Ellighofen, Filialkirche St. Stephan


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 1: Die Landkreise Landsberg am Lech, Starnberg, Weilheim-Schongau. Hirmer, München 1976, ISBN 978-3-7991-5737-7, S. 64–65, geschrieben von Bauer-Wild, Anna, Böhm, Cordula, Lüdicke, Lore und Werner-Clementschitsch, Heide. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

ELLIGHOFEN

Filialkirche; Gemeinde Erpfting, Pfarrei Unterdießen Diözese Augsburg; z. Z. der Ausmalung Herrschaft Unterdießen

Patrozinium: St. Stephan

Zum Bauwerk: Bau um 1500, im mittleren 18. Jh. Umgestaltung des Inneren und der Langhausfenster. - Einfacher Saal zu drei Achsen, eingezogener AR zu zwei Achsen mit dreiseitigem Schluß; im W Empore

Autor und Entstehungszeit: Signatur in A: Jo A: Mörz 1756. Dieser Maler ist wahrscheinlich identisch mit dem in Thieme-Becker genannten Joseph Anton Merz, der, 1683 in Marktoberdorf geboren, im frühen 18. Jh. in der Umgebung Straubings tätig war, wo sich die Malerfamilie verzweigte. Unter anderem arbeitete er mit Johann Adam Schöpf zusammen, als dessen Lehrer er vermutet wird (Thieme-Becker, s. v. Merz (März), Bd 24, S. 425 f. und s. v. Schöpf, Bd 30, S. 234). Nach 1734 verliert sich seine Spur. Möglicherweise kehrte er in seine Heimatgegend zurück. Außer Ellighofen freskierte er hier auch die Pfarrkirche von Leeder, wo er als Maler von Unterdießen auftritt (Deutsche Gaue . . . Kaufbeuren).

Befund

Träger der Deckenmalerei: LHs Flachtonne mit Stichkappen, AR Stichkappentonne, im O abgemuldet Rahmen: Stuckprofil

Technik: Fresko; A, B polychrom, A1-4 monochrom ocker Maße: A Höhe 5,60 m: 6,30 × 3,10

B Höhe 5,30 m: 2,00 × 2,00

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Reinigung und Restaurierung der Deckengemälde 1957 durch Hotter Zahlreiche verkittete Risse, Übermalungen, besonders in B (Christus-Gottvatergruppe)

 

Beschreibung und Ikonographie

A STEINIGUNG DES HL. STEPHANUS (Act 7,57 bis 59)

Schauplatz des Martyriums ist eine weite, hügelige Wiesenlandschaft vor den Toren der Stadt Jerusalem. Stephanus im Diakonsgewand kniet im Zentrum des Bildes mit ausgebreiteten Armen und zum Himmel gewandtem Blick. Vier wütende Männer umgeben ihn, die Steine auf ihn schleudern. Von links aus dem Hintergrund kommen Zuschauer einen Hügel herab. Im Vordergrund, in der Art von Repoussoirfiguren, Soldaten und ein junger Römer mit einem roten Mantel neben sich, in dem vielleicht Saulus zu erkennen ist. Der Himmel ist hell, von wenigen zarten Wolken durchzogen; eine Himmelserscheinung fehlt.

Die Darstellung ist einfach und konventionell, einfallslos in Farbigkeit und Komposition und in den Einzelheiten oft ungeschickt. Die Farbigkeit ist typisch für Freskanten minderer Qualität: Der fahle ocker-grünliche Hintergrundston bestimmt die Gesamtfarbigkeit und läßt Karminrot und Blau als Buntfarben nicht zum Leuchten kommen.

 
B Vision des hl. Stephanus

Bei Figuren und Architekturen fehlt jede Verkürzung und Untersicht. An die spezifischen Eigenheiten eines Deckengemäldes erinnert nur noch die vorderste Zone mit den dunklen, wie eine Rampe an den Bildrahmen geschobenen Felspartien.

B VISION DES HL. STEPHANUS (Act 7,55–56) Vor einer öden Landschaft kniet im Vordergrund Stephanus mit gekreuzten Armen und zum Himmel gewandtem Blick. Über ihm erscheinen auf Wolken Christus mit Kreuz und Gottvater mit Zepter und Weltkugel. Auf die hier veranschaulichte Schriftstelle beziehen sich die Inschriften über und unter dem Bild: VIDIT CeeLos APERTOS und Am Kreuz beständig hoffen macht uns den Himmel offen (letztere möglicherweise aus dem 19. Jh.).

 

A1 Hl. Stephanus A1 zeigt den Heiligen mit gefalteten Händen und Nimbus zwischen Wolken, eine abgekürzte Gloriendarstellung

 

A2 Bekehrung des Paulus (Act 9,3–7). Diese Szene ist inhaltlich mit der Stephanusgeschichte insofern verbunden, als Saulus, der Christenverfolger, nach der Schrift bei der Steinigung zugegen war und die Kleider der Zeugen hütete (Act 7,57).

A3-b Emblematische Bilder ohne Lemmata

Aa zeigt zwei Wanderer, die vor den Strahlen der Sonne fliehen. Dieses Bild bezieht sich kaum auf Stephanus, sondern wahrscheinlich auf Saulus als den Verfolger der Kirche, der wohl in A bildlich wiedergegeben ist. Die Strahlen der Sonne, die alles erleuchten, werden in der Emblematik als Bild für Christus als Richter gebraucht (Picinelli, s. v. sol, Lib. 1, Nr. 67, 71).

Ab zeigt einen Bären am Bienenkorb. Eine mögliche Erklärung gibt Picinelli (s. v. ursus, Lib. 5, Nr. 668): Wenn der Bär an einer Schwäche der Augen und des Gesichts leidet, so geht er zum Bienenkorb und läßt sich in die Zunge stechen; durch das dadurch vergossene Blut wird der Kopf erleichtert und der Bär gewinnt die Sehkraft wieder. Bei Picinelli steht dieses Bild für

»calamitas utilis«,

auch für den unter Irrenden Erleuchteten. Auch dieses Emblem weist sinngemäß mehr auf Saulus-Paulus als auf Stephanus hin. Saulus erblindet nach dem Visionsereignis vor Damaskus (Act 9,8) und erlangte erst durch die Taufe, die vollzogene Bekehrung zu Christus, sein Augenlicht wieder (Act 9,18–19). Auf Stephanus wäre folgende Deutung denkbar: Durch die Leiden und Verfolgungen, die der Heilige erdulden mußte, wurde er fähig, den Himmel zu sehen (Act 7,55–56).

Aa-b sind demnach emblematische Anspielungen auf die in A2 dargestellte Bekehrungsszene, Ab könnte auch auf die in A und B dargestellten Stephanus-Szenen bezogen werden

Quellen und Literatur

Braun-Augsburg, Bd 1, S. 164

Fürst, Conrad, Das Fuchstal, Kaufbeuren 1880, S. 125–129 Leeder (o. V.), in: Deutsche Gaue, Gemeindebeschreibungen des Bezirksamtes Kaufbeuren 1923 ff.

Breuer, Tilmann, Stadt- und Landkreis Kaufbeuren (= Kurzinventar der Bayerischen Kunstdenkmale), München 1960, S. 93 f.

 
 
A1 Hl. Stephanus
 

Ab