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Hurlach, Pfarrkirche St. Laurentius

Aus Deckenmalerei-Lab


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 1: Die Landkreise Landsberg am Lech, Starnberg, Weilheim-Schongau. Hirmer, München 1976, ISBN 978-3-7991-5737-7, S. 105–108, geschrieben von Bauer-Wild, Anna, Böhm, Cordula, Lüdicke, Lore und Werner-Clementschitsch, Heide. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Pfarrkirche, Diözese Augsburg; z. Z. der Ausmalung hatte das Kollegiatstift St. Moritz in Augsburg das Präsentationsrecht auf die Pfarrei, Hofmarkssitz

Patrozinium: St. Laurentius

Zum Bauwerk: Der von etwa 1500 stammende Kirchenbau wurde 1730 im Auftrag von Franz Joseph Freiherr von Pemler umgestaltet und dekoriert. Eine Kirchenrechnung von 1730 im Pfarrhaus Hurlach macht zur Erneuerung und Dekoration des Gewölbes folgende Angaben »Auf Verordnung der gnedigen Herrschaft ist ein neues Tabulat von Gipsarbeit gemacht und mit al fresco Mahlerey ausgezieret worden . . . « (frdl. Mitt. Wilhelm Neu B.L.f.D.). Die Wappen am Chorbogen beziehen sich auf Franz Joseph von Pemler und seine Gemahlin Theresia, geb. Donnersberg, während die dazwischen stehende Jahreszahl MDCCLXIII eine spätere Erneuerung der Freskomalerei unter dem Sohn Sebastian Joseph von Pemler betrifft (s. u.). – Einfacher längsrechteckiger Gemeinderaum mit eingezogenem, dreiseitig geschlossenem AR; im W Empore

Auftraggeber: Sebastian Joseph Freiherr von Pemler von und zu Hurlach und Leutstetten (*1718 †1772) und Pfarren Johann Kaspar Fesenmayr (1731–66)

Autor und Entstehungszeit: Eine Kirchenrechnung von 1763 im Pfarrhaus von Hurlach gibt als Autor der Fresken einen Maler an, der aus weiteren Rechnungen bisher nur als Faßmaler bekannt ist: »Als man anheur das Gottshauß ausmahlen lassen, hat die gdig. Herrschaft das Holz zum Crist hergeben . . . dem Maler von Erringen vor Renovierund Ausmahlung des Pfarrgottshauß accordierter massen 150 fl.« In weiteren Rechnungen wird der »Maler aus Erringen« namentlich als Joseph Hörmann aus Langerringen genannt (frdl. Mitt. Wilhelm Neu, B.L.f.D.). - Es handelt sich um eine erneuerte - zweite - Ausmalung nach 1730 im Zuge einer Renovierung von 1763. Dieses Jahr ist auch am Chorbogen angegeben. Der figürliche Stil der Fresken gehört eindeutig in diese Zeit. Der locker komponierte, flächige Bildaufbau und die entschiedene Buntfarbigkeit entsprechen dieser Datierung.

Befund

Träger der Deckenmalerei: LHs Flachdecke, AR verschlißfenes gotisches Gewölbe mit Stichkappen

Rahmen: A Stuckprofil; B, A1-4, B1-4 Bandelwerkstuckleisten

Technik: Fresko; A, B polychrom, A1-4 monochrom grau violett, B1-4 rotviolett

Maße: A Höhe 7,70 m; 7,90 × 5,90

Maße: B Höhe 7,60 m; 3,10 × 2,20

Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1855, 1885, 1935 restauriert. A Haarrisse, leicht verschmutzt; B etwas stärkere Risse, fleckig verschmutzt; A1-4 und B1-4 fleckig verschmutzt

Beschreibung und Ikonographie

A DIE PIETA VON HURLACH Das längsrechteckige, einansichtig angelegte Bildfeld wird im wesentlichen von einer Wolkenszenerie eingenommen. Die reliefartig flächige Anordnung der Figuren steht in Widerspruch zu einer teilweise ausgeprägten Untersichtverkürzung derselben.

Beherrschendes Bildmotiv ist die Gruppe der Pieta. Engel tragen in stürmischem Flug das Andachtsbild von Hurlach auf einer Wolke himmelwärts. Die Pieta, in ihrer formalen Geschlossenheit deutlich unterschieden von den ungestüm bewegten Engeln, ist kopienhaft treu nach dem plastischen Altarbild der Kirche gemalt. Ein Putto mit einer groß entfalteten Ortsansicht von Hurlach weist eigens auf die Zugehörigkeit des Gnadenbildes zu dieser Gemeinde hin. Im Hintergrund präsentieren Engel zu den Seiten die Leidenswerkzeuge Christi. Ebenso distanziert wird über der Pieta das Glorienrund des Himmels mit der Geistes taube und Gottvater sichtbar. Räumlich korrespondierend zur Mariengruppe sind die irdische Bühne an der östlicher Schmalseite und eine schräg übereck ziehende Wolke in W dargestellt.

Auf steinernen Stufen sind die Personifikationen der vier Erdteile um eine große Erdkugel postiert. Von den Seiten her drängen Kranke und Bresthafte heran, durch die zeitgenössische Bauerntracht als Hurlacher gekennzeichnet. Mit ihren herb charakterisierten, abrupt nach oben ge wandten Köpfen weisen diese Gestalten nachdrücklich auf das Marienbild hin.

Unterhalb der Wolke an der westlichen Bildseite schwingt ein großer Engel ein Weihrauchfaß; in seiner Untersichtperspektive ist er direkt auf den Kirchenbesucher bezogen

A1 A2 A3

Aus der diffusen, ockertonigen Farbigkeit des Wolkenhimmels hebt sich in klaren Farben – Goldgelb, Hellblau, Weiß und Violettrosa – die Marienbildgruppe heraus. Diese Farbzusammenstellung kehrt in der Gruppe der Erdteile, vor allem bei der Gestalt Europas, wieder. Der Weihrauchengel unterhalb der Wolke im W ist in dunkleren, aber weniger ausgezeichneten Farben gehalten.

A1-4 EMBLEMATISCHE DARSTELLUNGEN

A1 MATREM ASTRA SOLUMQUE CANUNT. Musizierende Engel und Musikinstrumente. – Statt der Maria besingenden Gestirne gibt das Bild Engel wieder.

A2 MATREM FACITOTE SALUTET. Eine Mutter mit Kind auf dem Schoß (Typus der Madonna) weist zur Pieta hinauf.

A3 MIRO MIXTUS ODORE DECOR. Blumenbeete und Blumenvase in einem Garten mit Springbrunnen. – Die abstrakten, auf Maria bezogenen Begriffe der Inschrift, Duft und Schmuck, werden als konkrete Gegenstände – zugleich Mariensymbole (hortus conclusus) – verbildlicht.

A4 FERT MULTIS DOLOR ISTE SALUTEM. Balsambaum, dessen Stamm durch Einschnitte verletzt ist. Der verletzte, heilkräftige Medizin abgebende Balsambaum wird emblematisch dem Schmerz der Mutter Gottes verglichen. Es ist ein geläufiges Emblembild, das mit Vorliebe für das Leiden Christi, für den Opfertod, steht (vgl. Picinelli, Lib. 9, s. v. balsamum, Nr. 116 ff.).

B ST. LAURENTIUS IN DER GLORIE. Der Heilige, in Diakonshabit, kniet frontal auf einer Wolke und präsentiert Kohlenbecken, Rost und Eisengabel zu seiner Rechten. Von einem Engel zu seinen Häupten empfängt er die Krone des Lebens. Ein Engel und ein Putto, die in den Händen weitere Marterwerkzeuge des Heiligen halten, der zahlreichen Foltern unterworfen wurde, bis er auf dem Rost starb, tragen Laurentius auf der Wolke himmelwarts.

Im Chorfresko wurde die gleiche Farbskala wie beim Langhausbild gewählt, doch sind die Farben hier stark verschmutzt.

Das Glorienbild des Kirchenpatrons gehört inhaltlich zum Hochaltarbild (Johann Andreas Wolff, 1704), welches das Martyrium des Heiligen darstellt.

B1-4 EMBLEMATISCHE DARSTELLUNGEN

B1 PURGANTES OPPRIMO FLAMMAS. Regen löscht ein Holzscheitfeuer. – Der Wortlaut des Lemmas PURGANTES ... FLAMMAS zu dem Bild der brennenden Holzscheite bezieht sich augenscheinlich auf das Feuer unter dem Rost, das dem hl. Laurentius den glorreichen Martertod brachte. Das Lemma deutet das Martyrium als Läuterung des Heiligen. Der löschende Regen (OPPRIMO) bedeutet wahrscheinlich die Göttliche Vorsehung, welche die Marterqualen erträglich macht. Die legendäre Passio berichtet von himmlischer Stärkung während des Martyriums (vgl. Ribadeneira-Hornig, Bd 2, 10. Aug., S. 189 f.). Das Bild des Regens hat Picinelli in Liber 2, s. v. pluvia, Nr. 190, für die göttliche Vorsehung, die den menschlichen Schmerz mildert und so bemißt, daß er dem Menschen zum Heil gereicht.

B2 IGNE PROBATUR. Ein Goldklumpen wird auf einem Amboß durch Feuer geläutert. – Inschrift und Bild

3 St. Laurentius in der Glorie

SOPRIVO

ergeben ein geläufiges Emblem, das sich bei Picinelli, Lib 13, s. v. aurum Nr. 17 für Laurentius entsprechend mit der Inschrift »NON LAEDITUR, SED PROBATUR« findet. B3 HOC FOEDUS DETERGET AQUAS ET TEMPERAT IGNES

RAT IGNES. Regenbogen in Wolken, eucharistischer Kelch und Hände, die einen Rosenkranz halten. - Das alttestamentliche Zeichen des Bundes Gottes mit den Menschen (Gen 9, 13-16), der Regenbogen, ist neben das neu testamentliche Zeichen, den Eucharistiekelch, gesetzt. Die ineinandergelegten Hände mit dem Rosenkranz sind Zeichen des Gebetes, der Bindung des Menschen an Gott. Die symbolische Darstellung ist wohl auf den religiösen Bund der 1733 in Hurlach gegründeten Bruderschaft zu Ehren des hl. Laurentius zum Trost der Armen Seelen zu beziehen. Die Worte ... ET TEMPERAT IGNES entsprechen sinngemäß dem Lemma des Emblems B1... OPPRIMO FLAMMAS.

B4 SPONTE CREMATUR. Phönix erhebt sich aus den Flammen. (Rechts im Bild eine mauerumwehrte Stadt.) – Ein geradezu klassisches Emblem für St. Laurentius und andere durch Feuer gemarterte Heilige (vgl. Picinelli, Lib. 4, s. v. phoenix; Nr. 592 bringt auch das Lemma »SPONTE CREMATUR«).

Quellen und Literatur

Dellinger, J., Schloß und Hofmark Hurlach, in: OAVG 4. 1843, S. 316 f.

Steichele-Schröder Bd 8, S. 253, 274.

Haider, Albert und Bernhard Müller-Hahl, Ortsgeschichte am Lechrain (= Unsere Heimat am Lechrain Bd 4), Landsberg am Lech 1953, S. 41–58.

Dehio-Gall OB (1964), S. 293.

Müller-Hahl, Bernhard (Hg.), Heimatbuch Stadt- und Landkreis Landsberg am Lech, Aßling-München 1966, S. 505.