Starnberg, Kurfürstliches Prunkschiff "Bucentaur"
Kurfürstliches Prunkschiff auf dem Starnberger See, 1758 abgewrackt; zwei Deckenbilder erhalten
Zum Bauwerk: Nach dem Vorbild des venezianischen Staatsschiffs »Bucintoro« und von aus Venedig berufenen Fachleuten unter Leitung des Ingenieurs Francesco Santurini wurde das kurfürstliche »Leibschiff« 1662/63 erbaut; Kosten: 18289 fl. 51 × (BHStA I, Kurbayern HZ 114, 1665, fol. 490); zugehörig eine Begleitflotte von Galeeren und Gondeln, teilweise ebenfalls von Santurini.
Der bayerische »Bucentaur« war etwa 30 m lang (100 Schuh) und hatte ein geschlossenes Mitteldeck von zwölf Fensterachsen. Insgesamt bestand **er** aus drei Decks: Das untere diente der im Schiffsinnern verborgenen, etwa 150 Mann starken Rudermannschaft, das Hauptdeck war der Hofgesellschaft vorbehalten und bestand aus vier Prunkräumen: einem Saal, einem Vorzimmer und zwei Kabinetten (I–IV); auf dem oberen, leicht gewölbten Deck fanden außer dem Kapitän und einem Teil der Besatzung auch die Musiker Platz. Das Aussehen des Schiffs, das auch am Außenbau mit Malerei und vergoldeten Figuren kostbar geschmückt war, ist in einem Stich von Wening von 1701 und in mehreren Gemälden des 18. Jh überliefert (Schober, Abb. 17, 20, 22). Wegen seines schlechten Zustands wurde der »Bucentaur« 1758 abgewrackt. Erhalten haben sich außer zwei Deckenbildern im Heimatmuseum der Stadt Starnberg noch eine Laterne (ebd.) und eine vergoldete Holzfigur der Athena (BNM), die beider letzteren vom Heck des Schiffes
Auftraggeber: Kurfürst Ferdinand Maria von Bayern (1651–79)
Autor und Entstehungszeit: Caspar Amort d. Ä. (* 1612 in der Jachenau/ Benediktbeuern † 1675 wahrscheinlich in München) und Johann Spillenberger (*um 1628 in Kaschau in Ungarn, um 1652 Schüler von Johann Ulrich Loth in München, um 1660 in Venedig, † 1679 an der Pest auf der Reise von Wien nach Augsburg); 1663.
Nach der »Baurechnung Uber das grosse Leibschöff und der aufgesetzten neuen Schöff- und werckhütten zue Starnberg Anno 1663« (StAM, Hofkammer, Amterrechnungen, Gericht Starnberg, Schiffbau; früher im Archiv in Landshut, ausgewertet von Mitterwieser) erhielt Johann Spillenberger nach einem Abzug von 39 fl. noch 905 fl. für »ain deckhen zur anteCamer mit 80 Kindlein: dann in den 2 Cabinethen, in einem die entfiehrung oritiae durch Boreas nach Inhalt des ovidij, in dem andern die Aurora neben andern schönen zierrathen gemahlt, und der notturft nach vergolt« (loc. cit., Nr. 132). Caspar Amort, »so die überige ausser obbesagten Spilbergers verrichteter Mahlerarbeith« in Gold und Farben ausführte, erhielt nach einem Abzug von 392 fl. 53 × noch 3695 fl. (loc. cit. Nr. 133-136). Demnach malte Spillenberger die Decken im Vorzimmer und in den Kabinetten. Die nicht spezifizierte Arbeit des wesentlich höher bezahlten Amort dürfte sich vor allem auf die Bemalung des äußeren Schiffsrumpfs mit Tritonen und Sirenen, auf die Decke des Saals und auf die Wände der Innenräume bezogen haben.
Befund
Träger der Deckenmalerei: Im Saal (I) nicht bekannt, im Vorzimmer (II) und in den Kabinetten (III–IV) Holzdecken
Rahmen: II41 Rautenförmiger Rahmen mit aufgesetzten vergoldeten Leisten für eines von 80 Feldern der ursprünglichen Deckeneinteilung des Vorzimmers; zur Rekonstruktion der Decke s. u.
IV Querovaler Rahmen mit Ansatzstücken für gerade Leisten in allen vier Hauptrichtungen. Dem blau bemalten Rahmenkörper sind geschnitzte, vergoldete Leisten und S-förmig über den Mittelstab geführte, akanthus-ähnliche Blätter aufgelegt. Außen und innen ist er mit aneinandergelegten Lorbeerblättern eingefaßt. Gesamtbreite 21–22 cm. Der Rahmen umfaßte das zentrale Feld der ursprünglichen Decke des Kabinetts (Kistlerabrechnung über die Decken der Kabinette in der »Bau rechnung«, Nrn. 82 und 83).
Technik: Öl auf Leinwand; polychrom; II41 ist auf der Rückseite der Leinwand mit Nr. 41 bezeichnet (Nr. 41 des Faßmannschen Inventars von Schloß Starnberg von 1760, s.u.). Anläßlich einer Restaurierung auf eine Hartfaserplatte aufgezogen und die Nummer auf diese Platte übertragen (Schober, S. 149).
Maße: II41 rautenförmig, eine Seite ca. 0,48 m
IV gueroval, 1,45 × 1,74 m
1 '11 '11 Erhaltungszustand und Verbleib: 1757 wurde das Schiff, das längere Zeit nicht mehr benutzt worden war, für nicht mehr reparaturfähig erklärt. Man plante den Abbruch, eventuell auch einen späteren Neuaufbau. Die »hierin sich befündtliche kostbare Mahlereyen, Statuen, Schneidarbeit« etc. sollten in Anwesenheit eines Malers abgenommen und bis zur Verbringung nach München zunächst in Schloß Starnberg gelagert werden (Simonsfeld, S. 211). Dieser Maler war Ferdinand Bidermann, der 1758 beim Abbruch »in sieben Tagen den Plafond mit 61 Stuck und in beider Kabinetten die 10 Stuck Malerei abgelöst, worauf er dann zehn Tage zum Beschneiden und Putzen dieser Malereien brauchte« (Mitterwieser, S. 46). Diese Angabe bezieht sich auf die Decken des Vorzimmers und der Kabinette. Es geht daraus hervor, daß von den ursprünglich 80 »Kind lein«, die Spillenberger 1663 für die Antecamera gemalt hat, damals bereits nur noch 61 Darstellungen vorhanden waren. Der Erhaltungszustand der übrigen 19 war offenbar so schlecht, daß sie nicht geborgen wurden. Die abgenommenen Deckenbilder wurden zusammen mit einigen Wandbildern aus dem »Bucentaur« und der ebenfalls abgebrochenen »Roten Galeere« 1760, als sie sich, wie vorgesehen, bereits in Schloß Starnberg befanden, in einem von Hofkammerrat G.B. Faßmann aufgestellten Inventar (BSGS, Inv. StA/760/1) beschrieben:
»Beschreibung jener in dem Churfürstlichen Schloß zu Starnberg gewärtig in Verwahr liegenden 96 Stucken Mahlereyen, welche die Decke des gegen Hundert Jahr lang gedauerten schönen Schiffes Bucentauro genanndts, prächtig ausgezieret haben, nun aber Anno 1759 dem Ende ihrer Destinirung unterligen müßen, weil das Schiff zerlegt worden ist. Verfast den 3ten November Anno 1760.
Der Plafond des Saals (= irrtümlich für Vorzimmer, Raum II) war vormahls in dem Schiff Bucentauro genanndt, mit folgenden noch vorhandenen Gemählden gezieret: Das Mittel-Stuck ist ein vertheilter Stern mit darin gemahlten Churbayerischen- dann herzoglich Savoyischen Wappen.
Um dießen Stern herum seynd 61 kleine gewicklete (= geweckte, d. h. rautenförmige) Mahlereyen mit ornierten Ramen gehörig, deren jedes einen nackenden Knaben vorbildet, welche entweders einen Fisch oder Schnecken oder aber ein Stuck von der zur Fischerey gewidmeten Werckzeug in denen Händen halten, und nach denen rückwehrts darauf verzeichneten Numeren folgender Massen hiemit vorgetragen werden als:
1. Ein Knab, der in denen Händen einen Fisch-Stössel halt. 2. Ein Knab mit einen Häring. 3. Ein Knab mit Schildkrote. 4. Ein Knab mit Meer-Schwamm. 5. Ein Knab mit zerlegte Meer Muschel. 6. Ein Knab mit andere Meer Muschel. 7. Ein Knab mit einem Fisch-Netz. 8. Ein Knah mit Aal-Fisch. 9. ... mit Mcer-Schneck. 10. ... mit See-Gewächß in Gestalt einer Bach-Plumen. 11. ... mit Meer-Schneck. 12. ... mit Fisch-Bern. 13. mit Berschling. 14. .. m Lachß-Forellen. 15. ... mit Corallen. 16. Ein Knab, mit einen über der Schulder tragenden Meer-Krebs, der ihn in den Hintern zwickt. 17. Ein Knab mit einem Stuck eines ausgehauenen Fisches. 18. ... mit Lachs-Forellen. 19. ... Aaal-Raupe. 20. …. mit Meer Muschel. 21. ... mit Mooß-Rohr. 22. ... mit Grossen Wasser-Schnecken 23. ... mit Rutten-Körbel. 24. ….. mit Wahler-Fisch. 25. Ein Knab mit einer Natter. 26. ... mit Angel-Schnur. 27. ... mit Fisch-Reisen. 28. …. mit Forellen. 29. ... mit weissen See Blumen. 30. ... mit Meer-Gewächß in form eines Sterns. 31. ... mit Bischel-Geröhr. 32. …. mit Boden-Renken. 33. ... mit Rohr-Kolben. 34. ... mit Meer-Schnecken. 35. ... mit Karpfen. 36. ... mit Hechten. 37. .. mit Frosch-Muschel. 38. ... mit Berlen-Schnur. 39. mit gehörnten Meer Muschel. 40. mit Schiff-Ruder. 41. mit dreyzanck oder Gern. 42. mit Lachs-Forellen. 43. Ein Knab, welcher Gold-Sand sammlet. 44. Ein Knab mit einer Meer-Muschel. 45. .mit einer Meer-Muschel. 46. mit Fischnetz. 47. mit Forellen. 48. Ein Knab, welcher Berlen sammlet. 49. Ein Knab mit einen Meer-Schwamm. 50. mit grossen Schnecken Hauß. 51. mit fliegenden Schneider-Fisch. 52. mit Gold-Nerfling 53. mit Fisch-Lagl. 54. mit Berl-Muschel. 55. mit Frosch. 56. mit Fischstecher Gern. 57. mit gedörten Stockfisch. 58. mit Altling. 59. mit Austern-Muschel. 60. mit See-Gewächs. 61, mit Fisch-Kutter (alle diese Gemälde sind 1 Schuh 6 Zoll hoch und ebenso breit. Benutzt ist der französische Schuh = 32,5 cm)
Zu dem Plafond der zweyen Cabinetern seynd gehörig: 62. Ein oval-Stück, darauf der Boreas gemahlen ist, wie er die Orithviam entführet. Hierzu gehören 4 Füllungen mit folgender Exhibition 63. Erstens: Ein Knab, der einen Falcken auf der Hand halt. 64. Zweytens: Ein Knab mit dem Vogl-Häußel 65. Drittens: Ein Knab mit einer Canone, die er ladet. 66. Viertens: Ein Knab, der das Stuck abfeuret. 67. Ein anders Oval, darinnen die Wasser Göttin Amphitrite fürgebildet ist, wie sie ihre Neben Buhlerin mit einer schwarzen Wolke zu Boden schlagt. Darzu gehören abermahls 4 Füllungen. 68. Erstens: Ein Knab, der sich mit einer papiernen Windmühl delectiert. 69. Zweytens: Ein Knab mit einer angezündeten Bechpfanne. 70. Drittens: ein gefliegelter Knab, welcher 2 fliegende Vögel an der ertens: Ein Knab, mit allerley Obst und früchten. Der Ätlas, wie er den Himmel auf seinen Schuldern tragt, ist mit Gold blauen Grund gemahlen (8 Schuh hoch, 4 Schuh 6 Zoll breit) 3. und 74. Zwey Knaben, deren jeder einen Blumen-Korb in denen Händen halt (5 Sch. 3 Z. hoch, 2 Sch. 2 Z. breit) Die Seiten-Wände des Bucentauro seynd blau in blau auf starken Federitt gemahlen und stellen für: 75. Die Göt teieres 76. den Bachus 77.-81. bestehen in Ornamenten und ist auf jeden 1 antiques Brust-Bild zu sehen (Nr. 75-81 sind 7 Schuh hoch und 6 Sch. 3 Z. breit) 82. und 83. Zwey dergleichen schmälere Stuck mit solchen Brustbildern (7 Schuh hoch und 4 Schuh breit). Von dem zerlegten rothen Gallere seynd verhanden: 95. Zwölf gemahlte Knaben, in ganzer Statur, die 12 Monather deutend, deren jeder mit deme was er in denen Händen hält einen Monatslauf zu erkennen giebt (4 Schuh hoch, 1 Schuh 2 /4 Zoll breit) Mit Einschluß des gleich anfangs beschriebenen zertheilten Sterns seynd also würcklich befunden worden 96 Stuck Mahlereyen. Worzu noch einige kleine Eckfüllungen gehören, die mit ihren Vorstellungen auf das Hauptstuck des Plafonds gerichtet seynd. G.B. Faßmann, Churfürstl. Hofkammer-Rats und Mahlerey Commisa«
Diese Gemälde werden 1784 von Lorenz von Westenrieder in seiner Beschreibung des Starnberger Sees als noch komplett in Schloß Starnberg befindlich erwähnt. Heute lassen sich nur noch zwei Deckenbilder nachweisen. Sie befinden sich im Heimatmuseum der Stadt Starnberg: II41 Inv. Nr. STA 2887; IV, Inv. Nr. STA 4757 und sind seit dessen Gründung 1914 nachweisbar (frdl. Mitteilung von Gerhard Schober). Über den Verbleib der übrigen Bilder ist nichts bekannt. Sie scheinen nicht, wie zunächst vorgesehen, nach München verbracht worden zu sein.
II41 Putto mit Dreizack wurde, der Hartfaserplatte nach zu urteilen, in den letzten Jahrzehnten restauriert
IV Aurora wurde 1984 von Rolf-Gerhard Ernst in München restauriert
Rekonstruierende Beschreibung
Die wichtigsten Quellen für die Ausstattung der Räume sind die genannte »Baurechnung« und das Inventar von Faßmann. Ergänzend hinzu tritt die Beschreibung des »Bucentaur« durch Lorenz von Westenrieder von 1784, 26 Jahre nach der Demontage des Schiffs. Er beruft sich auf Franz Blauhut, der schon seit 19 Jahren Oberschreiber in Starnberg sei. Dieser habe ihm eine ausführliche Beschreibung mitgeteilt und auch ein Modell des Schiffes angefertigt. Wie man an der weitgehenden Übereinstimmung in der Detailschilderung sieht, fußen Westenrieder/Blauhut auf Faßmann. So ist z. B. bei beiden die Aurora-Darstellung (IV) irrtümlich als Amphitrите bezeichnet. Westenrieder gibt darüber hinaus noch Informationen über die Gliederung der Räume des Schiffs. In den Zuschreibungen an Amort bzw. Spillenberger sind weder er noch Faßmann zuverlässig. Vgl. dazu die »Baurechnung« (s.o.)
Die vier Prunkräume des Hauptdeckes waren, vom Bug beginnend, folgende:
I Großer Saal oder Tafelstube (ca. 11–12 m × ca. 7 m)
II Vorzimmer oder Zimmer des Kurfürsten (ca. 6,50 m × ca. 7 m)
III–IV Zwei nebeneinander liegende Kabinette (je ca. 4 m × ca. 2,75 m; zu den Raummaßen vgl. u.)

I Der Saal scheint keine Holzfelderdecke gehabt zu haben wie die Kabinette und das Vorzimmer. Für diese werden in den sehr detaillierten Rechnungen entsprechende Kistlerarbeiten aufgeführt, für den Saal jedoch nicht. Möglicherweise war, wie beim venezianischen »Bucintoro«, der allgemein als Vorbild diente, der Saal durch eine gewölbte Holzkonstruktion nach oben abgeschlossen. Eine leichte Wölbung wird von Bretagne für das obere Deck des bayerischen Schiffs bezeugt (Schober, S. 39). In Venedig war das Innere mit rotem Samt ausgeschlagen, für das hiesige Schiff gibt Westenrieder (S. 30) an, die Decke des Saals sei auf rotem Grund mit Früchten und Blumen bemalt gewesen. Diese Malerei stammte wohl von Caspar Amort (s.o.). Von ihr ist weder beim Abbruch des Schiffes die Rede, noch ist sie im Inventar aufgeführt. Es war wohl eine Dekorationsmalerei auf starker Leinwand (Federitt), wie sie auch für die Wände des Schiffs (Inventar, Nr. 75-83) und für die Außenbemalung des Schiffs rumpfes bezeugt ist. In allen Fällen diente Federitt als Bildträger. Man kann vermuten, daß Amort, der sehr viele Bühnen- und Festdekorationen ausführte, die gesamte Malerei dieses Genres für das Schiff in Händen hatte, während die zum Einlassen in die vergoldeten Holzdecken bestimmten Gemälde von feinerer, mehr vertriebener Malweise von Spillenberger ausgeführt wurden.
II Vorzimmer An den Saal schloß sich das Vorzimmer an. Seine Holzfelderdecke bestand aus einem »verteilten« Stern im Zentrum, der in einem Stück gearbeitet und in den das bayerische und savoyische Wappen
gemalt waren (Inventar, nach Nr. 95), das Westenrieder zufolge von Genien gehalten wurde. Er war umgeben von 80 gleich großen, rautenförmigen Feldern, die in der Form, vielleicht auch in ihrer Farbigkeit auf das bayerische Wappen anspielten. In jedem Feld war ein Putto dargestellt mit einem auf den Starnberger See bezogenen Attribut in Händen: mit einem Fisch wie Renke, Berschling, Waller, mit Fanggerät und mit weiteren Wassertieren und -pflanzen (s. das Verzeichnis). Heute nachweisbar ist nur noch die Nummer 41 des Inventars:
II., PUTTO MIT DREIZACK (Heimatmuseum Starnberg, Inv. Nr. STA 2887) Der geflügelte nackte Putto ist von unten gesehen. Vor den Körper hält er einen Dreizack, um seinen Leib ist ein Band geschlungen das im Wind flattert
Auf die Thematik der Darstellungen weist Ertl in seinem Chur-Bayerischen Atlas von 1687 hin, der von etlichen schönen Zimmern auf dem »Bucentaur« spricht, »in welchen die unterschiedliche Fisch deß Würm See nach dem Leben entworffen seyn« (S. 162). Westenrieder (S. 30) gibt an, »ein Genius, welcher von einem Krebsen den Rücken hinab gezwick wird und iämmerlich schreyet (= Inventar Nr. 16)«, werde das Wahrzeichen der Deckenbilder dieses Raums genannt. Dieser Hinweis bezieht sich wohl auf eine Stelle in Pierre de Bretagnes Beschreibung der Hochzeit von Karl Albrecht und Maria Amalia 1722. Geschildert ist eine auf dem »Bucentaur« durch den Kurfürsten vorgenommene scherzhafte Taufzeremonie, »und damit nicht einer, um dieser Zeremonie zu entgehen behaupte, sie bereits durchgemacht zu haben, giebt es da unter mehreren Seegemälden am Plafond des einen Kabinetts eine Stelle, die man zeigt und die gleichsam als Zertifikat dient: das ist ein Triton, der mit einen Hummer scherzt, von dem er so heftig in den Schenkel gezwickt wird, dal er ein schreckliches Schmerzensgeschrei auszustoßen scheint. Diese Gemälde muß man sich erinnern, sonst wird man einer zweiten Begießung ausgesetzt, die noch stärker ausfiele als die erste« (zitiert nach Simonsfeld S. 194).
Von der Decke des Raums erwähnt das Inventar (nach Nr. 95) außerdem »einige kleine Eckfüllungen, die mit ihren Vorstellungen auf das Haupt stück des Plafonds (= den Wappenstern) gerichtet seynd«. Zur Bemalung der Wände s. u.
Maßgerechte Rekonstruktion der Decke des Vorzimmers (I
Nicht nur aus der Abrechnung für den Maler Spillenberger, sondern auch aus der Kistlerrechnung für die Decke geht eindeutig hervor, daß es sich bei der Aufteilung ursprünglich um 80 Füllungen gehandelt hat: »Georgen Planckh Kistlern in München, so in Iro Churfrtl. dtl. Zimmer des besagten Schöfs den Poden oder deckhen oben auf mit läden zuegewölbt und samt zweyen (i.e. Gehilfen) 2 tag mit zuegebracht, darfür 4 fl. 30 ×. berhierte (berührte, d.h. erwähnte) deckhen halt in sich 80 Filling, in der mitte der deckhen ainen Stern, und die ausser filling dem Churbayerischen Wappen gleichformbig, welche filling Innen und außwendtig mit geflambdten Kellsteßen (= Kehlstößen) von lindtigen (= linden) holz, der kellsteß 1615 schuech in sich haltent, verförtigt, für iedte filling 1 fl. 30 ×. mehr 160 Zierradten von Lindnen holz iedte 1 schuech 9 Zohl, eine per 26 X. und 81 geschnittene Rosen für jedte 20 X. dann og schuech orthoge i did iv Rabiliette ii voiziitiller. In den Rautenfelgern ii auf den Starnberger See bezogen simbs, deren beede orth mit geflambten Kellsteß versezt gemacht, iedten schuech per 10 ×., über abbruch 13 fl. 50 × ... entricht 222 fl.« (Baurechnung, Nr. 8a).

Die Maße des furnierten Fußbodens in diesem Raum betrugen 20 Schuh 6 Zoll in der Länge und 22 Schuh 6 Zoll in der Breite, d. h. etwa 6,00 × 6,50 m (Baurechnung, Nr. 84). Aufgrund der Länge der »Orthgesimses« (= Randgesims) von etwas mehr als 26 Metern muß man einen etwas größeren Raum annehmen. Versucht man unter Zugrundelegung des erhaltenen trapezförmigen Bildes mit seinem originalen Rahmen (II41) die Rekonstruktion einer symmetrischen, rautenförmigen Deckenaufteilung mit 80 Feldern und einem »verteilten« Stern in der Raummitte, so kommt man bei sechs Rautenfeldern in der Tiefe und neun in der Breite mit einem sternförmigen Mittelfeld, das 13 Rauten ausspart, auf eine sinnvolle Anordnung, aber auch auf eine etwas größere Fläche als beim Fußboden. Dessen geringere Maße hängen vielleicht mit den für das Schiff angefertigten 22 Bänken zusammen, die wohl an der Wand fest eingebaut waren, wodurch dort schmale Streifen der Bodenfläche weggefallen sein könnte. Im Zusammenhang mit der Fertigung der Holzdecke, wie sie sich an der Kistlerrechnung ablesen läßt, können am Rahmen des Bildes II41 folgende Beobachtungen gemacht werden: Zum vertieften Bildfeld hin vermittelt eine geflammte vergoldete Leiste. Parallel dazu, im Abstand von ca. 2 cm läuft eine schmalere derartige Leiste, die sich dann abgewinkelt fortsetzt (nur rechts erhalten, sonst abgebrochen). Diese Leisten sind wohl mit der in der Rechnung genannten »Kellsteßen« (= Kehlstößen) identisch. Die dunkelbraun gestrichenen Partien dazwischen und an den Ecken weisen schwärzliche Spuren, wohl von Leim, auf. Hier müssen an den Ecken die in der Rechnung erwähnten Rosetten gesessen haben und zwischen der Leisten möglicherweise die »Zierraten«, die 1 Schuh 9 Zoll lang waren und hier genau hinpassen würden. 160 Zierraten lassen sich am sinnvollsten auf 80 Felder verteilen, wenn man nicht jedem Feld zwei zuweist, sondern wenn man nur für jedes zweite Feld solche Verzierungen annimmt, und zwar für alle vier Seiten. Auf diese Weise könnten für die rautenförmige Anordnung, die sich auf das bayerische Wappen bezieht, verschiedenartig dekorierte, alternierende Felder entstanden sein.
III-IV Kabinette Die anschließenden beiden Kabinette müssen in der Flucht der übrigen Räume gelegen haben und zusammen ebenso breit gewesen sein wie diese. Die Maße ihrer furnierten Böden waren aber beträchtlich kleiner. Die Breite betrug jeweils 9 Schuh 6 Zoll, die Länge 13 Schuh 8 Zoll, also etwa 2,75 zu knapp 4,00 m (Baurechnung, Nr. 86). Man betrat sie von der Antecamera her durch zwei Türen. Zwischen den Türen war Atlas, der das Himmelsgewölbe trägt, in Gold auf blauem Grund gemalt (Inventar, Nr. 72), als Verkleidung für einen der beiden Schiffsmaste; der andere Mast, der sich im großen Saal befand, war durch eine Herkulesstatue verdeckt. Durch den Einbau des Schiffsmastes ging ein Teil des Platzes in den Kabinetten verloren, was die geringere Fußbodenfläche wenigstens teilweise erklärt, auch eingebaute Möbel sind in Betracht zu ziehen. Die Deckenbilder bestanden jeweils aus einem Oval im Zentrum, umgeben von vier kleineren Begleitbildern (bis auf IV sämtlich verschollen). Dargestellt waren im Kabinett rechts: outen, I Saal oder Tafelstube

Bucentaur Kurfürstliches Prunkschiff, Rekonstruktionsvorschlag für die Bildanordnung
III BOREAS ENTFÜHRT OREITHYIA (Ovid, Metamorphosen VI, 682 ff.)
III1 KNABE MIT FALKEN AUF DER HAND (Inventar, Nr. 63; Westenrieder: »Zween Knaben«)
III. KNABE MIT VOGELHAUS (Inventar, Nr. 64)
III3 KNABE LADT EINE KANONE (Inventar, Nr. 65; Westenrieder »Zween Knaben«)
III4 KNABE FEUERT DIE KANONE AB (Inventar, Nr. 66

Im Kabinett links:
IV AURORA VERTREIBT DIE NACHT (Heimatmuseum Starnberg, Inv. Nr. STA 4757; im Inventar, Nr. 67 und bei Westenrieder irrtümlich als Amphitrite bezeichnet) Die rosenfingrige Morgenröte, deren preziöse Handbewegungen besonders auffallen, sitzt auf einer Wolke, hinterfangen vom ockergelben Schein der noch verborgenen Sonne, deren Strahlen vom linken Bildrand herkommen und den rechten Bildrand rosig beleuchten. Sie trägt über weißem Untergewand ein hellblaues Kleid, darüber einen grünen Umhang mit goldenem Muster. Von den sie umgebenden Putti streut einer Blumen, ein anderer hält eine Kette mit Anhänger (?), zwei weitere auf der Wolke rechts weisen auf die dunkle Gestalt der fliehenden Nacht unter ihnen, die die rechte Hand schützend vors Gesicht hält.
IV, KNABE MIT WINDMÜHLE AUS PAPIER (Inventar, Nr. 68; Westenrieder: »zween Knaben«)
IV2 KNABE MIT ANGEZÜNDETER PECHPFANNE (Inventar, Nr 69; Westenrieder: »zwenn Knaben«)
IV3 GEFLÜGELTER KNABE MIT ZWEI VÖGELN AN EINE SCHNUR (Inventar, Nr. 70)
IV4 KNABE MIT FRÜCHTEN (Inventar, Nr. 7
Die Darstellungen in den Kabinetten waren wohl mit Blickrichtung nach innen zur Schiffsmitte hin an der Decke angebracht. Durch den für IV Aurora erhaltenen originalen Rahmen mit seinen Ansatzstücken kann die Deckenaufteilung versuchsweise rekonstruiert werden (s. Rekonstruktionszeichnung).
Für die Innenwände des Schiffs sind im Inventar insgesamt 12 bemalte Panneaux von verschiedener Größe überliefert. Neun von ihnen – Ceres, Bacchus (Nrn. 75 und 76) und sieben antike Brustbilder (Nrn. 77-83) waren in Camaieu-Malerei in Blau ausgeführt, das größte Bild – Atlas mit dem Himmelsgewölbe (Nr. 72) – in Goldmalerei auf blauem Grund. Für zwei weitere Wandbilder – Knaben mit Blumenkörben (Nrn. 73 und 74) – werden keine Angaben zur Technik gemacht. Es handelt sich durchwegs um hochrechteckige Felder, deren Höhe zwischen 1,70 und 2,60 m und deren Breite zwischen 0,70 und 2,00 m beträgt. Da die Längswände des Schiffs durchfenstert waren, werden die Gemälde wahrscheinlich an den Querwänden gesessen haben. Westenrieder ordnet Atlas, Ceres und Bacchus sowie einige Brustbilder dem Vorzimmer zu, als Standort der Atlasdarstellung das Feld zwischen den beiden Türen zu den Kabinetten. Für die Kabinette schreibt er lediglich, die Wände seien blau in blau auf Federitt gemalt.
Quellen und Literatur
StAM, Hofkammer, Ämterrechnungen, Gericht Starnberg, Schiffbau »Baurechnung Uber das grosse Leibschöff und der aufgesetzten neuen Schöff- und werckhütten zue Starnberg Anno 1663«; früher KA Landshut XVIII, 825, No. 2446a.
BSGS, Inv. StA/760/1: »Beschreibung jener in ... Schloß ... Starnberg ... liegenden ... Mahlereyen ...«. Verfaßt am 3. November 1760 von Faßmann.
Weitere Quellen sind zusammengestellt bei Schober, S. 153
Gualdo, Conte Galeazzo, Relatione della Corte e Stati del Serenissimo Ferdinando Maria Elettore di Baviera, Leiden 1668 (Beschreibung von 1663), S. 35.
Ertl, Anton Wilhelm, Kur-Bayerischer Atlas, München 1687, Teil S. 162.
Westenrieder, Lorenz von, Beschreibung des Wurm- und Starnbergersees und der umliegenden Schlösser samt einer Landkarte, München 1784, S. 27 ff.
Simonsfeld, Henry, Der Bucintoro auf dem Starnberger See, in: Jahrb. f Münchner Geschichte, 4. Jg., Bamberg 1890, S. 175 ff.
Mitterwieser, Alois, Bayerische Prunkschiffe aus fünf Jahrhunderten. München 1931 (Beiträge zur Bayerischen Geschichte, Bd 1), S. 28ff.
Fleischer, Julius, Der Barockmaler Johann von Spillenberger, in: Wiene Jahrb. f. Kunstgeschichte XVI, 1954, S. 136f., S. 161, Nr. 2 (Aurora irrtümlich als verschollen vermerkt).
Schober, Gerhard, Prunkschiffe auf dem Starnberger See. Eine Geschichte der Lustflotten bayerischer Herrscher. München 1982, S. 23 ff. und Abb. 8 (seitenverkehrt) und 9.
B.V.-K
ANHANG:
NICHT LOKALISIERBARE DECKENBILDER AUS DEM HOFBEREICH
FÜNF DECKENBILDER (um 1615)
Wiederverwendung im Bayerischen Nationalmuseum, dort im Zweiten Weltkrieg zerstört