Oberflossing, Pfarrkirche St. Johann Baptist
Pfarrkirche (Pfarrverband Flossing mit Sitz Oberneukirchen), Verwaltungsgemeinschaft Polling, Erzdiözese München und Freising; z. Z. der Ausmalung war die Pfarrei dem Kollegiatstift in Mühldorf inkorporiert, Erzbistum Salzburg. An der Kirche bestand die St.-Johannes-Baptist-Bruderschaft (1746 gegründet). Gericht Mörmoosen
Patrozinium: St. Johann Baptist
Zum Bauwerk: Der Vorgängerbau wurde am 3.8.1705 mit dem Pfarrhof durch einen Brand völlig zerstört. Neubau des Pfarrhofs 1710 durch Dominikus Glasl, Maurermeister in Zangberg (später Hofmaurermeister in Freising). Einen ersten Plan Glasls zum Kirchenneubau lehnte der Geistliche Rat in München ab: »der vorhabente Bau scheint auf das Landt zu pretios, man solle einen anderen, weniger Spesen erfordernden Visier verfassen lassen.« Von November 1710 und Januar 1711 datieren zwei Konkurrenzangebote, eines von Johann Baptist Canta, Hof- und Stadtmaurermeister zu Burghausen, das andere von Glasl. Obwohl der zuständige Pfleger, Ferdinand Joseph von Hörwarth, für Canta war und Glasl für zu wenig qualifiziert hielt, bekam Glasl den Auftrag. Grundsteinlegung am 3.8.1711. Der Bau sollte noch im gleichen Jahr unter Dach kommen. Weihe 1720. Gesamtkosten 12 570 fl. Zimmermeister war Caspar Knogler aus Kraiburg. Die erste Altarausstattung wurde von Burghausener Künstlern gefertigt, dem Bildhauer Ferdinand Oxner, dem Maler Lorenz Krinner, dem Schreiner Wolf Plumberger (Kirchenrechnungen Gericht Mörmoosen 1749, fol. 33/35).
1725 zeigte sich eine Kluft im Gewölbe am Chorbogen, und die Hauptmauer hing um 3 Zoll in der Mitte durch. Glasl mußte den Schaden auf eigene Kosten reparieren. Bis 1771 war der Bau wieder in einem so bedenklichen Zustand, daß schließlich das zu schwere Steingewölbe durch ein leichteres Holzgewölbe ersetzt werden mußte (Wolf Seimbel aus Kraiburg). Weihe des neuen Hochaltars am 2.10.1777. 1884/91 bauliche Veränderungen und Abnehmen der geschweiften Gesimse an den Wandpfeilern.
Saalbau (19,00 x 11,30 m) zu vier Jochen, Empore im W. Eingezogener, um eine Stufe erhöhter AR (10,00 x 8,20 m) zu einem Joch mit halbrundem Schluß, im S Sakristei, darüber Oratorium. Turm über Vorhalle im W, dort nach S angebaute Seelenkapelle. Gliederung im LHs durch eingezogene Pfeiler mit doppelt gestuften Pilastervorlagen, im AR mit einfachen Pilastervorlagen. Belichtung durch hohe Rechteckfenster von N und S, im LHs je vier, im AR drei. Die oberen Fensterabschlüsse im AR sind geschwungen und profiliert.
Auftraggeber: Auftraggeber für die Fresken in der Kirche war das Kollegiatstift Mühldorf unter Dekan Wolfgang Summerer (1739–77), der Heigl unmittelbar zuvor in der Kollegiatskirche beschäftigt hatte. Pfarrvikare von Flossing waren Ignaz Erber (1742-69), Matthias Schauer (1769-72) und Erasmus Wimmer (1772–86). Als Geldgeber kommt die 1746 gegründete St.-Johannes-Baptist-Bruderschaft in Frage.
Autor und Entstehungszeit:
Fresken B und C: Martin Heigl (* unbekannt † 1774) 1772. Signatur in B am Stein rechts Heigl/1772.
Martin Heigl schuf in Oberflossing im Anschluß an die Fresken in Mühldorf sein letztes erhaltenes Freskowerk.
Fresko A: Balthasar Mang (1720 Arget † 1803 Buchbach) 1777



Fresko A über der Orgel kann als ein Werk Balthasar Mangs ausgewiesen werden durch einen Entwurf, der sich im Nachlaß Mangs im AEM befindet. Offenbar hatte Heigl die Ausmalung der Kirche nicht zu Ende gebracht, so daß nach seinem Tod Balthasar Mang für das westliche Freskofeld berufen werden mußte.
Zeichnung
Zu A: Geburt und Namensgebung des Johannes, Pinsel farbig aquarelliert, mit Bleistift quadriert, 22,3 x 33 cm, auf dem verso signiert Balthasar Mang pinxit Anno 1777, AEM Konvolut Balthasar Mang. In der gleichen Mappe liegt der Entwurf für ein gemaltes Fenster mit Stuckrahmung, Feder farbig aquarelliert, 28,5 × 18 cm, beschriftet auf dem verso Balthasar Mang 1786 gezeichnet auf Flossing. Der Entwurf war offensichtlich für das Blindfenster im AR über der Sakristei gedacht; dieses ist heute ohne Bemalung.
Befund
Träger der Deckenmalerei: LHs und AR Tonne mit Stichkappen. Im LHs über der Kämpferzone bis zur Freskozone Gurtbogenstücke, vor der Empore ein durchgehender Gurtbogen. Rahmen: A-C weißes verkröpftes Stuckprofil, in B erweitert um eine rosfarbene Leiste; C1-2 gemalte Stuckkartuschen, Ca-e gemalte Rocaillen, die die Stichkappen rahmen. Technik: Fresko; A-C polychrom, C1-2 Grisaillen, Ca-e monochrom rosa. Maße: A Höhe 13,60 (von der Empore 7,10) m; 3,10×4,60 B Höhe 13,60 m; 10,20 × 6,60 C Höhe 12,80 m; 5,80×5,10
Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1884/91 wurde die Kirche renoviert und die Innenausstattung erneuert: Glasfenster, Orgelgehäuse und neue Altäre von Architekt J. A. Müller München, mit Altarbildern von Karl Baumeister, München. Die ornamentale Malerei der Gewölbe wurde erneuert, die Fresken wurden »restauriert«. Vor der nächsten Restaurierung 1910/16 durch Vitzthum und Schlee, Altötting, und Kunstmaler Oskar Wieleitner hieß es, die Ausmalung sei »vor 21 Jahren abscheulich verpatzt« worden. Die Fresken wurden von Ruß und Übermalungen befreit und erneut übermalt, Martin Herz restaurierte »in flotter Weise die Ornamente nach alten Origi nalen« (Neues Münchner Tagblatt vom 15.11.1910); Wieleitner brachte in den Füllungen an der Emporenbrüstung Malereien an (AEM und BLfD). Nächste Restaurierung 1964/69 durch Alois Kaseder, Mühldorf.
Erneute Innenrestaurierung 1992/93 mit Fassung der Raumschale durch Fa. Holzner, Ampfing, und Restaurierung der Fresken durch Martin Zunhamer, Altötting: Abnahme von Übermalungen, Reinigung, Entfernen von Pilzbefall, Schließen der Risse.
Die Fresken B und C wirken im wesentlichen original, ihr technischer Zustand ist in Ordnung. In A finden sich Übermalungen an den Figuren. Die Grisaillekartuschen C1-2 sind gut erhalten, die übrige Dekorationsmalerei im Langhaus und im Altarraum ist neubarock überarbeitet, geht aber wohl auf die Originaldekoration Heigls zurück, wie ein Vergleich mit den stilistisch nahestehenden Zwickeln und Stichkappen in der Pfarrkirche Mühldorf zeigt.
Beschreibung und Ikonographie
Das Gewölbe ist in (großenteils erneuerter) rötlicher Rocaille-malerei mit goldfarbenen Blumen auf hellblauem Grund dekoriert, im LHs nur akzentuierend, im Chor netzartig das Gewölbe überziehend; in den Gurtbögen Brokatmalerei in Grau und Gold. Die Bilder beziehen sich auf den Kirchenpatron Johannes den Täufer.
A GEBURT UND NAMENSGEBUNG JOHANNES DES TÄUFERS (Lc 1,57-65) Einansichtige Darstellung, teilweise von der Orgel verdeckt, Basis im W. Über einem Stufenpodest erhebt sich ein säulengetragener Tempelraum als fast bildparallele Handlungsbühne, wo die Darsteller im Vordergrund agieren. Vor dem Altar hält der Hohepriester den Knaben Johannes zur Segnung empor. Zacharias, der Vater, schreibt auf eine Tafel Johanes / ist sein Nam. Eine rote Vorhangdraperie grenzt die rechte Abseite des Tempels als Wöchnerinnenstube ab: In einem Baldachinbett liegt Elisabeth, von einer Magd betreut. Vier Figuren sind links vom Hohenpriester dargestellt, darunter sind Maria und Joseph, die sich nach der Tradition (basierend auf Lc 1, 56) zum Zeitpunkt der Johannes-Geburt bei Elisabeth und Zacharias aufhielten.
B PREDIGT AM JORDAN (Lc 3,1-22) Das Fresko erstreckt sich über drei Joche des LHs, die Komposition ist an der Längsachse orientiert, wie bei Heigl häufig. Durch die Staffelung des Schauplatzes in drei Ebenen wird eine gewisse Tiefenräumlichkeit erreicht. Die verschattete Repoussoirzone besteht aus Felsen, über die ein Gießbach stürzt. Der Mittelgrund ist ein Wiesenplan, von Bäumen umstanden und hinten durch einen hohen Felsen abgeschlossen. Links davon geht der Blick in die verblauende Ferne mit Bergen am Horizont. Aus dem Buschwerk im Hintergrund der Wiese tritt wie eine Erscheinung die durchscheinend helle, kleine und ferne Figur Jesu hervor, das Haupt von Strahlen umgeben. In der Bildmitte steht vor dem hohen Felsen Johannes, das Lendentuch um die Hüften und einen roten Mantel über den Arm geschlungen. Er hält den Kreuzstab (mit Schriftband Ecce Agnus Dei), zu seinen Füßen sitzt das Lamm. Johannes weist mit der Linken auf den nahenden Erlöser und wendet sich dabei an eine Gruppe von Zuhörern in phantasievoll ausgestalteten Gewändern. Zusammen mit den Staffagefiguren im Vordergrund - einem Eremiten vor einer Schriftrolle und zwei auffallend gelb gekleideten, sich umarmenden Frauen – formen sie ein Halbrund, dessen linken Abschluß die Figur Christi bildet.
Das westliche Bilddrittel füllt eine Strahlenglorie, in der Gottvater und die Geisttaube herabschweben, in einem Wolkenkranz mit Engeln und Putten.
Die Farbigkeit erreicht in Flossing nicht die strahlende Helligkeit früherer Fresken wie z.B. in Maria Thalheim (1765, LKr. Erding), wo durch Verwendung von reinstem Weiß stellenweise eine fast porzellanen anmutende Wirkung erreicht wurde. Die Farbhöhungen sind nicht wie Lichter aufgesetzt, sondern durch Mischungen gedämpft. Die üppige Verwendung von pflanzlichen Details in fast bläulich verfremdetem Grün ist nach wie vor charakteristisch.
C GASTMAHL DES HERODES (Mc 6,21-28) Eine konkav geschwungene Stufenanlage führt in das Bild ein, dessen Tiefenräumlichkeit begrenzt ist durch die hohe Innenraumarchitektur eines Palastes aus Pilastern, Balkonen (mit Publikum), Bögen und Gesimsen, die den gesamten Hintergrund in steinfarbener Malerei einnimmt. Über den Stufen ist die Tafel aufgebaut, mit einem blauen, mit goldenen Fransen besetzten Tuch. Links sitzt Herodes auf seinem Thron, einem prachtvollen Gebilde mit hohem Baldachin aus goldfarbener Seide, an einer Säule befestigt. Er ist prunkvoll angetan mit Hermelin-Umhang, rotem Mantel, Turban und Krone, seine Gemahlin Herodias neben ihm mit blauem, dekolletierten Kleid und bändergeschmückter Spitzhaube. Es folgen nach rechts, farblich etwas zurückgenommen, zwei Männer mit grauen federgeschmückten Turbanen und eine Dienerin. Von rechts trägt Salome die Schale mit dem strahlenumgebenen Haupt des Johannes an die Tafel. Ihr schweres blaues und goldenes Gewand und die rote Schleppe verleihen ihrem Körper eine statuenhafte Würde; ihr Haupt ist geschmückt mit Perlen und einem Federgesteck. Zwei Palastwächer stehen neben ihr und begrenzen die Szene nach rechts. Vom Himmel schweben über dem Haupt des Täufers Engel herab, Lorbeerkranz und Palmzweig als Lohn des Martyrers in Händen. Diese Gruppe bildet ein kompositionelles Gegengewicht zum Baldachin; die Mittelachse ist, wie bei Heigl häufig, mehrmals markiert: durch die Schale mit dem Krug auf den Stufen, durch einen Putto und vor allem durch den weit herabhängenden Lüster. Die Farbgebung ist von besonderem Reiz, die Pracht der vielfach gebrochenen Stoffe fast venezianisch. Wenn die Darstellung auch auf den ersten Blick lebhaft und bewegt wirkt, so ist doch von Heigl die (in Mühldorf vorgegebene) Forderung der Klassizität beachtet, indem Überschneidungen vermieden sind und die Figuren von einem statuarischen Pathos gezeichnet sind.
1763 hat Heigl die Pfarrkirche St. Johann Baptist in Burgkirchen an der Alz, LKr. Altötting, freskiert. Das LHs-Fresko zeigt dort die Taufe Jesu in einer kompositorisch ähnlichen Szene, das Chorfresko die Enthauptung des Johannes (s. dazu Kupferschmied, S. 105).
C1-2 JOHANNES-SZENEN Die beiden Nebenbilder an den mittleren Gewölbezwickeln des AR bringen die beiden Szenen des Johannes-Martyriums, die dem Auftritt der Salome mit dem Haupt des Täufers in Hauptbild C vorausgehen. Nach Markus (6,17-28) tadelte Johannes den König wegen seiner Heirat mit Herodias, der Frau seines Bruders. Herodes ließ ihn darauf in Gefängnis bringen. Bei einem Festmahl tanzte Salome, die Tochter der Herodias, vor Herodes, der ihr als Belohnung dafür einen Wunsch frei gab. Sie wünschte sich auf Anraten ihrer Mutter Herodias das Haupt des Täufers, worauf dieser enthauptet wurde.
C1 JOHANNES TADELT HERODES ANTIPAS (Mc 6,18) In einem Innenraum sitzt König Herodes an einen Tisch, hinter ihm steht Herodias. In anklagender Pose steht vor den beiden Johannes, barfuß und nur mit Lendenschurz bekleidet, den Kreuzstab in der Hand.
C2 ENTHAUPTUNG DES JOHANNES (Mc 6,27) Gefängniszelle, am Boden der geköpfte Leib des Johannes; der Henker überreicht mit einem Kniefall Salome das Haupt. Von hinten beleuchtet ein Diener mit Fackel die Szene.
Ca-e PUTTEN MIT ATTRIBUTEN DES JOHANNES In den Stichkappen des AR sind Putten auf Wolken dargestellt, ohne Rahmung (großenteils neubarock von Herz 1910/16).
Ca Putto mit Lamm, das an die Verkündung Jesu als Lamm Gottes durch Johannes erinnert
Cb Putto mit Heuschrecke, die auf das asketische Leben des Johannes in der Wüste hinweist
Cc Putto mit Schwert, Instrument seines Martyriums
Cd Putto mit Muschel als Symbol für die Taufe am Jordan
Ce Putto mit Kreuzstab und Schriftband Ecce Agnus Dei.
Quellen und Literatur
BHStA, Landshuter Abgabe 1993 Nr. 717: Gottshausbau Flossing 1709–57 nach Brand.
StAM, Gericht Mörmoosen, Kirchenrechnungen. AEM, Pfarrakten Flossing, 184 000 101: Pfarrbeschreibung. Pfarrarchiv Flossing, Merkbuch des Pfarrers Erber.
Mayer-Westermayer, Bd 2, S. 102–106. KDB I OB (3), S. 2232 f.
Neumann, Hans, Die Weihe der Pfarrkirchen in Flossing und Mettenheim sowie der Kapelle in Engfurt, in: Das Mühlrad 23. 1981, S. 94–106.
Krausen, Edgar, Verschollene Fresken von Martin Heigel in Mühldorfer Bezirk, in: Das Mühlrad 14, 1971/72, S. 4-10. Liedke, Volker, Das Bruderschaftsbuch der Maurer zu Burg-
Kupferschmied, Thomas Johannes, Der Freskant J. Martin Heigl. Arbeiten für Johann Baptist Zimmermann und selbständige Werke (= Schriften aus dem Institut für Kunstgeschichte an der Universität München Bd 41), München 1989, S. 104 f.
-, Der Freskomaler Martin Heigl im Landkreis Mühldorf, in: Das Mühlrad 33, 1991, S. 97–136, 125. Dehio 1990, S. 902-03.