Jedelstetten, Kapelle St. Nikolaus
JEDELSTETTEN
Kapelle, Gemeinde Geltendorf, Pfarrei Schwabhausen, Diözese Augsburg; z. Z. der Ausmalung Pfarrei Walleshausen, die dem Kloster Polling inkorporiert war, Hofmark Kaltenberg (Inhaber: Jesuitenkolleg Landsberg)
Patrozinium: St. Nikolaus
Zum Bauwerk: Der im Kern auf die Gotik zurückgehende Bau stammt im wesentlichen aus dem frühen 18. Jh. und wurde ab 1768 umgestaltet. - Einfacher rechteckiger Gemeinderaum mit gleich breitem, dreiseitig geschlossenem
Auftraggeber: Propst Franz Töpsl von Polling (1744–96) (Im Altarauszug sind das Pollinger Kreuz und die Haupt szene der Pollinger Kreuzlegende heraldisch streng wiedergegeben.)
Autor und Entstehungszeit: Die nicht signierten Fresker sind archivalisch zuweisbar: Eine Kirchenrechnung von 1775 der Pfarrei Walleshausen gibt Johann Baptist Baader aus Lechmühl als den Autor an; Baaders Arbeit zog sich,
medaillons im LHs -korrespondierend zu B1-2 - und das Altarraumfresko B (St. Nikolaus beschenkt die drei Schwestern), das sich weder formal noch stilistisch in Baaders Oeuvre einfügen läßt (s. Erhaltungszustand). Die Gewölbedekoration des ARs und die Puttoköpfe, die zur Altarbekrönung überleiten, sind jedoch eindeutig in Baaders Stil ausgeführt (vgl. Erpfting), desgleichen – wenn auch qualitativ gegenüber den übrigen Malereien abfallend – die Ovalmedaillons im AR (B1-2) und das Fresko an der Emporenbrüstung (EB). Unzweifelhaft verweist das Langhausfresko A auf die Autorschaft Baaders.
Befund
Träger der Deckenmalerei: LHs flache Tonne mit Stichkappen, AR verschliffenes Kreuzgratgewölbe
Rahmen: A und B imitierte goldene Profilrahmen mit rollwerkartig angesetzten Rocaillen
Technik: Fresko; A, B, EB polychrom, A1-4 monochrom weiß-violett, B1-2 monochrom weiß-grün
Maße: A Höhe 6,00 m; 4,40 × 2,90 B Höhe 5,75 m; 2,50 × 2,30
Erhaltungszustand und Restaurierungen: Nach Unter lagen des B.L.f.D. waren die Deckengemälde besonders in AR 1952 durch Kriegseinwirkungen schwer beschädigt: das AR-Fresko war »zum großen Teil heruntergefallen«; die Fehlstelle betrug ca. 3,9 m. Restaurierung durch Mutter, wobei angeblich die heruntergefallenen Teile wieder befestigt wurden. Reinigung der Deckenbilder 1970. Das Hauptbild A im LHs hat gekittete Risse und ist gerinfig übergangen. Die ehemals übertünchten ornamentalen Partien in LHs und AR (Stichkappenzone) wurden bei einer Restaurierung freigelegt und ergänzt; die


Rocaillen (A1-4) sind einigermaßen originalgetreu überarbeitet. Die Deckenbilder im AR (B, B1-2) sind erneuert bzw. stark übermalt und daher nur noch inhaltlich interessant.
Beschreibung und Ikonographie
A ST. NIKOLAUS PATRON DER KRANKEN UND ARMEN Das längsformatige Deckenfresko, dessen Betrachtungsstandort unterhalb des westlichen Bilddrittels liegt, ist einansichtig angelegt und zeigt nur geringe Untersichtperspektive.
Den größten Teil des Bildes nimmt die himmlische Gruppe, St. Nikolaus umgeben von Engeln, ein. Der Heilige blickt, im Bischofsornat auf einer Wolke kniend, zur Glorie des Himmels auf, welche — im Bilde nicht dargestellt — ihre Lichtstrahlen zu ihm herabsendet. Seine Hände weisen fürbittend zu den hilfesuchenden Menschen auf Erden. Engel umfliegen ihn, sie halten seine Attribute Mitra und Stab, Evangelienbuch und die drei goldenen Kugeln. In der irdischen Zone sind einige Kranke und Arme sowie andere Hilfesuchende in einem schmalen Streifen entlang dem östlichen Rahmenbogen nebeneinander gruppiert. Um das Bett einer kranken Alten auf der linken Seite scharen sich bittend eine junge Frau, die ihr nacktes, totes Kind dem Heiligen entgegenstreckt, ein Bresthafter mit seinen Krücken, eine junge Frau, welche die liegende Kranke auf den Heiligen hinweist, und ein flehend bittender junger Mann am Fußende des Bettes. Ein kleines Mädchen davor läuft auf die Kranke ängstlich-neugierig. Rechts im Bild sitzt ein halb entblößter, gebrechlicher Mann auf einem Steinblock; eine Krücke in der Linken, hebt er mit der Rechten seinen Hut zu dem Heiligen empor, um eine Gabe bittend. Ein Knabe an seinen Knien wischt sich weinerlich die Augen. Zwischen diesen beiden Gruppen werden weiter hinten ein Bauer mit einer Schaufel, der sich zum Gebet niedergekniet hat, und ganz verschwommen in der Ferne ein Schiff sichtbar. Die Bettstatt, an deren Ende ein Sockel mit einem Pflanzentopf und ein senkrecht stehender, bewachsener Felsblock im Rücken des Bettlers sind die wenigen Requisiten der Szenerie.
Das Fresko zeigt typische Baader-Figuren, so die humorvoll-realistisch wiedergegebenen Bauernkinder; der kniende Bub und das laufende Mädchen sind vom Ascheringer Fresko, 1768 (s. LKr. Starnberg) geradezu übernommen, auch die Kranke und die um sie gescharten Hilfesuchenden erinnern an das Ascheringer Sebastiansbild. Als ein Werk aus der Spätzeit Baaders (†1780) weist sich das Jedelstettener Fresko durch charakteristische Merkmale aus: Gegenüber Aschering hat die Komposition an Lebendigkeit und bewegtem Schwung eingebüßt; die Figuren sind hölzern steif und ohne ausdrucksvolle Beziehung nebeneinander gesetzt. Farblich ist das in sehr matten Tönen gehaltene Fresko wegen des schlechten Erhaltungszustandes nicht zu beurteilen.
A1-4 SCHIFFSSZENEN Motivisch sehr reizvoll sind die vier Rocaillen, die sich blattartig vom Rahmen her aufrollen; die zipfelig gespaltenen, wie Schaumkronen sich einrollenden Enden bergen zartblaue Blüten. In die Mitte der muschelähnlich weiß-violett strahligen Rocail-len wurde – in den gleichen Farben – jeweils eine Schiffsszene gesetzt:
A1 St. Nikolaus fährt in einem Ruderboot auf ein Segelboot zu.
A2 St. Nikolaus gibt dem Steuermann eines mit prallgefüllten Säcken schwer beladenen Segelschiffes Anweisungen.
A3 Der Heilige spricht zu der Besatzung eines Segelschiffes.
A4 Der hl. Bischof lenkt das Steuer eines Schiffes in Seenot.
Die vier skizzierten Schiffsszenen deuten wunderbare Begebenheiten zur See an, von denen die Legenden von St. Nikolaus zahlreich berichten. Auf einer Pilgerfahrt nach Jerusalem sagt Nikolaus der Besatzung einen Sturm voraus, den er durch sein Gebet wieder besänftigt (A3). Während einer Hungersnot in Lykien erscheint der Bischof Nikolaus einem Getreidehändler und bewegt ihn, seine Ladung nicht wie geplant nach Spanien, sondern nach Lykien, wo Nikolaus Bischof ist, zu verkaufen (A2). Der Heilige erscheint Schiffern in Seenot und lenkt eigenhändig das Schiff durch die Wellen (A4). Als Pilger auf einer Seereise zum Grab des hl. Nikolaus in ein Unwetter geraten, steuert der Heilige in einem Jagdschifflein auf sie zu und fordert sie auf, das ihnen auf die Reise mitgegebene Ölfläschchen ins Meer zu schütten, weil es von der bösen Diana stamme. Das ausgeschüttete Öl brennt auf den Wogen in hohen Flammen (A1). Nikolauslegenden s. Ribadeneira-Hornig, Bd 2, S. 937 ff.
B, B1-2 NIKOLAUS-SZENEN In den Medaillons sind zwei legendäre Begebnisse der Kindheit des Heiligen geschildert: Das neugeborene Kind steht im Badebecken (B1); es verweigert die Mutterbrust (B2). Die Hauptszene (B) zeigt den jungen Nikolaus beim Hineinwerfen der drei Goldkugeln in die Stube des verarmten Edelmannes und seiner drei Töchter — es ist die bekannteste Nikolausszene.
EB In einem ziemlich schlecht erhaltenen Bild an der Emporenbrüstung ist die Errettung der drei ungerecht verurteilten Ritter durch das Eingreifen des hl. Nikolaus wiedergegeben. Die Darstellung befindet sich detailgetreu in Ribadeneira-Hornig, Bd 2, S. 937, dort nur mit einer reicher ausgeschmückten Hintergrundszenerie versehen. - Das Hochaltarbild schließlich gibt eine repräsentative Darstellung des hl. Patrons.


Quellen und Literatur
Braun-Augsburg, Bd 1, S. 392 f. Gernhardt, Ludwig, Beiträge zur Ortsgeschichte. Jedelstetten, in: Landsberger Geschichtsblätter 1932, Nr. 10, S. 77—79. Emerich, Karl, Johann Baptist Baader, in: Landsberger Geschichtsblätter 1932, Nr. 11, S. 86. Fuchs, Adolf, Johann Baptist Baader, der Lechhansl, Kaufbeuren 1959, S. 38. Müller-Hahl, Bernhard (Hg.), Heimatbuch Stadt- und Landkreis Landsberg am Lech, Aßling-München 1966, S. 512. Simon, Adelheid, Die Fresken des Johann Baptist Baader mit einem kritischen Katalog des Gesamtwerkes, ungedruckte Diss. München 1972.