Neuburg an der Donau, ehem. Bruderschaftshaus zur Schmerzhaften Muttergottes (Provinzialbibliothek)
Ehemaliges Bruderschaftshaus zur Schmerzhaften Muttergottes heute Provinzialbibliothek (Staatliche Bibliothek Neuburg) Karlsplatz A 17

Zum Bauwerk: Die Bruderschaft zur ›Schmerzhaften Muttergottes unter dem Kreuz‹ oder ›Congregatio Beatissimae Virginis Matris Mariae dolorosae stantis sub Cruce‹ wurde 1618 durch den Hofprediger P. Jakobus Reihing SJ für die Mitglieder des Neuburger Hofstaats und die neu zum Katholizismus bekehrte Bürgerschaft gegründet. Sie stand sowohl Männern als auch Frauen offen. Zunächst fanden die Versammlungen und Gottesdienste in der Hofkapelle statt, seit 1644 diente die erstmals 1310 erwähnte kleine St. Martinskirche, eine Filialkirche von St. Peter, als Oratorium. Nach dem Erwerb eines benachbarten Anwesens 1730 wurde die Kirche abgerissen und am 21.9.1731 von Hofkammerpräsident Wilhelm Adam von Weveld im Namen des Kurfürsten Carl III. Philipp der Grundstein zu einem Neubau gelegt.
Die Pläne hatte 1731 der Baumeister Franz Xaver Moritz von Löwen gezeichnet, Sohn des pfalz-neuburgischen Baukommissars und Hofkammerrats Johann Franz von Löwen, die Ausführung erfolgte 1732 (BHStA, Graßegger-Sammlung Nr. 15010/1: Fassadenentwurf, im Moment nicht auffindbar; Nr. 15047: Seitenansicht; beide signiert und 1731 datiert; Hädler/Schonlau 1978, Abb. 2/3). Das Kongregationsgebäude entspricht dem Typus der Bürgersäle (vgl. den Bürgersaal in München, CBD Bd 3/I, S. 196ff.) mit dem Oratorium im Obergeschoß, an der S-Seite mit einer Musikempore sowie drei Altären an der nördlichen Stirnseite. Es war in Erinnerung an den Vorgängerbau dem hl. Martin geweiht sowie der Schmerzhaften Mutter Maria. Nach der Säkularisation 1803 nahm das Oratorium die neugegründete Provinzialbibliothek auf. In den Saal wurden dazu die Bibliotheksregale der aufgehobenen Klöster Kaisheim und Obermedlingen eingebaut.
Ehemaliger Kongregationssaal
Saal von fünf zu drei Achsen (21×13,5 m; 9 m hoch) im ersten Stock des Gebäudes. Zugang von S über eine doppelläufige Treppe, auf der W-Seite im zweiten Joch von N Tür zu der hier anschließenden ehemaligen Sakristei. Gliederung durch Stuckmarmorsäulen vor Pilastern über hohem Sockel; Beleuchtung durch hohe Rechteckfenster in korbbogig geschlossenen Nischen, darüber geschwungene Oberlichter. Der Saal ist nur auf der O- und S-Seite belichtet, im W öffnen sich zwei Oberlichter in die ehemalige Sakristei. Alle anderen Fenster sind geschlossen.




Blindfenster. Auffallend ist der qualitätvolle, elegante Stuck aus Band- und Gitterwerk, Ranken und z.T. frei hängender Blütenfestons. Er erstreckt sich über die Decke und die Fensterleibungen im N und W, in den Leibungen an der S- und O-Seite ist er nur gemalt. Stuckator war Matthias Abel, der seit ca. 1721 in Neuburg nachgewiesen werden kann. Sein Name kam anläßlich der Restaurierung von 1982 an der hölzernen Außenwange am östlichen Treppenaufgang zur Empore zum Vorschein (s. auch Abels Stuck in Neuburg, Hl. Geist S. 161, in Sinning S. 280 und Bergheim, Marienkapelle S. 66).
Von der ursprünglichen Ausmalung des Saals sind nur zwölf Medaillons in den Gewölbezwickeln mit einem Martinszyklus (1-12) und Embleme an der Eingangswand erhalten, bzw. aufgedeckt worden (W1-2). Eine (neue?) Ausstattung mit Altären und Statuen ist um die Mitte des 18. Jahrhunderts bezeugt (Beitelrock). Der Neuburger Bürgersaal gehörte sowohl architektonisch als von der Ausstattung her zu den bedeutendsten Bauten der Stadt im 18. Jahrhundert und wurde hochstehenden Besuchern gezeigt. »Am 11. Mai 1750 ließ... Friedrich (Michael) Pfalzgraf von Birkenfeld den eben ausgebauten, nunmehr vollendeten Congregationssaal sich öffnen und zeigte an dessen Schönheit viel Wohlgefallen« (Gremmel/Finweg 1871, S. 337). »Am 11. Mai 1750 ließ...Friedrich (Michael) Pfalzgraf von Birkenfeld den eben ausgebauten nunmehr vollendeten Congregationssaal sich öffnen und zeigte an dessen Schönheit viel Wohlgefallen«
Auftraggeber: Die Mitglieder der Bruderschaft laut Bauinschrift im Giebelfeld über dem östlichen Eingang: MATRI DOLOROSAE / EXSTRVXERVNT / CLIENTES (= 1732)
Autor und Entstehungszeit: Melchior Puchner (*1695 Schongau † 1758 Ingolstadt) 1732
Puchner, der seit 1721 in Ingolstadt nachweisbar ist, arbeitete hauptsächlich im Raum Ingolstadt, Pfaffenhofen, Weißenburg, Hilpoltstein und Neumarkt. Sein Hauptwerk ist die Freskierung der zur Benediktinerabteikirche Scheyern gehörenden Propsteikirche von Fischbachau mit einem Martinszyklus im Mittelschiff (1737/38). Die Übereinstimmung zwischen diesen Martinsdarstellungen und denen im Kongregationssaal ist so groß, daß sie vom selben Maler stammen müssen. Das ist besonders deutlich bei den Bildern, die dieselben Ereignisse aus der Vita des Heiligen zum Thema haben. Die Darstellungen sind tafelbildmäßig angelegt und nur in geringer Untersicht gegeben. Die Übereinstimmungen betreffen Proportionierung und Anordnung der Figuren, die Gestaltung des Hintergrunds mit z.T. den gleichen Architekturmotiven und des Innenraums mit stilllebenhaften Elementen sowie die Verwendung von historisierenden Kostümen (vgl. CBD Bd 2, S. 472–482). Die Beauftragung eines Ingolstädter Malers hängt vielleicht damit zusammen, daß die Neuburger Kongregation der Stadtbruderschaft Maria de Victoria in Ingolstadt konföderiert war (BHStA, PNA, NA 1989, Nr. 3355).
Befund
Träger der Deckenmalerei: Flachdecke (A-G; übertüncht), zu den Rändern abgemuldet; darunter Hohlkehle mit Stichkappen zwischen den Pilastern; Medaillons in den Zwickeln. Rahmen: A-G ovale geschwungene Stuckprofilrahmen; 1-12 Stuckprofilrahmen in Vierpaßform; W1-2 gemalte Rahmen. Technik: A-G Fresko mit Secco (übertüncht); 1-12 fette Tempera, polychrom; W1-2 Secco, camaieu braun. Maße: Höhe A-G 9 m; 5,80×3,80 m; B, E ca. 3,00×2,00 m.
Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1803 wurde das Kongregationsgebäude säkularisiert, die Ausstattung entfernt und die Provinzialbibliothek eingerichtet. Die Bruderschaft vereinigte sich mit der Lateinischen Kongregation, die Gottesdienste und Versammlungen fanden von nun an in St. Peter statt. Im Zuge der Einrichtung als Bibliothek wurden die Deckenbilder übertüncht. 1857/58 erfolgte eine Sanierung des Dachstuhls, 1864 eine Fassadenrenovierung. 1975 wurde der Außenbau renoviert, ab 1977 das Innere umgebaut und saniert. Bereits 1975 hatte Restaurator Richard Harzenetter, Sontheim, die Raumfassung untersucht und Freilegungsproben gemacht. Er stellte fest, daß die Felder in Decke und Hohlkehle unter der Tünche alle Bemalung aufwiesen. Man beschloß daher eine Freilegung. Sie erwies sich jedoch als außerordentlich schwierig und mußte nach mehreren Versuchen eingestellt werden, da die Kalk-Kasein-Sand-Tünche so stark mit der darunter liegenden Malschicht verbunden war, daß sich diese beim Freilegen in kleinen Partikeln mit ablöste. Es blieb fast nur die Untermalung stehen. Nachdem Harzenetter 1975 und 1977 erste Proben vorgenommen hatte, wurden 1981, z.T. durch die Fa. Rudolf Pfaller, Ingolstadt, an der Decke Freilegungs- und Restaurierungsversuche am Mittelbild und am südlichen Bild vorgenommen, das südwestliche Deckenbild und außerdem eine Martinsdarstellung in der östlichen Hohlkehle konnten freigelegt und restauriert werden. Die weitere Durchführung der Arbeiten übernahmen 1982 die Fa. Josef Lorch, Füssen, unter Mitarbeit des Restaurators Raymund Schuhwerk, sowie Restaurator Eckart Gross, Olching. Ihre Untersuchungen und Freilegungsversuche bestätigten die bisher getroffenen Beobachtungen, sodaß man die Arbeiten an der Decke schließlich einstellte und die freigelegten Partien wieder mit Leimfarbe abdeckte. Gross und Schuhwerk legten anschließend den Martinszyklus in der Hohlkehle frei (1-12), der mit etwas fetterer Tempera gemalt ist, die besser am Untergrund haftet. Weitere Freilegungsarbeiten wurden im Treppenhaus vorgenommen. Hier handelt es sich um reine Kalksecco-Malereien: in den Fensterleibungen gemalter Stuck, stilistisch mit dem Deckenstuck übereinstimmend, in der Leibung des Mittelfensters zwei Medaillons mit Landschaften, an der Wand rechts und links des Mittelfensters zwei Embleme (W1-2), von denen durch Abrieb im Treppenhaus nur noch die Untermalung vorhanden und freizulegen war. Im Stockwerk darüber befinden sich ebenfalls zwei emblematische Darstellungen, die weitgehend durch die Bücherregale verdeckt sind. Sie wurden nicht freigelegt. Ihre Inschriften, links: PLENA SIBI, AC ALIIS, rechts: IAM MITIUS ARDET, wurden wieder mit Leimfarbe übertüncht. Die Malereien in den Fensterleibungen des Bibliothekssaals waren ähnlich denen im Treppenhaus und wurden nicht freigelegt. Der Namenszug des Stuckators Matthias Abel, der während der Restaurierung an der hölzernen Außenwange am östlichen Treppenaufgang zur Empore zu sehen war, konnte von mir nicht aufgefunden werden und ist vielleicht wieder überdeckt worden. Die Bibliotheksschränke wurden 1983 restauriert, 1985 konnte die Bibliothek wieder eröffnet werden.




Beschreibung und Ikonographie
An der Decke des Saals waren in einem großen und sechs kleineren Feldern die ›Sieben Schmerzen Mariens‹ dargestellt und in den Gewölbezwickeln der Hohlkehle in zwölf Medaillons Episoden aus dem Leben des hl. Martin. Über die zu Beginn des 19. Jahrhunderts übertünchten Bilder urteilt ein unbekannter Autor 1863 aufgrund älterer Quellen: »Zu bedauern ist, daß...die schönen Plafondgemälde, worunter das mittlere die Opferung Mariens im Tempel vorstellend, das größte und schönste war, überweißt wurden« (NK 29, S. 40). Bei der vorübergehenden Freilegung kamen 1982 im südlichen Deckenfeld Reste einer ›Flucht nach Ägypten‹ zum Vorschein (Abb. S. 210) sowie im südwestlichen Feld die Szene mit dem zwölfjährigen Jesus im Tempel (keine Abb.).
Die zentrale Darstellung (A) an der Decke des Saals war demnach die Darbringung Jesu im Tempel (Lc 2, 22-39) gewesen: Das Kind Jesus wird von seinen Eltern, wie es das Gesetz für den erstgeborenen Knaben vorschreibt, Gott im Tempel dargebracht. Damit verbunden ist das Reinigungsopfer Mariä, die Begegnung mit dem greisen Simeon und dessen Weissagung sowie die Weissagung der Prophetin Hannah. Die Darbringung im Tempel« ist die erste Leidensstation der Sieben Schmerzen Mariä aufgrund der Weissagung des Simeon: »... Ihm war vom heiligen Geist geoffenbart worden, er werde
den Tod nicht sehen, bevor er den Messias des Herrn geseher habe. Er kam im Geiste in den Tempel, und als die Eltern da Kind Jesu hereinbrachten...nahm er es in seine Arme, lobte Gott und sprach: Nun entlässest du deinen Diener, Herr, nach deinem Worte in Frieden; denn meine Augen haben dein Hei geschaut...Und sein Vater und seine Mutter wunderten sich über das, was von ihm (Jesus) gesagt wurde. Und Simeon seg nete sie und sprach zu Maria... Siehe, dieser ist gesetzt zun Falle und zum Aufstehen vieler in Israel und zu einem Zei chen, dem widersprochen wird; aber auch deine eigene Seel wird ein Schwert durchdringen, auf daß die Gedanken au vielen Herzen offenbar werden...«.
Für die Kongregation wird die Bedeutung dieses Themas mit der Akzentuierung der Prophezeiung, Maria werde ein Schwert durch die Seele dringen, auch bestätigt durch die Consuetudines oder Löblichen Gebräuche der Bruderschaft von 1657, wo es heißt: »Den 2. Februarij hält die Congregation ihr fürnembstes Fest, alß am welchen Tag der H. Simeon der gebenedeititen Patronin Mariae ihr Schmerzen vorgesagt begehet derohalben das Convent mit einer größeren Solenität ia auch bißweilen mit einer Action«. Das zweite von der Kongregation gefeierte Fest war das des hl. Martin. »Daß Fest de H. Martini als der Cappeln oder Congregation einverleib würdigen Patronen celebriert man soleniter doch mit hülf de Herrn Dechant und Pfarrer bey St. Peter mit erster und ande rer Vesper, auch Ambt und Predig...« (BHStA, Graßegger Sammlung Nr. 15048, unfoliiert).
Die Anzahl und die Auswahl der Marianischen Leidensstationen war nicht exakt festgelegt. Im 18. Jahrhundert wurden meistens sieben Episoden aus dem Marienleben dargestellt. Außer den drei für die Neuburger Kongregation sicher überlieferten Szenen gehören dazu meistens noch die Begegnung Jesu mit seiner Mutter auf dem Weg nach Golgatha, die Kreuzigung, Kreuzabnahme und Grablegung. Sie waren wohl in den vier übrigen Deckenfeldern zu sehen.
Von Melchior Puchner haben sich für einen Deckenbildzyklus mit den Sieben Schmerzen Mariä vier Vorzeichnungen mit folgenden Themen erhalten:
Die Bildformate der quadrierten Zeichnungen stimmen mit denen in der Provinzialbibliothek nicht überein. Sie können daher nicht mit den in Neuburg ausgeführten Deckenbildern - etwa als erste Bildideen - zusammenhängen, sondern sind für einen anderen Zusammenhang geschaffen worden. Aufgrund der nicht sehr großen Variationsbreite Puchners bei der Gestaltung seiner Themen vermögen die Zeichnungen jedoch eine gewisse Vorstellung von der verlorenen Malerei zu vermitteln. Zum Vergleich heranzuziehen sind auch die beiden Deckenbilder Puchners in der Propsteikirche in Fischbachau mit der Darstellung Jesu im Tempel« und dem Zwölfjährigen Jesus im Tempel« (CBD Bd 2, S. 494 und Abb. S. 493 f.).


1-12 MARTIN-SZENEN Die Medaillons in den Stichkappen zeigen Ereignisse aus dem Leben des hl. Bischofs Martin von Tours sowie seine Wundertaten, mitgeteilt von seinem Schüler Sulpicius Severus in der Vita, den drei Dialogen und drei Briefen (BKV, Bd 20, siehe auch LA-Benz, S. 860-72 und Ribadeneira-Hornig, Bd 2, S. 713-76). Der Zyklus beginnt an der nördlichen Stirnseite in der NW-Ecke, erstreckt sich von dort aus in chronologischer Anordnung über die W-Seite und schildert zunächst sechs Ereignisse vor Martins Berufung zum Bischofsamt. Die Reihe wird über die O-Seite weitergeführt mit den Wundertaten, die er nach seiner Erwählung zum Bischof vollbrachte, und endet in der NO-Ecke der nördlichen Schmalseite mit seinem Tod.


1 MANTELSPENDE Dimidium quoque gratum (Auch die Hälfte ist willkommen) Unmittelbar vor seiner Taufe schenkte Martin, der als Soldat in der römischen Armee unter Constantius und Julianus diente, vor den Toren der Stadt Amiens einem frierenden Bettler die Hälfte seines Mantels. Vor der befestigten Stadt reitet Martin nach links und wendet sich einem halb nackten Bettler zu, der am Straßenrand kauert. Um ihm zu helfen, durchtrennt Martin mit seinem Schwert seinen roten Soldatenmantel und überläßt dem Bettler eine Hälfte davon.




2 TRAUMVISION Dimidium Triumphat (Die Hälfte triumphiert) In der Nacht nach der Mantelspende sah Martin im Traum Christus, der zu den Engeln, die ihn umgaben, sprach: » Martin, obwohl erst Katechumene, hat mich mit die sem Mantel bekleidet«. Eingedenk der Worte, die er einst gesprochen: »Was immer ihr einem meiner geringsten getan, habt ihr mir getan«. (Sulpicius Severus, Vita 3, S. 23). – Martin liegt schlafend auf seinem Lager, seine Kleider, darunter der rote Umhang, sind neben ihm auf einem Hocker zu sehen. Christus im Himmel hat die andere Hälfte von Martins Gewand um seine Schultern gelegt, er ergreift einen Zipfel davon und weist ihn den Engeln vor. Die Darstellung besitzt vor allem in der Gestalt des schlafenden Martin große Ähnlichkeit mit Puchners Deckenbild gleichen Themas in Fischbachau, das jedoch etwas figurenreicher gestaltet ist (CBD Bd 2, S. 472, 475).


3 MARTIN VOR BISCHOF HILARIUS Ducitque Docetque (Er leitet und lehrt) Nachdem Martin getauft war und den Dienst im Heer quittiert hatte, ging er zu Bischof Hilarius von Poitiers, der im Ruf der Heiligkeit stand. Dieser unterwies ihn und weihte ihn zum Akolythen (ebd., Vita 5, S. 25; Ribadeneira-Hornig S. 714). – Vor architektonischem Hintergrund steht Bischof Hilarius in Begleitung eines Klerikers und breitet die Arme aus, um den auf den Stufen knienden
Martin bei sich aufzunehmen. Ähnliche Komposition in Fischbachau (CBD Bd 2, S. 474, 476).

ein Lichtstrahl auf sein Antlitz herabfällt. Hinter ihm sieht man Mitra und Bischofsstab. Vier Mönche haben sich betend um sein Lager versammelt, im Vordergrund kauert der Teufel. Ähnliche Darstellung in Fischbachau (CBD Bd 2, S. 482 und Abb. S. 480).
W1-2 MARIEN-EMBLEME an der Eingangswand im S, rechts und links des Mittelfensters
W1 HORAM SPERATE SECUNDAM (Hofft auf die glückliche Stunde). WANDUHR (O-Seite). In die Rahmung mit gemalten muschelförmigen Elementen sind drei Totenköpfe integriert, links mit Sense und Fackel, rechts mit Pfeilen und Bogen, oben mit dem Zeichen T (Tau) auf der Stirn als Schutzzeichen der Gläubigen nach Ez 9, 4.

W, AD LUCEM DE NOCTE RESURGUNT (Von der Nacht erheben sie sich wieder zum Licht). SCHIFF MIT MASTEN UND LATERNE (W-Seite). Das Schiff war ursprünglich von Fischen umgeben (s. u.). In der Rahmung ein Rosenkranz sowie Bücher, eine Geißel, ein Bußgürtel und eine Almosen spendende Hand, oben in der Mitte in einem Medaillon die Kreuzigung.
Die beiden Embleme beziehen sich auf den Marianischen Pakt, der wie bei der Lateinischen Kongregation (s. S. 192) auch bei dieser Bruderschaft bestand. Die Paktisten waren verpflichtet, für eine gute Sterbestunde zu beten und für die verstorbenen Mitglieder Messen lesen zu lassen. Die Vorlagen für die beiden Embleme finden sich, worauf bereits Lidel hingewiesen hat, bei Anton Ginther, »Mater amoris et doloris«


Augsburg 1711. Dort ist in Consideratio 69 der Beistand thematisiert, den die Gottesmutter ihren Schutzbefohlenen in der Sterbestunde gewährt. Das Emblem mit dem Motto: Utinam secunda [hora] (Daß es doch eine glückliche Stunde sei) zeigt als Bild eine Wanduhr, deren Zeiger auf zwei Uhr deutet (secundus bedeutet sowohl glücklich als zwei).
Das andere Emblem entspricht genau Ginthers Consideratio 70. Als pictura ist ein Schiff mit Masten zu sehen, das bei sternklarer Nacht das Meer durchkreuzt und eine Laterne ausgehängt hat. Vom Licht angelockt, tauchen Fische aus dem Wasser auf (im Kongregationssaal nicht mehr zu erkennen). Das Motto lautet: VENIUNT AD LUCEM (Sie kommen zum Licht). Maria ist in den Erläuterungen angesprochen als wahre Mutter der Barmherzigkeit, die sich den sühnenden Seelen offenbart und ihnen das Licht ihres Erbarmens zuteil werden läßt.
Auch zwei anläßlich der Restaurierung wieder übertünchte Embleme im Stockwerk darüber gehen auf dasselbe Werk Ginthers zurück, wie ihre überlieferten Inschriften schließen lassen und sind ebenfalls auf Maria zu deuten. Bei Ginther ist unter dem Motto: PLENA SIBI, AC ALIIS (Vollkommen für sich und andere) der hoch über der Erde stehende Vollmond dargestellt, der die Nacht und die umgebenden Sterne erleuchtet (Consideratio 10). Bezug genommen ist damit auf Maria, die voll der Gnaden ist und bei Gott für die Menschheit Gnaden erwirken kann (dieses Emblem bereits bei Boschius, Cl. I, Nr. DXCIX und Beispiele bei Kemp Nrn. 24:8; 42:4; 108:9; 241:2).
Für das Emblem mit der Inschrift IAM MITIUS ARDET (Sie [die Sonne] brennt schon milder) ist bei Ginther (Consideratio 13) als Bildmotiv der Zodiakus zu sehen, in der Mitte das Zeichen der Jungfrau, flankiert von Löwe und Waage. - Nach dem Kommentar wird die Geburt Christi der Sonne aus dem Osten verglichen. Tritt sie in das Zeichen des Löwen, brennt die Hitze des Zornes Gottes heftig über die Sünder, erreicht sie aber das Zeichen der Jungfrau, wird die Hitze gedämpft, Maria besänftigt den Zorn Gottes. »... quando Deus intrans in uterum Virginis, totus factus est benignus, suavis et humanus«. Das Emblem begegnet auch bei Picinelli (Lib. I, Nr. 195, s. v. sol in zodiaco) mit dem Lemma OMNIA COMPONIT, VEL TEMPERAT IRAS als Beispiel für Maria protectrix.
Quellen und Literatur
BHStA, Graßegger-Sammlung Nr. 15010/1: Fassadenentwurf Provinzialbibliothek; Nr. 15047: Stiftung, Erbauung, Profanierung... der St. Martinskapelle, Neuburg; Nr. 15048: Bruderschaft der Schmerzhaften Maria unter dem Kreuz 1618–1781. - PNA, NA 1989, Nr. 3355: Bruderschaft der Schmerzhaften Maria unter dem Kreuz.
BLfD, Registratur, Akten Provinzialbibliothek: Restaurierung, darunter Restaurierungsbericht von Eckart Gross und Raymund Schuhwerk.
Neuburg, Stadtarchiv, Dokumentation Registratur Nr. 610 17/3; 301–6/2: Abschlußbericht zum Umbau des Baudenkmal Karlsplatz A 17 und Restaurierung des historischen Bibliothekssaales (Text: Roland Thiele. Fotos: Sayle).
Neuburg, Historischer Verein, Archiv, Manuskript von Albert Lidel über die Provinzialbibliothek, um 1982.
o. V., Die St. Martinskapelle in Neuburg, in: NK 29, 1863, S. 31–43.
Beitelrock, 5. Abschnitt, S. 13.
Förch, Franz Anton, Neuburg und seine Fürsten, Neuburg 1860, 5. Aufl., bearb. von Josef Heider, Neuburg 1955, S. 110. Gremmel, Carl, Geschichte des Herzogthums Neuburg, hg. von Carl August Finweg, Neuburg 1871, S. 337.
Breitenbach, Josef, Die Häuser Neuburgs im 18. Jahrhundert, in: NK 62, 1898 und 63, 1899.
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o.V., Die Provinzialbibliothek Neuburg a. D., in: NK 86, 1921, S. 26–28
Sedelmayer, Josef, Provinzialbibliothek in Neuburg a.D., in NK 88, 1923, S. 37–46.
Fischer, Theodor, Die selbständigen Kongregationsbauten der Jesuiten innerhalb des süddeutschen Raumes im 17. und 18. Jahrhundert, ungedr. theologische Dissertation, Freiburg 1942, S. 129–163.
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Hädler, Emil und Georg Schonlau, Die Provinzialbibliothek zu Neuburg a. d. Donau, das ehemalige Kongregationshaus der Bruderschaft der schmerzhaften Muttergottes unter dem Kreuz. Baugeschichte-Baubestand-Gebäudenutzung. In: NK 131, 1978, S. 47–61.
Seitz, Reinhard H., Die Anfänge der Provinzialbibliothek in Neuburg/D., in: ebd., S. 62–71.
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B. V.-K.