Krün, Kuratiekirche St. Sebastian
Kuratiekirche, Pfarrei Mittenwald, Erzdiözese München und Freising; z. Z. der Ausmalung Filialkirche der Pfarrei Mittenwald, Fürstbischöflich-Freisingische Grafschaft Werdenfels, Niedergericht Mittenwald
Patrozinium: St. Sebastian
Zum Bauwerk: Anstelle einer Kapelle 1760–63 Neubau der Kirche, benediziert am 16. 10. 1763 durch Pfarrer Obl von Mittenwald, Weihe am 29. 9. 1791 durch den Fürstbischof von Freising, Joseph Conrad von Schroffenberg
Annähernd quadratischer Saalbau zu zwei Fensterachsen, im W Orgelempore; eingezogener quadratischer AR, von N und S durch je ein Fenster beleuchtet
Autor und Entstehungszeit: Bei Dehio-Gall sind die Deckenfresken dem Maler des Hochaltarbildes, das P. Guglhör 1761 signiert ist, zugewiesen. Die Identität des P. Guglhör ist nicht geklärt. Eine Familie Guglhör ist im 17. Jh. in Mittenwald nachweisbar: 1741 heiratet der Maler Caspar Guglhör, Sohn des Malers Joseph Guglhör aus Kochel, in Mittenwald (Pfarrmatrikel Mittenwald). Ein Philip Guglhör war bei seinem Tod am 22. 3. 1768 in Wolfratshausen als Maler ansässig und Mitglied des Rats (frdl. Mitt. Peter von Bomhard †; Erzbischöfliches Ordinariatsarchiv München). Letzterer ist wohl identisch mit dem Maler, der das Hochaltarblatt in Krün signiert und auch die Seitenaltarbilder in der Pfarrkirche von Lenggries und den Kreuzweg in der Pfarrkirche von Mittenwald geschaffen hat. Die genannten Tafelbilder bieten jedoch keine ausreichende Vergleichsgrundlage für die Deckenbilder in Krün, zumal diese seit der Restaurierung im Jahre 1909 in ihrer originalen Substanz schwer beeinträchtigt sind; allenfalls lassen sich Übereinstimmungen in den gedrungenen, grobknochigen Figuren feststellen.
Als stilistische Voraussetzung für die Gemeinderaumkuppel A müssen Matthäus Günthers Fresken in Mittenwald, Garmisch und Oberammergau angesehen werden. Charakteristisch für die Krüner Fresken ist, dass das eigenartige Kompositionsschema der Panorama-Scheinkuppel wie auch Einzelmotive (Arkaden, Treppenpodeste etc.) nicht der Deckenmalerei adäquat eingesetzt sind. Die Fresken dürften gleichzeitig mit der Erbauung der Kirche 1760/63 entstanden sein, da die Innenausstattung der Kirche einheitlich aus diesen Jahren stammt.

Befund
Träger der Deckenmalerei: LHs (A, A1-4) und AR (B, B1-4) Flachkuppeln über Pendentifs
Rahmen: A, B, a Stuckprofil, A1-4 u. B1-4 Rocaillekartuschen
Technik: Fresko; A, B, a polychrom, A1-4, B1-4 Grisaillen auf Goldgrund
Maße: A Höhe 9,60 m; Ø 7,50
B Höhe 9,40 m; Ø 5,70
Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1878 Restaurierung; vor einer erneuten Restaurierung 1909 werden die Deckenbilder als »teils reparaturbedürftig, teils mit häßlichem Blau überstrichen« beschrieben, die Zwickel im AR waren mit Monogrammen übermalt (Akten Krün des B. L. f. D.). Der mit der Renovierung beauftragte Anton Ranzinger, München, nahm umfangreiche Übermalungen vor, besonders auffällig im figürlichen Bereich (Fußwaschungsszene und Rochusszene in A; A1-4). B1-4 sind ganz neu gemalt. Letzte Restaurierung 1967 durch Sebastian Hausinger, München. Die Deckenbilder weisen jetzt geringfügige Risse auf und sind leicht verschmutzt.
Beschreibung und Ikonographie
A FUSSWASCHUNG DER APOSTEL – PATRON ROCHUS – PFEILMARTER SEBASTIANS Himmelskuppel mit umlaufender Szenerie (zentraler Betrachter standpunkt), dabei sehr unterschiedlich gehandhabte Verkürzungen. Höhenillusion ist durch kleine Repoussoirzonen am Bildrand und spiralförmige Anordnung der Wolkenringe angestrebt. In der Mitte ist die Glorie, von Puttoköpfchen gesäumt, als Bereich größter Helligkeit gegeben.
Die terrestrische Zone zeigt in axialer Anordnung vier völlig verschiedene Bildabschnitte, die ohne jeden formaler oder motivischen Übergang nebeneinander gesetzt sind. Jeder Bildabschnitt hat einen eigenen, teils landschaftlichen, teils architektonischen bzw. ornamentalen Schauplatz, der sehr seicht und nach allen Seiten abgeschlossen ist.
In der Hauptachse zum AR hin ist vor einer Arkadenwand die Fußwaschung der Apostel (Johannes 13, 1-11) auf einem Treppenpodest dargestellt, die Treppenwangen im Vordergrund sind formal überbetont. Die Szene ist gegenüber der drei anderen kaum hervorgehoben, allein die Glorie ist auf die Hauptansicht gegen O hin ausgerichtet.
Südlich anschließend, in einer Landschaft mit den Alpen im Hintergrund und Quadermauern und italianisierenden Bauten als seitlichem Abschluss, ist der hl. Rochus als Patron der Kranken dargestellt.
Gegenüber, auf der N-Seite des Freskos, ist die Pfeil-Marter des hl. Sebastian wiedergegeben, als Hintergrund die Stadtmauer von Rom. Über der Marterszene Putti mit Lorbeerkranz und Palmzweig. Der westliche Bildabschnitt zeigt keine figürliche Szene. Den Vordergrund nimmt ein überdimensioniertes quasiarchitektonisches Ornament ein, das in der Linienführung auf den Orgelprospekt Bezug nimmt; dahinter, ohne räumlichen Zusammenhang, eine konkav geschwungene kulissenartige Arkadenwand wie in der östlichen Szene.
Die einheitliche Bildfarbigkeit überspielt die Ungleichartigkeit der Bildszenen. Werte von rötlichem Braun bzw. Grau und fahlem Hellblau sind gleichmäßig, fast musterartig im Bild verteilt. Es fehlen auszeichnende Akzente.
A1-4 KIRCHENVÄTER Darstellung in Dreiviertelfigur mit Buch und Schreibfeder
A1 Gregor mit Papstinsignien und Inspirations-Taube
B ABENDMAHL Schauplatz ist ein Kuppelraum, der in Schrägsicht gegeben ist (Betrachterstandpunkt unter dem Chorbogen). An der O-Seite ist unter einem weiten Korbbogen die Abendmahltafel (vgl. Mt 26, 17-30 u. Par.) direkt über dem Hochaltar dargestellt, zu den Seiten je ein bedienender Knabe.
Dem ersten Anschein nach handelt es sich bei diesem Fresko um eine Scheinkuppel im Sinne Pozzos, doch fehlt dem Bild räumliche Einheit: Die einzelnen, untersichtig gegebenen Architekturglieder (Korbbogenarkaden, Apsiden, Kuppelschale und eine weitere Tambourkuppel) haben keinen perspektivisch-konstruktiven Zusammenhang, sondern sind flächig aneinandergefügt. Die großflächig disponierte Farbigkeit mit Grau, Marmorrot und Ockergelb wiederholt die Farbwerte des Hochaltaraufbaues.
Thematisch gehören die Szenen der Fußwaschung (A) und des Abendmahls (B) unmittelbar zusammen. Sie sind beide durch ihre Anordnung sinngemäß auf den AR der Kirche bezogen. Das Hochaltarbild zeigt die beiden Pestpatrone Sebastian und Rochus als Fürbitter vor der Madonna mit dem Kind. Die hierzu gehörigen Darstellungen der Heiligen in der Kuppel des Gemeinderaums sind thematisch grundverschieden: Eine Marterszene der Passio und eine Patronatsszene des Heiligenkults.
B1-4 EVANGELISTEN (1909 erneuert) B1 Matthäus B2 Markus B3 Johannes B4 Lukas
Quellen und Literatur
Prechtl, Johann Baptist, Chronik der ehemals bischöflich freisingischen Grafschaft Werdenfels mit ihren drei Untergerichten und Pfarreien: Garmisch, Partenkirchen und Mittenwald, Augsburg 11850, S. 146, 2[1906], S. 132.
Baader, J., Chronik des Marktes Mittenwald, Nördlingen 1880, S. 257.
Mayer-Westermayer, Bd 3, S. 585 f.
KDB I OB (1), S. 632
Dehio-Gall OB, S. 206
Brenner, Mathias und Hugo Schnell, Pfarrkirche Mittenwald (= KKF, Nr. 17), Mittenwald 41954, S. 4.