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Burggen, Pfarrkiche St. Stephan

Aus Deckenmalerei-Lab


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 1: Die Landkreise Landsberg am Lech, Starnberg, Weilheim-Schongau. Hirmer, München 1976, ISBN 978-3-7991-5737-7, S. 393–396, geschrieben von Bauer-Wild, Anna, Böhm, Cordula, Lüdicke, Lore und Werner-Clementschitsch, Heide. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Pfarrkirche, Diözese Augsburg; z. Z. der Ausmalung hatte das Hochstift Augsburg das Präsentationsrecht auf die Pfarrei, bischöfliches Pflegamt Füssen

Patrozinium: St. Stephan

Zum Bauwerk: Die gotische Anlage wurde 1679/83 unter Leitung des Wessobrunner Maurermeisters Johann Gannemacher umgebaut. 1777/78 abermalige Umgestaltung unter Maurermeister Nigg aus Füssen und Innenausstattung. Chronogramm am Chorbogen: StephanVs DIspVtans / CoMparVerat / pLenVs spIrItV sanCto (= 1778). - Fünfjochiges pilastergegliedertes LHs, eingezogener quadratischer AR mit dreiseitigem Schluß; im W Doppelempore

Autor und Entstehungszeit: Signatur in A an der vorderen Stufe rechts: Franc. Xaveri. Bernhard. de / Eggenthall pinxit. 1778. Franz Xaver Bernhardt (*1726 †1780 in Eggental) entstammt einer Malerfamilie aus Murnau, von der sich ein Mitglied in Wessobrunn mit einer Tochter des Mathias Schmuzer verheiratete. Ein Sohn aus dieser Ehe, Joseph Bernhardt, ließ sich als Maler in Eggental nieder, von ihm erlernte wohl dessen Sohn Franz Xaver das Malerhandwerk (Wille, Fuchs). Die stilistische Verwandtschaft zu den Fresken Franz Anton und Johann Jakob Zeillers legen die Vermutung nahe, Franz Xaver Bernhardt sei auch ein Schüler dieser beiden Meister gewesen (vgl. das Fresko B mit Bernbeuren, Pfarrkirche, Fresko D).

Befund

Träger der Deckenmalerei: LHs Flachtonne mit Stichkappen, AR flache Pendentifkuppel

Rahmen: A imitierter Profilrahmen, A1-6 imitierte Rocailleornamentkartuschen, B, B1-4 Stuckprofil

Technik: Fresko; A, B polychrom, A1, 2, 5, 6, EB1-5 monochrom karmin, A3, 4 monochrom ocker, B1-4 monochrom grünlich ocker

Maße: A Höhe 10,70 m; 10,80 × 6,70

B Höhe 10.60 m (Stich 0.90 m); Ø 8,50

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Restaurierung laut Inschrift in A Restauriert: Maierle 1892 / Konserviert 1955. 1955 Abnahme der starken Übermalungen durch A. Dasser und Einstimmung der Zwickelbilder. In A verkittete Risse; der Kopf Gottvaters erneuert; A1-6 starke Feuchtigkeitsflecken und Fehlstellen; in B verkittete und offene Risse; B1-4 erhebliche Übermalungen

Beschreibung

A DISPUTATION DES HL. STEPHANUS Das einansichtige Fresko hat seinen Betrachterstandpunkt unterhalb des westlichen Bilddrittels. Vom östlichen Bildrand steigt eine breite Treppenanlage zu einer gewaltigen Portalarchitektur auf, unter welcher der Hohe Rat versammelt ist. Der Hohepriester thront unter einem Baldachin, die Schriftgelehrten sind auf den Treppenstufen gruppiert und wenden sich erregt gestikulierend dem Diakon zu. Dieser steht in ihrer Mitte, Blick und Gebärde zum Himmel gerichtet. Im Himmel thront, von Engeln umgeben, die Hl. Dreifaltigkeit: Gottvater neben der Weltkugel, Christus mit dem Kreuz und die Taube des Hl. Geistes in heller Strahlenglorie. Von der Dreifaltigkeitsgruppe schwebt ein Engel mit der Dornenkrone Christi zu der irdischen Szene herab.

Die Komposition ist symmetrisch: Stephanus, Engel und Geistestaube markieren die Mittelachse. Die irdische

A3 Der Heilige Stephanus ist mit dreien Cronen geziert worden. Stephanus kniet auf Wolken, in Strahlen über ihm schweben eine Dornen-, eine Gold- und eine Sternen- krone.

Szenerie und die Himmelsgruppe sind in zwei gegeneinandergerichteten Dreiecken angeordnet, wobei das östliche durch den hochaufragenden Portikus die Gesamtkomposition beherrscht. In der Architektur ist Höhenillusion angestrebt. Jedoch sieht man die Figuren von dem Standpunkt, von dem aus die Architektur »richtig« zu stehen scheint, verzerrt, wodurch sich eine Dikrepanz zwischen figürlicher Darstellung und architektonischer Illusion ergibt. Der originale Farbcharakter des Freskos ist beeinträchtigt, die Farben sind durch Restaurierung milchig-grau und stumpf geworden. In Wolken und Architekturen herrscht milchiges Braunrosa vor, das wie die ockergelben, grau-blauen und mattrosa Farben der Kleider eine unbunte Gesamtwirkung hervorruft.

A1-6 Szenen aus der Apostelgeschichte und Wunder nach dem Tod des hl. Stephanus, mit Inschriftbändern A1 Die Apostel Erwähleten Stephanum: act. 6. 5. Stephanus wird von den Aposteln zum Diakon ausgewählt. Er steht in ihrer Mitte; Strahlen vom Himmel fallen auf ihn nieder.

A2 Sie betheten und Legten ihm die Hände auf, act. UI. 6. Stephanus kniet unter den Aposteln auf einer Stufe, einer von ihnen weiht ihn durch die Handauflegung.

A4 in Gegenwart der H:Reliquien Stephani ist der Teufel aus einer besessenen getrieben worden. Ein Bischof – Augustinus – hält den von Strahlen umgebenen Reliquienschrein über eine vor ihm kniende fürstlich gekleidete Frau; ihrem Mund entfliegt ein Drache.

B Abendmahl B1-4 Evangelisten

A6 Die Blumen machten ein blindes Weib sehend. Eine Frau mit Blindenstock richtet den Blick gegen die von einem Mann hochgehaltenen Blumen.

[[File:Band01_chunk008_p023_img006.jpg|thumb|B ABENDMAHL Die Diskrepanz zwischen illusionistischer Architektur und figürlicher Darstellung ist im Kuppelfresko noch auffälliger als in Fresko A. Über dem Kuppelkranz ist eine umlaufende ornamental-architektonische Attikazone überzeugend imitiert. Der in Untersicht wiedergegebene Bildschauplatz, ein Kuppelraum, fußt jedoch nicht auf dieser Attikazone, sondern ist ohne vermittelnde Motive einansichtig – mit der Basis im O – ins Bildfeld gesetzt. Die Attikazone hat daher nur die Funktion eines Rahmens, ähnlich wie bei einem Tafelbild.

In einem gewölbten Raum, durch dessen Bogenöffnungen man in einen zweiten, dahinterliegenden Kuppelraum blickt, sitzen die Apostel um Christus am Tisch, zu dem vier breite Stufen hinaufführen. Nach rückwärts ist der Bildschauplatz teilweise durch Vorhänge, zur Seite durch ein Geschirrbord begrenzt. Auf den Stufen liegen Krüge und Schalen verstreut. Zu Christus, der segnend das Brot bricht und zum Himmel aufblickt, schwebt auf einer Wolkenbank ein Engel hinab, ein Putto zu seiner Seite hebt den lichtumstrahlten Hostienkelch empor.

Die Anwendung der aus der Quadratura herstammenden illusionistischen Sockelzone, wie sie hier in Burggen und in Bernbeuren Bernhardt malt, ist der süddeutschen Malerei fremd, bzw. tritt im süddeutschen Raum erst im späteren 18. Jh. auf, als der Einfluß der österreichischen Deckenmalerei geltend wird. Sie ist ein charakteristisches Kompositionselement der österreichischen Deckenmalerei. Das bekannteste Beispiel auf bayerischem Gebiet, die Kuppel der Klosterkirche Ettal (1752, OB LKr. Garmisch- Partenkirchen), ist auch von dem österreichischen Maler Johann Jakob Zeiller geschaffen. An Zeillers Architektur- darstellungen erinnert aber auch der Säulenportikus in A. Er ist mit der Portalanlage im Kuppelfresko der Abteikirche in Ottobeuren (1756, Schw., LKr. Unterallgäu) fast identisch.

B1-4 Evangelisten in Ganzfigur mit ihren Attributen auf Wolken, B1 Matthäus, B2 Johannes, B3 Lukas, B4 Markus.

EB1-5 Darstellungen des AT und NT an der oberen (EB1-2) und der unteren (EB3-5) Emporenbrüstung, EB1 David psallens – auf die Musikempore bezogen –, EB2 Schlüsselübergabe an Petrus (Mt 16,19), EB3 Christus und die Ehebrecherin (Jo 8,1–11), EB4 Lasset die Kindlein zu mir kommen (Mc 10,13–16), EB5 Vertreibung der Händler aus dem Tempel (Jo 2,13–22) – christologische Szenen, die die Bedeutung der Kirche Christi herausstellen. (Keine Abbildungen)

Ergänzungen zur Ikonographie: Die LHs-Fresken beziehen sich thematisch auf den Kirchenpatron St. Stephanus (25. Dez.). A1–2 zeigen in abgekürzter Darstellung Erwählung und Weihe des ersten Diakons nach dem 6. Kapitel der Apostelgeschichte. Das Hauptfresko A schildert nach Kapitel 7 die Disputation des Heiligen vor dem Hohen Rat

in dem Augenblick, da die Pharisäer gegen ihn ergrimmten und »knirschten mit den Zähnen gegen ihn. Er aber, erfüllt von Heiligem Geiste, blickte zum Himmel, sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen und rief: Seht, ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn stehen zur Rechten Gottes« (Act. 7,54–56, siehe dazu Johannes Bihler, Die Stephanusgeschichte, München 1963). Die Dornenkrone in Händen des Engels deutet das Martyrium des ersten Blutzeugen Stephanus als Imitatio Christi. Sie spielt, ebenso wie die in A3 wiedergegebenen drei Kronen, auf den Beinamen des Stephanus, Krone der Martyrer, an.

Die Ikonographie des vor dem Hohen Rat stehenden Stephanus erinnert stark an die des zwölfjährigen Jesus im Tempel.

In A4-6 sind Wunderheilungen dargestellt, die durch Augustinus überliefert sind (Aurelius Augustinus, De civitate Dei, Liber 22, Cap. 8, PL, Bd 41 = S. Aurelii Augustini Opera, Bd 7, Sp. 766-70, Nr. 10, 13, 22; deutsche Übertragung in: Bibliothek der Kirchenväter, Des Aurelius Augustinus Ausgewählte Schriften 3, Bd 28, Kempten- München 1916, S. 454-62). Eine junge Frau, die auf

einen Fluch der Mutter hin zusammen mit ihren zehn Geschwistern von Gliederzittern befallen worden war, wurde in Hippo angesichts der von Augustinus neuerworbenen Reliquie des hl. Stephanus geheilt (A4). - Ein vornehmer Mann, Martialis, der christlichen Religion abgeneigt, wurde von einer Krankheit durch Blumen geheilt, die sein gläubiger Schwiegersohn vom Altar des hl. Stephanus auf das Krankenbett gelegt hatte. Martialis - im Fresko ist eine Frau dargestellt - wurde durch seine Heilung bekehrt (A5). - Eine blinde Frau ließ sich zu Bischof Praeiectus führen, der unter großem Zulauf des Volkes eine Relique des hl. Stephanus nach Aquae Tibilitanae brachte. Sie reichte Blumen dar, die mit der Reliquie berührt wurden, erhielt sie zurück, führte sie an die Augen und wurde sehend (A6).

Das AR-Fresko bezieht sich mit der Abendmahlsdarstellung auf die Einsetzung des Altarsakraments, das an Altar darunter gefeiert wird, hervorgehoben noch durch den vom Putto hochgehaltenen Hostienkelch. Diese Darstellung kommt im späten 18. Jh. in Altarräumen häufiger vor

Literatur siehe S. 402