Kappel, Filial- u. Wallfahrtskirche Hl. Blut u. hl. Magdalena
Filial- und Wallfahrtskirche, Gemeinde und Pfarrei Unterammergau, Erzdiözese München und Freising; z. Z. der Ausmalung Pfarrei Oberammergau, die dem Stift Rottenbuch inkorporiert war, Kloster-Ettalisches-Gericht Ammergau
Patrozinium: Hl. Blut und hl. Magdalena
Zum Bauwerk: Hl.-Blut-Votivkapelle im 15. Jh. urkundlich nachgewiesen, 1618-19 bauliche Erneuerung und Vergrößerung der Kapelle, 1680 Erweiterung bzw. Erneuerung (des AR) nach Plänen Johann Schmuzers. 1750/51 Neuwölbung der LHs-Decke und Stuckierung von LHs und AR durch Franz Xaver Schmuzer; die Ausmalung erfolgte erst 1779 unter Pfarrvikar P. Floridus Lachmayr von Oberammergau (1776–93) und Kaplan P. Joachim von Paur von Unterammergau (1775–82).
Saalbau zu drei Jochen mit eingezogenem zweijochigem AR, im O abgerundet; im W Doppelempore; Pilastergliederung. Belichtung durch hohe Rundbogenfenster im LHs und im AR durch Ovalfenster
Autor und Entstehungszeit: Signatur in der südöstlichen Rahmeneinbuchtung Franciscus / Zwinck. / inven: & / Pinxit. 1779: Franz Seraph Zwinck, der »Lüftlmaler« von Oberammergau, * 1748 Oberammergau † 1792 Oberammergau (Sterbeeintrag wiedergegeben bei Hers, OAVG 12, S. 208), ist der Sohn des Malers Johann Joseph Zwinck, der auch zeitweise als Mesner bei der Kappel wohnte. Der Tradition nach besuchte Franz Seraph Zwinck Ende der 60er Jahre des 18. Jh. die Malerakademie in Augsburg unter den Direktoren Matthäus Günther und J. Isaias Nilson und
war 1769 bei Martin Knoller als Farbenreiber tätig, als dieser das Deckengemälde im Chor von Ettal malte (Bührlen, S. 6–7 und 45).
Signierte und datierte Werke von Zwinck sind die Emporenfresken in der Pfarrkirche St. Martin in Garmisch 1774 und 1776 (S. 345f.), ein Deckenbild von 1778 mit der Krönung Mariens im Haus Lang, Oberammergau, Frühmessergasse 2, neuerdings übertüncht, erwähnt bei Bühr len, S. 27), die Deckenbilder in Kappel 1779 und Wurmannsau 1780 (S. 444), Wand- und Emporenbilder in der Kirchen von Ober- und Unterammergau 1787 und um 1783 (S. 388–93 und S. 440). Vom Corpus der barocker Deckenmalerei dem Franz Seraph Zwinck zugeschriebene Deckenbilder befinden sich in den Kirchen von Bayersoien (um 1780, S. 273 f.), Grainau (um 1782, S. 348 f.) und Oberau (St. Georg, 1788, S. 394–96).
Befund
Träger der Deckenmalerei: LHs Korbbogentonne mit Stichkappen, AR Tonne mit Stichkappen, im O abgemeldet
Rahmen: A und B ockerfarbenes Stuckprofil aus gekurvten C-Bögen, an den Schnittpunkten von gelappten bzw. pflanzlichen Stuckornamenten überspielt, in den Achsen überspielen die Kartuschbekrönungen der Nebenfresken die Rahmung; 1-6, Aa-b, Ba-b grau und rosa abgesetzte Rocaille-Kartuschen aus Muschel- und Pflanzenmotiven Technik: Fresko; A, B polychrom, 1-6, Aa-b, Ba-b monochrom ocker
Maße: A Höhe 8,40 m; 8,80 × 6,40 B Höhe 7,70 m; 5,00 × 3,70


Erhaltungszustand und Restaurierungen: Signatur in A Renov. / X. Stegmüller / 18 Schongau.96. Eine weitere Restaurierung führte 1967 Fa. Mayerhofer, München, durch, bei der Fehlübermalungen entfernt, Risse gekittet und die Fresken gereinigt wurden. Die grelle Buntfarbigkeit von Fresko A ist auf die Restaurierungen zurückzuführen. Fresko B und die Begleitfresken in gutem Zustand
Beschreibung und Ikonographie
A KREUZABNAHME Einansichtige Bildkomposition mit deutlicher Ausprägung der Tiefen- und Höhenfluchtlinien (Aufnahmestandort in der Mitte darunter). Im Gegensatz zu dieser Perspektivkonstruktion nur mäßige Verkürzungen in den Figuren. Das hochaufragende Kreuz in der Mittelachse des Bildes ist das beherrschende Motiv des Deckenbildes. Vier von verschiedenen Seiten ans Kreuz gelegte, formal überbetonte Leitern bilden die Kompositionsfigur einer steil aufragenden Pyramide.
Die handelnden Personen sind der Kompositionsfigur untergeordnet. Am Fuß des Kreuzes steht Nikodemus durch Kleidung und Gebärde hervorgehoben. Joseph von Arimathia, der Bärtige auf der Leiter links, bemüht sich mit vier - halbnackt wiedergegebenen - Helfern, den Leichnam Jesu auf einem Leintuch vom Kreuz herabzulassen. Hinten an eine Leiter gelehnt schaut ein Hauptmann, wohl Longinus, dem Vorgang zu. In einem weiten Halbkreis sind die Trauernden um das Kreuz geschart, Maria, Johannes, Maria Magdalena mit Grabtuch und Salbgefäß und zwei weitere Marien. Hinter dem Golgotha-Hügel sind von fern die nach der Kreuzigung abziehenden Soldaten sichtbar.
Schauplatz der Szene ist ein Berghang – von Golgotha – im Mittelgrund des Bildes, im Vordergrund als Repoussoir ein Korb mit Werkzeugen auf einem farblich dunkler abgesetzten Rasenstück. Den Hintergrund bezeichnen ein spärlich bewachsener Hügel links und die Silhouette der Stadt Jerusalem rechts; jeweils in den seitlichen vierpaßähnlichen Bildfeldabschnitten hellfarbig vom Mittelgrund abgesetzt, geben sie nur noch eine Erinnerung an den barocken panoramaartigen Schauplatz.
Die gegen W von dunklen Wolkenbögen eingefaßte Himmels-Glorie ist ein Requisit allansichtiger Illusionistik, hier
jedoch der einansichtigen Kreuzesszene aufgestockt. Die vom westlichen Bildrand ausgehenden Lichtbahnen heben jedoch die illusionistischen Eigenschaften wieder auf, sie nehmen auf das tiefer liegende W-Fenster der Kirche Bezug.
In den Formen von Wolkenausläufern, Zweigen und Blättern berücksichtigt Zwinck einfühlsam das ins Bildfeld hineinspielende, rund dreißig Jahre früher entstandene Stuckornament.
Die Farbgebung unterstützt die Bildkonstruktion durch eine effektvolle Kontrastwirkung von dominierenden und stark zurücktretenden Farbwerten. Dominierend die Szene der Kreuzabnahme mit betonten Farbkontrasten Karmin/Blau und Karmin/Grün. Weiß und Weißgelb bilden dabei Lichtakzente. Die Farbe des Erdreichs ist ein kräftiges Braun-Oliv, das sich in den Repoussoirzonen am O- und W-Rand wiederholt und so eine Betonung der Vertikalen erzielt. Dagegen sind die seitlichen Randzonen (im N und S) mit zarten Grün-Beige-Blau-Abstufungen farblich der Stuckornamentik angepaßt. Eine gleichmäßige Helligkeit geht von der blaßblauen Himmelsfolie aus, die den Großteil der westlichen Bildhälfte einnimmt und vor der sich die Kreuzespyramide scherenschnittartig abhebt.


Aa-b Die Längsachse des Bildfeldes betonen die zwei ins Bild hineingreifenden monochromen Bildkartuschen
Aa Das Gotteslamm über dem Buch mit den sieben Siegeln (Apoc 5, 1 u. 6) liegend, auf dem Berg (Apoc 14, 1) an der O-Seite weist auf die Eucharistiefeier.
Ab Die Eherne Schlange (Num 21, 6–9 u. Jo 3, 14) ist typologisches Vorbild der Kreuzigung wie auch der Kreuzabnahme.




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B DAS SCHWEISSTUCH DER VERONIKA Himmelsdarstellung mit schwachen Verkürzungen bei den Figuren (Aufnahmestandort unterhalb des westlichen Bilddrittels). Die hl. Veronika und zwei Engel auf Wolken breiten das Schweißtuch mit dem Abbild Jesu so aus, als wollten sie die Gläubigen in der Kirche unmittelbar zur Betrachtung auffordern. Die ganz in den Vordergrund gerückte Figurengruppe ist von einem Wolkenrund hinterfangen, das einen transparent hellen, dabei folienhaft flächig wirkenden Himmelsausschnitt umschließt. Auch hier Lichtbahnen, die der Senkrechten der Bildfläche folgen. Die dunkle Tönung der Wolken am westlichen Bildrand ist dabei ein Relikt barocker Illusionistik, das einem Stuckornament vergleichbar eingesetzt ist.
Die Form der Himmelsdarstellung ist in den seitlich hineinspielenden Kartuschfeldern 3 und 4 in den Darstellungen der Arma Christi wiederholt. Die Bilder des Chorgewölbes sind durch eine Farbgestaltung zusammengefaßt, die wie die Variation der in hellen Farbwerten gefaßten Stuckdecke wirkt. Die Freskomalerei paßt sich optisch der feingliedrigen Musterung der Decke an. Ockerfarben spielen – in verschiedenen Sättigungsgraden – gegen transparente, fast farblose Werte - im Bildgrund und als Glanz-
lichter. Zur Bildmitte hin, bei der Darstellung der Veronikagruppe, sind verschiedene Buntwerte differenziert (die Mischwerte Karmin, Violett, Ockergelb, Graublau und Türkisgrün und stoffliches Weiß), die in die camaïeuartige Grundfarbigkeit einbezogen sind.
Ba Herz Jesu von Dornen umwunden, mit dem Kreuz Bb Herz Mariens von Rosen umwunden, mit dem Schwert der sieben Schmerzen
1-6 ARMA CHRISTI Die Seitenfresken an den Gewölbezwickeln im Gemeinde- und AR zeigen die Leidenswerkzeuge. Allen Darstellungen gemeinsam ist eine Art Glorie: ockerfarbene Wolken, die eine helle Himmelsfolie kreisförmig umschließen. In den LHs-Kartuschen 1, 2, 5, 6 kommt aus den Wolken eine Hand hervor und präsentiert die Werkzeuge
KRUN
Ergänzungen zur Ikonographie: Das seit dem Spanischen Erbfolgekrieg (1703) verschollene ursprüngliche Heiligtum der Kapelle wurde 1734 durch eine Hl.-Blut-Reliquie, einen Partikel eines in das Blut des Herrn getauchten Schleiers der seligsten Jungfrau, ersetzt (Approbation vom 30. 7. 1736 im Pfarrarchiv Unterammergau, vgl. Mayer- Westermayer, Bd 3, S. 322). Hierauf bezüglich haben Deckenbilder und Hochaltar das Kreuzesopfer Christi zum Thema.
A KREUZABNAHME Die Evangelien berichten nur knapp von der Abnahme des Leichnams Jesu vom Kreuz und von der Grablegung durch Joseph von Arimathia (Mt 27, 57-61 u. Par.). Bei Lukas (23, 50-51) und Johannes (19, 38) ist Joseph von Arimathia als Mitglied des Hohen Rates und Jünger Jesu näher gekennzeichnet. Johannes (19, 39) berichtet von Nikodemus mit den Spezereien als Helfer bei der Grablegung. Matthäus (27, 55–56 u. 61) und ebenso Markus (15, 40 u. 47) benennen die Frauen, die bei Kreuzigung und Grablegung zugegen waren, Maria von Magdala, Maria, Mutter des Jakobus (d.J.) und Joseph (Justus), und Maria (Salome), Mutter der Zebedäussöhne (Jakobus d. Ä. und Johannes Ev.). Die Mutter Gottes und Johannes Ev. sind bei den Grablegungsberichten nicht erwähnt.
Zwincks Darstellung der Kreuzabnahme steht in der ikonographischen Tradition des Barock (Rubens, Rembrandt) und ist als Thema bezeichnend für die Spätzeit der monumentalen Deckenmalerei.
Am Hochaltar ist das der Grablegung vorangegangene Ereignis, die Öffnung der Seite des Herrn (Johannes 19, 34) durch Longinus, in dem Gemälde von Jonas Umbach (1687) dargestellt. Der zu Jesu Leichnam ehrfürchtig aufblickende Soldat an der Leiter der Kreuzabnahme-Darstellung (A) ist vielleicht als der römische Hauptmann (= Longinus) anzusehen, der Gottes Sohn erkennt (Mt 27, 54).
B DAS SCHWEISSTUCH DER VERONIKA ist unter den in den Nebenfresken 1-6 dargestellten Arma Christi an bevorzugter Stelle dargestellt; die bekannte Christus-Reliquie von St. Peter in Rom verweist auf die Hl.-Blut-Reliquie von Kappel. Die Arma Christi (1-6) vergegenwärtigen die einzelnen Stationen der Passion Christi. Hiermit thematisch verknüpft sind die symbolischen Bilder des leidenden Herrn (Aa Lamm Gottes und Ba Herz Jesu), der Mutter Jesu (Bb Herz Mariens) und des alttestamentarischen Vorbildes (Ab Eherne Schlange). Die Predella zeigt aus der legendären Kreuzesgeschichte die Kreuzeserprobung. Thematisch gehören die Altarfiguren des Kaiserpaares Konstantin und Helena hierzu.
Quellen und Literatur
Prechtl, Johann Baptist, Chronik der ehem. bischöfl. freising. Grafschaft Werdenfels in Oberbayern, mit ihren drei Untergerichten und Pfarreien: Garmisch, Partenkirchen und Mittenwald, Augsburg 1850, Garmisch 21931. Daisenberger, Joseph Alois, Geschichte des Dorfes Oberammergau, in: OAVG 20, 1859-61, S. 94.
Mayer-Westermayer, Bd 3, S. 32, 34.
Heislainger, Georg und Jakob Ambos, Chronik der Pfarrei Unterammergau, Garmisch [1903].
Bührlen, J. Richard, Lüftlmaler Franz Seraph Zwinck von Oberammergau, Oberammergau 1921, S. 11–13.
Bauer, Anton, Unterammergau, Kappel (= KKF, Nr. 45) †1960.
Dehio-Gall OB, S. 211 f.
Mois, Jakob, Unterammergau, Kappel, Unterammergau 1969.
KRÜN
dürften gleichzeitig mit der Erbauung der Kirche 1760/63 entstanden sein, da die Innenausstattung der Kirche einheitlich aus diesen Jahren stammt.