Zum Inhalt springen

Polling, ehem. Augustiner-Chorherrenstift, Bibliothek

Aus Deckenmalerei-Lab


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 1: Die Landkreise Landsberg am Lech, Starnberg, Weilheim-Schongau. Hirmer, München 1976, ISBN 978-3-7991-5737-7, S. 459–467, geschrieben von Bauer-Wild, Anna, Böhm, Cordula, Lüdicke, Lore und Werner-Clementschitsch, Heide. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Ehem. Klosterbibliothek im südlich der Stiftskirche gelegenen Bibliothekstrakt; jetzt Privatbesitz

Zum Bauwerk: Das Bibliotheksgebäude wurde 1776-77 durch Matthias Baader errichtet. Der Bibliotheksraum ist eine über zwei Stockwerke reichende Halle, welche durch Pfeiler in drei Schiffe zu sieben Jochen geteilt ist (Monumentum debitae gratitudinis, S. 31; van Dülmen, S. 57–59)

Auftraggeber: Propst Franz Töpsl von Polling (1744–96): Kloster und Prälatenwappen in Fresco C

Autor und Entstehungszeit: Das Jahr der Ausmalung ist in einer Inschrift in C angegeben MDCCLXXVIII CAROLO / THEODORO / REGNANTE / BAVARIA. In Fresko B findet sich die – stark zerstörte – Signatur Baaders, im östlichen Bildabschnitt, auf der Palette am Horn des Stieres BAADER PINX[I]T. Johann Baptist Baader arbeitete – wie gewöhnlich – mit dem Stukkator Thassilo Zöpf zusammen.

In den Briefen des Pater Ollegarius Seidl an den Propst Franz Töpsl finden wir den Beginn der Arbeiten an den Deckengemälden genau angegeben. Brief vom 9. April 1778: »Heut fangt Herr Johannes an in der neuen Bibliothec Pausen zu machen, und sollen Euer Hochwürden und Gnaden bey der Zurückkunft ... das Vergnügen haben, von dessen kunstreichem Pemsel etwas zu sehen.« Auch über den Fortgang der Arbeit an den Fresken berichtet P. Ollegarius regelmäßig; so am 28. Mai 1778: »Das gnädige Compliment an Herrn Joannes hat denselben so aufgemuntert, daß er nun auch schon das zweyte Stück, die vier Evangelisten, vollkommen fertig gemacht und gestern schon an dem dritten angefangen, welches er bis Pfingsten ebenfalls zu absolvieren gedenkt. Es ist dieses . . . ein Meisterstück, und so ausgestalten, daß Eure Hochwürden und Gnaden gewiß alles Contento finden wird.« Wieder schreibt er am 9. Juli 1778: »Ansonsten ist allhier alles in statu quo, und wird besonders der Bibliothec bau mit allem Ernst fortgesetzt. Herr Joannes, welcher sich zu Gnaden empfiehlt, hat abgewichenen Mondtag das zweyte Feld die

abgeschleyerte Wahrheit angefangen.« (BayHStA I, KI Polling 139, 8., 10, und 14, Brief).

Baader vollendete 1779 die Ausmalung der Bibliothek, wie aus der Signatur der Bilder an den Bibliothekstüren hervorgeht. Baader, der 1780 starb, arbeitete offenbar unter schweren Bedingungen; Pater Gerhoh Steigenberger schreibt an Töpsl am 29. Januar 1778: »Ich förchte beständig, der H. Joannes möchte nicht 2 Jahr mehr dauern; seir Aussehen wenigstens gefällt vielen nicht, und darum glaube ich, das auf Vollendung der Arbeit nothwendig zu dringer seve.« (BSB, cgm 3187, IV, 14. Brief).

Befund

Träger der Deckenmalerei: Kreuzgratgewölbe ohne Gurt einteilung

Rahmen: A—C Stuckprofil T 1 1 D 1 1 1

Maße: A Höhe 7,70 m; 3,70 × 3,30

B Höhe 7,70 m; 7,70 × 6,70

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Bei der 1944 erfolgten Restaurierung wurde ein über das ganze Gewölbe verlaufender breiter Scheitelriß gekittet und ein Freskostück, das aus Feld B herausgefallen war, ausgebessert und ergänzt. In A, B, C deutlich sichtbar gekitteter Scheitelriß und kleinere Risse; geringfügige Feuchtigkeitsschäden. Die Fresken sind leicht verschmutzt. In der nördlichen Partie von A kleine verputzte Fehlstellen; in B etwas stärkere Feuchtigkeitsschäden und ausgebesserte Stellen im westlichen Bildausschnitt; nördliche Himmelspartie in C anscheinend übermalt.

1975, nach der photographischen Aufnahme, Restaurierung der Deckenbilder durch Fronske.

Beschreibung

A DER PARNASS Einansichtige Szene, Betrachter standort unterhalb des nördlichen Bildviertels. Das nördliche Bildfeld gibt Einblick in eine Landschaft. Vorne links – kulissengleich – ein dunkles Erdstück, darauf ein

Zustand vor der Restaurierung 1973/75

A DER PARNAß ODER DIE PHILE kahler Baum und allegorische Figuren. Ein Bach trennt es grabenartig von dem breit gelagerten, grasbewachsenen Landstück gegenüber. Dort residiert Apollo unter einem Baum, umgeben von den Musen. Rechts unter einem zeltähnlichen Sonnendach drei mythologisch-allegorische Figuren. Im Hintergrund erhebt sich der helle Felsen des Parnaß, von dessen Spitze sich Pegasus in die Lüfte erhebt. In diesem Deckenbild fehlen alle illusionistischen Effekte. Im Unterschied zu den beiden anderen Bibliotheksfresken haben hier die Höhenlinien keinen gemeinsamen Fluchtpunkt. Durch die dunkle Vordergrundszenerie wird nur geringe Tiefenräumlichkeit erzielt.

B DER ALTE UND DER NEUE BUND In dem annähernd vierpaßförmigen Feld ist ein Kuppelbau in reiner Zentralperspektive dargestellt (Standort des Betrachters unterhalb der Bildmitte). Bei den vier Einschnürungen des Bildfeldes »erheben« sich unvermittelt oberhalb des Stuckrahmens starke, säulenbesetzte Pfeiler. Diese tragen einen doppelstöckigen Aufbau. Das erste, über den Pendentifs durch eine Rundbalustrade begrenzte Gewölbe trägt einen weiteren lichten Kuppelbau, der zum Himmel geöffnet ist. In dem Kuppelauge steht die Sonne gleich einer Scheibe. Zu den Seiten hin geben die Arkaden der mächtigen Vierungspfeiler Einblick in Apsidialräume.

Konkav geschwungene Treppenpodeste führen in diese vom Rahmen her ein. Die Kalotten der Apsiden haben Hypethralöffnungen. Das Vierpaßsegment an der Nordseite macht eine Ausnahme: Die Arkadenöffnung rahmt den Ausblick in einen lichten Freiraum mit Berg und Wolken, doch auch hier ist ein Treppenpodest über dem Rahmen. Im Gegensatz zu dieser konsequenten, zentralperspektivischen Anlage mit ihren starken Verkürzungen und Untersichten stehen die Figurengruppen in den vier »Öffnungen« der Vierpaßsegmente. Die Figuren folgen nicht den Gesetzen der Architekturdarstellung, durch schwache Verkürzungen und geringe Untersicht wirken sie vielmehr wie vor den Raum geblendet und scheinen buchstäblich aus dem Rahmen zu fallen. Im Zusammenhang mit diesen Figurengruppen gesehen, gibt die Bildarchitektur durchaus keine zwingende Architekturillusion; der Bau wirkt weniger als architektonische Einheit denn als ornamentale Rahmung der Figurengruppen. Der gemalte Kuppelaufbau »bekrönt« zwar das Joch in der Mitte der dreischiffigen Halle, doch hat er keinen formalen Zusammenhang und keine im illusionistischen Sinn vermittelnde Übergangszone zum realen Bibliotheksraum. Der Bildschauplatz wird vielmehr klar durch den Vierpaßrahmen von der stuckierten Wölbung getrennt.

Dunkle, schwere Farben beherrschen den äußeren Rand

B Der Alte und der Neue Bund oder die Theologie (photographische Aufnahme vor der Restaurierung von 1975)
    • Korrekturen an OCR-Fehlern:**

- „»erheben«“ → aus Transkribus: »erheben«  - „»Öffnungen«“ → aus Transkribus: »Öffnungen«  - „»bekrönt«“ → aus Transkribus: »bekrönt«  - „gebildet“ → „gebildet“ - „Illusion; der Bau wirkt weniger als architektonische Einheit“ → „Illusion; der Bau wirkt weniger als architektonische Einheit“ - „ornamentale Rahmung der Figurengruppen.“ → „ornamentale Rahmung der Figurengruppen.“ - „Vierpaßrahmen von der stuckierten Wölbung getrennt.“ → „Vierpaßrahmen von der stuckierten Wölbung getrennt.“

    • Entfernte Scanfragmente:**

- „POLLING“-Kopfzeilen - „D 110110 3,0 ) FR OSEXISO“-ähnliche Zeichensalate - Silbentrennungen mit (z. B. „gebildet“ → „gebildet“)

    • Ersetzte Zitate mit »«:**

- „Bei den vier Einschnürungen des Bildfeldes »erheben« sich unvermittelt...“ → „Bei den vier Einschnürungen des Bildfeldes »erheben« sich unvermittelt...“ - „die Figurengruppen in den vier »Öffnungen« der Vierpaßsegmente.“ → „die Figurengruppen in den vier »Öffnungen« der Vierpaßsegmente.“ - „Der gemalte Kuppelaufbau »bekrönt« zwar das Joch...“ → „Der gemalte Kuppelaufbau »bekrönt« zwar das Joch...“ des Bildes in den Vierpaßsegmenten: warme Töne, Braun, Karmin, Ocker und Olivgrün. Zur Mitte hin wird das Bild lichter, die Architektur ist in kaltem Graurosa wiedergegeben.

C Die Entschleierung der Wahrheit oder die Geschichtswissenschaften

C DIE ENTSCHLEIERUNG DER WAHRHEIT Einansichtige Szene, Betrachterstandort unterhalb des südlichen Bildviertels. Schauplatz ist eine steil ansteigende, konvex geschwungene Treppe. Diese ist bekrönt vor einem kleinen Monopteros. Rechts davon ist noch die Front eines antikischen Monuments sichtbar. Im Vordergrund vor der ansteigenden Treppe - eine schmale Bodenzone. Dort und auf den Stufen befinden sich allegorische Figuren. Darüber, vor dem Monopteros, wird Veritas entschleiert. In der Farbigkeit herrschen Braun und Ocker vor. Die spärlich verwendeten Buntfarben kommen kaum zur Geltung.

Interessant ist ein Vergleich der unterschiedlichen perspektivischen Darstellung von Landschaft (Fresko A) und Architektur (Fresken B und C). Von demselben Maler zur gleichen Zeit zwei unterschiedliche Konzeptionen: Während Baader bei den Architekturen noch in der Tradition der illusionistischen Deckenmalerei zu stehen scheint – denn er arbeitet mit starken Verkürzungen und gemeinsamem Höhenfluchtpunkt der Linien –, verlässt er diese bei den Landschaften und konstruiert perspektivisch gemäß den Gesetzen der Tafelbildmalerei. Dies ist jedoch nur scheinbar eine Diskrepanz: Die Architektur hat auch ihren Illusionscharakter verloren und ist nur noch perspektivisch erscheinendes Rahmenwerk, das die einzelnen Bildsegmente zusammenfaßt.

Ikonographie

Nach schriftlichen Quellen können die drei Bildfelder als allegorische Darstellungen von Philosophie (A), Theologie (B) und Geschichtswissenschaften (C) gedeutet werden.

A DER PARNASS ODER DIE PHILOSOPHIE Apoll ist die Hauptfigur des Bildes. Neun weibliche allegorische Figuren umgeben ihn als Musen, doch sind nur vier eigentliche Musen in dieser Schar: Links im Vordergrund, am Fuße des kahlen Baumes sitzt Melpomene, die Muse der tragischen Dichtung, Krone und Zepter in der linken Hand, einen Dolch in der Rechten, eine Krone auf dem Haupt, antikisch gekleidet. Zwischen ihr und Apoll thront Klio, Verkünderin der ruhmreichen Taten der Vergangenheit, Muse der Geschichtsschreibung, Tuba und Buch in Händen, lorbeerbekränzt. Die dritte Muse – vor Apoll rechts – ist Urania. Sie betrachtet mit dem Fernrohr ein Sternbild und hält Zirkel und Himmelsglobus bereit; als Muse der Astronomie hat sie einen Sternenkranz ums Haupt. Davor sitzt Kalliope, die Muse der heroischen Dichtung; sie schreibt mit der Feder in ein Buch, ihr Haar ziert ein Lorbeerkranz. Diese vier Figuren entsprechen weitgehend den gleichnamigen Musen bei Ripa, Ed. Rom 1603.

Die übrigen allegorischen Gestalten verkörpern Wissenschaften und bildende Künste. In einer Dreiergruppe sehen wir Architectura mit Bauplan und Zirkel bei Urania und Kalliope. Der Plan eines Festungsbauwerkes zu Seiten der Kalliope bezieht sich auf Architectura. Links, zur Seite Apolls, steht die Cosmographia, Globus, Armillarsphäre und Buch in Händen (Ripa-Orlandi, Bd 2, s. v. cosmografia). Dahinter thront eine weibliche Gestalt mit Krone und Caduceus. Der – undeutlich gezeichnete – Hahn am Boden weist diese wahrscheinlich als Medicina aus. Neben dem Hahn ist der Äskulapstab, anstelle des hier wiedergegebenen Caduceus, eigentliches Attribut der Medizin. Es folgen Pictura mit Palette und Pinseln und Sculptura, welche mit Schlegel und Meißel an einer Philosophenbüste(!) arbeitet (vgl. die Personifikationen Ripas, Ed. Rom 1603, s. v. architettura, medicina, pittura, scoltura). Diese Gruppe, auf den ersten Blick Apoll und die neun Musen, erscheint in einem neuen Licht, wenn man einige Stellen aus dem Briefwechsel des Prälaten Töpsl mit Pater Gerhoh Steigenberger heranzieht. Steigenberger schreibt am 29. Januar 1778: »Herr Joannes Baader hat angefangen den Parnaß zu malen, welches auf das philosophische Fach, nicht auf das geschichtliche sich schicken mag.«, und am 19. Februar desselben Jahres: »Der Herr Joannes, welcher gestern ganz unpäßlich war, ist mit der historischen Sküze fast fertig, die Philosophische, oder der Parnaß ist auch vollendet, er wird aber diese auf ein neues anfangen, und die Philosophie anstatt des Apollo als Hauptperson machen.« (BSB, cgm 3187, IV, 14. und 18. Brief). In Fresko A ist also die Philosophie dargestellt, jedoch ist es bei der mythologischen Figur Apoll anstelle der Personifikation Philosophia geblieben.

Als eine Schlüsselwissenschaft der Philosophie gilt Töpsl die Mathematik. Diese ist im Bibliotheksfresko etwas außerhalb des Neunerkreises um Apoll, links im Vordergrund, unter dem kahlen Baum sitzend, dargestellt: eine männliche(?) Gestalt, lorbeerbekränzt, schreibt auf eine Steintafel eine mathematische Gleichung. Darunter sitzt der gefesselte Amor mit zerbrochenem Bogen, als Amor carnalis der überwundene Feind der Philosophie. Eine direkte Anspielung auf die Pollinger Gegenwart von 1778 ist der im Vordergrund kniende junge Schüler in zeitgenössischer Tracht. Er schöpft Wasser zum Trinken aus dem Kastalischen Quell – der Ammer(!).

Apoll mit den Musen – mit den Künsten und Wissenschaften –, der auffliegende Pegasus und der vom Kastalischen Quell schöpfende Knabe sind Motive, die in Bayern 1734 in der Europa-Darstellung des Cosmas Damian Asam im Kongregationssaal der ehem. Jesuiten-Universität zu Ingolstadt (OB) in verwandtem Sinnzusammenhang vorgebildet sind. Das 1767 entstandene Fresko Matthäus Günthers im älteren Pollinger Studiensemwar hat auch das Thema Apoll vom Parnaß und seine Gegenspieler Pan und Midas als Bildgegenstand.

Interessant sind die beiden Wasservögel im Vordergrund, Schwan und Gans. Während der Schwan als Symbol für die Poesie, die Dichtkunst und den Dichter steht, versinnbildlicht die Gans – mit weitgeöffnetem Schnabel wiedergegeben – Loquacitas, die Geschwätzigkeit als Feindin der Wissenschaften (diese Bedeutung tradiert Picinelli, Lib. 4, s. v. cygnus, Nr. 322 in Verbindung mit dem Parnaß!; s. v. anser, Nr. 83).

Zwei Gruppen aus der griechischen Mythologie sind dem Parnaß gegenübergestellt: Rechts im Hintergrund eine Dreiergruppe mit Midas, kenntlich an den Eselsohren, Marsyas in Pansgestalt mit der Syrinx und einer dritten Gestalt, die nicht mit Sicherheit zu deuten ist. Es dürfte auch ein Gegner Apolls sein; da es ein König ist, kommt der undankbare König Laomedon von Troja in Frage. – Auf dem kahlen Baum links ist eine Gruppe von neun Vögeln – sitzend oder auffliegend – dargestellt. Zwei davon haben Mädchengesichter. Es handelt sich um die Pieriden, die neun Töchter des Königs Pieros, die sich mit den neun Musen in einen Wettstreit einließen, besiegt und zur Strafe für ihre Vermessenheit in Elstern verwandelt wurden. – Das Sternbild, welches Urania betrachtet, gibt wahrscheinlich Gürtel und Schwert des Orion wieder. Orion läßt sich als die Gestalt des mythologischen Jägers in die Reihe der Gegner Apolls einfügen (vgl. Hederich-Schwabe). – Die antithetische Darstellungsform ist hier von dem dramatischen barocken Triumph in ein einfaches, handlungsloses Nebeneinander gewandelt worden.

B DER ALTE UND DER NEUE BUND ODER DIE THEOLOGIE Im Hauptfresko ist die Geschichte des Alten und Neuen Bundes dargestellt, nicht in einzelnen Handlungen, sondern repräsentiert durch historische Gestalten. Im westlichen Bildabschnitt beginnt die alttestamentliche Reihe mit den Urvätern: Im Hintergrund kniet der in Sünde gefallene Adam unter einem Baum (dem Paradiesesbaum?), auf Adam folgen links Noe, auf dem Haupt die Arche, dann die Patriarchen Abraham und Isaak – der Knabe trägt das Bündel Holz und die Opferschale –, in der Mitte weist Moses als Verkörperung des Gesetzes auf die Zehn-Gebote-Tafeln. Moses zur Seite werden die Worte QUOD / AUDIVIMUS auf eine Tafel geschrieben, ein Hoherpriester, vielleicht Aaron, zeigt auf die biblischen Worte. Ganz rechts eine Prophetengestalt in Händen eine Schrifttafel (? Schrift zerstört, Form stark restauriert).

Die linke Hälfte des nördlichen Bildabschnittes nehmen bärtige Propheten mit Schriftrollen ein, unter ihnen der psalmodierende König David. Mit diesem endet die AT-Reihe. In der rechten Hälfte sind die Apostel den Propheten gegenübergestellt, Petrus ist an den Schlüsseln und Paulus am Schwert kenntlich. Zu Füßen Petri stürzt ein Mann – vielleicht Judas, der Verräter Jesu – in die Tiefe, von einem Teufel empfangen.

Links über den Propheten ist Synagoge im Ornat der

Hohenpriester, mit Rauchfaß, Aaronstab und Gesetzes-tafeln, rechts über den Aposteln Ecclesia mit Tiara, Kelch und Kreuz wiedergegeben. Synagoge, die Symbolgestalt des Alten Bundes, ist im Sinne der Concordia veteris et novi Testamenti wie Ecclesia gleich einer Königin thronend wiedergegeben. - Ein Rundtempel auf einem Felsen - im Hintergrund, in der Mitte des Bildabschnittes - stellt gemäß dem Text der Bibel (Mt 17,18) die Gründung der Kirche Christi und damit den Übergang vom Alten zum Neuen Bund dar.

In der östlichen Öffnung folgen die vier Evangelisten und – zu diesen von den Aposteln überleitend – Johannes der Täufer. Markus und Matthäus sind konventionell mit Löwe und Engel wiedergegeben. Lukas hat ein Madonnenbild auf einer Staffelei bei sich, der Stier trägt auf seinen Horn die Malerpalette (Baaders!). Der Adler des Evangelisten Johannes – dem Täufer gegenüber – trägt ein Schriftband in die südliche Öffnung. Hier sind die Kirchenlehrer, als Vertreter der Tradition, versammelt deutlich gekennzeichnet die lateinischen Kirchenväter: Ambrosius mit Bienenkorb, Hieronymus mit Löwe, im Zentrum stehend Gregor d. Gr. mit Mitra und Papststab und ganz rechts Augustinus mit flammendem Herzen. Hinter Papst Gregor wird links ein Prälat in Chorherrentracht sichtbar, wahrscheinlich hat sich Propst Töpsl selbst bei Gregor d. Gr., der bereits damals als der eigentliche Regelstifter der Chorherren angesehen wurde, porträtieren lassen (Simon). Die vier nicht bezeichneten Würdenträger könnten als die vier griechischen Kirchenväter angesehen werden.

In der Kuppelöffnung über Gregor d. Gr. erscheint die Taube des Heiligen Geistes - im Gegensatz zum Jahwesymbol über Synagoge und Ecclesia; auch hierdurch ist der Weg vom Alten zum Neuen Bund gekennzeichnet. Zu Füßen Gregors d. Gr. stürzen Ketzer in die Tiefe. Inschriften in ihren Büchern benennen diese als EUTYCHES, NE/STO/RIUS, ARIUS. Ein vierter Ketzer ist nicht namentlich bezeichnet. Arius wird durch Attribute der Häresie, Schlangen und Fackel, charakterisiert. Auch der keifende Hund weist auf die Häresie in feindseligem Angriff auf die rechte Lehre (vgl. Ripa, Ed. Rom 1603, s. v. heresia).

Ein biblischer Text, auf Schrifttafeln und Bändern in Abschnitte zerlegt und rundum auf alle Bildfiguren verteilt, verdeutlicht die Concordia veteris et novi Testamenti die Zugehörigkeit der Zeugen und Verkünder Gottes aus dem AT und dem NT, sowie aus der Kirchengeschichte zur einen Heilsgeschichte Gottes.

Dieser Text ist dem Anfang des ersten Johannesbriefes entnommen JOH: / EPIS / I. C. I. / V: 1–3 (Schrifttafel des Evangelisten Johannes im östlichen Bildabschnitt). Er beginnt im westlichen Abschnitt QUOD FUIT / AB INITIO (Schrifttafel an zwei Säulen, kaum lesbar) QUOD / AUDIVIMUS (Schrifttafel hinter Moses) [QUOD VIDI-MUS] (Tafel in Händen der Prophetengestalt, Schrift zerstört) — weiter im nördlichen Abschnitt OCULIS / NOSTRIS — QUOD / PER- /SPEXIMUS (Schriftrollen in Händen der Propheten) ET / MANUS / NOSTRAE CON=2/TRECTA=/UERUNT (Schriftrolle des Petrus) DE VER= /BO / VI/TAE (Buch auf den Knien des Petrus) ET / VI= /TA - MA=/NI=/FE=/STA=/TA / EST (Buch und Schrifttafel der Apostel). Im östlichen Abschnitt (et vidi-) MUS ET TESTAMUR ET (Schriftband Johannes des Täufers) ANNUN=/TIAMUS / VOBIS (Schriftrolle in der Mitte der Evangelisten) (vitam aeternam quae erat apud patrem et apparuit nobis: Quod vidimus et audivimus annuntiamus vobis) UT ET VOS SOCIETATEM HABEATIS (Schriftband, das von Johannes dem Täufer zu den Kirchenlehrern im südlichen Abschnitt hinüberreicht), NOBIS=/CUM - ET / SO=1 CIE=/TAS / NOS/TRA - SIT / CUM / PATRE - ET CUM / FILIO EJUS JESU / CHRISTO. (Bücher und Inschriftblatt der Kirchenlehrer).

Die Inschriftenteile passen auf den Träger und seine Rolle in der Heilsgeschichte, z. B. der Täufer (et vidi-) MUS ET TESTAMUR und die Evangelisten ANNUNTIAMUS / VOBIS.

Das Mittelfresko stellt in seiner Gesamtheit die Theologie dar, welcher als der ranghöchsten, nämlich der Offenbarungswissenschaft, der zentrale Platz in der Klosterbibliothek zukommt.

C DIE ENTSCHLEIERUNG DER WAHRHEIT ODER DIE GESCHICHTSWISSENSCHAFTEN Eine Stelle im Briefwechsel Töpsls gibt uns den wesentlichen Inhalt dieses Bildes an. Steigenberger schreibt am 29. Januar 1778 (BSB, cgm 3187, IV, 14. Brief): »... Ich habe ihm [dem Herrn Johannes Baader] nun den Gedanken Euer Hochw. und Gnaden also erklärt, daß drei Hauptpersonen nemlich Veritas quaesita, Ratio quaerens veritatem und Historia in quaerendo viam ope Chronologiae, Geograph. Numism. Diplomat. Herald. etc. detegens vorkommen sollen. Es wird also Historia der verhüllten Veritas den Schlever aufdecken und sie der Rationi zeigen. Ich weiß nit, ob ich den Gedanken Ew. Hochw. u. Gnaden errathen habe und ob Herr Joannes also fortfahren darf.«

Die bildliche Darstellung folgt dem lateinischen Konzept: Nicht Historia zieht den Schleier von der Schulter der Wahrheit, wie nach der Erläuterung in deutscher Sprache zu erwarten ist, sondern Ratio. Behilflich ist ihr dabei eine weitere Personifikation, Metaphysica(?). Von der anderen Seite eilt im Flug Imaginatio herbei, um Veritas mit einer Blumengirlande zu schmücken. Diese Szene, vor der Kulisse eines Monopteros in eine Wolkensphäre entrückt, entspricht ikonographisch einer 1765 im »Salon« der Pariser Akademie ausgestellten Zeichnung des Akademie-sekretärs C. N. Cochin, die als Entwurf für das Frontispiz der Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers, hg. v. Denis Diderot und Jean Baptiste d’Alembert, bestimmt war. Die Figuren werden im Katalog des Salons von M. Carle Vanloo erklärt, und auch Diderot benennt sie in seiner Würdigung dieser Zeichnung. Vanloo: »Un destin destiné à servir de Frontispice au livre de l'Encyclopédie. On y voit les Sciences occupées a découvrir la Vérité. La Raison et la Métaphysique

cherchent à lui ôter son voile.... D'autre part, l'Imagination s'approche avec une guirlande pour orner la Vérité . . . « (Diderot Salons, 1765, hg. v. Jean Seznec und Jean Adhémar, Volume 2, Oxford 1960, S. 51, vgl. Diderot, S. 230 f. und Abb. 97). — Aktion und Attribute der Figuren stimmen genau überein. Ratio wird durch Zügel und Krone, Metaphysica durch einen Stirnreif und eine Flamme am Haupt und Imaginatio durch Flügel und Flamme am Haupt bezeichnet. In Cochins 1764 geschaffener Zeichnung gehört zu dieser Veritasgruppe noch eine weitere Figur: Religio, zu Füßen der Veritas kniend. Diese Figur ist in Polling ausgelassen – verständlicherweise, denn der Religion ist ein eigenes Fresko gewidmet, und hier in Polling geht es nur um die Geschichtswissenschaft, die übrigen Figuren der Zeichnung stellen dagegen weitere Wissenschaften und Künste dar – repräsentativ für die Enzyklopädie. Daß Metaphysica übernommen wurde, ist vom Pollinger Bildkonzept her gesehen nicht ganz verständlich, wahrscheinlich ist jedoch der Figur eine andere Bedeutung gegeben: Im Verein von Ratio und Imaginatio ist die Personifikation einer weiteren Geisteskraft gut denkbar. Die Flamme am Haupt deutet auf eine solche hin, so z. B. auf die Intelligentia (vgl. Ripa, Ed. Rom 1603, s. v. intelletto). Es kommt auch Memoria in Frage — besonders im Zusammenhang mit der Geschichtswissenschaft -, doch fehlt hier ein spezifisches Attribut.

Bis auf die erwähnte fehlende Figur stimmt die Komposition der Veritasgruppe weitgehend überein, und zwar ist in Polling die seitenverkehrte Version des Stiches von B. L. Prévost nach dieser Zeichnung übernommen (den in der Kunsthalle Bremen, Inv. Nr. 71/313, existenten Stich zieht A. Simon zu einem stilistischen Vergleich heran). Während bei Cochin Monopteros und Figuren auf Wolkenpolstern gruppiert sind, hat Baader seinen Monopteros auf ein hohes, breites Stufenpodest gesetzt. - Dieser Monopteros ist, abgeleitet von dem biblischen Tempel der Weisheit (Prov 9,1), augenscheinlich als Tempel der Wissenschaften anzusehen. Er dient der Veritas als triumphale Würdearchitektur. In Polling ist die Sinngebung wieder speziell für die Geschichtswissenschaft modifiziert. Sinnverwandt ist der Tempel Memoria mit den neun Musen(!) des H. Gravelot in der erst posthum herausgegebenen Iconologie (H. Gravelot, C. N. Cochin, Iconologie..., Paris 1791, Bd 1, S. 63).

Auffälligerweise ist in Polling Historia nicht im üblichen Typus wiedergegeben. Cochins Zeichnung bot zwei Figuren zur Vergegenwärtigung der »Histoire ancienne et moderne« (Vanloo a. a. O.): eine Figur in ägyptischer Aufmachung mit Sphinxmodellen in Händen und die zweite in ein Buch schreibend (in dieser Gruppe auch Memoria) Doch in Polling wurde entgegen der französischklassizistischen Auffassung die komplexe, allegorische Dreikopfgestalt der Prudentia, deren nach Lebensalter differenzierte Köpfe die Verstandeskräfte Memoria, Intelligentia und Providentia bezeichnen (vgl. Erwin Panofsky, Signum triciput. Herkules am Scheideweg, in Studien der Bibliothek Warburg 18, 1930, S. 1–4, Tf. Tizians allegorisches Gemälde), zum Vorbild gewählt.

Während Prudentia auf die drei Dimensionen der Zeit: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft im allgemeinen bezogen ist, ist der Pollinger Historia die geschichtliche Zeit im Sinne der Chronologie zugeordnet. Um diesen Sinnbezug zu verdeutlichen, sind in Polling den drei verschiedenen Köpfen noch besondere Attribute hinzugefügt: Die Hand beim Greisenkopf bedient eine Meßlatte, hiermit wird die Tätigkeit der zeitlichen Einordnung allen vergangenen Geschehens und damit in besonderer Weise die Chronologie als Wissenschaft von der Vergangenheit anschaulich gemacht. Die Kugel, auf welche ein Fuß gesetzt ist, gehört zum Männerkopf der Gegenwart; dies ist ein Bild der enteilenden Zeit (bei Ripa, Ed. Rom 1603 setzt tempo seinen Fuß auf ein Rad). Hier ist vielleicht der Gedanke an den geschichtlichen Kairos, den die Geschichtswissenschaft zu bestimmen hat, eingeschlossen; das Kugelmotiv ist ein spezifisches Attribut der Kairos-Occasio-Allegorie (Heinz Ladendorf, Kairos, in: Festschrift Johannes Jahn..., Leipzig 1958, S. 225 ff.). Die beiden Schlüsse endlich, in der Hand beim Jünglingskopf, weisen auf das richtige Urteil, das zu fällen ist, um die Zukunft aus der historischen Betrachtung der Vergangenheit heraus zu »erschließen«. – In Bartolomeo Altomontes Geschichtsfresko der Benediktinerstiftsbibliothek Admont (1774/76) z. B. wählt die Kritik aus einem Bund einen Schlüssel aus, was für das richtige Urteil steht – Programm bei Hans Tintelnot. Die barocke Freskomalerei in Deutschland, Müncher 1951, Anm. 175, S. 327 f.

Die männliche Gestalt Historia thront königlich gekleidet auf einem mächtigen Quaderblock. Ein solcher findet sich auch bei Ripa in diesem Zusammenhang: »... tiene posato il piede sopra il quadrato perche l'Historia deve star sempre salda ne lassarsi corrompere o suggiacere da alcuna banda con la bugia per interesse . . . « (Ed. Rom 1603, S. 218).

Das Fundament der Geschichtswissenschaft ist die Wahrhaftigkeit. Die wissenschaftliche Forschungstätigkeit der historisch chronologischen Zeitmessung, der historischer Analyse und des historischen, zugleich zukunftsweisender Urteils sollen der Wahrhaftigkeit unterworfen sein und haben die Enthüllung der Wahrheit zum Ziel: »Veritaquaesita, Ratio quaerens veritatem und Historia ir quaerendo viam ope Chronologiae, Geogr. Numism Diplomat. Herald. etc. detegens . . . « (s. o. vollständige Zitat).

Verschiedene Altertümer und historische Dokumente werden von geflügelten Genien und anderen Figuren in Szene gesetzt; sie bezeichnen historische Hilfswissenschaften. In der Mitte des Bildes weist eine allegorische Gestalt, ausgezeichnet durch eine Sonne am Haupt auf das Doppelwappen des Klosters und des Propstes Franz Töpsl. Daneben steht ein heraldisches Buch aufgeschlagen, in altertümlicher Manier ist auf der einer Seite ein Adler wiedergegeben, auf der anderen das zweite Wappen Töpsls. Nach E. Zimmermann (S. 122) fand der Prälat dieses Wappen unter dem Namen Debsel in einem alten Wappenbuch und führte es fortan als zweite Wappen. Wahrscheinlich ist hier sogar dieses bestimmte

Buch wiedergegeben. – So ist die Heraldik vorgestellt und ganz speziell die heraldische Forschung des Prälaten.

Im Vordergrund des Bildes betrachten zwei alte Männer durch eine Lupe Münzen, die einer Tonvase entfallen sind. Ein Genius schräg darüber entnimmt einer Vase Münzen und präsentiert eine davon. Hiermit ist die Numismatik gekennzeichnet.

Rechts im Bild sehen wir einen alten Mann mit einer Urkunde. Auf dieser steht in altertümelnder Handschrift kaum entzifferbar: In nomine / Sanctae et Individuae Trinitatis. / Henricus / divina fave/nte Clementia / Rex: XVI.KL.MAI/MX. Wiedergegeben ist die Gründungsurkunde des Chorherrenstiftes Polling von Heinrich II., die Töpsl selbst in seiner Geschichte Pollings 1760 und 1766 veröffentlicht hatte (Succincta Informatio de Canonia Pollingana, Günzburg 1760, S. 3). Ganz links im Bild hält eine allegorische Figur, mit Flügeln am Haupt, ebenfalls eine - versiegelte - Urkunde, deren Text auf die damalige geschichtliche Realität Pollings hinweist: MDCCLXXVIII / CAROLO / THEODORO / REG- NANTE / BAUARIA. Auf diese Weise sind die Diplomatik und Paläographie und zugleich die eigene Klostergeschichte und die Forschung dazu dargestellt.

Eine in drei Teile zerlegte Inschrift weist des weiteren auf die ungewisse Frühgeschichte des Klosters hin: THASSILO DUX PRIMUM steht auf einem Blatt, das zwei Genien links vom Monopteros herantragen; ein dritter liest in einem Buch POST REX und ein vierter schließlich entziffert mit Hilfe einer Öllampe die Inschrift auf einem antikischen Monument IDIBUS IN TERNIS. Die Inschrift enthält eine noch im 18. Jh. geläufige Formel, diese findet sich z. B. in Mattsee in der Chorbogeninschrift des frühen 18. Jh.: »Anno Domini 777 Thassilo Dux primum, post Rex Monachus sed ad imum idibus in Terris (?) Discesserat iste Decembris Mattsee Fundavit plura templaque Dotavit.« Diese Formel geht wohl zurück auf den Vers des sog. Bernardus Noricus von Kremsmünster – auch einer Tassilo-Gründung –, der für das verlorene Epitaph Tassilos III. in Kloster Lorsch tradiert ist: »Tassilo dux primum, post rex, monachus sed ad imum. / Ydibus in ternis discesserat iste Decembris.« (MGH, Scriptorum Tomus 25, Hannover 1880, unveränderter Nachdruck 1964, S. 641).

Nach der Legende fand Herzog Tassilo gegen 750 auf der Jagd im Boden das »Pollinger Kreuz« und gründete daraufhin an eben der Stelle ein Benediktinerkloster. Nach der Zerstörung durch die Ungarn gründete Heinrich II. Polling als Chorherrenstift neu. Die Gründungsurkunde von 1010 ist oben beschrieben.

Die auffällige Zerlegung des Verses, die verschiedenen Tätigkeiten der Genien, sowie die verschiedenen Inschriftträger deuten hier wohl auf die Methoden der Quellenforschung, welche fragmentarische Zeugnisse verschiedener Art zusammentragen und erschließen muß. Das Entziffern der Textstellen bezeichnet dabei die Handschriftenkunde und Epigraphik in Ergänzung zur Diplomatik und Paläographie.

Die bereits erwähnten Vasen, denen Baader keine korrekt antike Form gegeben hat, das antikische Monument, ein korinthisches Kapitell, das neben dem Quader der Dreikopfgestalt liegt, und endlich der Monopteros der Veritasgruppe sind als Hinweise auf die Archäologie anzusehen.

Die in Steigenbergers Brief erwähnte Geographie ist im Fresko offensichtlich nicht dargestellt.

Das Thema Geschichtswissenschaft ist hier breit entfaltet. Die Darstellung versucht, die ontologisch erfaßten, wechselseitigen Bezüge von Wahrheit, Vernunft und Geschichtswissenschaft in allegorischen Figuren und Handlungen einsichtig zu machen. Die Geschichtsforschung wird dabei in ihren verschiedenen wissenschaftlichen Zweigen und Methoden vorgestellt. Und schließlich wird das Ergebnis solcher Forschung, die eigene Klostergeschichte, in Dokumenten vor Augen geführt. Bezeichnend für die Geschichtsauffassung des Propstes ist die Herausstellung des Wahrheitsgedankens und – dami verbunden – der historischen Quellenfunde.

Das bereits erwähnte Admonter Bibliotheksfresko von 1774/76 bietet zur Veranschaulichung der Geschichtswissenschaft ebenfalls mehrere allegorische Figuren, Personifikationen und Genien, jedoch noch ganz getreu den barocken Konzeptschemata – das Programm ist rund dreißig Jahre älter als das danach ausgeführte Fresko – fehlt ihm die aufklärerisch-philosophische Durchführung des Themas (Brigitte Heinzl, Bartolomeo Altomonte Wien-München 1964, S. 47 f.). Das im gleichen Jahr wie Polling, 1778, von Franz Anton Maulbertsch geschaffene Fresko der Prämonstratenserbibliothek Klosterbruck in Mähren (zerstört) dagegen ist dem Pollinger Fresko – ganz abgesehen von der künstlerischen Qualität – in der umfassenden Einheitlichkeit des literarischen Entwurfe der philosophisch-historisch gedeuteten Welt – d. i. Menschheitsgeschichte – überlegen (das Programm des Kapitulars Gregor Norbert Ritter von Korber, »Historisch Erklerung . . . «, wurde 1778 in Wien veröffentlicht). In Vergleich dazu gibt das Pollinger Geschichtsfresk – ebenso das Theologie- und Philosophiefresko – den literarisch in einzelne Begriffe gefaßten Gehalt auch bildlich nur durch einzelne, nebeneinandergesetzte Figuren und Szenen wieder.

Ergänzungen zur Ikonologie

In den ikonologischen Zusammenhang gehören noch die Gemälde auf den zwei eisernen Bibliothekstüren an der N-Seite im Ober- und Untergeschoß. Auf den von J. B. Baader signierten Türflügeln sind folgende Themen dargestellt (Abbildungen in Pollinger Drucke, Bd 1, S. 48-49), außen: Pallas Athene wehrt die Laster ab – ein noch typisch hochbarockes Triumphalmotiv, hier in enger Beziehung zum Apoll des Parnaß im Philosophiefresko zu sehen. Hieran schließt sich thematisch an: Diogenes bittet Alexander d. Gr., ihm aus der Sonne zu gehen. Die Innenflügel der Tür sind dem Theologie-Thema vorbehalten: Paulus spricht die Worte »Prüfet alles, was gut ist behaltet« (1 Thess 5,21) und der hl. Augustinus – vor der Bekehrung – hört die Worte »Tolle! Lege!« – Antike Philosophie und antikes Ethos sowie christliche Theologie sprachen den Eintretenden in programmatisch-pädagogischen Bildern an.

Das Gesamtprogramm der Bibliothek, die Daisenberger als »Musarum Templum« bezeichnet (S. 16), ist gewiß aus der Zusammenarbeit des Propstes Töpsl und seines Bibliothekars Steigenberger, dem die Leitung des Bibliotheksneubaues übertragen war, entstanden; der angeführte Briefwechsel gibt davon Zeugnis. Es stellt die Wissenschaften dar, wie sie unter Töpsl – in der geistigen Nachfolge Eusebius Amorts – in Chorherrenstift und Akademie Polling in ihrem Rang und ihrer Stellung zueinander begriffen wurden.

Die drei Deckenbilder können geradezu als Darstellung des wissenschaftlichen Systems und der pädagogischen Absichten Töpsls gesehen werden. – »Neben der Theologie als Offenbarungswissenschaft kennt der Prälat . . . zwei Grundwissenschaften, die beide auf data et facta ruhen: die Geschichte und die Philosophie, die vornehmlich als Mathematik und Naturwissenschaft verstanden wird. Beide sind in ihrer Bedeutung gleichwertig und klären unter zwei verschiedenen Aspekten die Wahrheit«. In dieser Ordnung der Realien treten die Erforschung der historischen ›Quelle‹ und das Experiment an die Stelle der alten spekulativen Metaphysik. Die mathematische, d. h. die kritische Vernunft erhellt durch Experimente die >Welt der Natur«. Die >Welt des Geistes« dagegen wird auf dem Wege der Geschichte ... durch Interpretation von Quellen erkennbar. Die Philosophie gründet auf der Erfahrung, die Geschichte auf Quellen und die Mathematische Kritik dient dabei als Instrumentarium dieser Wissenschaften.« (van Dülmen, S. 162)

Die Bibliothek Pollings, nach der Hofbibliothek die größte Bayerns, wird von einem gedanklichen Dach überspannt, in dem scholastische Denktradition überlagert ist von der aufklärerischen Auffassung des Wertes der Natur- und Geschichtswissenschaften. Diese als Ideal angestrebte Synthese von Theologie und Empirie unter Betonung des historischen Aspekts findet sich auch in Klosterbruck und in dem späteren, erhaltenen Fresko des F. A. Maulbertsch in Strahov bei Prag (Klara Garas, Franz Anton Maulbertsch, Salzburg 1974, S. 118-21, 244 [s. v. Louka], 247).

Das Pollinger Programm spiegelt tatsächliche Bemühungen des Klosters unter Töpsl um eine Belebung der historischen wie naturwissenschaftlichen und theologischen Disziplinen. Es wurden in dieser Zeit beispielsweise eine moderne Sternwarte errichtet, eine Naturaliensammlung angelegt, physikalische Experimente gemacht. Vor allem wurden die historischen Hilfswissenschaften wie die historischen Sprachen gepflegt (s. dazu van Dülmen S. 59, 163 ff.).

Das bis ins letzte durchdachte Programm kam Baaders spezifischen Fähigkeiten nicht entgegen. Baader, der zu dieser Zeit bereits schwerkrank war, erfüllt seinen Auftrag geradezu wortgetreu, ohne das literarische Konzept in ein bildnerisches, künstlerisches übertragen zu können.

Spezialliteratur zum Bibliotheksaal

Bibliotheksaal Polling im ehemaligen Augustiner-Chorherrenstift, hg. vom Verein der Freunde des Pollinger Bibliotheksaals, Pollinger Drucke Bd 1 und Bd 2 (Chronik der Restaurierung), Murnau 1975.

Weitere Literatur siehe S. 469