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St. Leonhard i. Forst, Pfarr- und Wallfahrtskirche St. Leonhard

Aus Deckenmalerei-Lab


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 1: Die Landkreise Landsberg am Lech, Starnberg, Weilheim-Schongau. Hirmer, München 1976, ISBN 978-3-7991-5737-7, S. 508–512, geschrieben von Bauer-Wild, Anna, Böhm, Cordula, Lüdicke, Lore und Werner-Clementschitsch, Heide. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

ST. LEONHARD IM FORST

Pfarr- und Wallfahrtskirche, Gemeinde Forst, Diözese Augsburg; z. Z. der Ausmalung Filialkirche der Klosterpfarrei Wessobrunn, Klosterhofmark Wessobrunn

Patrozinium: St. Leonhard

Zum Bauwerk: Auf dem Platz einer mittelalterlichen Kirche Neubau 1724 ff. unter Abt Thassilo Boelzl von Wessobrunn (1706–43). Architekt war Joseph Schmuzer (Neu). Feierliche Weihe 16. 9. 1735. — Saalbau mit Doppelpilastergliederung; eingezogener AR mit halbrundem Schluß

Auftraggeber: Abt Beda Schallhammer von Wessobrunn (1743–60) für Fresko B, Wappen im Altarraum über dem Hochaltar; Abt Ulrich Mittermayr von Wessobrunn (1760–70) für Fresko A im Gemeinderaum

Autor und Entstehungszeit: A ist signiert und datiert am südwestlichen Freskorand: Mathae: Gündter pinx: 1769 (Matthäus Günther). B ist am östlichen Bildrand signiert IM: Heigl inv et pinxit. (Joseph Martin Heigl * in Konstanz †1776 in München). Dieses Fresko ist nicht datiert. Die Datierung Günthers in Fresko A wird in der Literatur auch für das nicht datierte Fresko Heigls angenommen (Thieme-Becker). Das Fresko zeigt aber stilistische Merkmale des Rokoko und gehört daher in die Stilstufe der 50er Jahre im Werk Heigls. Es weist Heigls flüssige Gruppenkomposition dieser Zeit auf, wie ein Vergleich mit den Fresken der Pfarrkirche in Bad Aibling, signiert und datiert 1756 (OB, LKr. Rosenheim), zeigt. In der Farbgebung ist warmes Ocker – in Mischtönen von Gelb, Rot und Grün – bevorzugt. Die diffuse Licht- und Schattenführung, kombiniert mit hellfarbigen Akzenten, die wie die Glanzlichter in der Ölmalerei wirken, ist eine bezeichnende Eigenart der frühen Fresken Heigls. Bereits in Wilparting, signiert und datiert 1759 (OB, LKr. Miesbach, s. Bd. 2), hat die Farbigkeit der Fresken keinen der Ölmaleri ähnlichen Charakter mehr. Die Farben sind klarer und lichthaltiger. In den Fresken der 60er Jahre (z. B. Altenerding, signiert und datiert 1767, OB, LKr. Erding) zerfallen Heigls Bildkompositionen in isolierte Gruppen und Figuren.

Das Wappen des Abtes Beda Schallhammer gibt ebenfalls einen Hinweis darauf, daß der Altarraum in seiner Regierungszeit stuckiert und ausgemalt wurde. Wir datieren das Fresko Heigls daher um 1756.

Befund

Träger der Deckenmalerei: LHs Tonne mit Stichkappen (verputzte Lattenkonstruktion), AR Stichkappentonne, im O abgemuldet (massives Steingewölbe)

Rahmen: A und B Stuckprofil, von Rocailleornamenten überspielt

Technik: Fresko; polychrom Maße: A Höhe 11,20 m; 19,80 × 8,10 B Höhe 11,40 m; 6,50 × 3,60

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Nach einer entstellenden Restaurierung des 19. Jh. Wiederherstellung 1904; 1956 Reinigung und Ausbesserung von Rissen. Die Fresken sind im ganzen leicht verschmutzt. In A sind mehrere gekittete Risse und geringfügige Ausbesserungen, in B ist ein durchgehender gekitteter Scheitelriß sichtbar. Fresko B wirkt in der nördlichen Bildhälfte farblich verändert.

Beschreibung

A SZENEN AUS DEM LEBEN DES HL. LEONHARD Das Fresko erstreckt sich über die vier Joche des Langhauses. Es hat eine umlaufende terrestrische Zone, die annähernd in Zentralperspektive konstruiert ist. Architekturen und Figuren der terrestrischen Szenerie sind daher stark verkürzt wiedergegeben. Der Betrachterstandort befindet sich unterhalb des mittleren Bilddrittels, ein wenig gegen den W-Rand des Bildes hin verschoben.

Auf einer Wolke thront Divina Providentia, ihr zu Füßen die Personifikationen Fides, Spes und Caritas. Die Himmelsgruppe ist auf die Hauptansichtsseite des Freskos an der O-Seite bezogen.

Der hl. Leonhard verläßt den königlichen Palast Chlodwigs. Er führt eine Gruppe junger Männer an, die mit ihm aufbricht. Der Heilige und sein Gefolge sind in höfischer Kleidung, mit Reisemantel und Pilgerstab wiedergegeben.

Die Substruktion des Palastes zur Linken zeigt eine große Bogenöffnung; hier drängen Gefangene heraus und strecken ihre Ketten dem Heiligen entgegen. Rechts weiden Haustiere bei einem hohen Baum.

Nach S folgt eine Darstellung des hl. Leonhard in einsamer Landschaft in einer Einsiedlerzelle. Er sitzt betend in einer von Felsgestein gebildeten Nische, die durch ein holzernes Dach zu einer primitiven Hütte gemacht ist. Vor dem Heiligen auf einem Mäuerchen steht einfaches Geschirr, Schüssel und Krug; daneben liegt eine Geißel. Durch einen Wald im Hintergrund, kahles Gestein und spärlichen Pflanzenwuchs ist die Landschaft als unwirtliche Einöde charakterisiert. Am Übergang zwischen beiden Szenen zwei Rehe. Nach SW schließt sich eine figurenreiche Szene an: Leonhard, auf einer kleinen Bodenerhebung stehend, predigt dem versammelten Volke, darunter einigen Gelehrten.

A Ausschnitt Südseite: Predigt und Mission des hl. Leonhard
A Ausschnitt Ostseite: Der hl. Leonhard verzichtet auf königliche Ämter und zieht in die Einsamkeit
B Fürbitter St. Leonhard

dem versammelten Volke, darunter einigen Gelehrten. Links wird die Darstellung von einem keulenschwingenden Mann abgeschlossen, der eine Götterstatue von ihrem Sokkel gerissen hat und sie zertrümmert. Rechts zerstören mehrere Männer einen Tempel Jupiters.

rere Männer einen Tempel Jupiters

Am westlichen Bildrand sehen wir, etwas im Hintergrund und von den aufragenden Felsen der angrenzenden Szenen wie durch eine Schlucht eingeengt, die Errichtung des großen Baus einer Kirche mit angrenzenden Klostergebäuden. Auf der N-Seite gibt Leonhard, von Bauern und Mönchen umringt, zwei Männern den Befehl, einen Brunnen zu graben. Alle diese Einzelszenen sind kompositorisch in sich abgeschlossen und nebeneinander ohne gleitende Übergänge gesetzt. Die terrestrische Szenerie hat keine zusammenhängende Bodenfläche und damit keine räumliche Einheit; der Schauplatz jeder einzelnen Szene ist für sich gebaut, meist

auf steil aufragenden, substruktionsartigen Mauern oder Felsen. Die einzelnen Szenen sind im klassizistischen Sinn bildhaft in sich geschlossen. Eine umgreifende Bildeinheit wird durch die Zentralperspektive erreicht, der alle Einzelheiten der irdischen Szenerie unterworfen sind. Die Gestalten im Himmel sind von der perspektivischen Konstruktion ausgenommen. Die lichte Farbigkeit bewirkt hier die Distanzierung der wenig verkürzt wiedergegebenen Figuren.

Die Farbbehandlung zeigt Merkmale des Spätstils Günthers der 70er Jahre. Eine klare, kühl wirkende Helligkeit charakterisiert die Farbigkeit, die von lichten Grau-Weiß- Tönen bestimmt ist. Die Grauabstufungen und -beimischungen zu allen Farben bewirken einen tonigen Farbcharakter, der gegenüber den Fresken der Rokokophase (40/50er Jahre) nicht mehr als strahlend, sondern als diffus hell zu beschreiben ist. Die Farbpalette ist dabei auch hier durch den für Günther bezeichnenden Nuancenreichtum ausgezeichnet.

Die Malweise ist nicht mehr flockig, die einzelnen Figuren sind vielmehr im klassizistischen Sinn farblich klar vom Grund abgesetzt und haben deutlich betonte Konturen. Die Disponierung der Hell-Dunkel-Werte ist klassizistischrational: Dunklere Farben sind der terrestrischen Zone vorbehalten, und dort vor allem den Basen der Szenerien. Intensivere, helle und dunkle Farbwerte zeichnen die handelnden Personen aus. Die aufragenden Architekturen vermitteln farblich zu dem hellen Wolkenhimmel hin. Die Glorie darin wirkt weniger als lichtstrahlende Öffnung vielmehr als der Ort der größten – natürlich wirkenden – Helligkeit.

B ST. LEONHARD ALS FÜRBITTER Einansichtige Szene, Betrachterstandort unterhalb des westlichen Bildviertels

Eine diagonal verlaufende Kompositionslinie trennt das Bild in eine himmlische und eine irdische Zone. Die Diagonale wird durch die Konturen einer Brüstung und einer Baumgruppe markiert. Die Figuren in beiden Zonen sind einer großzügigen S-Kurve eingefügt.

Im Mittelgrund, über einer schmalen Bodenfläche, erhebt sich eine Freitreppe, auf der Bittflehende gruppiert sind: ein alter Mann mit einem Knaben auf dem Schoß, eine Mutter mit Kind und ein Greis auf Krücken mit einem Gefangenen, der seine Ketten zu Leonhard emporhebt. In der vordersten Bildebene ist, in der Art von Repoussoirfiguren, dunkel vom Mittelgrund abgesetzt, eine weitere Gruppe, Mutter mit krankem Kind, dargestellt, durch deren schräg verlaufende Silhouette die Diagonalkomposition betont wird. Nach links, zum Hintergrund, ist die irdische Szenerie durch einen Brückenbogen und einige Baumkronen abgeschlossen, davor ein Bauernpaar mit Vieh.

Einzelne Bildelemente erinnern an das Formenrepertoire Zimmermanns: die architektonischen Versatzstücke, die Baumgruppen sowie Stellung und Gestik der Figuren. Komposition und Bildanlage sind im Vergleich zu Zimmermanns Werken vereinfacht.

ST. NIKOLAUS

Farblich ist das Bild von Ockertönen in verschiedenen Farbbrechungen bestimmt. Der durch das stumpf und bleiern wirkende Himmelsblau gegebene Kontrast ist allem Anschein nach nicht original.

Ikonographie

A SZENEN AUS DEM LEBEN DES HL. LEONHARD In den Wolken thront Divina Providentia, die Göttliche Vorsehung, kenntlich gemacht durch das Dreifaltigkeitsymbol hinter ihrem Haupt und durch das Zepter mit dem Auge Gottes an der Spitze. Fides, unter ihr thronend, hält in der Linken das Kreuz, in der Rechten den Kelch mit der Hostie über dem Buch mit sieben Siegeln. Auf ihrem Haupt ist – kaum mehr sichtbar – eine Flamme. Auf der anderen Seite thront Caritas, auf dem Kopf das brennende Herz, ihr Attribut, und in den Armen zwei Kinder. In der Mitte Spes mit dem Anker. Auch durch die Farben ihrer Gewänder sind die drei Göttlichen Tugenden charakterisiert: Caritas rot, Spes grün und Fides in den Kirchenfarben weiß und gelb.

Die Szenen aus dem Leben des hl. Leonhard von Noblac werden, an der O-Seite beginnend nach S fortfahrend, rundum gelesen:

Verzicht auf das väterliche Erbe und auf königliche Ämter am Hofe des Merowingerkönigs Chlodwig und Rückzug in die Einsamkeit mit gleichgesinnten Gefährten (O-Seite) Bau einer Hütte und Einsiedlerleben in einem Wald bei Limoges (S-Seite) Predigt und Mission (S-Seite) Graben eines Brunnens (N-Seite) Kloster und Kirchenbau von Noblac (W-Seite). Der Kirchenbau wurde nach Leonhards Tod in Angriff genommen. Der schneebedeckte Boden bezeichnet die wunderbare Ortsbestimmung: Die Stelle, die vom Schneefall unberührt war, hatte der Heilige zu seiner Ruhestätte erwählt (vgl. Surius, Bd 6, 6. 11., S. 165–68).

An der O-Seite weisen zwei Begleitszenen auf Patronate des Heiligen hin: Links strecken Gefangene ihre Fesseln dem hl. Leonhard entgegen – zugleich eine Anspielung auf die einflußreiche Stellung Leonhards bei Hofe, die er für die Freilassung der Gefangenen geltend machte. Auch nach seinem Tod erwirkte der Heilige zahlreiche wunderbare Gefangenenbefreiungen (vgl. Surius, a. a. O.). Die Haustiere auf der rechten Seite beziehen sich auf das Viehpatronat (zur Entstehung dieses erst im Barock und nur im bayerischen Raum verbreiteten volkstümlichen Patronats vgl. Josef Dünninger, Das Viehpatronat des hl. Leonhard, in: Münchener Theologische Zeitschrift 1, 1950, H. 3, S. 51–54).

Das AR-Fresko zeigt den hl. Leonhard, wiedergegeben in der schwarzen Ordenstracht der Benediktiner, als Patron der Gefangenen, der Kranken und Krüppel, der Mütter und Kinder und des Viehs. Ein Engel bei Leonhard präsentiert ein Schwert — eine ikonographisch ungewöhnliche Darstellung.

Quellen und Literatur

Leutner, Cölestin, Historia Monasterii Wessofontani. Augsburg 1753, S. 487.

Braun-Augsburg, Bd 1, S. 383 f.

Leuthenmayer, Johann Baptist, Forst oder St. Leonhard Neuburg an der Donau 1881.

KDB I OB (1), S. 722.

Hager, Georg, Die Bauthätigkeit und Kunstpflege im Kloster Wessobrunn, in: OAVG 48, 1893/94, S. 337 und 342. Thieme-Becker, Bd 16, S. 269 (s. v. Heigl, Martin).

Gundersheimer, Hermann, Matthäus Günther, Augsburg 1930, S. 60.

Schnell, Hugo, St. Leonhard am Forst (= KKF 15), München [1934].

Neu, Wilhelm, Unbekannte Frühwerke des Baumeisters Joseph Schmuzer, in: Lechisarland 1963, S. 22.