Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 1: Die Landkreise Landsberg am Lech, Starnberg, Weilheim-Schongau. Hirmer, München 1976, ISBN 978-3-7991-5737-7, S. 397–402, geschrieben von Bauer-Wild, Anna, Böhm, Cordula, Lüdicke, Lore und Werner-Clementschitsch, Heide. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Kapelle St. Anna, ehem. Wallfahrt, Pfarrei Burggen, Diözese Augsburg; z. Z. der Ausmalung Gericht Füssen

Patrozinium: St. Anna

Zum Bauwerk: Romanische Anlage gotisch umgebaut. Innenausstattung des Gemeinderaumes im 17. Jh., im 18. Jh. Umgestaltung des gotischen Chores. Die Fresken dort modern. – Schlichter zweiachsiger Saalbau mit eingezogenem Chor; Empore im Westen

Autor und Entstehungszeit: Das Entstehungsjahr der Kassettendecke ist durch eine Inschrift in dem Rahmen der Ovalkassette in der Mitte der Decke angegeben: SANCTA ANNA ORA PRO NOBIS MDCLXXIIII. Wer die Kassettendecke mit ihrem figürlichen Bildschmuck reschaffen hat ist nicht bekannt.

Aus der Zeit um 1700 stammen einige vergleichbare Kassettendecken in kleinen Kirchenräumen im nahen Landkreis Ostallgäu: Fünfwundenkapelle in Hörmannshofen, St. Walburga-Kapelle in Ruderatshofen, St. Alban-Wallfahrt, Gemeinde Aitrang. Diese Decken werden Georg Wassermann aus Autenried (Thieme-Becker, Bd 35, S. 175), der als Verfertiger von solchen Kassetten- oder Täfeldecken dieser Zeit archivalisch überliefert ist, zugeschrieben (Michael Petzet, Stadt und Landkreis Marktoberdorf, Kurzinventar der Bayerischen Kunstdenkmale Bd 23, München 1966, Register). Gliederungssystem und szenische Darstellungen dieser jüngeren Kassettendecken sind formenreicher. Große Übereinstimmungen zeigen sich jedoch bei den ornamental-figürlichen, grotesken Motiven, bei den geflügelten Engelsköpfen und Engelsleibern, ausstaffiert mit Fruchtfestons und Fruchtkörben oder mit Gefieder, das in Akanthusranken übergeht, in Burggen und den ganz ähnlichen Grisaillemotiven in St. Alban. Auch die Engelsgrisaillen der St. Walburgakapelle sind sehr gut vergleichbar. Georg Wassermann ist daher wohl als Mitarbeiter oder sogar als Autor der ganzen Decke in Betracht zu ziehen. Diese Frage läßt sich nach dem jetzigen Stand der Forschung noch nicht genauer klären

Das seit dem früheren 16. Jh. in bayerischen Profanbauten übernommene Kassettendekorationssystem findet sich im späteren 17. Jh. auch in Kirchenräumen. Die frühbarock gestaltete Deckendekoration der Burggener Annenkapelle ist mit szenischen Darstellungen kombiniert, welche noch rein tafelbildmäßig konzipiert und dem Deckensystem untergeordnet sind. Die übereck gebauten, kastenartig verschachtelten Bildschauplätze sowie die gelängten, miniaturhaft gezeichneten Gewandfiguren weisen noch spätmittelalterliche Tradition auf. Die szenische Malerei wirkt daher im Vergleich zu dem Dekorationssystem altertümlich

Befund

Träger der Deckenmalerei: Holzkassettendecke Rahmen: mit breiten Rosetten und Akanthusornamenten bemaltes Kassettenwerk

Technik: Temperamalerei über Kreidegrund auf Holz monochrom: Grisaille

Maße: Höhe (der Malfelder) 9,00 m; Gesamtfläche 18,20 × 9,00

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Restaurierung um 1945 durch die Firma Mairhofer. Teilweise starke Beschädigungen, Abblätterungen und Wasserschäden, teilweise Übermalungen (Einzelangaben bei der Beschreibung).

Beschreibung und Ikonographie

ST. ANNA-SZENEN Der Längsrichtung des Rechteckraumes folgend, sind einfache geometrische Figuren im Wechsel Rechteck-Oval, Raute-Rechteck, Oval-Raute - in großen Abständen hinter- und nebeneinander gereiht und durch lange Stege untereinander verbunden. Die Formen wirken wie in ein weitmaschiges Netz eingeordnet: in die länglichen, unregelmäßig sechseckigen Zwischenfelder. Das Dekorationssystem wird von einer großen Ovalkassette in der Mitte der Decke beherrscht, alle übrigen Ovale sind angeschnittene Formen am Rand der Decke. Die Ovalkassette ist durch eine großzügigere Figuralkomposition hervorgehoben. Während die übrigen, kleineren regelmäßig-geometrischen Kassetten einen rein ornamentalen Schmuck – Rosetten, Akanthusranken – aufweisen, sind die unregelmäßigen Zwischenfelder in der Mehrzahl mit vielfigurig-kleinteiligen Bildszenen gefüllt. Am Rand der Decke zeigen diese die ornamental-figürlichen, von der Groteske herzuleitenden Engelmotive sowie musizierende Engel auf Wolken.

Die Burggener Decke ist in schlichten Mitteln gestaltet: Das hölzerne Kassettenwerk sowie die hölzernen Bildtafeln sind schwarzweiß in Temperatechnik bemalt. Im Gegensatz zu den profanen Prunkdecken (etwa des Augsburger Rathaussaales) haben die Bildszenen in Burggen nicht ihren Platz in den die Ordnung und Gliederung bestimmenden regelmäßig-geometrischen Kassetten – mit Ausnahme des zentralen Ovalfeldes –, sondern in den unregelmäßigen Zwischenfeldern. In dieser Stilhaltung ist die Burggener Kassettendecke den durch Stuckfigurationer mit eingesetzten kleinen Bildfeldern dekorierten Gewölben in Kirchen dieser Zeit durchaus vergleichbar.

Die einzelnen Bildfelder werden hier in ihrer thematischen, der Deckengliederung nicht entsprechenden Folge gezählt.

1 ANNA SELBDRITT (Das Ovalfeld weist Feuchtigkeitsflecken auf und scheint in der Binnenzeichnung der Figuren beträchtlich erneuert zu sein.) Das mittelalterliche Andachtsbild ist im Sinne von Renaissance und Barock als symmetrisches Gruppenbild gestaltet. Anna rechts als würdige Matrone, Maria mädchenhafter, hier auch mit Kopfschleier, der Jesusknabe frontal im Segensgestus. Darüber schwebt die Geist-Taube.

Die folgenden 7 Szenen entstammen den apokryph-legendären Berichten über Eltern und Jugend Mariens (Grundlage: Protoevangelium des Jakobus, vgl. Edgar Hennecke und Wilhelm Schneemelcher, Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung, Bd 1, Tübingen 1959, S. 281)

 

2 OPFERGABE AN DEN TEMPEL UND ALMO- SENSPENDE (Kleinere Schadstellen über die Bildtafel verteilt.) Joachim bringt einem Hohenpriester Geldmünzen zum Tempel, die ihm folgende Anna verteilt Almosen aus einem Beutel an die Notleidenden. Die Szene illustriert die legendäre Mildtätigkeit der frommen Eltern Mariens, die ein Drittel ihrer Einnahmen an den Tempel und ein Drittel an die Armen gaben, und nur ein Drittel für sich selbst verbrauchten.

3 ABLEHNUNG DES OPFERS JOACHIMS Joachim hat im Tempel ein Lamm als Opfergabe dargebracht, doch wird er vom Hohenpriester abgewiesen.

4 VERKÜNDIGUNG AN JOACHIM Zu dem unter einer Baumgruppe beim Gebet sitzenden Joachim spricht der Engelbote von der Höhe herab. Im Hintergrund die weidende Viehherde. – Joachim hatte sich nach der Ablehnung seiner Opfergabe in die Wüste zurückgezogen und dort als Hirt gelebt.

5 VERKÜNDIGUNG AN ANNA Die beiden nebeneinander geordneten Verkündigungsszenen sind spiegelbildlich komponiert. Anna kniet im Gebet unter Palmen, der Engel hoch über ihr auf einer Wolke. Im Hintergrund ein Garten, dieser ist deutlich als Hortus conclusus (Cant 4,12) charakterisiert. Der Hortus conclusus steht für die Unbefleckte Empfängnis Mariens – das Fest hatte ursprünglich – vom byzantinischen Kult her – die Bezeichnung Empfängnis der hl. Anna (vgl. LCI, Bd 2, s.v. Immaculata Conceptio, Sp. 338 ff.)

6 BEGEGNUNG AN DER GOLDENEN PFORTE (Stark beschädigte Malerei.) Joachim führt Anna behutsam die Treppen zum Torbogen hinan. – Vor der Schaffung eines eigenen Immaculata-Conceptio-Bildtypus diente vornehmlich diese Szene der Empfängnis der hl. Anna (meist als Umarmung wiedergegeben) zur Veranschaulichung der theologischen Marienlehre. In der nachtridentinischen Kunst kommt diese Szene nur noch selten Vor

7 GEBURT MARIENS (Sehr schlecht erhaltene Malerei; die Bretter der Bildtafel haben sich stark geworfen und Sprünge in der Malschicht verursacht.) Vor der Bettstatt St. Annens bemühen sich zwei Mägde um das neugeborene Kind. Joachim ist zu dieser Gruppe getreten und bewundert in einer Gebärde der Ehrfurcht – wie auch Anna vom Hintergrund her – das von Gott bevorzugte Kind Maria.

8 TEMPELGANG MARIENS Anna und Joachim haben die Jungfrau Maria in den Tempel geleitet, Maria kniet vor dem Hohenpriester nieder. Diese Szene ist auch innerhalb der Marienleben-Zyklen und als Einzeldarstellung in der nachtridentinischen Kunst sehr geläufig.

9 VERKÜNDIGUNG AN MARIA (Lc 1,26–38) (Leicht beschädigte Malerei, schwächere Brettwurfsprünge.) Maria empfängt, an einem Tischchen in einem Tempelraum sitzend, die Botschaft des Engels. Das Verkündigungsbild, die Incarnatio Verbi Dei, ist der Begegnung an der Goldenen Pforte als der Immaculata Conceptio Mariae gegenübergestellt.

10 TOD ANNAS (Brettwurfsprünge und Feuchtigkeitsschäden.) Jesus, Maria und der greise Ehemann stehen der sterbenden Anna bei. Diese legendäre Szene ist in nachtridentinischer Zeit analog zum Tod Josephs konzipiert worden.

Vier Szenen in den äußeren Bildfeldern der östlichen Deckenhälfte zeigen Visionen einer Ordensschwester, und zwar handelt es sich bei dreien sicher um Visionen der seligen Coleta Boilet, der Reformatorin ihres Ordens – des Klarissinnenordens. Ihre Visionen beziehen sich auf das theologisch viel diskutierte sog. Trinubium der hl. Anna; sie sieht die drei Töchter Annas und ihrer drei Ehemänner, Joachims, Kleophas’ und Salomas’, und deren Nachkommen (vgl. AASS Martii, Tomus 1, 6. 3., S. 556), die Darstellung der vierten Szene ist nicht mehr eindeutig feststellbar.

11 COLETA SIEHT ANNA MIT IHREN DREI TOCH- TERN Maria, Maria Kleophas und Maria Salome. (Malerei durch einen durchgehenden Sprung der Maltafel beschädigt.) Die Ordensschwester – in der Tracht der Klarissinnen – ist im Gebet am Altar kniend wiedergegeben. Die vier Frauen erscheinen ihr auf einer Wolke sitzend

12 COLETA SIEHT MARIA MIT DEM JESUSKNA- BEN (Stark beschädigt durch Brettwurfsprünge.) Maria führt Jesus an der Hand, beide wenden sich mit einer Grußgeste der Nonne zu. – Die Szene ist der vorangegangenen – rechts daneben – kompositionell spiegelbildsymmetrisch zugeordnet und im Detail variiert: Coleta ist als Rückenfigur gezeigt, über dem Altar erhebt sich eine Säule.

13 COLETA SIEHT MARIA SALOME UND DEREN SÖHNE, Johannes Evangelist und Jakobus den Älteren (wenig beschädigt.) Hier hebt die Nonne – zur Seite des Altares – bei der Vision eine Hand zu ihren Augen. Die drei biblischen Gestalten, Johannes und Jakobus deutlich durch Attribute bezeichnet, sitzen auf einer Wolke.

14 COLETA(?)SIEHT MARIA KLEOPHAS(?) (Stark durch Feuchtigkeit beschädigte Malerei, die obere deutlich abgesetzte Hälfte ist vielleicht erneuert.) Eine in Tracht und Typ genau übereinstimmend dargestellte Ordensschwester sieht eine weibliche Gestalt, in Typus und Gebärde der Maria Salome der vorher genannten Szene gleichend. Diese weist auf vier nebeneinander sitzende Männer, die jedoch nicht – wie zu erwarten – als die vier Söhne der Maria Kleophas, nämlich als Jakobus der Jüngere, Simon, Judas und Joseph, vielmehr als ein Greis und drei geistliche Würdenträger, zwei Bischöfe und ein Papst, bezeichnet sind. Die Würdenträger und der vielleicht als Prophet zu deutende Greis erinnern im Zusammenhang mit der Immaculata-Conceptio-Thematik an Disputà-Darstellungen, doch ist eine solche als Visionsbild unbekannt. Vielleicht sind die vier Männergestalten bei einer Restaurierung mißverstanden und umgeändert worden, wofür auch das ungewöhnliche Attribut in Händen des Papstes spricht – es handelt sich hierbei offensichtlich um die Säge des Apostels Simon.

 
 
St.-Anna-Szenen Ostseite

DEUTENHAUSEN

Drei Szenen schließlich zeigen das wunderbare Wirken St. Annens nach ihrem Tod an.

15 ST. ANNA VEREHRT VON KRANKEN, ARMEN UND PILGERN (Ein Brettwurfriß mit Feuchtigkeitsschäden.) Fünf Notleidende knien im Kreis und flehen zu der Heiligen im Himmel. Ein Pilger, gekennzeichnet durch das Muschelabzeichen, Hut und Stab, ein Bettler mit einer Schale, eine Blinde, auf ihre Augen weisend. Im Hintergrund in der Mitte eine liegende Gestalt, die Hände auf der Brust gefaltet, wohl ein Sterbender oder gerade Verstorbener – St. Anna wirkte zahlreiche Wunder an gerade Verstorbenen (vgl. AASS Julii, Tomus 6, S. 259 ff.).

16 ST. ANNA WIRKT EIN WUNDER Die Heilige neigt sich vom Himmel herab zu einem Beter, der in freier Landschaft kniet, im Vordergrund die hl. Maria (?) vor einer vergitterten Felshöhle, in welcher höllische Flammen und Teufelsgestalten sichtbar werden. - Errettung einer Seele aus den Flammen der Hölle? Eine Quelle für diese Wunderszene ist unbekannt.

17 VEREHRUNG ANNAS Den Andächtigen am Altar der Hl. Familie erscheinen Jesus, Maria und Anna. Der Jesusknabe hält einen Kranz von Rosen über Annas Haupt

Jesus und Maria fordern die versammelten Gläubigen zur Verehrung Annas auf.

Quellen und Literatur

Braun-Augsburg, Bd 1, S. 155.

KDB I OB (1), S. 578

Stegherr, Peter, Die St. Annakirche in Burggen, in: Schongauer Nachrichten 1928, Nr. 17–29.

Hofmann, Sigfrid, Die Kirchen der Pfarrei Burggen, Wissenschaftliche Veröffentlichungen des Heimatpflegers von Oberbayern, Reihe A, Heft 8, Schongau 1955.

Wille, Joseph, Der Maler Franz Xaver Bernhard von Eggenthal, in: Unser Allgäu 12, Nr. 10, 1958.

Hofmann, Sigfrid, Der Landkreis Schongau, Müncher 1959, S. 55.

Fuchs, Adolf, Franz Xaver Bernhard »de Eggenthall« und seine Künstlersippe, in: Kaufbeurer Geschichtsblätter 3, 1960, Nr. 5/6, S. 45–51.

Hofmann, Sigfrid, Die Sakralbauten der Gemeinde Burggen, in: Lechisarland 1963, S. 103 ff.

Fried, Pankraz und Sebastian Hiereth, Die Landgerichte Landsberg und Schongau (= Historischer Atlas von Bayern Bd 22–23), München 1971, S. 253 f.