Stein a. d. Traun, Feldkapelle sog. Johann-Nepomuk-Kapelle


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 11: Landkreis Traunstein. Hirmer, München 2005, ISBN 978-3-7774-2695-2, S. 162–165, geschrieben von Bauer-Wild, Anna. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Feldkapelle, z.Z. der Ausmalung zum Schloß Stein an der Traun gehörig. Heute ist sie im Besitz der Stadt Traunreut.

Zum Bauwerk: Offene Feldkapelle (5,50 x 5,50 m), auf dem hallstattzeitlichen Gräberfeld gelegen, am Ende einer langen Lindenallee, die vom unteren Schloß Stein ausgeht. Erbaut laut Inschrift und Chronogrammen (s. u.) 1738. Vierseitiger, nach allen Seiten offener, pfeilergetragener Zentralbau mit abgerundeten Ecken. Die vier großen Bögen sind nur mit hölzernen Balustraden und eisernen Gittern darüber geschlossen. Das Innere ist rund, ohne architektonische Gliederung, von einer Kuppel mit belichteter Laterne überwölbt. Im Zentrum steht eine überlebensgroße Steinstatue des hl. Johann Nepomuk.

Auftraggeber: Maria Anna Kunigunde Freifrau von Lösch, geb. Gräfin Törring-Seefeld, die Mutter des damaligen Besitzers Joseph Adam von Lösch. Sie hat »in ihrer erst khürzl: vorgewest harten Krankheit ein Gelibt gemacht, au sig sogenanten Stain Anger, unnd zwar zu Endt der Allee eine Capelle mit aufsezenter Statua oder Bildtnus obig heyl: Johann von Nepomuc auf ihren aignen Uncosten verferttigen zu lassen« (AEM, Brief des Joseph Adam von Lösch an Propst Patritius Stöttner von Baumburg vom 12.8.1737). In der 1738 datierten Inschrift auf dem Sockel der Nepomukstatue nennt sie die Verdienste des Heiligen: D. O. M. / D. Joanni Nepomuceno / Vitae puritate Angelo / Verbi Divini praedicatione Apostolo / Prophetae / Invicta S. Sigilli Conservatione / Martyri / Miraculorum Celebritate Hui(us) Saeculi / Prodigio / Benefactori ac Servatori suo pio Inclyto / Thaumaturgo / In Publicum Beneficiorum Testimonium / In Perpetuum Devotionis Argumentum / In Aeternum Posteritatis Monumentum / Suis Sumptibus posuit / Maria Anna Cuneg(undis) Baron(issa) de Losch nata Com(itissa) de Törring Seefeldt / qVae pla Larglrl saXVM hoC tVa / Dona LoqVatVr (= 1738; Für Gott und Johann Nepomuk, dem Engel in der Reinheit des Lebens, dem Apostel und Propheten in der Verbreitung des Gotteswortes, dem Martyrer in der Bewahrung des Beichtgeheimnisses, dem Wunderzeichen durch die Berühmtheit seiner Wunderwerke in dieser Zeit, ihrem frommen Wohltäter und Retter, dem weitberühmten Wundertäter, zum öffentlichen Zeugnis seiner Wohltaten, zum dauernden Beweis der Verehrung, zum ewigen Monument für die Nachwelt erbaute [diese Kapelle] aus ihrem eigenen Vermögen Maria Anna Kunigunde Freifrau von Lösch, geborene Gräfin von Törring-Seefeld. Die frommen Wundertaten, die du schenkst, soll dieser Stein verkünden.)

Autor und Entstehungszeit: Autor unbekannt, 1738.

Die Chronogramme in den vier Kartuschen (s.u.) ergeben jeweils die Jahreszahl 1738. Das Datum 12.8.1737, das Geiß nennt, dürfte das Datum der Grundsteinlegung sein.

Die Zuweisung an einen Maler ist erschwert durch den schlechten Erhaltungszustand. Die oberste Malschicht ist nicht mehr original, sondern stammt von der Hand des Restaurators im Jahr 1968. Die stark erneuerten Figuren der Tugenden in der Sockelzone können zu einem Vergleich nicht herangezogen werden. Bei den etwas besser erhaltenen Engelsfiguren kann nur die Komposition beurteilt werden. So muß man von der Scheinarchitektur ausgehen. Sie stammt offensichtlich von einem Könner dieses Genres. Mit Sicherheit

Statue des hl. Johann Nepomuk, an den Pilastern Fortitudo und Fides

ist er nicht im südostbayrischen Raum zu suchen, hier gibt es nichts Vergleichbares, mit einer Ausnahme: den Bildarchitekturen in den Fresken der Stiftskirche Raitenhaslach, die Johann Zick 1738/39 malte (den Hinweis auf Zick verdanken wir Georg Paula, München). Diese sind natürlich bedeutend aufwendiger, auch ist der grundsätzliche Unterschied zwischen Bildarchitektur und Scheinarchitektur zu bedenken. Dennoch ist vorstellbar, daß in der Nepomukkapelle in Steir Johann Zick am Werk war.

Johann Zick hatte 1736 in Rosenheim die Rossackerkapelle freskiert. Vergleicht man die Komposition der Engelsfiguren in Stein mit der der Engel in Raitenhaslach und in Rosenheim, dann scheint es nicht unmöglich, daß es Figuren Zicks sind, der zu dieser Zeit, 36jährig und in München ansässig, dort kaum Beschäftigung fand und sich seine Aufträge über Land suchen mußte.

Befund

Träger der Deckenmalerei: Die Kapelle ist völlig ausgemalt mit figürlichen und ornamentalen Elementen, an den Innenseiten der Pfeiler, an den Wandflächen und dem Gewölbsowie im Innern der Laterne.

Rahmen: Innerhalb der architektonisch-dekorativen Malerei sind die figürlichen Darstellungen teils ohne Rahmen, teils in Ornament-Kartuschen (1–4)

Technik: Fresko: polychrom

Maße: Höhe ca. 5,00 m; Außenmaß 5,50 x 5,50 Innenmaß 3,50 x 3,50

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Dachsanierung 1968. Dabei wurde festgestellt, daß die Innenausmalung von Restaurierungen praktisch noch unberührt, wenn auch nicht in gutem Zustand war. Bei der Restaurierung 1968 durch Jochen Sengfelder, St. Georgen, war ein Teil der Inschriften nicht mehr auf Anhieb lesbar, sie konnten jedoch durch Mons. Dr Sigmund Benker, Freising, zweifelsfrei entziffert und ergänzt werden. Leider wurde versäumt, die Balustraden nach der Restaurierung wieder anzubringen, sodaß der Raum freizugänglich war und die Malerei in den folgenden Jahren verkratzt und verschmiert wurde. 1977 Sanierung des Baus mit Trockenlegung der Fundamente und Wieder-Anbringen der Holzbalustraden und Gitter. Restaurierung der Fresken 1978 durch Hans-Heinrich Müller-Werther, Ebersberg, mit Abnahme von Übermalungen und Korrektur der ikonologischer Fehler der Restaurierung 1968 (aus der Fortitudo war ein hl. Florian geworden, der große Engel hatte statt des Pedum einen einfachen Stab). Außenrestaurierung 2000 durch die Brüder Lauber, Endorf, die auch einen Voranschlag für die Innenrestaurierung machten.

Beschreibung und Ikonographie

Der ganze Innenraum ist mit einer Scheinarchitektur ausge malt, die das Gerüst für die figürlichen Darstellungen bildet. An den vier Pfeilern, die die vier Bögen der offenen Kapelle tragen, sind Pilaster gemalt und davor Sockel, auf denen große Figuren stehen. Jeder der Pilaster hat als oberen Abschluß anstelle eines Kapitells eine Kartusche, die eine kleine Nepomuk-Szene zeigt (1–4). Dahinter läuft ein gemaltes Gebälk um den Kuppelansatz. Auf diesem Gebälk setzt die eigentliche Scheinarchitektur an, ein in vier Bögen nach außen geöffneter Kuppelraum. Vier dicke, ornamentierte Pfeilerstücke tragen die Bögen, vor denen jeweils Engel und Putten mit Attributen des hl. Nepomuk schweben. Über den Bögen erhebt sich eine ornamentierte Kuppelschale, auf der eine reale, durch vier Fenster durchlichtete Laterne aufsitzt, die innen mit Pilastern und Balustern bemalt ist. An der Decke der Laterne ist ein gemalter Glorienkranz zu sehen.

Die architektonischen Elemente der Scheinarchitektur sind grau-ockerfarben, die Flächen hellblau und die Ornamente ockerfarben (Gold). Im unteren Bereich tritt auch Dunkelrot auf, in den Bogenleibungen und an den Pilastern.

TUGENDEN An der Innenseite der Kapellenpfeiler imitiert die Malerei monochrom ocker fast lebensgroße Statuen auf Sockeln vor den ornamentierten Pilastern. Sie stellen weibliche Allegorien dar, die Drei göttlichen Tugenden, ergänzt durch Fortitudo.

Fides, einen Schleier über dem Kopf, mit Hostienkelch und Kreuz (SW)

Caritas mit dem brennenden Herz (NW)

Spes mit dem Anker (NO)

Fortitudo in Helm und Rüstung, darüber einen Mantel, auf die Säule gestützt (SO).

1-4 JOHANN-NEPOMUK-SZENEN Die Pilasterkapitelle tragen jeweils eine ockerfarbene Ornamentkartusche, deren Bildfeld eine Szene aus dem Leben des Heiligen zeigt.

BEICHTE DER KÖNIGIN (SW) In einem Innenraum sitzt Johann Nepomuk unter einer dunkelroten Draperie und hört die Beichte der vor ihm knienden Königin. Nepomuk hält sich das Tuch vor das Gesicht, mit dem sich der Beichtvater üblicherweise vor den Auswirkungen allzugroßer Nähe schützte.

2 PREDIGT (NW) In einem Kirchenraum (= der Veitsdom in Prag) steht Johann Nepomuk auf einer barock geschwungenen Kanzel und predigt. Ihm lauschen viele Gläubige.

3 ALMOSENSPENDE (NO) Vor einem hohen Gebäude, vor dessen Giebel die Muttergottes mit dem Kind in Wolken erscheint, sitzt ein Bettler und hält den Hut auf. Johann Nepomuk gibt ihm ein Almosen.

4 BRÜCKENSTURZ (SO) Halb über die Brüstung einer Bogenbrücke hängend ist Nepomuk dargestellt, mit weitausgreifender Geste, das Kreuz in der Hand und den Sterne nkranz um das Haupt. Zwei Schergen stehen neben ihm und drängen ihn über die Brüstung in die Moldau.

INSCHRIFTKARTUSCHEN Über den Bogenscheiteln sind wiederum Kartuschen, deren Inschriften Chronogramme sind, die sämtlich die Jahreszahl 1738 ergeben.

S PIE SILENS IN SVA VITA / AD IMPIA / INCORRVP-TALI NQVA FATVR / POST FVNERA (Fromm schweigend in seinem Leben zum Unrecht, redet er mit unversehrter Zunge nach seinem Tod Neues).

W VERBI DIVINI ANNVNTIATOR / ZELOSISSIMVS / ET VERE / APOSTOLICVS (Eifrigster und wahrhaft apostolischer Verkünder des Wortes Gottes).

N SOLICITIOR / DE SVIS OVIBVS / QVAM SVIS / INFVLIS (Besorgter um seine Schafe als um seine geistlichen Würden).

O ELEEMOSYNARIVS REGIVS / IN AFFLICTOS PAVPERES / THESAVROS EXPENDIT / REGIOS (Als königlicher Almosengeber gibt er die königlichen Schätze an die unglücklichen Armen).

ENGEL UND PUTTEN Vor den weiten Bögen der Scheinarchitektur über der gemalten Gebälkzone fliegen Engel und Putten mit Attributen.

S Zwei große Engel mit Monstranz. Die Darstellung in der Hauptansicht ist auf die Statue davor bezogen. Bei der Monstranz handelte es sich vermutlich um die Reliquienmonstranz mit der unversehrten Zunge Johann Nepomuks (nicht mehr erkennbar).

W Engel und Putto mit Buch. Das Buch als Attribut weist auf Johann Nepomuk als Verkünder des Wortes Gottes hin, s. Inschrift im W und die Kartusche 2 (NW), die Nepomuk als Prediger zeigt.

N Engel und Putto mit Mitra und Pedum. Die Attribute beziehen sich auf die Inschrift im N, die besagt, dem Heiligen seien seine Seelsorgspflichten wichtiger gewesen als geistliche Würden. Johann Nepomuk war nicht Bischof, nur Generalvikar der Erzdiözese Prag. Der Generalvikar vertrat den Bischof in vielen Dingen, ohne Bischofsrang zu haben.

O Engel und Putto mit Geldkästchen und Münzen. Die Darstellung bezieht sich auf den Heiligen als Almosengeber, s. Inschrift im O und Kartusche 3, Almosenspende (NO).

Quellen und Literatur

AEM, Pfarrakten St. Georgen, Pfarrbeschreibung; Filiale Schloßkapelle in Stein 1615–1890: Stiftungen; Altäre; Einsetzung des Allerheiligsten; Die Errichtung einer Statue des heil Johann von Nepomuk im Steinanger 1737.

AEM, Nachlaß Peter von Bomhard Nr. 193: Stein an der Traun, Schloßkapelle und St.-Johann-Nepomuk-Kapelle.

BLfD, Akt Stein an der Traun: Unteres Schloß, Schloßkirche: St. Johann Nepomuk Kapelle.

Wening Bd 2, München 1721, S. 27

Geiß, Ernest, Heinz von Stein nebst einer Geschichte des Schlosses Stein und seiner Besitzer, in: OAVG 3, 1841, S. 147- 209.

Freyberg, Max Freiherr von, Geschichte der ehemaligen Hofmark Hilkertshausen, zugleich Lösch'sche Familiengeschichte. Aus dem Hilkerthauser Archiv bearbeitet, in: OAVG 22 1874 S 118-216.

KDB I OB (2), S. 1854–57.

Mayer-Westermayer Bd 2, S. 682–85

Historischer Atlas I, Bd 26, Traunstein (Richard van Dülmen), München 1970, S. 115–17.

Schefczik, Karl, Edelsitze und Adelsgeschlechter, in: Heimatbuch des Landkreises Traunstein, Bd I, Trostberg 1963, S. 209- 53. Die Besitzer von Stein an der Traun S. 230–34.

Sieghardt, August, Burgen und Schlösser im Landkreis Traun-stein, in: Heimatbuch des Landkreises Traunstein, Bd II. Trostberg 1970, S. 17–45. Schloß Stein an der Traun S. 30–34. Schubert, Hans-Jürgen, Stein an der Traun in Geschichte und Gegenwart, Stein an der Traun 1978.

-, Die Gemeinde Stein. Beiträge zu ihrer Geschichte, Trostberg 1979. Schloßkapelle S. 79 f. Johann-Nepomuk-Kapelle S. 88 f.

Dehio 1990, S. 1128-30

Schubert, Hans-Jürgen und Joachim Zeune, Stein an der Traun in Geschichte und Gegenwart (Burgführer), Stein 72000.

A. B.