Gars am Inn, ehem. Augustiner-Chorherrenstift, Pfarrkirche
Ehem. Augustiner-Chorherrenstift Jetzt Kloster der Redemptoristen und Lehrerfortbildungsstätte Erzdiözese München und Freising. Bis 1817 Erzdiözese Salzburg, Archidiakonat Gars, Gericht Neumarkt
Ehemalige Stiftskirche, jetzt Pfarrkirche Felixkapelle S. 112 Ehemalige Bibliothek S. 116 Verlorene Deckenmalereien S. 117
Zur Geschichte: Im Jahr 764 gab Herzog Tassilo einem Salzburger Kleriker namens Boso die Erlaubnis, beim Ort Garoz eine Zelle zu erbauen. Vier Jahre später unterstellte Boso diese Zelle mit Kirche, aus der sich bald ein Monasterium entwickeln sollte, dem Benediktinerkloster St. Peter in Salzburg. Zahlreiche Schenkungen und Rodungsarbeit ließen die Gründung aufblühen; sie blieb auch während der Ungarneinfälle weitgehend verschont. Unter Erzbischof Konrad von Salzburg (1107-47) wurde Gars in ein Augustiner-Chorherrenstift umgewandelt. In dieser Zeit wurde die romanische Klosterkirche mit dem Patrozinium der Himmelfahrt Mariens und St. Radegundis erbaut, mit Unterstützung der Schutzvögte von Gars, der Grafen von Megling. Großen Einfluß und große Wirkungsmöglichkeiten erlangte Gars 1130 durch die Erhebung zum Salzburger Archidiakonat. Zerstörung von Markt Kirche und Kloster 1648 durch die Schweden. Neubau von Kirche und Kloster unter Propst Athanasius Peitlhauser (1648-98). 1672 erhielt Gars den Leib des hl. Märtyrers Felix, zu dem sich bald eine blühende Wallfahrt entwickelte. Der Stift war die Pfarrei Wang inkorporiert. Säkularisation 1803 Wiederbesiedlung durch Redemptoristen 1858, die heute ein Institut für Lehrerfortbildung und ein Internat unterhalten.
Pfarrkirche, ehem. Augustiner-Chorherren-Stiftskirche
Patrozinium: Maria Himmelfahrt und St. Radegundis. An der Kirche bestand eine Rosenkranzbruderschaft, 1623 gegründet.
Zum Bauwerk: Anstelle der ersten, von Boso 768 fertiggestellten Kirche Bau einer großen romanischen Kirche, urkundlich erwähnt 1128. Umbauten 1430–1530. Restaurierung im Renaissance-Stil unter Propst Georg Hadersberger (1556-91). Abbruch dieser Kirche nach 1658, Grundsteinlegung zum Neubau 9. 3. 1661, erster Gottesdienst in der neuen Kirche 5.11.1662, Weihe am 13.8.1690 durch den Salzburger Erzbischof Graf von Thun. Planung und Ausführung des Baus lagen in Händen der aus Roveredo in Südgraubünden nach Wasserburg eingewanderten Baumeister Gaspare und Dome-

GARS AM INN
nico Cristoforo Zuccalli; es ist anzunehmen, daß auch Henrico Zuccalli beratend mitgewirkt hat. 1679 Stuckierung der südwestlichen Seitenkapelle durch Giovanni Battista Brenni (AEM). Die für die ganze Kirche geplante Stuckierung konnte aus Geldmangel nicht durchgeführt werden. 1691 Kanzel, 1693 Hochaltar vom Klosterschreiner Michael Sennard mit Figuren des Wasserburger Bildhauers Georg Ferdinand Hartmann. 1695 Aufstellung der Stifter- und Prälatengrabsteine. 1704 Aufstellung des östlichen Altarpaares St. Augustinus und St. Radegundis, 1710 des Virgilaltars (Altarblatt von Johann Degler), 1712 des Nikolausaltars, 1719/23 des Thomasaltars, 1745 des Pietà-Altares. Die Figuren sind zum großen Teil Georg Ferdinand Hartmann zuzuschreiben. Orgel und Orgelempore nach 1751. Gewölbereparatur im Chor und Neuausmalung 1777/78. Gewölbeerneuerung im LHs 1895/97.
Der große Kirchenbau ist einer der frühen Barockbauten in Altbayern. Der Typus der Wandpfeilerkirche mit Emporen (48 × 19 m, Höhe 14 m) erinnert an die Jesuitenkirche St. Michael in München.
Langhaus zu vier Jochen mit Seitenkapellen zwischen den Wandpfeilern, denen jeweils ein Pilasterpaar vorgelegt ist. Über den tonnengewölbten Seitenkapellen befinden sich die Emporenräume, ebenfalls mit Quertonnen und mit einer umlaufenden Brüstung. Das Tonnengewölbe mit Stichkappen ist jochweise durch Gurtbogen gegliedert. Der Chor ist leicht eingezogen und zweijochig mit je zwei Seitenkapellen, er ist im W gerade geschlossen (der Vorgängerbau war länger, er schloß mit dem Osttrakt des Klosters ab, wo jetzt der Klostergang und die Felixkapelle bzw. Sakristei liegen; er hatte drei Altäre mehr als der jetzige Kirchenbau).
Auftraggeber: Propst Gelasius Ludwig (1698–1742) für die Ausmalung 1712/13 und Propst Floridus Falk (1772–94) für die Chor-Ausmalung 1777/78.
Autor und Entstehungszeit: Langhausfresken Benedikt Albrecht (* um 1655 Berg am Starnberger See † 1730 München s.S. 345) und Johann Eustachius Kendlbacher (* 1660 Lickov in Böhmen † 1725 München, s. S. 347) 1712/13.
Chorfresko Martin Anton Seltenhorn (* 1741 Kraiburg † 1809 ebda) 1777/78.
Die Ausmalung ist auf verschiedene Epochen und Maler aufzuteilen: Benedikt Albrecht und Eustachius Kendlbacher sind für eine erste Ausmalung der Kirche 1713 sowie für die gesamte Raumfassung verantwortlich. Martin Anton Seltenhorn brachte im Chor 1778 eine neue Freskierung an, und Augustin Aiglstorffer überarbeitete 1776 die teilweise beschädigten Langhausfresken. Eine Restaurierung von 1895/98 prägte den Gemälden den nazarenischen Stil auf.
Die Ausmalung von 1712/13 ist im Original nur noch in den Fresken A und V erhalten. Im Gegensatz dazu ist sie in ihrem Fortgang genau dokumentiert. Nach den Tagebuchnotizen des Dekans P. Lucas Faber läßt sich die Rolle der beiden Maler umreißen: Offensichtlich war Benedikt Albrecht der Organisator. Er führte die Verhandlungen und schloß die Verträge. Er war öfter und länger in Gars, Kendlbacher dagegen nur vom 12.9. bis 2.11.1712, während der Entstehung der großen Fresken. Albrecht war offenbar für die Raumfassung, für Ornament- und Architekturmalerei zuständig, Kendlbacher für die Figuren. Dabei ist die Geschwindigkeit erstaunlich, mit der sie alle paar Tage ein neues Fresko in Angriff nahmen und die Gewölbefresken innerhalb weniger Wochen, zwischen 13.9.1712 und 31.10.1712 vollendeten. Vertraglich waren 250 fl. ausgemacht, bezahlt wurden 300 fl., ein Zeichen der Zufriedenheit von seiten des Klosters. 1713 faßte Albrecht die Raumschale mit Ornamentmalerei, weil das Geld für eine Stuckierung nicht reichte. Zwischen Benedikt Albrecht und dem Dekan P. Faber entwickelte sich ein fast freundschaftliches Verhältnis: Sie tauschten Gratulationen aus, und Albrecht kam 1715/16 zu Besuch von dem 6 km entlegenen Kloster Au, wo er und Kendlbacher ebenfalls freskierten (s. S. 34).
Ein Großteil der Garser Archivalien hat die Säkularisation überdauert, weil der letzte Propst von Gars, Augustin Hacklinger, 1821 erster Generalvikar des neugegründeten Erzbistums München und Freising wurde und den Garser Bestand mitgenommen hat. Es existieren Tagebücher der Pröpste, der Dekane und einzelner Patres, die über das öffentliche, das religiöse und das klösterliche Leben berichten. In den Diaria Garsensia 1707-20 notiert Dekan Lucas Faber Ankunft und Abfahrt der Maler, Anfang und Fertigstellung der Ausmalung neben persönlichen Bemerkungen. Albrecht war schon ein paar Jahre zuvor, 1708, in Gars gewesen und hatte ein Altarbild St. Andreas für die Filialkirche in Thal geliefert. Vermutlich fanden damals schon Gespräche zwischen Propst bzw. Dekan und Maler über eine geplante Ausmalung der Kirche statt. Propst Gelasius hatte 1698 eine zwar im Bau fertige Kirche übernommen, aber von der Ausstattung fehlten außer Hochaltar und Kanzel u.a. noch sämtliche Seitenaltäre. Diese entstanden nach und nach zwischen 1704 und 1723. 1710 lieferte Johann Degler das Altarbild St. Virgil. Vielleicht wurde auch er für die Ausmalung in Betracht gezogen – 1723 hat er die dem Kloster inkorporierte Wallfahrtskirche in Ranoldsberg freskiert (G. Brenninger; später regotisiert).
Die auf die Ausmalung bezüglichen Tagebucheinträge lauten:
»hoje incepere fabri murarii laborare in reformatione ecclesiae nostrae.«
»conclusit Rmus quod depingi curaturus sit fornicem Ecclae nostrae.«
»ca. 6 advenit D. Albrecht pictor Monacensis.«
»Heri Rms pactus est cum D. pictore de pingenda fornice ecclesiae nostrae, eidem 250 fl. dare promisit cum aliquo honorario, si satisfaciat.«
»circa 8 Uhr domum abiit D. Albrecht post decendium rediturus.«
»ca. 4 Uhr advenit D. Albrecht pictor.«
»Pictor incepit ecclesiam pingere 8 quidem ab Emblemate Refugium meum es tu, psal 44.«
»ca. 10h. advenit D. Kendlpacher pictor Monacensis.«
»Pictores incepere das Engelwerk prope Altare summum.«
»D. Praefectus perlustravit Ecclesiam nostram cum pictura.«
»Uterque pictor comedit in Refectorio.«
»Hodie ad prandium pictores absolverunt S. Mariam imaginen Omnino Chorum absolverunt.«
»Post prandium DD. pictores ambulavere in Au.«
»Hodie pictores absolverunt imaginem S. Radegundis in Ecclesia.«
»Ego D. Albrechto quia hodie dipinxit ferculum vehendum (Traggestell), solvi ein Kändl Vini cum mensura integra cerevisial.«
»Incepere DD. pictores imaginem S. Augustini in Ecclesia nostra, DD. picturas quae hodie absolverunt imaginem S. Augustini in fornice.«
»Habuerunt tricas DD. pictores et faber murarius ratione areae circa organum.«
»24. 10. Pictores incepere aream insignium.«

25. 10. Absolverunt pictores aream prope organum
26. 10. Incepere pictores aream in choro. Heri absolverunt laborem fabri murarii hodie valedixerunt toto conventui, ego cuilibet donavi rosarium. Dedit Rmus M. Wolfgango (= Högler) 175 fl.
26. 10. Hodie pictores in totum diem laboravunt ut absolverent aream maiorem in choro; quia alios nimium exficiaretus.
10. Ego cum pictoribus in Thal perlustravi imaginem principalem S. Andrea Apost.
31. 10. Hodie ante 11 absolverunt pictores etiam aream chori et totam superiorem partem Ecclesiae nostrae, id est das Langhaus.
2. 11. In Hag et inde Monachium abiere duo pictores D. Benedictus Albrecht & D. Joannes Eustachius Kendlbacher, 300 fl. pro mercede recipientes. Ego cuilibet rosarium cum argenteo numismata et annulo donavi (= häufig verschenkte Ringe vom hl. Felix).
1713
8. 8. Mane advenit D. Albrecht, pictor, se insinuans de Ecclesia nostra depingenda.
8. 8. Post mensam Rmus pactum iniit cum praefato D. pictore quo ei daturus fit 100 fl. Hingegen soll er verbunden sein, die Kirch von denen Gängen an (= gemeint sind die Emporengänge) bi auf den Boden auszumahlen, wie auch die History under dem Chor.
19. 8. Frater Rupertus Ingolfredio per Monachium cum D. Benedicto Albrecht, pictore. Attulit mihi D. Albrecht für 1. halbe Most Spiritum vini 40 x. item ein halb Loth Sülberstaub 1 fl. 45 x.
22. 8. Incepit D. Albrecht depingere inferiora latera Ecclesiae nostrae Obtulit mihi D. Albrecht imaginem.
18. 10. Eodem domum abiit D. Benedictus Albrecht pictor Monacensis, qui pro hoc anno accepit 133 fl. laborans per 42 dies (Anwesenheit 72 Tage).
Nachdem also am 8. 8. 1712 der Maurermeister Wolf Högler mit der Arbeit am Verputz und an den Stuckrahmen begonnen hatte, kam Albrecht am 21. 8. nach Gars, schloß am 23. 8. den Vertrag über die Gewölbefresken ab (250 fl.) und kehrte wieder nach München zurück. Er kam am 4. 9. wieder nach Gars und begann am 7. 9. mit der Arbeit an den Emblemen. Am 12. 9. kam Kendlbacher, am 13. 9. begannen die »pictores« mit den Engeln über dem Hochaltar, am 19. 9. war das erste Bild im Chor (F) und am 20. 9. der ganze Chor fertig. Am 27. 9. beendeten die Maler das Radegundisfresko (C), vom 30. 9. bis 4. 10. wurde das Augustinusfresko (E) gemalt. Am 6. 10. hatten die drei Herren Maler und Maurer wegen des Wappenfelds über der Orgel (A) Streit, das sie am 24. begannen und am 25. fertigstellten. Am 26. begannen sie mit dem Fresko über dem Musikchor (B), das am 28. fertig wurde. (Am 30. 10. besichtigten sie in der Filialkirche Thal das Altarbild mit der Darstellung des Hl. Andreas, das Albrecht 1708 geliefert hatte). Am 31. 10. schlossen sie die Gewölbeausmalung im Langhaus ab. Mit dem ausgehändigten Honorar von 300 fl. reisten sie am 2. 11. über Haag nach München; für das Bemalen eines Traggestells entlohnte der Dekan Albrecht mit einem Kändl Wein. Im August 1713 kam Benedikt Albrecht allein, um die Raumschale zu freskieren. Er schloß den Vertrag am 8. 8. über 100 fl. über die Ausmalung von den Emporenräumen an bis auf den Boden, »wie auch die History under dem Chor« (Fresko V in der Vorhalle). Am 22. 8. begann er mit der Arbeit und kehrte am 18. 10. mit einem Honorar von 133 fl. für 42 Arbeitstage nach München zurück.
Benedikt Albrecht und Johann Eustachius Kendlbacher arbeiteten mehrfach zusammen, so z. B. in Stift Reichersberg und vermutlich auch in Schloß Aurolzmünster (beide im heutigen OÖ), in München im Palais Neuhaus (nicht erhalten) und im Anschluß an Gars 1713/15 im ehem. Augustiner-Chorherrenstift Herrenchiemsee (LKr. Rosenheim) und 1715/17 in der Klosterkirche Au am Inn (S. 31); in diesen beiden Orten sind die Ausmalungen sehr gut erhalten.
Die Ausmalung Kendlbachers und Albrechts im Chor wurde 1777/78 durch ein Fresko Martin Anton Seltenhorns ersetzt. In Propst Hacklingers »Notata domestica« (AEM) findet sich der Eintrag »Für das Kirchengemäld in Presbyterio zu Gars ist dem Maler von Kraiburg Anton Seltenhorn bezahlt worder 245 fl. im J. 1778«. Meidinger schreibt 1790: »Die Frescomalerey ist außerhalb dem Gitter im Jahre 1776 neu gemacht worden, von Anton Seltenhorn zu Krayburg. Im Langhause wurden fünf Felder erneuert und in Fresco gemalt 1777 von Augustin Aiglstorfer Maler im Markte Gars. - Das schöne Gemälde unter dem Figuratchor (= V) ist unbekannt« (S. 345) Mit dem Fresko außerhalb des Gitters ist - vom Langhaus aus gesehen – das Fresko jenseits des Speisgitters gemeint, und mit dem Figuratchor die Musikempore. Die Beschriftung »Schroib Aigl 18 z« auf der quadrierten Zeichnung (s. u.) legt nahe, daß Aiglstorffer auch bei der Freskierung des Chors mitgeholfen hat.
Zeichnungen und Entwürfe Martin Anton Seltenhorns zu Fresko F, Die Erdteile verehren das Altarsakrament.
1. Entwurf, Feder mit Bleiquadrierung, 64,5 × 44,5 cm, Beschriftung »Schroib Aigl 18 z«, Staatliche Graphische Sammlung München, Inv. Nr. 1948:12, s. v. Aiglstorffer.
2. Bozzetto, Ol auf Leinwand, 85 x 65 cm, Pfarrhof Gars (bis auf Engel mit Flöte am rechten Bildrand identisch mit 3). D ... Ö1 (T . 10 . . . . . . . . . . . . . . . . . .
3. Bozzetto, Öl auf Leinwand, 80×63 cm (bis auf Laubbaur am rechten Bildrand identisch mit 2). 1995 aus dem Kunsthandel von der Stadtsparkasse Mühldorf erworben, als Leihgabe im Heimatmuseum Mühldorf.
Befund
Träger der Deckenmalerei: LHs und AR (A–E) Tonnengewölbe mit breiten, im Bildbereich verschliffenen Stichkappen, Vorhalle (V) Tonne mit Stichkappen
Rahmen: A–E Stuckprofilrahmen in einem gemalten Rahmensystem; F gemalter Rahmen
Technik: Fresko; heute mit Seccoübermalungen
Maße: A Höhe 5,50 m; 4,65 × 4,10 B, C, D, E Höhe 14,25 m; 4,65 × 4,10 Höhe 13,00 m; 8,00 × 5,35 Höhe 7,55 m; 2,90 × 3,30
Erhaltungszustand und Restaurierungen: Von der Art und der Reparatur der Schäden im Gewölbe 1776/78 wissen wir nichts. Die Schäden im LHs waren offenbar nicht so erheblich, so daß die Ausmalung von 1712/13 erhalten blieb und von Augustin Aiglstorffer nur überarbeitet wurde. Die Schäden im Chorgewölbe waren aber so groß, daß nach der Reparatur das Gewölbe neu verputzt und neu freskiert werden mußte. 1859 war das Chorgewölbe wieder einsturzgefährdet. Es hatte sich um 7½ Zoll gesenkt, für die Sicherung mußte der Hochaltar abgetragen werden (AEM, Pfarrakten Gars, Bd 13), die Ausmalung Seltenhorns von 1777 blieb aber erhalten. 1895/97 war das LHs-Gewölbe so gefährdet, daß es ausgewechselt werden mußte. Erhalten blieb nur der Gewölbeteil zwischen den Türmen (Fresko A) und das Vorhallengewölbe (Fresko V). Um die - offenbar gut erhaltenen - Fresken B–E wenigstens in Form und Inhalt zu überliefern, wurden vor den Bauarbeiten durch Gehilfen und Schüler des Historienmalers Josef Widmann in München sämtliche figürlichen und ornamentalen Malereien in natürlicher Größe durchgepaust und die Farbtöne in Tempera-Farbskizzen 1:10 festgehalten und nach der Gewölbeerneuerung wieder aufgemalt (ein Teil der Pausen, das Radegundis- und das Augustinus-Fresko, Fresko D und E, das Chorfresko einschließlich der Zwickel, sowie der Schriftwechsel mit dem Landbauamt Traunstein haben sich in Gars erhalten, s. Silke Colditz, S. 68 f., 92–96). Am Chorbogen wurde der von Seltenhorn 1777/78 gemalte Vorhang mit Wappen durch eine neubarocke Stuckkartusche ersetzt (Foto von 1892 im Pfarrarchiv). Für das durch den Orgeleinbau von 1897 beschädigte Fresko B hatte der Redemptoristen-Laienbruder Max Schmalzl eine Darstellung des Ordensgründers mit Ordensangehörigen vor dem Vesperbild Mariens entworfen (AEM, Pfarrakten Gars, Bd 16), die aber nicht ausgeführt wurde. Schmalzl überarbeitete die Dekorationsmalerei mit stilistischen Veränderungen.
Nächste Renovierung 1933/34 durch Michael Gottschalk und die Firma Peter und Ludwig Keilhacker, Taufkirchen. Bei der letzten Restaurierung 1978/83 durch die Brüder Lauber, Bad Endorf, wurde die von Benedikt Albrecht 1712 konzipierte Farbigkeit der Raumschale wiederhergestellt.

Nach dieser Restaurierungsgeschichte - vor allem nach der Neuaufmalung der Fresken auf das ausgewechselte Gewölbe – können die Fresken in Gars allenfalls als ein seltenes Beispiel gut dokumentierter Restaurierungskunst verschiedener Epochen angesehen werden. Von der Albrecht/Kendlbacher-Ausmalung sind nur Fresko A (Gründung) und das Vorhallenfresko V (Schlüsselübergabe) erhalten, dazu die Komposition der übrigen LHs-Fresken. Eine Vorstellung von der ursprünglichen Malerei können heute noch die Fresken in der Klosterkirche Au am Inn geben.
Beschreibung und Ikonographie
Das Gewölbe ist im Langhaus jochweise gegliedert und in einfacher Stuckfelderung gestaltet. Jedes Mittelfeld ist von zwei Emblemkartuschen begleitet, die Stichkappen- und Zwickelfelder tragen Dekorationsmalerei in Akanthusformen, ebenso die Schildbögen zu den Emporenräumen, in den Zwickeln der Arkadenbögen zu den Seitenkapellen schwebt jeweils ein gemaltes Engelchen. Durch den Verzicht auf eine Stuckdekoration beruht der beherrschende Eindruck des Raums auf seiner farbigen Fassung: Die Pilaster sind rot marmoriert, die umlaufenden Brüstungen haben grau gefaßte Baluster, vergoldete Mittelstücke und die Emporenräume grün gemusterte Wände. Sie gibt dem breiten, eher niedrigen Kirchenraum ein festliches Gepräge und vermittelt zwischen den stark plastischen Altären und der weißen Mauer.
Die Freskierung des Chors hat man sich ursprünglich wie im LHs vorzustellen. Den Tagebuchnotizen ist zu entnehmen daß über dem Hochaltar »Engelwerk« gemalt wurde, also im Bildfeld des östlichen Chorjochs eine Himmelsszenerie zum Empfang der auffahrenden Maria, die auf dem Hochaltarblatt dargestellt war (Hofmaler Carl Pfleger, 1663 von Herzog Albrecht dem Leuchtenberger gestiftet). Eines der dazugehörigen Embleme lautete nach Faber »Refugium meum es tu, Psalm 44« (nach Ps 46,2). Der Psalm preist die Königin, die dem König zur Seite steht. Ein weiteres Deckenfeld im westlichen


Chorjoch wurde im Tagebuch am 28.10. als »area maior in choro« erwähnt (s.u.). Das seit 1777/78 über zwei Joche reichende Rokokofresko mit Rocaillekartuschen und frei in den Stichkappen schwebenden Aposteln hätte der farblicheren Abgrenzung bedurft. Eine 1777/78 gemalte dunkelblaue Vorhangdraperie mit goldenen Fransen am Chorbogen, die leider 1895/97 durch eine sehr hellgefaßte Stuckdekoration ersetzt wurde, hat damals sowohl das Langhaus optisch als Einheit gefaßt wie auch vom neu freskierten Chor mit dem wuchtigen Altar von 1663 abgesetzt.
Das ikonologische Programm der Ausmalung von 1712 hat erstaunliche Übereinstimmungen mit dem Bildprogramm in Au und wie dieses enge Bezüge zur Geschichte, zum Kult und zur aktuellen Situation der jeweiligen Kirche. In beiden Kirchen folgt auf das Gründungsfresko A das Bildfeld B mit den Wappen der Bauherren (in Gars später mit der Darstellung der hl. Cäcilia übermalt), und in den folgenden Feldern die Nebenpatrone, der Ordensvater Augustinus und die jeweilige Bruderschaft. Eine Darstellung der Bistumspatrone Virgil und Rupert (C in Au) fehlt in Gars; der hl. Virgil kommt aber im Gründungsfresko A vor. Man kann vermuten, daß sie im Chorfresko (»Area maior in choro«) dargestellt waren, an prominenterer Stelle als in Au, vielleicht wegen der wichtigen Stellung von Gars als Archidiakonat des Erzbistums Salzburg. Das »Engelwerk« über dem Hochaltar entsprach thematisch dem Chor-Rotunden-Fresko H in Au. Die Himmelfahrt Mariens war in Au wie in Gars Hauptpatrozinium. Das Fresko V der Vorhalle ergänzte das Programm mit der Darstellung des ursprünglichen Kirchenpatrons Petrus. Die begleitenden Embleme beziehen bzw. bezogen sich jeweils auf die Mittelfresken; sie sind für die Zeit sehr schlicht konstruiert. Allen dargestellten Heiligen waren auch Altäre in der Klosterkirche geweiht (dem hl. Virgil der dritte nördliche Seitenaltar mit einem Altarbild von Johann Degler, der hl. Radegundis der erste südliche Seitenaltar mit einem Altarbild von Jakob Dörner 1803, Ersatz für ein frühbarockes von M. Wilhelm Strovogel 1643, dem hl. Augustinus der erste nördliche Seitenaltar mit einem Altarbild von Johann Crammer aus Landshut. Die Kapelle der Rosenkranzbruderschaft befand sich anstelle der heutigen Seelenkapelle auf der Südseite des Langhauses).

V SCHLÜSSELÜBERGABE (Benedikt Albrecht 1713) Auf den Stufen einer Palastarchitektur mit schwerer grüner, von Putten getragener Draperie steht Christus. Vor ihm kniet Petrus und nimmt aus Christi Hand die Schlüssel entgegen. Mit der ausgestreckten Linken segnet Christus den Apostel. Zwei Putten schweben über der Szene. Auf einem steilen Felsen ragt ein Rundtempel als Ecclesia-Symbol auf. Am Fuß des Felsens sind drei Geistliche dargestellt. Dieses Fresko ist in der Fassung von 1713 erhalten, abgesehen von dem Kopf des Petrus und dem den Kirchgänger betrachtenden Putto, die der Rettungsaktion unter Josef Widmann 1895/97 zuzurechnen sind. Das Fresko stammt von Benedikt Albrecht allein, was den von den Kendlbacher/Albrecht-Fresken abweichenden Figurenstil erklärt, denn Albrecht war für Dekoration und Architekturen zuständig, während Kendlbacher für die Figuren zuständig war. Typisch für den Bildstil Albrechts ist der Aufbau des Schauplatzes aus Palastarchitekturen, Treppenanlagen und Draperien.
Im Zusammenhang der Gesamtikonographie der Kirche beschäftigt sich das Vorhallenfresko mit Petrus als dem ersten Patron der Kirche von Gars. Es bezieht sich auf die Stelle aus dem Matthäus-Evangelium (Mt 16,19): »Ich will dir die Schlüssel des Himmelreiches geben, und was du auf Erden bindest, das wird im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösest, das wird im Himmel gelöst sein«, die als Gründung der Kirche und Einsetzung des Papsttums gilt, worauf auch der Rundbau (= Ecclesia) auf dem Felsen (= Petrus) hinweist. Bei den drei Geistlichen handelt es sich um einen Chorherrn in Talar, Rochett und Schultermäntelchen, der auf die Szene weist und sich dabei erklärend umwendet zu zwei Geistlichen, die durch ihre Halskrause als Protestanten kenntlich gemacht sind.
In der Ikonographie der Augustiner-Chorherren-Kirchen spielt, vom Ordensgründer Augustinus ausgehend, der Kampf gegen Häresien eine große Rolle (vgl. Kloster Indersdorf, CBD, Bd 5, S. 105-110). Im Gegensatz zum üblichen Sturz der Häretiker wird hier in Gars belehrt und auf die Rechtmäßigkeit der katholischen Kirche verwiesen, die sich aus der Gründung durch Christus herleitet. (Silke Colditz weist auf die »Europäische Akademiebewegung« hin, eine Vorbotin der katholischen Aufklärung, die zu Beginn des 18. Jh. auch im Kloster Gars Anklang fand.)
V1-2 ECCLESIA-EMBLEME Die begleitenden Embleme erinnern an die Bedeutung Petri für die Kirche, deren erster Papst er war, aber auch an ihn als Gründungspatron von Gars. Über der gemalten Rahmung jeweils das Lemma, darüber Tiara, Papstkreuz und Schwert (V1) bzw. Tiara und Schlüssel (V2).
V. NON SVBMERGETVR (Sie soll nicht untergehen). Arche Noah in stürmischen Wellen, die durchbrechende Sonne und der aus dem Wasser ragende Fels deuten das Ende der Sintflut an. Wie die Arche Noah gerettet wurde in den Gefahren der Sintflut, so wird die Kirche alle Gefahren der Welt überdauern.
V. FIRMITER FVNDATA EST (Sie ist stark gegründet). Kirche auf einem Fels, eine Hand in Wolken schreibt die Zahl 1000 auf das Kirchendach; die dritte Null ist fast vollendet. Das Bild weist auf das nahezu tausendjährige Gars (= 1764) hin, dessen Gründung unter dem Patronat des hl. Petrus (= Fels) Stärke und Dauer verheißt.



Langhausfresken
A GRUNDUNG DES KLOSTERS GARS Das Fresko liegt in dem Raum zwischen den Türmen, der um 1712/13 als Mönchschor diente. Dieser Gewölbeteil blieb offensichtlich von der Gewölbeerneuerung 1895/97 verschont und zeigt die Handschrift von Kendlbacher und Albrecht unbeeinträchtigt. Ansicht nach O; durch den Orgelprospekt teilweise verdeckt. In einer offenen Halle steht rechts unter einem grünen Baldachin ein Thron, auf dem Bischof Virgil von Salzburg sitzt, um das Haupt einen Heiligenschein. Vor ihm ist ein Fürst in Rüstung, mit Hermelinkragen, Fürstenhut und Zepter erschienen, der Bayernherzog Tassilo. Er empfiehlt ihm den Priester Boso, der als schwarzgekleideter Kleriker dargestellt ist, das Haupt entblößt, das Birett in der Hand. Bischof Virgil neigt sich mit gewährender Gebärde zu Boso.
Dargestellt ist die Zustimmung Virgils zur Gründung der Zelle bei Garoz durch Boso, dem Tassilo die landesherrliche Erlaubnis dazu bereits gegeben hat und dem er nun beisteht bei der Bitte um die geistliche Genehmigung. Daneben steht ein Geistlicher in karminrotem Gewand und Barett; er hält einen Brief, der die Schenkungsurkunde darstellt. Die beiden Edelleute auf der linken Seite sind durch ihre Wappenschilder als Angehörige der Grafen von Haag (springendes Pferd) und der Edlen von Magensreiter aus Teising bei Neumarkt (zwei gekreuzte Stäbe) zu identifizieren (Colditz, S. 33 f.).
Die Gründung von Gars ist historisch belegt: Als eine der Schenkungen des Bayernherzogs Tassilo (748–88) an die Benediktinerabtei St. Peter Salzburg ist diese Gründung im »Indi culus Arnonis« des Erzbischofs Arno von Salzburg (798–821) verzeichnet (Mayer-Westermayer, S. 113). Bischof Virgil von Salzburg (767–84) soll nach der Tradition die Kirche geweiht haben. Die Haager und die Magensreiter waren unmittelbare Nachbarn von Kloster Gars. Die Grafschaft Haag hatten im Mittelalter die Fraunberger inne. Den Magensreiter gehörte die Hofmark Hampersberg am Inn. Sie traten in Gars als Stifter auf, zwei Familienmitglieder haben Epitaphien in der zweiten nördlichen Seitenkapelle (Rudolf Münch, Schloß und Hofmark Hampersberg am Inn, in: Das Mühlrad 28, 1986, S. 120 f.). Bei Wening (S. 56) heißt es: »Neben dem ersten Stüff ter Bosone seynd die vornembste Benefactores die Grafer von Mödling (s. Au am Inn), Conradus I. Ertzbischof zu Saltzburg, Magensreitter welche letztere auch ihre herrlich Grabstain in der Closterkirchen neben vil anderen gemainer Gutthäteren haben, darvon ein aygnes Libell mit denen Deli neationibus verhanden«
A1-2 BOSO-EMBLEME Die beiden begleitenden Embleme sind je von einem Puttenkopf mit Birett gekrönt, Hinweis darauf, daß sie sich auf einen einfachen Geistlichen beziehen, nämlich auf Boso, den Gründer von Gars. Der Hahr gemauerten Brunnen, aus dem ein Rohr mit Wasser ragt. Hier ist das tertium comparationes wohl das Erblicken der günstigen Gelegenheit. Wie der Hahn den Brunnen findet und seine Hennen zum Trinken ruft, so fand Boso die Siedlung Garoz, wohin er Gleichgesinnte zur Klostergründung rief.


A. GALLUS VIGILONS (= VIGILANS) ELEVAT ALAS (Der wachsame Hahn hebt die Flügel). Hahn mit erhobener Klaue im Morgengrauen. Der Hahn, der noch im Finstern anfängt zu rufen und die Seinen weckt, kann verglichen werden mit Boso, der im Dunkel der noch heidnischen Frühzeit
B HL. CÄCILIA (1895/97) Diese Stelle wird von P. Lucas Faber als »area insignium« bezeichnet, also als Wappenfeld ähnlich wie in Au, wo, folgend auf das Gründungsfresko, die Wappen der Bauherren dargestellt sind. Bei der ersten Ausmalung 1712 wurden hier also aller Wahrscheinlichkeit nach (auch die Embleme sprechen dafür) die Wappen von Propst Athanasius Peitlhauser (1648–98), der die Kirche erbauen ließ und Propst Gelasius Ludwig (1698–1742), dem Auftraggeber der Ausmalung angebracht. Da diese Wappen sich seit 1777 am Chorbogen befinden, wurde das Wappenfeld 1777 von Aiglstorffer mit einer Darstellung der hl. Cäcilia bemalt (in KDB S. 1948, wo die Restaurierung von 1898 noch nicht berücksichtigt ist, als >zum größten Teil zerstört« beschrieben) und 1895/97 von Josef Widmann im nazarenischen Stil erneuert. Die hl. Cäcilia, als Braut gekleidet, sitzt in einer offenen Palasthalle an der Orgel. Sie lauscht der himmlischen Musik von Engeln, die über der Orgel erscheinen. Rechts zwei Putten mit den Martyrerzeichen Palme und Lorbeerkranz.
B1-2 BAUHERREN-EMBLEME Die begleitenden Embleme beziehen sich auf die ursprüngliche Darstellung der Propstwappen im Hauptfeld.
B1 MVTVO SPLENDORE MICAT (Es glänzt in wechselseitigem Glanz). Kirche und Kloster Gars sind porträtgetreu wiedergegeben; aus den Wolken erscheint eine Hand mit einem Ring, an dem ein Edelstein funkelt, das Würdezeichen des Propstes. Der Propst, sagt das Emblem, sorgt durch Bau und Ausstattung von Kirche und Kloster für Glanz und Ansehen des ihm anvertrauten Stiftes, die Pracht von Kirche und Kloster andererseits vermehrt das Ansehen des Propstes.
B. NIL SUAVIUS SONAT (Nichts tönt lieblicher). Zwei sich überkreuzende Lauten werden von je einer Hand aus Wolken geschlagen. Die Zweizahl der Lauten läßt vermuten, daß die Deutung nicht im musikalischen Bereich zu suchen ist, sondern daß das Emblem auf die beiden Bauherren abzielt, die miteinander ein Werk erschufen, wie zwei Lauten eine Musik erklingen lassen.


C HL. RADEGUNDIS (1895/97 erneuert) Schauplatz ist der von Albrecht häufig gemalte offene Palast mit Bogenarchitektur, Sockel und Säule sowie einer - hier roten - Stoffdraperie, die zwei Putten beiseite ziehen, um das Geschehen dem Beschauer zu präsentieren. Auf Stufen erscheint Radegundis in königlichem Gewand; neben ihr steht ein Kind und sucht Zuflucht unter ihrem Mantel. Radegundis begrüßt drei Pilger, von denen der vorderste offensichtlich ein Priester ist. Rechts etwas abgesondert steht ein Altar mit Kruzifix, im Hintergrund öffnet sich ein Nebenraum, wo zwei Männer an einem Tisch zu erkennen sind.
Die hl. Radegundis, seit dem romanischen Neubau der Kirche Nebenpatronin in Gars, wurde um 520 geboren und dem Frankenkönig Chlothar als vierte Frau vermählt. Sie floh vor ihm wegen seines groben Wesens und lebte 30 Jahre lang an der Stadtmauer von Poitiers als Vorsteherin eines Spitals zum Hl. Kreuz, für das sie von Justin II. von Byzanz eine Kreuzreliquie erhalten hatte. Sie nahm sich der Kinder und der Bedürftigen an, sorgte für ihr leibliches und seelisches Wohl und widmete sich dem Gebet und der Betrachtung. Wohl noch zu Zeiten ihrer Ehe mit Chlothar »erfuhr sie von der Ankunft eines Priesters ... überließ sie die Sorge für den Palast der Dienerschaft und behielt sich keine andere Arbeit vor, als den Worten des geweihten Mannes zu lauschen ...« (Fortunatus Venantius, Vita Sanctae Radegundis, in: Monumenta Germaniae Historica, Auctorum Antiquissimorum tomus IV, pars posterior: Opera Pedestria, Vitae Sanctorum, Berlin, 1885, S. 38 ff., deutsch: Josef Bernhart, Die heilige Radegunde, München 1915). Radegundis starb um 587. In dem Fresko sind die Motive ihrer Vita in eine Komposition verwoben: Der Königspalast, die Zelle mit dem Kreuzaltärchen, das Kind unter ihrem Mantel, die Bettler an der Tafel und der als Pilger ankommende Priester.
C1-2 RADEGUNDIS-EMBLEME Die beiden begleitenden Embleme beziehen sich wohl nicht nur auf Radegundis, sondern auf das Verhältnis der Ehegatten Radegundis und Chlothar.
C1 FRÜCTUS STIRPEM PRODUNT (Die Früchte zeigen den Stamm). Zwei Obstbäume, der eine mit reicher, der andere mit spärlicher Frucht, dazwischen liegen zwei Früchte am Boden. Der gute Stamm, der gute Frucht bringt, ist ein gebräuchliches Bild für die gute Erziehung (s. Picinelli Lib. IX, Nr. 398, s.v. pomus), aber auch ganz allgemein dafür, daß der gute Mensch gut handelt. Die Zweizahl könnte bedeuten, daß hier auch König Chlothar gemeint ist, der als schlechter Mensch entsprechend schlecht handelte.
C2 VALET QUOD PRAEVALET (Es gilt, was besser ist). Waage; auf der linken Wagschale liegen Kreuz, Geißel, Rosenkranz, auf der rechten Zepter und Krone. Frömmigkeit, Armut und Verzicht wiegen schwerer als Ruhm und Macht. Auch hier könnte sich eine Wagschale auf Radegundis, die andere auf Chlothar beziehen.
D ROSENKRANZMADONNA – ERLÖSUNG DER ARMEN SEELEN AUS DEM FEGFEUER (1895/97 erneuert) Maria thront in Wolken, das Jesuskind auf dem Arm. Mit ihrer Linken bietet sie den Rosenkranz als Erlösungshilfe dar. Auch der Jesusknabe hat einen Rosenkranz in Händen. Unten rechts im Bild lodert das Fegefeuer. Ein großer Engel trägt eine Seele nach oben in den Himmel, ein zweiter ergreift die Arme eines bärtigen Mannes in den Flammen, während zwei weitere Seelen im Feuer um Erlösung flehen. Links unten, in einem Ausblick neben einer monumentalen Architektur, erscheint eine Gruppe betender Menschen verschiedenen Standes, angeführt von einem Priester (die Gruppe zeigt Anklänge an die Malerei Albrechts und Kendlbachers.) Sie haben Rosenkränze in Händen und zeigen sich als die Mitglieder der Rosenkranzbruderschaft. Putten präsentieren ihnen weitere Rosenkränze.
Die Rosenkranzbruderschaft wurde in Gars am 14.7.1623 gegründet; sie fand in der Not des Dreißigjährigen Krieges in Deutschland große Verbreitung. Die Rosenkranzbruderschaft machte es sich zur Aufgabe, gegenseitig und auch über den Tod hinaus füreinander zu beten, d. h. die Anliegen der Rosenkranzbruderschaft verschmolzen mit denen der Allerseelenbruderschaft.
D1-2 ROSENKRANZ-EMBLEME Die Embleme beziehen sich auf die Wirkung des Rosenkranzgebets.
D1 HI FRÜCTUS ROSAE TERRESTRIS (Es sind die Früchte der irdischen Rose). Rosenstrauch in einem Ziergefäß, um dessen Zweige sich ein Rosenkranz schlingt. Von oben erscheint ein Füllhorn, aus dem viele Rosen auf die Erde niederfallen. Der Rosenstrauch mit dem Rosenkranz bedeutet das Gebet der Rosenkranzbruderschaft, das bewirkt, daß sich himmlische Gnaden auf die Erde ergießen.
D2 CAELESTES MITIGAT IRAS (Sie mildert den himmlischen Zorn). Kanone, nach oben gerichtet, feuert Rosenkränze zum Himmel. Gemeint ist mit diesem Bild, daß der Himmel vom Rosenkranzgebet erfolgreich bestürmt und zum Erbarmen bewegt werden kann.
E VISION DES HL. AUGUSTINUS (1895/97 erneuert) Auf einer Terrasse, die wieder von palastartig aufragender Architektur rechts begrenzt ist, kniet der hl. Augustinus und drückt das flammende Herz an die Brust. Zwei Putten halten seine Bischofsinsignien. In Wolken erscheinen Christus am Kreuz und Maria als Immaculata, das Haupt von einem Sternenkranz umgeben.
Bei der Restaurierung wurde die Darstellung ihres eigentlichen Sinns beraubt: ursprünglich war die für den hl. Augustinus überlieferte Vision der Blutspende Christi und der Milchspende Mariens gemeint, wie die Gebärde Mariens noch zeigt (auf der Pause von 1895 halten Zeige- und Mittelfinger eine Brosche). Es war ein in den bayerischen Augustinus-Zyklen der Barockzeit fast unverzichtbares Thema.
E1 AUGUSTINUS-EMBLEME
E1 REDDIT QUOD RECIPIT (Er gibt weiter, was er empfängt). Ein Spiegel reflektiert den Strahl der Sonne auf eine Reihe Bücher. Augustinus wird hier durch den Spiegel symbolisiert. Er nimmt den Strahl der göttlichen Weisheit auf und läßt ihn in seinen Büchern wirksam werden.
E2 SEQUIMUR REGULARITER (Wir folgen nach der Regel). Ein aufbrechender Vogelschwarm formiert sich zu einem gleichmäßigen V. Dieses Bild bezieht sich auf die Chorherren, deren Leben und Weg zum Heil von der Ordensregel des hl. Augustinus bestimmt ist.
F VEREHRUNG DER EUCHARISTIE DURCH DIE VIER ERDTEILE (J.M. Seltenhorn 1777) Die Darstellung ist in großen weiten Schwüngen komponiert: Um den thematischen Mittelpunkt, die Monstranz, die die Hostie birgt und im Glorienlicht erstrahlt, ordnen sich kreisförmig Engelgruppen auf Wolkenbahnen, Architekturen und landschaftliche Versatzstücke. Die inneren Engel verehren mit Weihrauch das Allerheiligste, die äußeren musizieren mit Harfe, Laute und Flöte. Der harfespielende Engel und andere Motive sind Anleihen aus Johann Martin Seltenhorns Fresken in Pürten.



IIC
Durch eine rückwärts im Halbrund schwingende Arkadenwand ist eine irdische Zone bezeichnet, wo sich die Personifikationen der Vier Erdteile huldigend eingefunden haben: links neben Palmen Africa mit einem Elefanten, davor Asia - ein kahlköpfiger Chinese mit Haarschwänzchen -, vor ihm als Repoussoirfiguren ein Türke mit Rüstung und ein Löwe. Auf der rechten Seite halten zwei Indianer einen Sonnenschirm. Sie verkörpern America, ihre Attribute sind der Bogen und ein Krokodil. An beherrschender Stelle steht die Verkörperung Europas, ein Fürst mit weißgepuderten Haaren und einem Hermelinmantel über der Rüstung, dessen Schleppe ein Page trägt, der vom Krokodil bedroht wird. Zum Zepter, das der Fürst in der Linken hält, gehören der Kurhut und ein Stab auf einem Kissen, die von seinem Begleiter dargebracht werden, außerdem als Hinweis auf das Reich ein Adler und ein Liktorenbündel.
Bei dem Fürsten dürfte es sich um das Porträt des Kurfürsten Max III. Joseph (1745–77) handeln. Er stand zu Gars in besonderer Verbindung: Zwei Monate vor seinem Tod hatte er am 19. 10. 1777 mit seiner Gemahlin das Stift Gars besucht, »eine Gnad, welche bey Mannsgedenken hiesiges Klösterl nicht erfahren hat«, wie Abt Floridus in sein Tagebuch notierte. Der Besuch war recht persönlich, man tafelte, spielte Billard und der Kurfürst wollte alle Räume, sogar Schlafzimmer und Hauskapelle des Propstes besichtigen. Am 20./21.10. machte der Propst Gegenbesuche in Haag und wünschte beim Abschied, der Kurfürst möge »so lang leben, bis höchst selber alle Klöster in höchstdero Churland heimgesucht hätten«. Am 30. 12. 1777 starb der Kurfürst; mit ihm starb die altbayerische Linie der Wittelsbacher aus. Der Gedanke, der Propst habe dem verehrten Landesherrn im Chorfresko ein Denkmal setzen wollen, liegt nahe, zumal der Propst wenig später die Kurfürstinwitwe in München und am 22.10.1778 in Haag besuchte. Er würde auch die Anfertigung einer zweiten Öl-
skizze erklären, nämlich für den Kurfürstlichen Hof (s. Autor, S. 102). Vorstellbar ist auch, daß das Fresko schon 1777, vor dem Tod des Kurfürsten, entstanden und erst 1778 bezahlt worden ist.
Ein Vergleich des Freskos mit Seltenhorns Entwürfen zeigt, daß die Engelgruppe in der Mitte bei der Restaurierung 1895/97 nazarenisch >geschönt< worden ist.
Die Verehrung des Altarsakraments durch die vier bekannten Erdteile war im späten 18. Jh. bevorzugtes Thema in Altarräumen; eine Variante dazu hatte Martin Anton Seltenhorn 1770/72 in St. Erasmus gemalt (S. 269).
F1-4 APOSTEL Vier Apostel sind auf Wolken und jeweils mit mehreren Attributen ohne Rahmung auf das Gewölbe gemalt (ähnlich in Pürten und in St. Erasmus). Besonders die Köpfe der Heiligen sind im nazarenischen Stil übermalt. Dem hl. Petrus war die Leutekirche, den Aposteln Thomas und Andreas waren Seitenaltäre in der Klosterkirche geweiht. Der Apostel Judas Thaddäus war Patron in vielen Anliegen und Nöten; sein Bild dürfte auch in der Kirche zur Verehrung gestanden haben.
F1 PETRUS mit Kreuz, Schlüssel, Papstinsignien, Rundtempel, Hahn und Fischernetz.
F2 THOMAS mit Lanze und blutgetränkter Quaste, Buch und Martyrerpalme.
F3 JUDAS THADDÄUS mit Winkelmaß (seltenes Attribut; meistens Attribut von Thomas), Keule, Buch und Bildnis Christi (das Abgarusbild, das Judas Thaddäus dem König Abgar von Edessa gebracht haben soll).
F4 ANDREAS mit X-förmigem Andreaskreuz, Buch und Fischernetz.
Quellen und Literatur siehe S. 118