Polling, ehem. Augustiner-Chorherrenstift, Saal
Ehem. Saal des Studienseminars, jetzt Schulzimmer der Volksschule
Zum Bauwerk: Der Saal liegt im ersten Obergeschoß des im 18. Jh. erbauten Traktes für das Studienseminar. Einfacher, rechteckiger Raum, durch eine im N eingezogene Wand später verkleinert und um eine Fensterachse verkürzt, so daß sich das Fresko nicht mehr in der Mitte des heutigen Raumes befindet.
Auftraggeber: Propst Franz Töpsl von Polling (1744–96), dessen Wappen sich in der westlichen Hohlkehle befindet.
Autor und Entstehungszeit: Das Bild ist signiert: M. Günther Pinxit 1767 (Matthäus Günther). Matthäus Günther wurde wahrscheinlich durch seinen Bruder Bernhard, der Regens des Studienseminars von Polling war (†1786, vgl. Monumentum gratitudinis, S. 42 f.), empfohlen.
Befund
Träger der Deckenmalerei: Flachdecke mit Hohlkehle
Rahmen: Stuckprofil Technik: Fresko; polychrom
Maße: Höhe 3,40 m; 5,75 × 4,50 Erhaltungszustand und Restaurierungen: Das Fresko war übermalt und wurde gegen 1930 wieder aufgedeckt. 1960 erfolgte eine Reinigung. Ruinöser Erhaltungszustand: drei riesige Fehlstellen, die etwa ein Fünftel der Gesamtbildfläche ausmachen; leichte Risse, starke Nachdunklungen.
Beschreibung
APOLLO ALS SCHUTZHERR DER WISSENSCHAFTEN UND KÜNSTE: Wegen der Größe des Deckenbildes in dem vergleichsweise sehr niedrigen Raum ist der Bildraum als kompositorische und perspektivische Einheit kaum als Ganzes zu erfassen. Auch die großen Fehlstellen erschweren die Beschreibung.



Die Szene ist einansichtig. Nur in der vordersten unteren Randzone ist durch einige Figurengruppen und den Rahmen begleitende architektonische Versatzstücke, die in starker Verkürzung und Untersicht gegeben sind, Höhenillusion erzeugt. In einer weiten Landschaft mit Baumgruppen ragt ein Hügel auf. Darüber steht auf Wolken Apollo, von der Sonne wie von einer Glorie hinterfangen. Landschaftsprospekte sind kulissenartig hintereinander geschoben; Figuren werden in der Ferne unter Bäumen und am vorderen Bildrand sichtbar. Durch die Übermalung und Aufdeckung sind die Farben des Bildes verändert und ziemlich verblaßt. Kräftige Farben finden sich nur noch in den Figurengruppen im Vordergrund.
Nur mehr hier – und vielleicht in der Gestalt des Apollo – erkennt man die einstige Qualität des Bildes.
Ikonographie
Hauptgestalt ist Apollo mit der Leier als Beschützer der Wissenschaften und Künste. Darunter sehen wir Pegasus auf dem Berge Helikon, der mit seinen Hufen den kastalischen Quell entspringen läßt. In der linken Figurengruppe erkennt man die allegorischen Gestalten der Architectura mit Richtscheit und Zirkel, dann die Astronomia mit dem Fernrohr, daneben die Pictura mit einer Maske vor der Brust am Gewand, mit Pinsel und Palette, und endlich die Sculptura, zur Hälfte zerstört, an ein Tischchen gelehnt, mit Meßinstrumenten und einer Büste zu ihren Füßen. Die unvollständige Gruppe von fünf weiblichen Gestalten unter Palmen im Hintergrund ist nicht näher gekennzeichnet; vielleicht waren die neun Musen dargestellt.
Rechts im Bildvordergrund ist eine allegorische Figur dargestellt, ein Stern auf dem Haupt ist zu erkennen. Es könnte sich der ehemaligen Bestimmung des Raumes gemäß um eine Personifikation der Eruditio oder einer sinnverwandten anderen Tugend handeln. Eruditio mit Stern findet sich z. B. auf Frontispizen der Acta Sanctorum (Kupferstich gezeichnet von Theodor Jon. van Merlen, gestochen von Joseph Filosi, im ersten Band: AASS Januarii, Tom. 1, Antwerpen 1643). Unter einem Baum im Hintergrund sehen wir Pan und Midas als Gegenspieler Apollos. Zwei Jünglinge in zeitgenössischer Tracht sind, ganz im Vordergrund, Betrachter dieser mythologischen Szene; es sind Schüler der Klosterakademie Polling, die die Beziehung zwischen der Pollinger Gegenwart von 1767 und der mythologisch-allegorischen Welt der Wissenschaften und Künste herstellen.
Das Thema Apollo auf dem Parnaß als Schutzherr der Künste und Wissenschaften hatte Günther sechs Jahre zuvor in dem wesentlich größeren, programmatisch umfangreicheren Deckenfresko der Bibliothek des ehem. Zisterzienserstiftes zu Aldersbach (NB) gestaltet. Der Pollinger allegorischen Verkörperung einer Geisteskraft (Eruditio?) entspricht dort eine verwandte Figur, bezeichnet durch Flamme auf dem Haupt und brennende Fackel in der Hand; diese weist den Weg zum Parnaß hinauf.
Von der Ikonologie her muß man annehmen, daß der Pollinger Saal ein Studiersaal oder eine Bibliothek war und erst durch den Neubau des Bibliotheksgebäudes (1776–77) seine ursprüngliche Bestimmung verlor und zu einem Speisesaal gemacht wurde (die Literatur bezeichnet den Saal allgemein als Speisesaal). – Günthers Fresko weist voraus auf Baaders Bibliotheksfresko A (1778). Letzteres ist jedoch von wesentlich geringerer künstlerischer Qualität, was vor allem der Vergleich mit dem gut erhaltenen Aldersbacher Fresko zeigt.
Quellen und Literatur
Briefwechsel des P. Gerhoh Steigenberger mit Propst Töpsl, BSB, cgm 3185–3188.
Briefe des P. Ollegarius Seidl an Propst Töpsl, Bay HStA I KL Polling 139.
Töpsl, Franziskus, Succincta Informatio de Canonia Pollingana, Günzburg 1760.
[Daisenberger] Johann Nepomuk, Monumentum debitae gratitudinis ... erga ... Franciscum Toepsel..., (o. O.), 1815.
Federle, Joseph, Kurzgefaßte Geschichte des ehemaligen Klosters Polling, Weilheim 1864.
Jocham, Magnus] Polling, in: Kalender für katholische Christen 1873, S. 41 ff.
KDB IOB (1), S. 716 ff.
Peetz, Hartwig, Der Haushalt des Klosters Polling im 18. Jh., in: Jahrbuch für Münchener Geschichte 4, Bamberg 1890, S. 315.
Schmidtner, Andreas, Überblick über die Geschichte der Stadt Weilheim und des Klosters Polling, Weilheim 1893.
Rückert, Georg, Aus der Pandurenzeit, in: Beilage zum Weilheimer Tagblatt 1926, S. 216–244.
-, Die Säkularisation des Augustiner-Chorherrnstifts Polling, Dillingen 1926.
Bogenrieder, Franz Xaver, Die Bau- und Kunstgeschichte des Klosters Polling, Diss. München 1928.
Zimmermann, Eduard, Bayerische Klosterheraldik, München 1930, S. 120 ff.
Rückert, Georg, Die Erlöserkirche zu Polling (Sonderdruck aus der Monatsschrift Lechisarland), Weilheim 1930.
Hartig, Michael, Die Oberbayerischen Stifte, Bd 1, München 1935, S. 124 ff.
-, Augustiner-Chorherrnstift Polling, in: Die Rast 1935, Nr. 11 f.
Rückert, Georg, Polling, Etting und Oderding, Bd 2, Pfarrgeschichte, Polling 1938.
–, Die Pfarrkirche Polling (= KKF Nr. 10), München 1950.
Hofmann, Sigfrid, Klosterkirche Polling (Wissenschaftliche Veröffentlichungen des Heimatpflegers von Oberbayern, Reihe A, Heft 3), Schongau 1954.
Rückert, Georg, Eusebius Amort, München 1956.
Fuchs, Adolf, Johann Baptist Baader, der Lechhansl, Kaufbeuren 1959.
Dülmen, Richard van, Propst Franziskus Töpsl, Kallmünz.
Simon, Adelheid, Die Fresken des Johann Baptist Baader mit einem kritischen Katalog des Gesamtwerkes, ungedruckte Diss., München 1972.