurde er dessen Nachfolger als Kurfürst von der Pfalz. Erst im Sommer 1717 wechselte er mit seinem Hofstaat von Innsbruck nach Neuburg und scheint zunächst die Absicht gehabt zu haben, sich hier niederzulassen. Im August 1718 zog er jedoch nach Heidelberg, später nach Mannheim. Carl Philipp war ein großer Musikliebhaber; seinem Hofstaat gehörten zahlreiche Musiker an sowie der Bühnenausstatter und Architekt Alessandro Galli Bibiena (1686–1748), die alle schon in Innsbruck für ihn tätig gewesen waren.

Die Architekturmalerei nimmt die ganze Decke ein. Sie steht, wie schon Zollner beobachtete (1984), deutlich in der Tradition der italienischen Bühnenmalerei in der Art der Galli Bibiena, bei der die Architektur eindeutig dominiert und die wenigen, relativ kleinen Figuren an Bedeutung zurückstehen. Es handelt sich nicht um eine Quadraturmalerei, in die Bildfelder eingeschnitten sind, nicht um figürliche Szenen und deren architektonische Rahmung. Deshalb folgen wir auch nicht dem Zuschreibungsvorschlag an Antonio Maria Bernardi und Franz Hagen (Dehio 1990). Die Art, wie die architektonischen Elemente, z.B. Volutenkonsolen ohne tragende Funktion eingesetzt werden, läßt allerdings nicht an Alessandro Galli Bibiena selbst als Autor denken, sondern an einen einheimischen Künstler, der dessen Anregungen umsetzte. Die Malerei soll hier Carl Conrad Prauneck zugeschrieben werden aufgrund der Physiognomien der sparsam eingesetzten Staffagefiguren und Praunecks Interesse für Architekturdarstellungen, vor allem im Vergleich mit seinem großen Deckenbild in der Pfarrkirche von Rennertshofen (s. S. 244). Sowohl dort als auch im hier behandelten Saal hat die Malerei viel an originaler Substanz eingebüßt, weshalb die Zuschreibung nur unter Vorbehalt erfolgen kann.

Anläßlich des Einzugs des Kurfürsten Carl Philipp in Neuburg 1717 ist Prauneck zum ersten Mal nachweisbar. Damals malte er im Auftrag des Neuburger Kollegiatsstifts St. Peter zusammen mit einem Gesellen eine Triumphpforte (s. die Vita Praunecks S. 338f.). Zum gleichen Anlaß wurde auf dem Marktplatz vor der Rathaustreppe ein Ehrentheater errichtet, das eine Säulenhalle darstellte, »die durch ihre Architektur« und schönen Verzierungen jedes Auge ergötzte« (Beitelrock). Möglicherweise war auch diese Dekoration von Prauneck.

Befund

Träger der Deckenmalerei: Flachdecke Technik: Fresko mit Secco; polychrom Maße: Höhe 8,45 m

Grundfläche 114,5 Quadratmeter

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Seit 1685 war Neuburg offiziell nur noch Nebenresidenz. Infolgedessen wurde das Schloß von den regierenden Kurfürsten selten besucht; es diente vorwiegend als Witwensitz. Von 1868 bis 1918 wurde es als Kaserne genutzt, später als Unterkunft für Kriegsgefangene und als Behördensitz. Seit ca. 1982 fand im Hinblick auf eine geplante Einrichtung als Museum eine Sanierung des gesamten Philipp-Wilhelm-Baus statt. Dieser ging im April 1982 eine Befunduntersuchung voraus durch Restaurator Peter Turek von der Fa. Schmuck, Bamberg. Im Zusammenhang mit der Instandsetzung des Festsaals erfolgte 1984/85 die Konservierung der Gemälde durch die Restauratoren Eckart Gross, Olching, und Raymund Schuhwerk, Türkheim, denen ich für Überlassung ihres Restaurierungsberichts und mündliche Auskünfte herzlich danke. Zunächst mußte eine zwischen dem zweiten und dritten Geschoß eingezogene Decke herausgenommen und ein Eisenträger entfernt werden, der das Deckengemälde in OW-Richtung in der Mitte zerschnitt.

Die Bemalung der Wände in der oberen Hälfte des Saals (um 1670) war mehrfach übertüncht. Sie wurde freigelegt, aber anschließend zum größten Teil wieder abgedeckt. Es handelt sich um eine al fresco ausgeführte Architekturmalerei in Grau, bestehend aus Pilastern mit Kapitellen zwischen den Fenstern bzw. den gemalten Blindfenstern im südlichen Teil des Raums. Auf der westlichen Innenwand, auf der Wölbung des Wendeltreppenturms an der S-Wand und in den Fensterleibungen befinden sich in gemalten grauen Rahmungen ovale Medaillons in camaieu rotbraun mit Szenen aus der griechischen Mythologie: 1. Sturz des Ikarus; 2. Prometheus und Herakles (beide an der W-Wand); 3. Perseus befreit Andromeda (S-Wand); 4. Hermes; 5. Hero und Leander; 6. Arion auf dem Delphin (4.-6. in den Fensterleibungen). An der W-Wand beließ man einen Teil der Malerei (mit dem Sturz des Ikarus) zur Dokumentation, der Rest wurde mit Seidenpapier geschützt und wieder überputzt. Die gemalten Ornamente (Gehänge, Kapitelle) ähneln den Stuckaturen im angrenzenden Diana-Zimmer, die gleichzeitig entstanden sind.

Von der ersten Decke aus der Zeit um 1670 ließen sich keine Spuren finden. Die jetzige Decke des 18. Jahrhunderts liegt so tief, daß sie die Erstausmalung an den Wänden überschneidet und den Scheitel der Fensterlaibung berührt. Die Restauratoren konnten auch eine fragmentarisch erhaltene zweite gemalte Wanddekoration nachweisen, die vermutlich zur jetzigen illusionistischen Deckenmalerei gehört. Sie bestand aus einer gemalten graugrünen Stuckatur mit weiß aufgesetzten Höhungen auf weißem Grund.

Das heute vorhandene Deckenbild (1718) ist in Fresko-Secco-Technik gemalt. Die Vorzeichnung (Sinopie) zeigt sich an einigen Stellen in kräftigem Rot, der Farbauftrag ist zum Teil sehr pastos. Vor der Sanierung war der Erhaltungszustand sehr schlecht. 1945 hatten ein Brand und die Löscharbeiten die Malereien sehr beeinträchtigt, die Gesichter der Figuren wurden durch Schüsse (30-40) noch zusätzlich beschädigt. Deshalb hatte bereits zwischen 1945 und 1984 eine umfangreiche Restaurierung stattgefunden mit Putzergänzungen, großflächigen Retuschen und Übermalungen. Bei der Restaurierung von 1984/85 wurden die alten Retuschen wie auch die Projektile aus den Gesichtern entfernt, die Schimmelbildung und Vergrauungen behandelt und im Bereich des ehemaligen Eisenträgers Freilegungsarbeiten vorgenommen. Im südlichen Bildbereich waren ca. 10 qm neu zu verputzen. Die gesamte Malerei wurde ergänzt und zum Teil großflächig retuschiert.

Beschreibung und Ikonographie

Scheinarchitektur mit dem Gastmahl der Kleopatra Die in Braun, Grün und Grau gehaltene Scheinarchitektur ist nur sparsam mit Figuren belebt. Sie entfaltet sich über einer umlaufenden Balustrade, die mit Rücksicht auf die Raumform verschieden stark geschwungen ist und damit geschickt die Unregelmäßigkeit des Grundrisses ausgleicht. Zentrales Motiv ist eine Pendentifkuppel, die sich über mächtigen, reich gegliederten Pfeilern erhebt, zwischen denen vier große Bögen den Blick in unterschiedlich gestaltete Räume freigeben. In der Hauptansicht (nach W) sieht man in einem Kuppelsaal, wie auf einer Bühne erhöht, das Gastmahl der Kleopatra, bei dem Antonius und die ägyptische Königin allein einander gegenübersitzen.

Dargestellt ist die berühmte Szene, die Plinius in seiner »Historia naturalis« im Kapitel über die Perlen berichtet (Lib. IX). Demnach seien die beiden größten Exemplare, die je existiert haben, in Kleopatras Besitz gewesen. Um Antonius ihren unermeßlichen Reichtum zu zeigen, habe sie während des Gastmahls eine dieser kostbaren Perlen vom Ohr genommen, sie in Essig aufgelöst und getrunken. Gegenüber den beiden Protagonisten sind die Diener mit Geschirr und das Wachtpersonal an die Seite gerückt, hin zu den Balkonen, auf denen links Sänger mit Notenblättern und rechts Musikanten mit Pauken und Trompeten zu sehen sind. Hinter der Balustrade erscheinen auch in den anderen Richtungen einzelne Personen.

Quellen und Literatur

BHStA, Graßegger-Sammlung Nr. 15491a: Inventar von 1764. – Plansammlung OBB KuPl 5159–5161.

BHStA, Abtlg. Kriegsarchiv, Mkr 10326: Beschreibung der Garnison Neuburg 1888/89.

BSV, Bauabteilung, Dokumentation Schloß Neuburg: ND/01/04/05; ND/01/04/016.

Graßegger, Joseph Benedikt., Die Residenz in Neuburg wie sie war und ist, in: NK 1, 1835, S. 79 f.

Horn/Meyer 1958, S. 264 f.

Zollner, Christiana, Der Philipp-Wilhelm-Bau in Neuburg an der Donau-Architektur und Ausstattung. Mag. Arbeit München 1984, S. 33, 47–49, 53–69.

Dehio 1990, S. 864.

Schloßmuseum Neuburg an der Donau. Amtlicher Führer, bearb. von Horst H. Stierhof und Petra Haller. München 1998, S. 62–64 und Abb. S. 36.