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Hohenpolding, ehem. Friedhofskapelle

Aus Deckenmalerei-Lab


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 7: Landkreis Erding. Hirmer, München 2001, ISBN 978-3-7774-7830-2, S. 167–168, geschrieben von Bauer-Wild, Anna. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Ehemalige Friedhofskapelle oder Michaelskapelle, dem Hauptportal der Kirche gegenüberliegend. An der Kapelle bestand eine Allerseelen-Bruderschaft, der Altar war Bruderschaftsaltar. Jetzt Beichttraum.

Zum Bauwerk: Bau wohl um 1500, Innendekoration um 1753. Der Stuck ist Johann Paul Wagner aus Vilsbiburg zuzuschreiben (Brenninger, AEM, Kunsttopographie).

Rechteckbau mit abgewalmten Dach, fast quadratischer kleiner Raum, spitzbogiges Portal an der N-Seite. Belichtung durch ein Fenster von N und eines von S.

Auftraggeber: Matthäus Hoffmayr, Pfarrvikar von Steinkirchen (1737-59). Die Thematik wurde von der Bruderschaft bestimmt, deren Mitglieder als Spender der Ausstattung anzunehmen sind.

Autor und Entstehungszeit: Franz Josef Aiglstorffer (* um 1713 Wartenberg † 1790 Wartenberg) um 1753

Die Friedhofskapelle wurde wahrscheinlich anläßlich der Erweiterung des Friedhofs 1753 (AEM) dekoriert, anschließend an die Stuckierung und Freskierung der Kirche (1752). Überzeugende Zuweisung an Aiglstorffer durch Brenninger 1982 (S. 111).

Befund

Träger der Deckenmalerei: Flachdecke mit Hohlkehle

Rahmen: A breiter Ornament-Stuckrahmen; A1-4 und W1 Rocaille-Stuckkartuschen

Technik: Fresko; A polychrom, A1-4 monochrom ocker, W1-4 monochrom karmin

Maße: A Höhe 3,00 m; 1,50×1,60

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Vor der letzten Restaurierung durch Ludwig Keilhacker war die Decke in sehr schlechtem Zustand. Der Verputz war in großen Stücken von der Lattendecke gefallen, es zeigten sich Risse, Verschmutzungen und Feuchtigkeitsschäden. Reparaturen und Neufassung der Raumschale 1994 durch Ludwig Keilhacker, Taufkirchen, mit Restaurierung der Deckenmalereien. Einzelne Bilder (etwa A4, W1, W4) sind in ihrem originalen Zustand so gut erhalten, daß sie einen guten Eindruck von der Malweise Aiglstorffers vermitteln können. Wegen des Umbaus in einen Beichttraum war es nicht möglich, die Deckenbilder nach der Restaurierung zu photographieren.

A, A1-4, W1-4 Arme-Seelen-Programm W1-4 Tod und Gnade
A Maria als Fürbitterin der Armen Seelen (alle photographischen Aufnahmen vor der Restaurierung 1994)

Beschreibung und Ikonographie

A MARIA ALS FÜRBITTERIN DER ARMEN SEELEN Ansicht nach W. Das vierpaßförmige Bildfeld zeigt in der unteren Ausbuchtung das Fegfeuer, in dem drei Arme Seelen die Hände hilfesuchend ausstrecken. Darüber kniet auf einer Wolkenbank Maria. Sie blickt fürbittend zum Himmel auf, wo das Dreifaltigkeitssymbol erscheint, von Strahlen umgeben. Drei Engel bemühen sich, den Armen Seelen zu helfen. Einer ganz links betet für sie, der zweite zieht eine Seele am ausgestreckten Arm aus dem Feuer und der dritte schickt sich an, die hilfeflehend gereckten Arme der andern Seelen zu erfassen. Der Rahmenstuck zeigt drei gegenständliche Motive, die das Bild in der Hauptansicht krönen: jeweils über Totenschädel und gekreuztem Gebein Mitra (Mitte), Dreispitz (links) und Fürstenhut (rechts).

A1-4 HEILSINSTRUMENTE In den umliegenden Kartuschen wird an die Heilsmittel erinnert, durch die die Armen Seelen erlöst werden können: an das Skapulier (A1), das Gebet für die Toten (A2), das Almosengeben (A3) und die Eucharistie (A4). Die Inschriften sind teilweise zerstört.

A. Eucharistie

A. Arme Seele im Fegfeuer. Eine Hand aus Wolken reicht ihr ein Skapulier. Die Inschrift Es fielen Ihnen die Ketten / von den Händen Act 12,7 erinnert an die Befreiung Petri aus dem Kerker.

A2 Darstellung bis auf ein Gesicht zerstört. Viel vermag das (beharrliche) / Gebet des Gerechten. Jak. 5 (Iac 5,16; s. Iac 5,15: »Und das Gebet des Glaubens wird den Kranken retten, und der Herr wird ihn aufrichten; und wenn er Sünden begangen hat, so wird ihm vergeben werden«).

A, Arme Seele im Fegfeuer. Eine Hand aus den Wolken schüttet von einem Teller Geldstücke nach unten in das Feuer. Inschrift kaum mehr lesbar, aber rekonstruierbar Das Alm(osen i)sts da(s) / (von Sü)nden reinigt Tob (Tob 12,9).

A Arme Seele im Fegfeuer. Hand aus den Wolken reicht einen Kelch, über dem eine Hostie mit der Aufschrift IHS schwebt. Aus dem Kelch fließt Blut. Ein Einzigs Tröpflein Xsti bluet, / das Feur uns Löschen thueth.

W1-4 TOD UND GNADE Vier Stuckkartuschen befinden sich an den Wänden, je eine an der S- und N-Seite (W1-2) und zwei, die an der O-Wand den Altar flankieren (W3-4). Die Darstellungen beziehen sich auf Tod, Gnade, Heilung und Erlösung. Inschriften im Bild (in W2 zerstört), unter den Kartuschen sind stuckierte Schriftbänder, deren Inschriften alle bis auf die in W1 zerstört sind.

W1 Moses schlägt Wasser aus dem Felsen. Die Inschrift Petra erat Christus bezieht sich auf eine Stelle im ersten Korintherbrief (1 Cor 10,4): »Sie tranken nämlich aus einem geistiger Felsen, der sie begleitete, der Felsen aber war Christus«.

W2 Vor dem Tod sind alle gleich. Am Boden liegen alte und junge Menschen, Papst, Kardinal und Bischof, Mönch, Welt-priester, Mutter und Kind. Im Vordergrund Gräber; hier ist ein Fürstenhut zu sehen. Rechts blickt man in ein Gebeinhaus. Im Hintergrund weitere Tote. Über allem triumphiert ein Skelett mit Sense, das einen Pfeil auf einen noch lebenden Mönch am linken Bildrand richtet. Inschrift Non respicit personam. Schriftband unter dem Bild Mem... mori (Memento mori).

W3 Gnadenbrunnen. Von einem Springstrahl fällt Wasser zurück auf die drei übereinanderliegenden Becken.

W4 Teich Bethesda. Ein Engel kommt auf Wolken nieder, um das Wasser aufzurühren. Am Rand des Beckens sind drei Kranke dargestellt. Die Heilung am Teich Bethesda (Io 5,14) ist hier Präfiguration der Gnade. Et Sanabat Omnes (Lc 6,19).

Quellen und Literatur

AEM, Pfarrakten Steinkirchen, Filiale Hohenpolding. AEM, Kunsttopographie der Erzdiözese, Dekanat 21/Dorfen, Hohenpolding, Friedhofskapelle (Georg Brenninger). Schmidtsche Matrikel, Bd 2, S. 150. Mayer-Westermayer, Bd 3, S. 473 f. Kemp, S. 215.

Brenninger, Georg, Die Kirchen der Pfarrei Hohenpolding Steinkirchen 1981, S. 8.

Brenninger 1982, S. 111.

W1-4 Tod und Gnade