Siegsdorf, Pfarrkirche Mariä Unbefleckte Empfängnis
SIEGSDORF
Pfarrkirche (seit 1812), Gemeinde Siegsdorf, Erzdiözese München und Freising; z.Z. der Ausmalung Erzbistum Salzburg, Archidiakonat Baumburg. Siegsdorf war Filiale (ab 1712 Vikariat) der großen und bedeutenden Pfarrei Vachendorf, auf die der Dompropst in Salzburg das Präsentationsrecht hatte. Die Blütezeit einer alten Marienwallfahrt war im 17. Jh. Seit 1712 bestand eine Wallfahrt zum wundertätigen Haupt Christi. Gericht Marquartstein
Patrozinium: Mariä Unbefleckte Empfängnis
Zum Bauwerk: Die alte Siegsdorfer Kirche war durch die Bevölkerungszunahme infolge der Errichtung der Traunsteiner Saline (ab 1617) zu klein geworden; 1769 bat der Vachendorfer Pfarrer Thomas Hauner um die Erlaubnis zur Erweiterung. 1771 verfaßten Plazidus Nizinger, Stadtmaurermeister von Traunstein und Georg Harbacher, Zimmermeister in Traunstett, Überschläge zu einem Neubau um 17537 fl., die wegen der hohen Kosten vom Kurfürstlichen Geistlichen Rat abgelehnt wurden. Daraufhin kehrte man zum Plan einer Erweiterung der alten Kirche zurück und Nizinger/Harbacher verfaßten Überschläge dazu (7961 fl.); doch wurde auch diese Erweiterung nicht genehmigt und das Unternehmen aufgeschoben.
1777 wollte der Kurfürstliche Geistliche Rat eine Reparatur der alten Kirche mit einer Erweiterung des Chors genehmigen (2534 fl.), was aber aus bautechnischen Gründen nicht mehr möglich war; und so genehmigte er am 24.11.1778 einen Neubau (7338 fl.).
Nach dem Abbruch des Chors der alten Kirche legte der Siegsdorfer Vikar Philipp Mayr am 22.8.1779 den Grundstein zur neuen Kirche. Baumeister war 1779/80 Plazidus Nizinger. Noch 1779 wurde der neue Chor gebaut, 1780 wurde das alte Langhaus abgebrochen und der Rohbau des neuen Langhauses entstand, unter Erhaltung des gotischen Westturms. Im Oktober 1780 war der Bau so weit gediehen, daß Gottesdienste gehalten werden konnten; die Kirche wurde von Pfarrer Thomas Hauner benediziert.
Damals war nach Ansicht des Geistlichen Rats schon zuviel Geld verbaut worden, und deshalb wurde der Münchner Maurermeister Franz Anton Kirchgrabner mit dem Bau befaßt. Kirchgrabner schickte seinen Palier Anton Baumgartner nach Siegsdorf, der ein negatives Urteil über die bisherige Bauleitung abgab: Eigennutz und Verschwendung herrsche bei den Werkleuten. Am 13.1.1781 übertrug der Geistliche Rat die Bauleitung in Siegsdorf an Franz Anton Kirchgrabner, nachdem dieser einen Überschlag über 2592 fl. zum völligen Ausbau der Kirche verfaßt hatte. 1781 Einziehen des Schalgewölbes unter Kirchgrabners Oberleitung wohl durch Baumgartner; im gleichen Jahr wurde die Fassade gemacht sowie innen und außen verputzt. Baumgartner erwarb am 4.5.1781 das Meisterrecht in München und wurde Kurfürstlicher Landkirchenbaumeister. 1782 stellte er die Kirche mit Emporen und Pflaster fertig. 1784 Chororatorien von Nikolaus Sedlmayr aus Siegsdorf und neue Seitenaltäre wohl von Johann Georg Pflaumer, Schreiner in Traunstein, mit Figuren des Traunsteiner Bildhauers Joseph Dietrich. Die Seitenaltarbilder, ursprünglich wohl von Soll, wurden 1855/67 durch nazarenische und 1917 durch neubarocke von Waldemar Kolmsperger ersetzt. Hochaltar aus Marmor 1788-92 vom Münchner Steinmetzmeister Michael Matheo (Voranschlag 4200 fl.). Das Hochaltarblatt mit der Darstellung der Unbefleckten Empfängnis ist von Joseph Holzmayr, Historienmaler in München. Das ursprüngliche Gemälde malte 1790 Andreas Seidl, Professor an der kurf. Zeichnungsakademie München. Es wurde 1840 verkauft.


Feierliche Weihe erst am 8.5.1823 durch Lothar Anselm von Gebsattel, Erzbischof von München und Freising. 1825 Einbau einer neuen großen Orgel mit kleinen seitlichen Emporen sog. Schwalbennestern (Baugeschichte nach AEM, Nachlaß Bomhard Nr. 192 und Stefan Nadler, Kunsttopographie). Als einziges Stück aus der alten Kirche blieb die reiche Rokokokanzel erhalten, die 1755 der Traunsteiner Tischler Johann Georg Pflaumer schuf; die Bildhauerarbeiten sind von Johann Dietrich. Ursprüngliche Fassung von Timotheus Carl Baumgartner.
Weiter Saal zu drei Jochen und einem in den Ecken gerundeten Halbjoch vor dem Chorbogen; dreifache Empore im W; Gliederung durch jonisierende Pilaster; gleichmäßige Belichtung durch große Flachbogenfenster von N und S in allen drei Jochen. Stark eingezogener Chor zu zwei Jochen mit dreiseitigem, seitlich geschwungenen Schluß. Nördlich schließt im Erdgeschoß die Antoniuskapelle an. Pilastergliederung, seitliche Oratorien; Belichtung von N und S im östlichen Joch.
Auftraggeber: Thomas Hauner, Pfarrer von Vachendorf (1742–86); Vikar von Siegsdorf war Philipp Mayr (1778–90). Im Jahr der Amtseinführung des Vikars Mayr wurde der Bau in Angriff genommen. Philipp Mayr setzte sich mit allen Kräften für seine Kirche ein, doch ging er gelegentlich auch sehr eigenwillig vor: So ließ er beispielsweise unter dem Chorbogen einen Kreuzaltar aufstellen, gegen den die Gemeinde heftig protestierte und dessen Entfernung sie schließlich 1792 durchsetzte.
Autor und Entstehungszeit: Franz Joseph Soll (* 1734 Friedingen an der Donau † 1798 Trostberg) 1781. Signatur in A F. Joseph Soll. Fecit. 1781. Chronogramm über dem Chorbogen AeternI PatrIs FILII / EIVsqVe VIrgIneae MatrIs / HonorI Ista saCra AeDes / e noVo ereCta stat (= 1781; die Chorkartusche wurde 1917/19 erneuert, wobei wohl das alte Chronogramm wiederverwendet wurde).
Die Siegsdorfer Ausmalung ist für Soll insofern bemerkenswert, als sie sein einziges Freskenwerk südlich vom Trostberger Gebiet ist, also künstlerisch gesehen im Bereich Traunstein, wo es allerdings keinen fähigen Freskanten gab. Die Ausmalung zog sich nach den Berichten des Vikars Philipp Mayr bis zum Herbst 1783 hin (zweimal sagt Mayr sogar, bis 1784, s. AEM, Nachlaß Bomhard). Soll malte in der Siegsdorfer Kirche auch die fingierte Stuckornamentik. Er wurde mit 650 fl. bezahlt. Möglicherweise waren auch die ursprünglichen Seitenaltarblätter von Soll.
Befund
Träger der Deckenmalerei: LHs flache Tonne, im O abgemuldet; AR flache Tonne
Rahmen: A über einem Stuckprofil gemalter Rahmen; 1–2 gemalter Rahmen; B Stuckprofil
Technik: Fresko; alle Bilder sind polychrom
Maße: A Höhe 15,15 m; 13,45×10,50
B Höhe 13,70 m; 5,00× 4,20
Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1840 Renovierung des Hochaltars. Im Jahr 1849 Innenrenovierung mit Erneuerung der alten grün-weißen Raumfassung, Restaurierung der Deckenbilder durch den Traunsteiner Maler Franz Wieninger und Vergolden der Rahmen durch den Maler Marinus Holzmayer von Grabenstätt. Das Übertünchen einiger Deckenbilder war angeordnet worden, die Gemeinde aber setzte sich erfolgreich für den Erhalt der »kleineren 6 ganz geschmacklo sen Gemälde an der Decke des Schiffs sowie an der erster Emporkirche« ein. Nächste Innenrenovierung 1877/78 mit Übertünchen des Chorfreskos und Ausführung einer völlig neuen Dekorationsmalerei. Übrig blieb von der Soll-Ausmalung nur das Hauptbild A im LHs. Bei der nächsten Innenrenovierung 1917/19 durch die Fa. Vitzthum und Schlee, Altötting, wurden die Fassungen und Teilübermalungen von 1849 und 1877 beseitigt und die übermalten Fresken des 18. Jh. wieder aufgefunden. Nach den Resten und mit Hilfe von Zeichnungen im Pfarrarchiv, die vor der Übermalung 1849 angefertigt worden waren, wurde unter Leitung des Konservators Joseph Schmuderer der ursprüngliche Zustand rekonstruiert, wobei die Bilder »teils aus der Übertünchung wieder herausgeholt werden konnten, teils durch Zeichnungen nachgewiesen waren« (Doering 1920). Die Dekorationsmalerei wurde damals ebenfalls teils aufgedeckt, teils rekonstruiert.
Nächste Restaurierung 1951 durch Max Faltner, Rosenheim; an den Deckenbildern wurden umfangreiche Retuschen angebracht, die neubarocke Dekorationsmalerei wurde durch Weißhöhungen und graue Kalklasuren in der Wirkung stark verändert.
Letzte Restaurierung 1989/90 durch Fa. Dreyer, Traunstein. Ziel dieser Restaurierung war, die neubarocke Dekorationsmalerei »rekonstruierend zu wiederholen«, es wird von einer »Neubemalung der Raumschale im ornamentalen Bereich« gesprochen. Die ursprüngliche Bemalung des Chorbogens wurde nach Befund wiederhergestellt. Die Untersuchung des großen Deckenbildes A durch Erwin Bierwald ergab zahlreiche Haarrisse, eine lose Putzstelle in der Nähe des Chorbogens und einen kleinen Wasserschaden. Das Fresko war verschmutzt und zeigte einige Übermalungen einer früheren Restaurierung. Die anschließende Restaurierung führte der Restaurator Bernhard Symank durch. Die barocken Fresken sind in gutem Zustand.
Beschreibung und Ikonographie
Das große, annähernd rechteckige Hauptfresko A füllt fast die ganze Gewölbefläche des LHs. Am abgemuldeten Gewölbe des Halbjochs zum Chorbogen hin befinden sich seitlich die beiden großen Bildkartuschen A1-2. Zu seiten des Hauptbildes sind acht kleine Szenen. Die neubarocke Dekorationsmalerei verbindet die barocken Bildfelder auf überzeugende Weise.


A VEREHRUNG DES HAUPTES CHRISTI Umlaufende Szenerie; die himmlische Erscheinung ist auf die Hauptansicht nach O bezogen, doch findet sich in dieser Ansicht keine figürliche Darstellung, sondern nur Landschaft. Die Figurenszenen sind an der N- und S-Seite zu sehen, während im W wiederum nur Landschaft dargestellt ist, abgesehen von einigen Figuren in den Ecken, die zu den Szenen der Längsseiten gehören.
An der nördlichen Längsseite des Deckenbildes ist eine brennende Stadt dargestellt – Die Stadt Traunstein 1704 beim Überfall der kaiserlichen Truppen während des Spanischen Erbfolgekriegs. Damals wurde Traunstein fast völlig zerstört. Hinter einer bereits vom Feuer erfaßten Häuserzeile am Rand der Stadt sieht man die Traunsteiner Pfarrkirche St. Oswald in hellen Flammen stehen, die aus Turm und zerstörtem Dach schlagen. Im Vordergrund rechts beklagen Traunsteiner Bürger das Unheil. Sie sind dargestellt in der Art von Bittflehenden: ein halbnackter Greis mit flehend zum Himmel erhobenen Armen, ein weinendes Kind und eine Mutter, um die sich ihre Kinder scharen. Gegenüber, zur NW-Ecke des Bildes hin marschieren die Panduren ab - Soldaten mit Schnurrbärten und langen Zöpfen, auf ungarische Art gekleidet; der hinterste dreht sich zur brennenden Stadt um und läßt ein höhnisches Lachen sehen.
Beim großen Brand von Traunstein am 23.8.1704 durch die gefürchteten, oft feuerlegenden und plündernden Panduren und Kroaten der kaiserlichen Truppen verbrannte ein Kruzifixus, »eine beachtliche Arbeit der zweiten Hälfte des 17. Jh.« (Bomhard), der an der Außenseite der Traunsteiner Pfarrkirche St. Oswald unter einem kleinen bogenförmigen Dach gehangen hatte. Lediglich der Kopf Christi und ein Teil des Oberkörpers blieben im Brandschutt erhalten. Bei den Aufräumungsarbeiten fand ein Geistlicher den Christuskopf im Schutt und nahm ihn mit Erlaubnis des Pfarrers mit nach Hause, weil er dachte, man könne ihn wiederherstellen. Als sich dies als unmöglich erwies, überließ er das Haupt einem Mann aus Siegsdorf, der es in seinem Haus aufbewahrte und eine große Andacht zu ihm faßte, die von den zunächst nur neugierigen Nachbarn bald geteilt wurde. Die Verehrung wuchs, und am 2.6.1712 wurde das Haupt in der Kirche aufgestellt. Bald entstand eine Wallfahrt, Wachs, Kerzen und Votivtafeln sowie Geld wurden gespendet: das heilige Haupt wurde vor allem bei Kopfschmerzen angerufen. Endlich wurde die neuentstandene Wallfahrt dem Konsistorium für geistliche Sachen in Salzburg mitgeteilt, mit der Bitte, dem heiligen Haupt einen Altar aufrichten zu dürfen, was auch bewilligt wurde. »Zu welchem Endte sich auch Ihro Hochwürdten und Gnadtan Ham And '1'

9. Sonntag nach Pfingsten als den 11. Augusti, anhero begeben, in dessen Gegenwarth, und in Begleitung des Orths Pfarrherrn samt villen anderen umligenten Herrn Seelsorgern unter grossem Zuelauff des Volckhes das heyl: Bildt von dem Orth an der Epistlseithen abgenommen, in gehaltener volckhreichen Procession herumb getragen und dahin, wo es iezo unter dem Titl des heyl: Haubts andächtig verehret wirdt, feyerlich übersezet worden«. Der Archidiakon, Propst Patritius Stöttner von Baumburg, las an dem neuen Altar die Messe, es folgten Hochamt und Predigt (nach AEM, »Gründtlicher Bericht...«). Auf diese feierliche Prozession bezieht sich die Darstellung auf der Süd- und Westseite des Deckenbildes. Hier bewegt sich eine Prozession zur Siegsdorfer Kirche, die vor hohen bewaldeten Bergen liegt, vom Friedhof und einigen Gehöften umgeben. Zahlreiche Geistliche begleiten den Traghimmel, unter dem ein hoher Geistlicher mit Mitra und Pedum – der Propst von Baumburg – das Siegsdorfer heilige Haupt trägt, gefolgt von weltlichen Personen. Diese Prozession gab dem Freskanten Soll, der außerordentlich gern porträtierte, willkommene Gelegenheit, sein Können zu zeigen; allerdings lassen sich zwar diejenigen Figuren mit einiger Sicherheit benennen, die eine historische Person darstellen im Gegensatz zu den allgemeinen Figuren- und Gesichtstypen, doch sind die einzelnen porträtierten Personen nicht mehr zu identifizieren. Sicher ist
auf jeden Fall, daß die Porträtierten nur Zeitgenossen von 1781 sein können, die hier wie in einem Portrait historié in der historischen Prozession vom 11.8.1715 erscheinen.
nistorischen Prozession vom 11.8.1715 erscheinen. Bei der Gruppe in der Seitenmitte im Vordergrund, einer Mutter mit drei Kindern, die die Prozession beobachten, während ein Mann mit Stock sie auf die Kirche hinweist, handelt es sich um allgemeine Typen. Der Kreuzträger aber, der die Prozession anführt, zeigt eindeutig individuelle Züge, während die beiden ihm folgenden kleinen kerzentragenden Ministranten wohl kaum Porträts sind. Den Ministranten folgt ein junger Geistlicher, der das Pedum des Propstes von Baumburg trägt, gefolgt von drei Geistlichen mit Kerzen. Diese drei sind sicher historische Persönlichkeiten, der Träger des Pedum eher nicht. Unter dem Himmel, der von Männern in weiten roten Mänteln (nur drei sind sichtbar, es sind wohl alle drei Porträts) getragen wird, schreitet der Propst von Baumburg mit dem heiligen Haupt. Die Figur trägt Mitra und Pluviale, ist aber von allgemeinem Gesichtstyp und sichtlich kein Porträt. Es folgen zwei porträtierte Geistliche in goldenen Dalmatiken. Hinter dem Himmel schreiten die weltlichen Personen, nun schon auf der Westseite des Deckenbildes, zunächst ein vornehmer Herr mit weißer Perücke (der Pfleger von Marquartstein?), dann einfache Männer und Frauen in Alltagstrachten – alles offensichtlich porträtierte Zeitgenossen von 1781. Die

Prozession stellt also zwar in erster Sinnschicht die Prozession von 1715 dar, durch die vielen Porträts von Zeitgenossen abei gewinnt sie den Charakter eines Gruppenporträts von Personen, die sich in irgendeiner Weise um die Verehrung des heiligen Haupts bzw. um die Ausmalung 1781 verdient gemacht haben. Sicher befinden sich unter ihnen der Siegsdorfer Vikar Philipp Mayr, der Pfarrer Thomas Hauner von Vachendorf, die anderen Geistlichen der großen Pfarrei Vachendorf und die Pfarrer der angrenzenden Pfarreien, die regelmäßig ihre Prozessionen zum heiligen Haupt nach Siegsdorf abhielten. Warum der Propst von Baumburg nicht porträtiert ist, läßt sich leicht beantworten: Wegen Mißwirtschaft stand Baumburg 1778-86 unter Administration und hatte keinen Propst. Unter den weltlichen Personen sind der Traunsteiner Stadtmaurermeister Plazidus Nizinger sowie Spender der Ausmalung zu vermuten. Soll porträtierte in seinen Fresken auch gern sich selbst und seine Frau. Das ist hier nicht so offensichtlich wie in der Friedhofskapelle in Tacherting (S. 174–177), aber es bestehen große Ähnlichkeiten zwischen dem Sollschen Ehepaar auf dem Doppelporträt im Stadtmuseum Trostberg und dem Mann, der an fünfter Stelle hinter dem Himmel geht sowie der Frau schräg hinter ihm.
In der Hauptansicht nach Osten, über der waldigen Landschaft mit den Bergen im Hintergrund, entfaltet sich die himmlische Szenerie. Eine große und bewegte Schar von Engeln begleitet und trägt das Siegsdorfer Gnadenbild, das heilige Haupt, das von einem Strahlenkranz umgeben ist. Über ihm halten Engel und Putten eine große goldfarbene, baldachinähnliche Draperie; neben dem Haupt schüttet ein Engel aus einem großen Füllhorn eine Rosengirlande, die von Putten gehalten wird. Damit ist die Gnadenfülle dargestellt, die sich durch das heilige Haupt über Siegsdorf ergossen hat.
1–2 JOSEPH VON ÄGYPTEN In den Abmuldungen des LHs-Gewölbes in der NO- und SO-Ecke sind große Bildfelder angebracht, die sich auf das Hauptbild beziehen, wie die beigefügten Unterschriften in gemalten Kartuschen besagen. Der biblische Joseph wurde als antetypisches Vorbild Christi gesehen. Das tertium comparationis ist hier, daß Joseph an einen andern Ort gebracht wurde, um dort segensreich zu wirken, ebenso wie das Haupt Christi von Traunstein nach Siegsdorf gebracht wurde, um dort Wunder zu tun.
1 JOSEPH WIRD DURCH SEINE BRÜDER VERKAUFT Auf daß ihr / durch mich gerettet / werdet! I. MOS. 4,5,7. (Gen 45,7: Gott hat mich euch vorausgesandt, um euer Geschlecht auf Erden zu erhalten und viele von euch zu retten und am Leben zu bewahren.) Weiter Wiesenplan, seitlich und im Hintergrund Bäume, im Vordergrund eine Ziege und zwei Schafe. Hier umringen die Brüder Josephs drei Ismaeliter aus Gilead, von deren Karawane links am Bildrand zwei Kamele und ein Diener zu sehen sind. Die Brüder sind einfach gekleidet und haben Hirtenstäbe in der Hand, die Ismaeliter, reisende Händler, tragen orientalisierende Kleidung mit Turbanen. Eben zählt der älteste einem der Brüder das Geld für den verkauften Joseph in die Mütze, während Joseph, als kleines Kind gemalt, danebensteht und zum Himmel blickt.
2 JOSEPH GIBT SICH SEINEN BRÜDERN ZU ERKENNEN Zu eurem Heil hat / mich Gott hierher / gesandt! I. MOS. 4,5,7. (Gen 45,7. erster Teil der Schriftstelle, zweiter Teil bei 1). Bildschauplatz ist ein palastähnlicher Raum, in den eine Treppenanlage mit gegeneinander geschwungenen Stufen emporführt. Säulen tragen die ornamentierte Decke und geben Durchblick auf einen prächtigen Vorsaal, wo in einer halbrunden Muschelnische ein Sockel mit Ziervase zu sehen ist. Rechts ragt ein Baldachin auf, der einen Thronsessel überwölbt; auf den Stufen davor ist ein Teppich gebreitet. Auf dem Thron sitzt Joseph in morgenländischer Gewandung, mit Turban und elegantem Schuhwerk. Ein kleiner Mohr hält seinen hermelingefütterten Mantel. Joseph neigt sich seinen Brüdern zu, die auf den Stufen vor ihm knien, in einfacher Hirtentracht, mit Riemensandalen, und sich teils demütig neigen, teils mit bittenden Gesten um Verzeihung flehen.
A1-4 BIBLISCHE SZENEN, BEZOGEN AUF DAS HEILIGE HAUPT In gemalten Ornamentkartuschen an den mittleren Gewölbezwickeln des LHs begleiten vier Szenen aus dem Alten und Neuen Testament das Hauptbild. Sie beziehen sich auf die Geschichte des Hauptes Christi: auf das brandopferähnliche Hingeopfertwerden des Kruzifixus in den Flammen der Traunsteiner Kirche (A1), dann darauf, daß das Haupt trotz des verheerenden Feuers nicht verbrannte (A2), auf seine Auffindung und Bergung aus dem Bauschutt (A3) und seine Erhöhung und Verehrung in der Siegsdorfer Kirche (A4). Die Inschriften, die den Sinn der Darstellungen deutlich machen, befinden sich jeweils in einer gemalten Ornamentkartusche unter der Szene.
A1 OPFERUNG ISAAKS Opfere ihn mir zum / Brandopfer./ I. Mos. 22,2. (Gen 22,2). Der junge Isaak liegt auf dem Scheiterhaufen, neben ihm steht sein Vater Abraham mit gerecktem Schwert, bereit, seinen Sohn zu opfern. Ihm erscheint der Engel.





Bäumen liegt der von Räubern Verwundete. Der Samarite beugt sich über ihn und behandelt seine Wunden mit Öl aus einem Fläschchen.





B MARIA VOM SIEGE Das Chorfresko bezieht sich auf das Kirchenpatronat Mariä Empfängnis. Es zeigt eine Himmelszenerie. Auf einer großen Weltkugel in Wolken steht Maria als Immaculata Conceptio mit dem Sternenkranz um das Haupt, den Fuß auf die Schlange setzend, die sich um die Weltkugel windet. Das Jesuskind auf den Armen Mariens sticht mit einer Lanze auf die Schlange ein, deren oberes Ende ein Kreuz bildet. Aus dem Maul der Schlange fällt der Apfel. Zahlreiche Engel umgeben Maria, tragen ihren weiten blauen Mantel und halten ihre Würdezeichen: links einen Kranz aus weißen, roten und goldenen Rosen als Hinweis auf den freudenreichen, schmerzhaften und glorreichen Rosenkranz; eine Lilie als Symbol der Reinheit; links oben den Morgenstern, eine Anrufung aus der Lauretanischen Litanei wie die Rose rechts oben; weiter einen Korb mit Rosengirlanden, ein rotes goldgesäumtes Kissen mit der Krone der Patrona Bavariae und ein Zepter. Über den Engelsscharen thront Gottvater auf Wolken, über Mariens Haupt schwebt die Taube des Geistes.


eine weite Landschaft spannt. Der Regenbogen tritt schon beim Kirchenlehrer Bonaventura als Symbol Mariens auf: »Est in arcu caeruleus color, qui virginitatis typum gerit: et rubeus etiam, qui caritatis formam notat: puritatis tuae demonstrat aqueus notam et humilitatis, quam elegit in te deus« (Laus virginis 6, 469; s. Lottlisa Behling, Neue Forschungen zu Grünewalds Stuppacher Madonna, in: Pantheon 26, 1968, S. 11–20). Bc Eine Blume wird / aufgehen aus seiner / Wurzel!/ Is. 11,1 (Is 11,1). Rosenstrauch mit drei Blüten. Die bis dahin christologisch gedeutete Wurzel Jesse wurde im 15./16. Jh. zu einem Sinnbild der Immaculata Conceptio Mariens (LCI, Bd 2, Sp. 339, s.v. Immaculata). Bd Ich bin wie die Eule / in ihrer Wohnung!/ Ps. 101,7. Felswand; vor ihrer Höhle sitzt die Eule; andere Vögel umflattern sie. Die Eule, in der christlichen Ikonographie eher negativ besetzt und auch im Psalm Bild des trauernden Psalmisten, kann über komplizierte Gedankengänge auch als Bild für Maria gebraucht werden (Picinelli, Lib. IV, s.v. noctua); in unserm Zusammenhang aber nicht einleuchtend. Be Auserlesen wie / die Sonne!/ Cant. 6,10 (Cant 6,10). Strahlende Sonne zwischen Wolken (s.o.). Bf Wie eine / Lilie unter Dörnern!/ Cant. 2,2. Eine Lilie, die zwischen Dornen wächst. Mit diesem Bild wird die Reinheit und der unvergleichliche Rang Mariens vor den übrigen Frauen symbolisiert.


Untere Emporenbrüstung
Eine Reihe von zehn Bildfeldern zeigt im ersten, dritten, achten und zehnten Feld von links die Vier Evangelisten (EB1-4), im zweiten, vierten bis siebten und neunten Feld Wundertaten Jesu (EBa-f). Die obere Emporenbrüstung zeigt neubarocke Dekorationsmalerei.
EB1-4 VIER EVANGELISTEN In angedeuteten Innenräumen sind die Evangelisten in Ganzfigur dargestellt.






Quellen und Literatur
BHStA, GL Fasz. 4136 Nr. 77: Kirchenneubau und Einrichtung 1771/92. Fasz. 4140 Nr. 85: Erweiterung 1777. StAM, Geistlicher Rat, Kirchen- und Stiftungsrechnungen Gericht Traunstein, 1780: Kirchenbau; 1790: Hochaltar. StAM, Landgericht ä.O., Traunstein Nr. 254: Restaurierung 1848/49; Nr. 285: Reparaturen und Anschaffungen 1855. StAM, Landbauämter 1715: Siegsdorf, Restaurierungen 1849 und 1897.


AEM, Pfarrakten Siegsdorf, Pastoral- und Kultusgegenstände 1612–1888: »Den Ursprung von dem schmerzhaften Haupt Christi zu Siegsdorf und die Andacht hiezu betrf.«; Bauten II Restaurierung 1917/19.
AEM, Nachlaß Peter von Bomhard, Nr. 187: Auszüge aus dem Pfarrarchiv Siegsdorf, Kirchenrechnungen Siegsdorf sowie Akt Erweiterung der Pfarrkirche und Ausmalung; Nr. 192: Manuskript zu einer Publikation über die Kunstdenkmale des Landkreises Traunstein, Teil II, Von Traunstein nach Süden: Obersiegsdorf, Pfarrkirche Unbefleckte Empfängnis.
AEM, Kunsttopographie des Erzbistums, Dekanat 44/Traunstein, Pfarrei Siegsdorf (Stefan Nadler), Pfarrkirche Unbefleckte Empfängnis.
BLfD, Akt Siegsdorf, Pfarrkirche Maria Unbefleckte Empfängnis.
Wagner, Johann Joseph, Geschichte des Landgerichts Traunstein, IV. Geschichte des Decanats Haslach, XV. Pfarrei Siegsdorf, in: OAVG 28, 1868/69, S. 351–70.
Mayer-Westermayer, Bd 1, S. 560–65 KDB I OB (3), S. 1852.
Doering, O., Die Kirche von Siegsdorf, in: Bayerischer Kurier vom 17. 5. 1920.
Abele, Eugen, Franz Josef Soll 1734–1798. Ein Rokokomaler des Chiemgaus, in: Jahrbuch des Vereins für christliche Kunst 6, 1926, S. 1–10. Siegsdorf S. 6 f.
Kögl, Otto, Führer von Siegsdorf, Traunstein 1926.
Schnell, Hugo, Siegsdorf im Chiemgau (= KKF Nr. 59), München 11934.
Bauer, Anton, Wallfahrten im Landkreis Traunstein einst und jetzt, in: Heimatbuch des Landkreises Traunstein, Bd I, Trostberg 1963, S. 171–86. Siegsdorf S. 184.
Toepfer, Paul, Volkskunst im Landkreises Traunstein, in: Heimatbuch des Landkreises Traunstein, Bd II, Trostberg 1970, S. 47–89. Siegsdorf S. 57, Abb. S. 54.
Dehio 1990, S. 1110.
Goerge, Dieter, Johann Nepomuk della Croce 1736–1819. Leben und Werk (= Burghauser Geschichtsblätter 50), Burghausen 1998. Franz Joseph Soll S. 312 f.
Weichslgartner, Alois J., Trostberger Rokoko. Ein regionales Kunstzentrum im Chiemgau, Trostberg 1998. Franz Joseph Soll S. 35–66, Siegsdorf S. 58–60.
A. B