Neuburg an der Donau, Schloß, Saal im Nordturm
Zum Bauwerk: Raum am Nordende des zweiten Obergeschosses (8,55×4,00), hinter dem Treppenhaus und neben Turm und Altane gelegen. Zugang vom Saal im Turm und von einem Vorraum, belichtet durch je ein Fenster nach N und O. An den Wänden eine ungewöhnliche Gliederung aus graugrünem Stuck, bestehend aus Pilastern mit vergoldeten Basen und Kapitellen, dazwischen in Secco bemalte Kassettenflächen in der Art von Türfüllungen in marmorierten Rahmungen. Bei der Bemalung der Kassetten alternieren ovale weiße Medaillons auf schwarzem Grund mit Feldern, die Scagliola imitierende antikisierende Architekturdarstellungen zeigen. In der Kapitellzone kräftige Engelsköpfe und Fruchtgirlanden aus Stuck in Weiß auf schwarzem Grund, darüber grau gesprenkeltes, über den Pilastern verkröpftes Gebälk.
Nach einem Plan des Neuburger Schlosses aus dem ersten Viertel des 19. Jahrhunderts (BHStA, Plansammlung OBB Ku Pl 5160) war der Raum damals (auch zur Erbauungszeit?) nur vom Saal aus zugänglich. Er besaß kein Fenster zur Altane und wurde durch einen Kachelofen vom Vorraum aus beheizt. Das verlieh ihm die Intimität eines Kabinetts, wozu die Wandgliederung mit imitierten Schranktüren noch beitrug. Im Inventar von 1764 wird der Raum als Garderobe bezeichnet. Wegen der geringen Größe und der Wanddekoration kann es sich nicht um die Antichambre handeln, wie Zollner (1984) und Dehio (1990) annehmen. Diese war der große Vorraum zwischen Treppenhaus und Turmsaal, in dem laut Inventar 13 Porträts in Lebensgröße und noch einige kleinere Bildnisse hingen.
Auftraggeber: Herzog Philipp Wilhelm (* 1615 † 1690; seit 1685 Kurfürst von der Pfalz)
Autor und Entstehungszeit: Autor unbekannt, um 1670 Der Raum und seine Wand- und Deckenmalerei enstanden wohl im Zusammenhang mit dem Neubau des Ostflügels um 1670 und gleichzeitig mit der ersten Ausmalung des benachbarten Saals. In Schloß Benrath bei Düsseldorf, dem Jagdschloß der Kurfürsten aus dem Haus Pfalz-Neuburg, war 1695/96 bei einer Umgestaltung der Räume ein Diana-Zyklus entstanden, von dem sich das Deckenbild mit Diana und Endymion erhalten hat. Es wird dem italienischen Maler Luca Bonaveri zugeschrieben. Dieses Fresko hat Zollner (1984) mit dem Neuburger Deckenbild in Zusammenhang gebracht; es
Befund
Träger der Deckenmalerei: Flaches, zeltartig über den Raum gespanntes Spiegelgewölbe
Rahmen: Rechteckiger schwarzer Stuckrahmen, innen mit schmalem vergoldeten Profil. Übergang zur Hohlkehle durch eine Marmorierung, die der des Wandbereichs entspricht, belebt durch einen gemalten Streifen in Hellgrau mit Ornamenten in Ocker, unterbrochen von einem blütenartigen Kreisornament in Blau, Weiß, Gelb und Rot
Technik: Secco; polychrom Maße: Höhe 4,05 m; 6,20×2,00
Erhaltungszustand und Restaurierungen: Der Raum wurde im Rahmen der Gesamtsanierung des Philipp-Wilhelm-Baus 1982 ff. instandgesetzt. Durch die Beheizung mit einem Kachelofen war er, vor allem im Deckenbereich, stark verschmutzt und verrußt, so daß die Schwärzung stellenweise in die Malschicht eingedrungen war. Das schlecht erhaltene Deckenbild wies Abplatzungen und Schollenbildungen auf sowie Übermalungen durch vorhergehende Restaurierungsversuche. Die Wandbemalung war bei früheren Renovierungen mehrfach übertüncht und durch Abkratzen loser Malreste beschädigt worden, ebenso auch ein Teil des Stucks (Befunduntersuchung und Freilegungsproben im Mai 1983 durch Restaurator Peter Turek, Fa. Schmuck, Bamberg). 1986/87 übernahmen die Restauratoren Eckart Gross, Olching und Raymund Schuhwerk, Türkheim, denen ich für freundliche Hinweise danke, die Festigung, Reinigung und Konservierung der Malerei an Wänden und Decke.
Beschreibung und Ikonographie
AUFBRUCH DER DIANA ZUR JAGD (Blickrichtung nach W) In einer waldreichen, hügeligen Landschaft ist der Aufbruch der Diana und ihrer Nymphen zur Jagd in friesartiger Anordnung dargestellt. In der Mitte steht die Göttin in weißem Kleid und blauem Mantel, kenntlich durch den Bogen und die Mondsichel im Haar. Sie wendet sich zurück zu einer
Ehemaliges Malereikabinet
Nymphe, die ihren Jagdspieß geschultert hat, und weist mit der Rechten nach vorne in Richtung des künftigen Jagdgeschehens. Durch größere Repoussoirfiguren an den Rändern der Komposition hat der Maler versucht, räumliche Tiefe zu erzeugen. Rechts führt eine Nymphe einen großen Jagdhund, links umfaßt eine ihrer Gefährtinnen, die vom Rücken gesehen ist, einen Baumstamm und bläst mit einem großen Jagdhorn zum Aufbruch. Das Geschehen ist unter starker Betonung der Landschaft wiedergegeben und Diana als Herrin der Berge, der Wälder und der Jagd dargestellt, ohne auf eine bestimmte Szene aus ihrem Mythos Bezug zu nehmen. Damit unterscheidet sich das Deckenbild von der sonst üblichen Gestaltung des Themas, das im 17. und frühen 18. Jahrhunderts bei der Dekoration von Schloßräumen sehr beliebt war. (Schloß Lustheim. 1685–87; CBD Bd 3/II, S. 455–81; Schloß Nymphenburg, erste Ausmalung des Steinernen Saals, 1701/02; ebd. S. 356-60; Schloß Benrath bei Düsseldorf, 1695/96; s.o.)
Quellen und Literatur
BHStA, Graßegger-Sammlung Nr. 15491 a: Inventar von 1764. – Plansammlung OBB KuPl 5159–5161.
BHStA, Abtl. Kriegsarchiv, Mkr 19326: Beschreibung der Garnison Neuburg 1888/89.
BSV, Bauabteilung, Dokumentation Schloß Neuburg: ND 01/04.
Horn/Meyer 1958, S. 262–64.
Zollner, Christiana, Der Philipp-Wilhelm-Bau in Neuburg an der Donau – Architektur und Ausstattung. Mag. Arbeit München 1984, S. 45 f., 50-53.
Dehio 1990, S. 864
Schloßmuseum Neuburg an der Donau. Amtlicher Führer, bearb. von Horst H. Stierhof und Petra Haller, München 1998, S. 64.