Issing, Pfarrkirche St. Margareta
Pfarrkirche, Gemeinde Pflugdorf-Stadl, Diözese Augsburg; z. Z. der Ausmalung Kloster Wessobrunn inkorporiert, Gericht Landsberg
Patrozinium: St. Margareta
Zum Bauwerk: Kirchenneubau wohl von Joseph Schmuzer, 1716 im Rohbau vollendet; Weihe erst 1736. – Rechteckiger Saalbau mit eingezogenem, halbrund geschlossenem AR
Auftraggeber: Rokokoausstattung unter Abt Engelbert Goggel von Wessobrunn (1770-81; vgl. Trauerrede von 1781 auf den verstorbenen Abt, zitiert bei Hager S. 341), amtierender Pfarrvikar war Pater Beda Kößler (1770–79), der auch eine Pfarr- und Kirchenbeschreibung verfaßte (Landsberger Geschichtsblätter 1914)
Autor und Entstehungszeit: Signatur in A: Johann Baader pinxit anno 1777 (Johann Baptist Baader aus Lechmühl). In der kleinteiligen, vielfigurigen Darstellung ist das LHs-Fresko von Issing dem Pähler Hauptfresko von 1768, der Verurteilung des hl. Laurentius (s. LKr. Weilheim-Schongau), sehr ähnlich, doch sind in Issing die Figuren steifer und stärker kompositionell voneinander getrennt. Die perspektivische Konstruktion und auch die räumliche Disposition sind weit weniger geglückt. Durch diese Züge weist sich das Fresko als ein Spätwerk Baaders aus. (Zu stilistischen Vorlagen von Fresko B siehe Simon S. 213 f.)
Befund
Träger der Deckenmalerei: LHs Flachtonne mit Stichkappen, AR Stichkappengewölbe
Rahmen: A, B imitierte goldene Profilrahmen, daran gesetzt Rocaillebilder (A3-6) und blattartig aufgerollte Rocaillen (B1-4)
Technik: Fresko; A, B polychrom; A1-8 Grisaillen auf Goldgrund, B1-4 Grisaillen auf rosa-gold-tonigem Grund Maße: A Höhe 8,50 m; 8,00 × 5,40
B Höhe 7,50 m; 3,30 × 3,20
Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1860/70 Übertünchung der ornamentalen Gewölbemalerei; Restaurierung 1933 (vgl. KKF 11), 1957 Freilegung und Ausbesserung der Gewölbemalereien. A zeigt einen ausgebesserten Querriß sowie Haarrisse; eine Partie des Himmels ist ergänzt. In B leichte Retuschen. Kräftig nachgezeichnet sind die kleinen Bildfelder A1-8 und vor allem B1-4.
Beschreibung
A MARTYRIUM DER HEILIGEN MARGARETA, BARBARA UND KATHARINA Der Betrachterstandpunkt für das LHs-Fresko liegt unterhalb des westlichen Bilddrittels. Die Martyriumsszenen sind entlang den drei östlichen Rahmenbögen nebeneinandergereiht. Die einschwingenden Bogensegmente in der Querachse des Freskofeldes bilden den Abschluß der drei Szenen: Links wird die irdische Szenerie über den Rahmen hinaus verlängert und illusionistisch mit der Kirchenarchitektur verbunden, diese »endet« hier in einer gemauerten Ringöffnung, über welche sich ein Mann in die Kirche schauend hinabbeugt. Rechts ist ähnlich wie in Erpfting — 1762 – der Einblick in eine lichte Tambourkuppel gemalt. Die Bildfiguren sind in geringer Untersicht und in perspektivisch ungeschickter Disposition wiedergegeben. Die Enthauptung der drei weiblichen Heiligen wird vom Maler in drei verschiedenen Handlungsphasen geschildert: Mit großem szenischem Aufwand ist in der Mitte der Martertod der hl. Margareta, der Kirchenpatronin, dargestellt. Die Heilige kniet im Gebet in aufrecht-steifer Haltung, erhöht auf einer podestartigen Erderhebung. Ein feister Henker hinter ihr schwingt weit ausholend das Schwert. Um die Heilige herum drängen sich römische Soldaten; zwei reiten von der Seite auf Schimmeln heran. Priester, von der Statue Jupiters überragt, verweisen die Verurteilte auf die Götzenbilder. Ein Engel fliegt zu ihr hinab und reicht Lorbeerkranz und Palmzweig dar. Eine geschwungene Wand hinter der Jupitersäule, an der Stirnseite von Säulen besetzt, grenzt die Szene nach hinten und zur rechts folgenden Szene ab. Links gegenüber fungiert ein hoher Laubbaum als szenisches Versatzstück.


In der links folgenden Szene kniet die hl. Barbara vor dem Gefängnisturm, der Henker hat den tödlichen Streich ausgeführt, das Haupt der Heiligen fällt zu Boden. Ein Putto eilt mit den himmlischen Siegeszeichen herbei. Von Ferne nimmt ein bäuerliches Paar mit einem Kind an dem Geschehen klagend Anteil. In der rechten Seitenszene verläßt der Henker gerade die Richtstätte, er hebt erschrocken den Arm gegen den Himmel und blickt zu dem unter den Blitzen des Himmels zerberstenden Folterrad zurück. Vor dem Henker, weit über den Bildrahmen hinausgelehnt, liegen niedergestürzt zwei heidnische Gelehrte, einer von ihnen schaut betroffen von seinem Buch auf das himmlische Ereignis. Über der Richtstätte schweben drei Engel und tragen Leib und Haupt der getöteten Heiligen durch die Lüfte.
Über den Marterszenen thront in lichter Glorie Gottvater, der Thronstuhl zu seiner Seite ist leer: Christus-Salvator hat seinen Sitz verlassen und eilt, begleitet von einem Engel, den heiligen Martyrinnen entgegen.
B ST. MARGARETA, ST. BARBARA UND ST. KATHARINA
Das Chorfresko zeigt die drei Heiligen in einer allegorischen Gloriendarstellung. Unterhalb des sie segnenden Weltregenten Gottvater knien sie in pyramidenförmiger Anordnung auf einem Wolkenpolster. St. Barbara in der Mitte stützt den Hostienkelch auf den kleingebildeten Turm an ihrer Seite und weist auf die heilige Hostie. Von dieser fällt ein Lichtstrahl hinab und verwandelt sich in der Hand eines schildbewehrten Puttoengels in einen Blitz. Angesichts des Namens Jesu-IHSauf dem Schild, stürzt, tödlich vom Blitz getroffen, ein Türke nieder, sein Säbel bricht in Stücke. Neben ihm liegt zu Füßen Katharinas ein gestürzter heidnischer Priester ein Götzenbild in Händen.

A1-8 APOSTEL Die acht Kartuschfelder im LHs zeigen einen Apostelzyklus als Dreiviertelfiguren, bezeichnet durch Attribute, in monochromer Malerei wiedergegeben. Die Reihe beginnt links vor dem Chorbogen:
A1 Petrus, zwei Schlüssel haltend. Rechts gegenüber folgt.
A2 Jakobus d. Ä., zugleich als Pilger mit dem Muschelabzeichen und als Miles christianus von Compostela mit Helm und Kreuzfahne wiedergegeben. Er hält außerdem noch das Evangelienbuch, als allgemeines Apostelattribut. A3 Philippus mit Kreuzstab neben Andreas mit Schräg-balkenkreuz
A4 Johannes Evangelist, den Giftkelch, und Bartholomäus, ein Messer und seine Haut (als Tuch mit dem Abbild seines Gesichtes wiedergegeben) in Händen

A5 Jakobus d. J. mit der Walkerstange und Matthäus mit Hellebarde und Evangelienbuch
A6 Thomas, seine Hand in die Seitenwunde des Herzens Jesu legend und eine Lanze tragend, zusammen mit Simon, der eine Säge hält
A7 Judas Thaddäus mit Keule und Winkelmaß
A8 Matthias mit Stock (?); Gewand und Attribut der Figur sind untypisch und wohl verfälscht. Die Benennung des Apostels ergibt sich aus der Reihenfolge: Matthias ist der nach dem Tode Jesu für Judas durch Los gewählte Apostel und steht in den Apostellisten an letzter Stelle




Die Figuren sind zwar stark restaurativ überarbeitet, überliefern jedoch noch gut die für Baader bezeichnenden Typen. Ein von Baader und Ignaz Baldauf 1779/80 geschaffener Apostelzyklus in Schlehdorf (OB, LKr. Bad Tölz-Wolfratshausen, s. Bd 2) stimmt weitgehend mit demjenigen Issings überein: die Reihenfolge ist fast völlig gleich. Petrus und Andreas zeigen den gleichen Kopftypus, Jakobus d. Ä. und Thomas haben dieselbe etwas ausgefallene Zusammenstellung der Attribute
B1-4 EVANGELISTEN In den als große, blattartig flache Muschelschalen gebildeten Seitenbildern sind in Grisaillemalerei die vier Evangelisten mit ihren Symbolen in ganzer Figur wiedergegeben: B1 Lukas; B2 Johannes; B3 Markus; B4 Matthäus.






Ergänzungen zur Ikonographie: Die Deckenbilder beziehen sich thematisch auf die Kirchenpatronin. Der hl. Margareta sind die hll. Barbara und Katharina hinzugefügt; es sind die volkstümlich als die »drei heiligen Madeln« verehrten Heiligen. Die LHs-Darstellung ihres Martyriums entspricht der Legendenüberlieferung (vgl. Ribadeneira-Hornig Bd 2, 20. 7., S. 72 f.). Die Schlange unter dem Knie der hl. Margareta gibt den durch sie überwundenen Teufel wieder, der sie in Gestalt eines Drachens bedrohte. Die drei Fenster im Turm der Barbaraszene deuten der Legende nach auf die Heilige Dreifaltigkeit hin. Der Hostienkelch bezeichnet die Heilige als Patronin der Sterbenden (Ribadeneira-Hornig Bd 2, 4. 12., S. 928–32). Die Engel tragen den Leichnam Katharinas zum Berg Sinai, um ihn dort zu bestatten. Die am Boden liegenden heidnischen Gelehrten deuten auf die durch Katharina im Disput besiegten Philosophen (Ribadeneira-Hornig Bd 2, 25. 11., S. 861–67).
Das Chorbild verbindet thematisch die Glorie der drei Martyrinnen mit dem Sieg Christi über Heidentum und Teufel. Das Heidentum ist vertreten durch den die Christen angreifenden Türken und den heidnischen Priester. Der Götzendienst wird noch eigens durch einen antiken Opfertisch über dem Priester dargestellt. Der Teufel ist in diesem Bild in der Gestalt des durch Margareta überwundenen Drachens wiedergegeben. Die Attribute der drei Heiligen, Hostie, heidnische Feinde und Teufel, bilden auf diese Weise eine eigene allegorische Sinnschicht. Die Inschrift am Chorbogen: Diess ist der Sieg, / der die Welt überwindet / Unser Glaube / 1 Joh. 5. 4. gibt das gemeinsame Motiv der Freskodarstellungen an.
Quellen und Literatur
Braun-Augsburg, Bd 1, S. 373. KDR I OR (1) S. 539
Hager, Georg, Die Bautätigkeit und Kunstpflege im Kloster Wessobrunn . . ., in: OAVG 48, 1893/4, S. 337–43.
Die Pfarreien und ihre Vorstände (o. V.), in: Landsberger Geschichtsblätter 1914, Nr. 2, S. 11 und folgende Fortsetzungen.
Veit, Adolf und Hugo Schnell, Pfarrkirche St. Margareth Issing (= KKF 11), München (1934).
Fuchs, Adolf, Johann Baptist Baader, der Lechhansl, Kaufbeuren 1959, S. 39.
Neu, Wilhelm, Unbekannte Frühwerke des Baumeisters Joseph Schmuzer, in: Lechisarland 1963, S. 28 f. Dehio-Gall OB (1964), S. 289
Müller-Hahl, Bernhard (Hg.), Heimatbuch Stadt- und Landkreis Landsberg am Lech, Aßling-München 1966, S. 507–10.
Fried, Pankraz und Sebastian Hiereth, Die Landgerichte Landsberg und Schongau (= Historischer Atlas von Bayern Bd 22–23), München 1971, S. 145, 154.
Simon, Adelheid, Die Fresken des Johann Baptist Baader mit einem kritischen Katalog des Gesamtwerkes, ungedruckte Diss. München 1972, S. 211–21.