Bad Tölz, Kreuzkirche auf dem Kalvarienberg
Kreuzkirche auf dem Kalvarienberg, Wallfahrt und Eremitorium, Stadtpfarrei Bad Tölz, Erzdiözese München und Freising; z. Z. der Ausmalung Benefizium, Landgericht Tölz
Patrozinium: Hl. Kreuz
Zum Bauwerk: Der kurfürstliche Salz- und Zollbeamte Friedrich Nockher aus Tölz (* 1679 † 1754) ließ aus eigenen Mitteln ab 1718 einen Kalvarienberg mit sieben Stationskapellen, einer Hl. Stiege mit Kapelle und den drei Golgotha-Kreuzen anlegen. Weihe 1722; ab 1723 Erweiterung der Kapelle zu einer im Außenbau zusammengefaßten, nach N gerichteten Doppelkirche am Berghang; Weihe 24. 9. 1726; Errichtung der südlichen Turmfassade 1732 (vgl. Wandbild W-K, S. 33–35).
Die Oberkirche besteht aus einem quadratischen Saalgegliedert durch je drei Bogenstellungen an den vier Seiten -, einem einjochigen Vorraum im S mit Orgelempore und einem erhöhten, stark eingezogenen quadratischen AR im N mit dem Kreuzaltar und darunter der Grabkapelle. Die Oberkirche ist an der O- und W-Seite ummantelt von schmalen, zweigeschossigen Raumabschnitten, die im oberen Geschoß als Oratorien dienen und über die sie indirekt Licht empfängt. Direkte Belichtung durch 3 Fenster an der S-Seite.
Vom Hauptraum aus führen seitlich Gänge zu der Kirche der Hl. Stiege (siehe S. 33).
Auftraggeber: Verwaltung der Stiftung Friedrich Nockhers (1754 testamentarische Dotation von 20.000 Gulden für die Kirche, vgl. Westermayer, S. 249 f.); amtierender Verwalter Franz Michael Kyrein (1776-88); amtierender Benefiziat P. Roman Nidermayr (1743–86)
Autor und Entstehungszeit: Anstelle einer früheren Ausmalung erhielt die Oberkirche 1785 von dem Münchner Maler Joseph Matthias Ott neue Fresken. Signatur in B auf einem Felsen im NW Joseph Matthias/Ott pinxit. / 1785.
Joseph Matthias Ott (* 1735 München † 1791 München) war Bürger und Maler, später auch Zeichnungsmeister in München und heiratete 1774 Maria Anna Weber, die Tochter des Vergolders Johann Michael Weber in München, die in erster Ehe mit dem Maler Joseph Schutz aus München verheiratet war (frdl. Mitt. Peter von Bomhard †; Erzbischöfl. Ordinariatsarchiv München). Für die Gemälde erhielt Ott 200 fl., für die Hinreise 9 fl. und für Kost 30 fl. (Forner S. 129).
Zur Ausmalung Otts gehört stilistisch außer Fresko B auch das Fresko A über der Orgel. Das Chorfresko C wurde 1880 erneuert (s. Erhaltungszustand).
Die Wandbilder W1-4 wurden nach Forner (S. 196) im Jahre 1880 anläßlich einer durchgreifenden Restaurierung von dem Maler Joseph Stattler aus Tölz nach Entwürfen Alois Dirnbergers aus Miesbach angebracht. Sie sind den Deckenfresken Otts bemerkenswert gut angepaßt, unterscheiden sich jedoch durch die unbeholfene Figurenbildung und die gleichmäßig helle Farbgebung ohne Dunkelwerte


Befund
Träger der Deckenmalerei: A Flachdecke, B Muldenge wölbe mit Stichkappen, C Kreuzgratgewölbe mit Stich kappen
Rahmen: A und C imitiertes goldenes Rahmenprofil, B imitierte weiß-goldene Gesimsfriese, die um vier Stichkappeneinschnitte verkröpft sind; B1-6 imitierte goldene Stuck girlanden (Lorbeerblatt)
Technik: Fresko; A, B, C, W–K polychrom; B1-6 monochrom hellgrau
Maße: A Höhe 7,90 m; 3,00 × 6,20
B Höhe 8,80 m; 5,70 × 5,60
C Höhe 6,50 m; Ø 1,30
Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1880 durchgreifende Restaurierung; die Kirche erhielt »eine neue Bemalung, die aber besonders im Chor nicht stilgemäß ausfiel« (Forner, S. 196). Von dieser Restaurierung betroffen ist das Chorfresko C, das stilistisch den Wandbildern W1-4 zuzuordnen ist. Weitere Restaurierungen 1934, 1964. Der Zustand der Fresken A und B ist gut
Beschreibung und Ikonographie
A ENGELSKONZERT UND VEREHRUNG DER KREUZRELIQUIE Ansicht gegen S mit dem Betrachterstandort unter der südlichen Stichkappe des Hauptraumes. Das untersichtig angelegte querovale Bild zeigt eine von Wolken überspielte Attika, die in drei großen Schwüngen die musizierende Engelsgruppe hinterfängt und darüber eine Himmelsöffnung auftut. Auf der Attika in der Mittelachse des Bildes steht auf einem Sockel ein goldenes Kreuz, das Kreuzreliquiar der Kirche, das von Putti gehalten und angebetet wird. Teilweise verdeckt der Halbkreis von Engeln auf Wolken mit Posaunen, Notenbuch, Harfe und Orgel.
Der vorherrschende violette Grundton der Wolken wird vom zartfarbigen Inkarnat der Engel und Putti aufgenommen. Ein kühles, mit Weiß gehöhtes Blau der Engelsgewänder bildet mit dem Goldgelb des Strahlenkranzes einen farblichen Zweiklang.
B VERHERRLICHUNG DES KREUZES In das annähernd quadratische Bildfeld ragen an den vier Seiten Stichkappen herein. Die illusionierte Gesims-Rahmung hat einen kastenartigen Charakter. Die Hauptansicht gegen N mit einer terrestrischen Szenerie verlangt den Betrachterstandort am Eingang zum Kirchenraum unter der südlichen Stichkappe. Die Komposition in enormer Höhenillusion folgt der beherrschenden Bilddiagonale, den höchsten Punkt bezeichnet die Gloriole der Hl.-Geist-Taube, der exzentrisch nach SW verlegte Fluchtpunkt, den tiefsten der Sturz Luzifers und Superbias in der NO-Ecke. Die Figuren scheinen über den Gesimsrahmen hinaus in die Kirche herabzustürzen. Der Himmelsschauplatz, eine aus spiralförmig angeordneten Wolken gebildete Kuppel, nimmt zwei Drittel des Bildfeldes ein. Die Figuren in der Himmelskuppel sind stark untersichtig und verkürzt dargestellt. Den Mittelpunkt bildet die pyramidal aufgebaute Gruppe von Gottvater, bezeichnet durch Jachwe-Zeichen im Dreieck, Zepter und Weltkugel, vor dem Kreuz thronend, unter dem Christus-Salvator Adam und Eva empfängt. Die Hl. Geist-Taube vor einem Lichtdreieck in der Gloriensonne schwebt darüber. Dienende Engel und Putti umgeben die Gruppe.
Dem inneren Wolkenkranz schließt sich rechts eine Gruppe von Martyrern mit Kreuzen an. Unten, am äußeren Wolkenbogen, Weihrauchfaß schwingende Engel im W und im S ein Engelskonzert, im O folgen Putti Michael nach. Der Erzengel stürzt Luzifer mit Feuerschwert und Blitzen, die vom Kreuzzeichen des Schildes ausgehen. Luzifer hat Schlangenhaar und Fledermausflügel und ist von der Paradiesesschlange (Satan) umwunden. Mit ihm stürzt die Ursünde Superbia, eine prächtig gekleidete und geschmückte Figur mit einem Pfau im Arm und Cupido mit Pfeilen, Köcher und Bogen zur Seite.
In der terrestrischen Zone an der Bildbasis ist auf einen Felsen die Opferung Isaaks dargestellt. Ein Engel aus der Himmelsgruppe greift Abraham ins Messer. Darunter ganz im Vordergrund wenden sich Bauern – in zeitgenössischer Tracht – flehend zum Himmel. Unter ihnen kniet ein Tölzer Eremit in Franziskanerhabit vor Getreidegarben; ihm gegenüber halten zwei Männer einen Zettel über das Korn. Rechts im Bild steht ein Priestermönch einem Sterbenden bei, ein Begleiter hält die Sterbekerze. Diese Gruppe wird von den Figuren der Herabstürzenden überschnitten.
Die Farbgebung des Freskos entspricht dem raumillusionistischen Aufbau. Lichte Töne zeichnen die entfernte Gruppe im Glorienschein aus und entrücken sie den größeren Randfiguren, die in kräftigeren, zum Teil mit betonter Verschattung gegebenen Farben den Bildrand verfestigen. Violettrot und Blaugrau der Gewänder der Engel im N und NW sind die Grundwerte des Grauviolett der Wolkenpartie darunter. Dagegen kontrastieren die Weißtöne der Engel des inneren Kreises. In der Bodenzone überwiegen Ocker und Rotbraun, zu denen ein opakes Graugrün der Gewänder bei Abraham und der Bauernfigur des Vordergrundes tritt. Hier vermittelt ein blasses Himmelblau zur lichtfarbig gestalteten Himmelsszenerie mit der golden strahlenden Gloriole der Hl.-Geist-Taube im Dreieck.
B1-6 MARIENSZENEN Eine Lorbeerblattgirlande, die mit Bändern am Gesimsrahmen des mittleren Bildes »festgebunden« ist, umwindet scheinbar die sechs ovalen Medaillon-Bildfelder an den mit Kassettenmuster bemalten Gewölbezwickeln. Während im Hauptfresko B eine Darstellung Mariens ganz fehlt, haben die sechs Nebenbilder die Bitte zur Fürsprecherin Maria und den Lobpreis der Mutter des Heilandes zum Thema. Die Variationen des Bittmotivs verweisen auf den Englischen Gruß »Ave Maria gratia plena« als Grundlage der bildlichen Darstellungen.
B1 Frau am Betpult, darüber in Wolken Maria im Fürbittgestus vor den Personen der Hl. Dreifaltigkeit (»ora pro nobis peccatoribus«)
B2 Sterbender auf einer Bettstatt, daneben eine kindlich kleine Gestalt mit der Sterbekerze (»nunc et in hora mortis nostris«)
B3 Verkündigung an Maria (Lc 1, 26–35) Die in einem Wolkenschauplatz dargestellte Szene zeigt Maria vom Hl. Geist »beschattet«; Gabriel ist durch die Lilie, Gottvater durch Weltkugel und Zepter bezeichnet (»Ave Maria gratia plena«)
B4 Zwei Engel bringen Maria mit dem Kind auf dem Schoß eine Schale mit brennenden Herzen, Sinnbild des Gebetes und der liebenden Hingabe, dar. Der Name Mariens (ligierte Buchstaben MARIA) in einer Strahlenglorie hebt Maria besonders hervor (»sancta Maria, mater Dei«)
B5 Elisabeth, wiedergegeben als Matrone mit kurzem Kopfschleier, der Knabe Johannes der Täufer, kenntlich am Lamm, und Zacharias, dargestellt als bärtiger Greis, verehren Maria und das Kind. Maria ist durch Zwölf-Sterne-Gloriole und Zepter ausgezeichnet, der Jesusknabe steht segnend als Heiland und Herr der Welt auf dem Erdball (Himmelsszene). - Die Darstellung Elisabeths als Mutter des Vorläufers Jesu bezieht sich auf die Grußworte der Elisabeth bei der Heimsuchung Mariens (Lc 1, 42) und steht für die entsprechenden Gebetsverse »benedicta tu inter mulieribus et benedictus fructus ventris tui«
B6 Hinter der Erdkugel erscheinen vier bittende Gestalten, die durch ihre Tracht als Personifikationen der Erdteile bezeichnet sind. In Wolken darüber präsentiert Maria kniend den Jesusknaben als Salvator mit dem Kreuz. Am Himmel in einer Strahlenglorie IHS, der Name Jesu
(»benedictus fructus ventris tui – Jesus«). In B4 ist die Muttergottes, in B6 Jesus stärker hervorgehoben.
C APOKALYPTISCHES LAMM Kreisrundes einansichtiges Bildfeld mit starker Untersicht, Betrachterstandort am südlichen Bildrand darunter. Vor der Himmelsöffnung als Glorie das Lamm Gottes mit Kreuzbanner auf dem Buch mit sieben Siegeln, das von Putti in den Raum hereingetragen scheint, Strahlen und Wölkchen übergreifen den Rahmen des Bildes. Die Farbtöne entsprechen der Darstellung in A: Gegen den goldgelben Glorienschein wird das Inkarnat der Putti von rosafarbigen Tönen bis zu violetten Schattenpartien vertieft, während das weißstrahlende Lamm die über ihm schwebenden Putti in Licht taucht
Ergänzungen zur Ikonographie
B VERHERRLICHUNG DES KREUZES Grundgedanke der Freskodarstellungen ist die heilsgeschichtliche Bedeutung des Kreuzestodes Christi. Im Hauptfresko B ist das von Engeln aufgerichtete Kreuz in der Glorie Sinnbild des am Kreuz geopferten, auferstandenen und zur Rechten Gottvaters erhöhten Christus, dem die Engel huldigen (Weihrauchfässer = Anbetung; Engelskonzert). Lendenschurz, roter Passionsmantel und Wundmale bezeichnen den Salvator. Das in den Glorienhimmel einbezogene Thema der Höllenfahrt, die Errettung Adams und Evas durch den Auferstandenen, bezeichnet den Sieg Christi über Tod und Teufel, das an den Menschen vollzogene Erlösungswerk; die Stammeltern repräsentieren dabei die ganze Menschheit. Die triumphale Überwindung von Teufel und Sünde ist auch Thema des Sturzes von Luzifer und Superbia mit Amor carnalis, die ebenfalls vor den Blitzen des Erzengels weichen müssen (Gen 6, 2 u. 4; Apoc 12, 7 und Henoch 10, 5 u. 21, 10 s. Kautzsch, S. 242, 251). Die Darstellung des Sturzes befindet sich über dem seitlichen Ausgang, dem Weg der Wallfahrer zur Hl. Stiege.
Die Martyrer mit den Kreuzen verweisen auf die Nachfolge (imitatio) Christi; unter ihnen sind zu erkennen der Apostel Petrus mit dem umgekehrten Kreuz, der Apostel Andreas mit dem Schrägbalkenkreuz. Der Heilige in brauner Mönchstracht mit Wundmalen und Kreuz stellt wohl den stigmatisierten hl. Franziskus dar (die Eremiten von Tölz sind Franziskaner).
Die Szenen illustrieren auch die sieben Paternoster-Bitten, entsprechend den Ave-Maria-Anrufungen in B1-6:
Pater noster qui es in caelis, sanctificetur nomen tuum – Himmelsszene mit IHS-Zeichen im Trinitätssymbol, anbetende Engel und Heilige
adveniat regnum tuum - Sturz Luzifers durch den Erzengel Michael
fiat voluntas tua sicut in caelo et in terra - Opfer Abrahams (Gen 22)
panem nostrum quotidianum da nobis hodie - Getreidegarben
et dimitte nobis debita nostra - reuige und bittflehende Männer und Frauen – sicut et nos dimittimus debitoribus nostris – zwei Männer mit Schuldzettel bezahlt
et ne nos inducas in tentationem - Superbia packt einen Bauern am Bein und versucht ihn mit sich hinabzuziehen, er wendet sich unbeirrt zum Kreuz Christi im Himmel sed libera nos a malo - Erlösung Adam und Evas; dem Sturz des Teufels ist der Tod eines Mannes angesichts des Kreuzes Christi, das Erlösung verheißt, gegenübergestellt. Die Sterbeszene weist gleichzeitig auf das Anliegen der seit 1722 bestehenden Bruderschaft zur Verehrung der Todesangst Christi hin.
Die heilsgeschichtliche Lehre wird auf die Gegenwart bezogen, auf die Eremiten und Bauern von Tölz. Forner sieht in dem Eremiten-Mönch links den Novizenmeister Frater Palämon Gämbs (1763–1804; Forner, S. 108–12, S. 202). Der Priester beim Sterbenden rechts könnte der Benefiziaten Pater Roman Nidermayr darstellen.
C DAS APOKALYPTISCHE LAMM, das allein würdig ist, das Buch mit den sieben Siegeln zu öffnen (Apoc 5, 1), trägt die Kreuzfahne als Symbol der Erlösung und bezeichnet wie das Kreuz in der Glorie den geopferten, auferstandenen und verherrlichten Christus und als Bild über dem Altar, an dem das Meßopfer gefeiert wird, die Eucharistie (vgl. LCI, Bd 2, s. v. Eucharistie, Sp. 688 und Bd 3, s. v. Lamm, Sp. 7).
W1-4 KREUZES-SZENEN Die vier Wandbilder des Hauptraumes stellen drei Szenen aus der Legende der Wiederauffindung des Hl. Kreuzes durch Helena und die Verehrung des Hl. Kreuzes durch die Vier Erdteile dar.
Literatur siehe S. 35