Alberzell, Filialkirche Heilig Kreuz


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 14: Landkreis Ingolstadt; Landkreis Pfaffenhofen. Hirmer, München 2010, ISBN 978-3-7774-3001-0, S. 175–178, geschrieben von Sauerländer, Brigitte und Langenstein, Eva. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Filialkirche, Pfarrei Tandern, seit 1965 von Hilgertshausen vikariert, Gemeinde Gerolsbach, Diözese Augsburg. Z. Zt. der Ausmalung Hofmark Tandern, zu der Metzenried und Alberzell gehörten, deren Besitzer die Freiherrn von Mändl zu Deutenhofen waren, die auch das Präsentationsrecht auf die Pfarrei hatten. Tandern lag im Gericht Aichach, heute im LKr. Dachau, Alberzell im Gericht bzw. bis 1972 im Landkreis Schrobenhausen.

Patrozinium: Heilig Kreuz (die Kirche besitzt einen Kreuzpartikel); ursprünglicher und seit dem 16. Jh. Nebenpatron hl. Nikolaus

Zum Bauwerk: Der heutige Bau der schon im 10. Jh. bezeugten Kirche stammt aus dem Ende des 17. oder Anfang des 18. Jh.; spätgotischer Turm mit Satteldach - im Erdgeschoss Sakristei an der südlichen AR-Wand.

Einfacher Saalbau zu drei Fensterachsen, runder Chorboger stark eingezogener, zweijochiger AR (7,10×5,45 m) halbrun geschlossen; Pilastergliederung nur im AR. Helle Belichtung durch barocke Rundbogenfenster, im AR je eines auf der N- und S-Seite. Die barocke Ausmalung befindet sich im AR.

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Der Chor der Kirche

Auftraggeber: Sehr wahrscheinlich Joseph Anton Mändl Freiherr von und zu Deutenhofen, † 1728. Auch sein Nachfolger, Freiherr Johann Joseph Wilhelm von Mändl, † 1734, käme zeitlich als Auftraggeber noch in Betracht. Pfarrer in der fraglichen Zeit war Johann Baptist Harter (1724–48), der aus seinem Epitaph im AR der Pfarrkirche von Tandern als »restaurator munificus«, als freigebiger Wiederhersteller dieser Kirche gelobt wird. Für die Freiherren von Mändl als Auftraggeber und gegen Altomünster in dieser Rolle – nach dem Historischen Atlas Schrobenhausen und der Chronik von Reisch gehörten Dorf und Hofmark Alberzell zum Birgittenkloster Altomünster – spricht auch, dass die Auszierung der Deckenfelder im AR von Alberzell nahe verwandt ist mit jener in dem erhaltenen AR von Tandern.

Autor und Entstehungszeit: Autor unbekannt, um 1725/30 Stilistische und motivliche Merkmale weisen auf einen Werkstattzusammenhang mit den Arbeiten des Ingolstädter Freskanten Johann Anton Zächenberger (* um 1690 Salzburg †1773 München), sowie mit dem Stuckdekor auf farbigem Grund aus der Hand seines jüngeren Bruders, des ebenfalls in Ingolstadt ansässigen Stuckators Wolfgang Zächenberger (* 1696 Straßwalchen bei Salzburg † 1742 Ingolstadt). In der Pfarrkirche Unsere Liebe Frau zu Großmehring haben beide 1728 zusammen gearbeitet (CBD Bd 13, LKr. Eichstätt, S. 254f.).

Von Johann Anton Zächenberger sind Freskierungen in Puch (siehe S. 230) und in München-Perlach (CBD Bd 3/I, S. 94) signiert und 1720 bzw. 1729 datiert. Vergleicht man die Figur des hl. Nikolaus in Alberzell mit dem hl. Martin in Puch (Fresko B) und mit dem Bischof von Sipont (Fresko B) in der Michaelskirche in Perlach bei München, so zeigen sich trotz größerer Qualitätsunterschiede Gemeinsamkeiten: überlange Gliedmaßen, Gesichter mit breiter Stirn und breiter stumpfer Nase, ungeschickter Körperaufbau in der Haltung des Kniens, scharf nach außen umknickende Innenränder des Pluviale, Bischofskrumme in Gestalt eines eingerollten Akanthusblatts. In diese Vergleichsreihe fügt sich stilistisch die Figur des Hohenpriesters aus der Szene Mariä Tempelgang an der Emporenbrüstung in Großmehring ein.

Vergleicht man den in Alberzell nur gemalten Stuckdekor auf Brokatmustergrund, der mit eckig gebrochenem Bandwerk und kurvig geführten Blattranken arbeitet, dazu eingestreute Medaillons und Muschelmotive verwendet und als Blumenmotiv nur vorgetäuschte Blumenvasen in Grisaillemalerei aufweist, mit der Stuckierung auf farbig gemustertem Grund der 1730 fertig gestellten Pfarrkirche von Tandern, so erscheint er

als ein vereinfachter Verwandter des dortigen reicheren Systems, das außer eingestreuten Medaillons auch noch kleine, farbig abgesetzte Binnenfelder mit bizarr geführten Umrissen einfügt. Diese Charakteristika rücken die Stuckierung in Tandern in die Nähe der Auszierung der Liebfrauenkirche in Großmehring, wenn auch dort die Einzelmotive etwas anders gebildet sind. Es ist vorstellbar, dass das Gewölbe in Alberzell wie in Tandern stuckiert war und dass bei der Freilegung die Vorzeichnung für diese Stuckierung aufgefunden wurde.

Die Kirchenneubaurechnung von Tandern von 1730 nennt bei Einzelabrechnungen keine Namen; die von Alberzell erhaltenen Kirchenrechnungen betreffen nicht den Zeitraum der Ausmalung; das ursprüngliche Deckenbild im AR von Tandern ist zerstört. So kann man nur auf Grund des vorhandenen stilistischen Befunds vermuten, dass Tandern und das untergeordnete Alberzell in Ausmalung und Auszierung zumindest dem Werkstattumkreis der Brüder Zächenberger entstammen.

Befund

Träger der Deckenmalerei: AR Tonnengewölbe mit Stichkappen, nach O abgemuldet

Rahmen: Der gesamte Stuckdekor ist gemalt. A Bandrahmung in Form eines in die Länge gezogenen Vierpasses mit Einbuchtungen in den Diagonalen, A1-4 Bandrahmung in Kreisform Technik: Fresko; polychrom

Maße: Höhe 6,00 m; 3,60 × 2,20

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Die ursprüngliche Langhausdecke, vermutlich eine bemalte Flachtonne, ging bereits im 19. Jh. verloren. In einer Kirchenbeschreibung von 1809 heißt es: »Die Filial Kirche, so ganz von Stein gemauert... ist mit einer hölzernen Kurftecken versehen, der Tachstuhl aber total baufällig...« (ABA Pf 183, K7: Beschrieb . . . ). 1889 wurde der Gemeinderaum verlängert und erhöht; die Kirche erhielt einen neuen Dachstuhl (ebd. K1: Summarische Übersicht...). Bei einer Innenrestaurierung 1922 wurden von Kunstmaler Johann Michael Schmitt neue Deckengemälde angebracht: Im LHs »Kreuz und Erdkugel«, im AR »Hl. Geist mit Engeln«, am Chorbogen ein Schild mit der Inschrift Heiliges Kreuz sei unsere Rettung! Die dekorative Ausmalung im LHs erfolgte durch Malermeister Hans Schober, Pfaffenhofen a. d. Ilm (BLfD, Restaurierungsakten Alberzell). Bei der folgenden Restaurierung und Sanierung der Kirche 1958 wurde die schadhafte LHs-Flachdecke durch eine neue ersetzt und diese von Kunstmaler Michael Peter Weingartner, Pfaffenhofen a.d. Ilm, mit einem Deckengemälde »Triumph des Kreuzes« versehen: Im Zentrum die Hl. Dreifaltigkeit mit dem Kreuz, umgeben von Engeln, in den Ecken Heilige mit Kreuzattribut: St. Christophorus und St. Johann Nepomuk, Simon von Cyrene und St. Helena (östlich) sowie St. Petrus und St. Andreas (westlich). Im AR wurde die barocke Ausmalung freigelegt von Jakob Holderried, Pfaffenhofen a. d. Ilm, und restauriert von Kunstmaler August Kröninger, München. 1973/74 erfolgte eine bauliche Instandsetzung. Letzte Restaurierung der Raumschale 1998 durch Bernd Holderried; »die Deckengemälde und ornamentaler Dekor wurden gereinigt, Risse verkittet, Kittstellen retuschiert. Die mit Brokatmustern marmorierten Kartuschen und anderen Details bemalten Pilaster an den Chorwänden wurden freigelegt und retuschiert und die aufgedeckte Malerei an den ergänzten unteren Teilen der Pilaster (im 19. Jh. abgeschlagen) rekonstruiert« (BLfD, Restaurierungsakten Alberzell, Ergebnisniederschrift Kratzsch vom 9. 7. 1998).

Die Malerei im AR ist technisch jetzt in gutem Zustand. Doch ist durch Übermalung und spätere Freilegung die oberste Mal schicht vollkommen abgerieben und von der barocken Substanz nicht viel erhalten.

Beschreibung und Ikonographie

Die barocke Ausmalung, die szenische und die rein ornamentale, befindet sich im AR. Nach zwei an den AR-Wänden aufgedeckten Stellen wird vermutet, dass ursprünglich auch die heute weiß getünchten Wände vollständig ornamental bemalt waren. Erhalten und sichtbar sind heute die Einfassungen der drei AR-Fenster in Gestalt von Frucht- und Blattgewinden, die Trauben und Granatäpfel enthalten. Angelegt ist diese »graphische« Darstellung als braune Zeichnung auf gelbtonigem Grund und modelliert mit Weißhöhungen.

Das Tonnengewölbe mit seinen vier Stichkappen ist vollständig von einer verschieden gemusterten Grundbemalung überzogen, in die, großen Broschen vergleichbar, das längs gestreckte, von einem gedehnten Vierpass eingefasste Hauptfresko A, in den Stichkappen die Rundmedaillons A1-4 und auf den beiden Stichkappenzwickeln je ein Ovalmedaillon eingelassen sind. Der eckig gebrochene, imitierte Bandwerkstuck und seine vegetabilen Ausläufer überziehen die restlichen Gewölbefelder. Lorbeerblattstäbe betonen die Kanten der Stichkappen. Ein Eierstabmuster ziert die Bandrahmen von A und A1-4. Den Ostrand der AR-Kalotte besetzt ein großes Muschelmotiv, neben dem kleine Medaillons und Muscheln mit Puttoköpfchen in den Bandwerkstuck eingefügt sind.

Als Grundbemalung der Tonne fungiert ein in brauner Zeichnung auf Ocker angelegtes Brokatmuster. Bei den Stichkappen sind die beiden westlichen etwas anders gestaltet als die beiden östlichen. Bei den ersteren ist das obere Eckfeld samt der Medailloneinfassung in einem stark aufgelichteten Hellblau gehalten, während die seitlichen Eckfelder ein rosaviolett grundiertes Rautenmuster zeigen; bei den letzteren ist die Farbgebung umgekehrt. Der imitierte Stuck ist in einem gelbtonigen Weiß gehalten. Die beiden Medaillons in den Zwickeln zeigen auf hellblauem Grund je eine imitierte Stuckvase mit Blumen als Grisaillemalerei. Bei dieser Art der Gewölbeausmalung sind szenische Darstellung und reine Auszierung einander annähernd gleichgewichtig.

A HL. NIKOLAUS IN DER GLORIE Die einansichtige, tafelbildmäßige Darstellung ist, für einen AR ungewöhnlich, hier gewestet; dagegen zeigt das Schriftband, das die Putten am Fuß des Bildes halten, eine geostete Inschrift ESTO/IUVENTUS SIMILIS ILLI Ecc: ... (Jugend, sei ihm gleich. Zitat nicht identifizierbar). Der hl. Nikolaus, der die Bildmitte einnimmt, kniet auf einer breiten Wolkenbank vor Wolkenhintergrund und ist allseitig von Putten bzw. Puttoköpfchen umrahmt. Ein heller Lichtschein hinterlegt Kopf und Oberkörper des Heiligen. Er ist im Bischofsornat dargestellt in Albe und goldverziertem Pluviale und der goldfarbenen Mitra. Er ist in der Haltung des Fürbitters wiedergegeben,

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Das Chorgewölbe mit A St. Nikolaus in der Glorie, A1-4 Patronat-Szenen (1725/30)

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die rechte Hand auf der Brust, den linken Arm mit der geöffneten Hand weit ausgestreckt, seine Schutzbefohlenen dem Herrn empfehlend. Die Putten halten Bischofsstab und das Buch mit den drei goldenen Kugeln darauf, Hinweis auf seine Gabe für die Aussteuer der drei mittellosen Jungfrauen.

Farb- und Formgebung lassen sich wegen der Beeinträchtigung der Oberfläche nicht mehr gerecht beurteilen. Zarte Gelb- und Rosa-Rot- und Brauntöne bestimmen die Palette.

A1-4 Stichkappenmedaillons Sie gehören an der Nord- und der Südseite jeweils als Paar zusammen und betonen die Nothelferfunktion des hl. Nikolaus

A1 Schiff in Seenot Auf dem aufgewühlten Meer und vor stürmischem Wolkenhimmel treibt ein gefährdetes Segelschiff, dessen gerissenes Segel im Wind flattert. Auf dem Heck, das schon weit aus dem Wasser ragt, ist der hl. Nikolaus zu erkennen, die Hand segnend erhoben. Vor ihm ein ängstlicher Seemann mit ausgebreiteten Armen.

Der hl. Nikolaus gilt als Retter in Seenot, da er der Legende nach Seeleute vor Schiffbruch bewahrte, während er gleichzeitig am Konzil von Nicäa teilnahm (LCI Bd 8, Sp. 52,54).

A2 Arche Noah auf dem Berg Ararat (Gen 8,1–14) Im Mittelgrund des Bildes sieht man rechts das Gebirge Ararat mit der darauf gelandeten Arche. Der Himmel ist bereits wieder blau, von restlichen Wolken durchzogen. Im Vordergrund, am Rand eines Gewässers, befinden sich drei nackte, von Tüchern notdürftig bedeckte Figuren, die angstvoll gestikulieren, da die Flut ihre Körper bereits erreicht hat. Gemeint ist der Untergang all derer, die nicht mit Noah in der Arche waren.

A. Landschaft im Gewitter Flache Landschaft mit tief liegendem Horizont, an dem die ferne Kette der Alpen erscheint. Am rechten Bildrand befindet sich ein stattlicher Baum vor einer Baumgruppe. Am linken verschwindet die noch scheinende Sonne, während aus den Wolken ein roter Blitz hernieder fährt und den Baum trifft.

A4 Edelmann-Sitz Das Rundbild zeigt in Schrägansicht einen einfachen Kastenbau mit Satteldach und auffallend vielen Fenstern an der Giebelseite. Entlang der Längsseite sind Bäume aufgereiht. Den Vordergrund rechts füllt der Ansatz eines langsam ansteigenden Hügels.

Alberzell kann hier nicht gemein sein, denn es war »ein Hofmarch ohne Schloss« (Wening I, 1701, S. 97); eine Ähnlichkeit mit dem Schloss von Tandern besteht nicht (ebd. S. 32, Abb. Blatt M 45). Dagegen sind in dem Rundbild in vereinfachter Form die Hauptelemente des Schlosses von Deutenhofen wiedergegeben, wie es auf dem Kupferstich bei Wening erscheint (ebd. S. 42f., Abb. Blatt M 72). 1624 hatte Johann Mändl, später Kurfürstlicher Geheimer Rat und Freiherr, Schloss und Hofmark Deutenhofen (Gericht Dachau) erworben. Deutenhofen wurde der Stammsitz der Mändls, nach dem sie sich benannten (s. die Epitaphien in der Pfarrkirche von Tandern). Man darf vermuten, dass in A3-4 die Ländereien und der Stammsitz der Freiherren von Mändl dem Schutz des universalen Nothelfers St. Nikolaus anempfohlen werden.

Quellen und Literatur

ABA, Pf 183 (= Tandern): K2: Gebäude, u. a. Baulast, Pfarrkirche..., darin: Act des katholischen Pfarramtes Tandern. Betreff: Kirchenneubau v.J. 1730, darin: Rechnungen über Baumaterial und Handwerker 1728-30. K7: Kirchenstiftung, nur Alberzell und Metzenried, darin: Act über Inventarisations- und Etats... der Filialkirche zu Alberzell, darin als Nr. 7 Beschrieb und Schätzungs-Protokoll der Gebäude und Gründe von 1809. K1: Seelsorgestellen, darin: Act des katholischen Pfarramtes Tandern. Betreff: Pfarr-Visitationen, darin Summarische Übersicht der Pfarr- und Kirchenverhältnisse mit Beginn des Kalenderjahres 1912.

Gemeindearchiv im Rathaus Gerolsbach, Kulturgeschichte und Chronik der Gemeinde Alberzell, 3 Bde, bearb. von Georg August Reischl, Ms. Schrobenhausen 1944/45, Bd 3 S. 153ff.

Braun-Augsburg Bd 1, S. 437. Steichele-Schröder Bd 2, S. 264, 266–68. Geiß, Ernest, Tandern, Scholl und Hofmark und seine Besitzer, in: OAVG Bd 32, 1872, H. 1, S. 244-54. Hopp, Pfründe-Statistik Bd 1, S. 84f. Reischl, Georg August und Ludwig Rauch, Die Gemeinden des Landkreises, in: Heimatbuch Landkreis Schrobenhausen, Pörsdorf bei Aßling 1963, S. 128–30. Rutsch, Franz, Gemeindegebietsreform, in: Kreis Pfaffenhofen – Land und Leute, Ein Heimatbuch für den Landkreis Pfaffenhofen a.d. Ilm, ebd. 1974, S. 178. Historischer Atlas Schrobenhausen, S. 23, 66f. Pötzl, Kultgeographie des Bistums Augsburg, S. 83. Denkmaltopographie Pfaffenhofen, S. 46f. mit Abb.