Hohenaschau, ehem. Burg der Grafen Preysing-Hohenaschau, Zimmer der Gräfin
Ehemalige Zimmer der Gräfin
Zwei Räume im Westflügel des Nordtrakts
Zum Bauwerk: 1672/75 wurden die beiden Räume des um 1550 erbauten Nordtraktes als Schlaf- und Wohnzimmer der Gemahlin Max II. Preysing eingerichtet. Beim Schloßumbau 1905/08 wurden sie durch einen breiten Bogen ohne Türflügel verbunden. Der erste Raum (I), der als Wohn- und Vorzimmer der Gräfin diente und im späteren 18. Jh. Zimmer der Kammerfrau war, wurde 1875/80 als evangelischer Betsaal, 1905/08 als Bibliothek eingerichtet. Der zweite Raum (II), das ehem. Schlafzimmer, 1905/08 umgestaltet, ist heute Vorraum zur Bibliothek.
Zwei durch eine Bogenöffnung verbundene Räume im Obergeschoß des Nordflügels. Zugang von Osten über ein Flötz von W über den Kapellengang. Raum I ist rechteckig, er hat zwei Fenster nach Norden und drei nach Süden zum Burghof. Die Bibliothekseinrichtung stammt aus der Zeit von 1905/08. Raum II ist unregelmäßig geformt; er liegt zwei Stufen tiefer und hat zwei Fenster nach Norden und drei nach Süden zum Burghof; Eingang von Westen durch ein Marmorportal.
Auftraggeber: Graf Maximilian Johann Franz (Max II.) von Preysing-Hohenaschau (1668–1718) und seine Gemahlin Maria Anna Adelheid, Gräfin von Törring-Seefeld.
Autor und Entstehungszeit: Autoren unbekannt, um 1674/76
Von den Deckenbildern der Wohnung der Gräfin sind alle fünf Bilder des Vorzimmers (I, I1-4) sicher von einer Hand, das des Schlafzimmers (II) von einer zweiten. Sie sind wohl um 1674/76 noch vor den Bildern für das ehem. Lange Zimmer und das Eckzimmer (s.S. 298) entstanden. Von den fünf Malern, die als Mitarbeiter 1674-77 beim Um- und Ausbau des Nordtrakts und des Ostflügel des Südtrakts überliefert sind (s. S. 283f.) ist keiner außer dem in Altenmarkt ansässigen Maler Ruprecht Schweindl als Künstlerpersönlichkeit soweit faßbar, daß Zuweisungen der in diesem Zeitraum entstandenen Malereien möglich wären.
Befund
Träger der Deckenmalerei: I und II flache Holzdecken, durch Leisten gefeldert
Rahmen: Die Leistenfelderung bildet die Bildrahmung. Technik: Öl auf Holz; polychrom. Maße: III1-5, Höhe 3,65 m; 2,30 × 1,60; IV Höhe 3,95 m; 2,40 × 1,70. Erhaltungszustand und Restaurierungen: Die Bilder zeigen zum Teil Längsrisse, mechanische Beschädigungen und Verschmutzung, aber wenig Vergrauungen (Schimmelflecke). Von den Bildern aus der Zeit von 1674/77 sind sie am besten erhalten, zwar restaurierungsbedürftig, aber noch frisch in den Farben.
Beschreibung und Ikonographie
Sämtliche Bilder in der Wohnung der Gräfin wurden bis ins kleinste Detail aus dem 1671 in Augsburg erschienenen Stichwerk »Iconographia« des Johann Wilhelm Baur mit Stichen und Versen von Melchior Küsel entnommen. Dort finden sich in Teil I eine Reihe von Allegorien, von denen diejenigen, die als weibliche Tugenden anzusehen sind bzw. sich für die Wohnung einer Dame eigneten, für das Vorzimmer ausgewählt wurden. Für das Schlafzimmer schien der »Triumph Amors« aus der gleichen Serie passend. Daß diese Stichfolge das einzige Vorbild war und nicht etwa Ripa noch zu Rate gezogen wurde, geht daraus hervor, daß sich die Maler, die ja nur Schwarz-Weiß-Vorlagen hatten, in der Farbgebung nicht an die von Ripa vorgeschriebenen Farben hielten. Baur selbst hielt sich in seinen Allegorien weitgehend an Ripa, übernahm auch Bildmotive, kombinierte aber bei den einzelnen Allegorien oft Details aus verschiedenen Darstellungsvorschlägen Ripas.
III1-5 TUGENDEN (Wohn- und Vorzimmer) Die fünf gleich großen Bilder zeigen je eine große weibliche Allegorie vor einer Hintergrundslandschaft, in der der Charakter der Allegorie szenisch erläutert wird.
III1 EINTRACHT (Concordia; Baur Teil I, Blatt 27) Die junge Frau steht frontal mit zur Seite gewandtem Kopf. Ihr Haar ist lockig, mit einem Blattkranz, Perlen und einem roten Band geschmückt. Ihr Kleid ist antikisierend, aber einfach, in den Farben karminrosa und gold, mit kurzem grünem Schultermantel. In der Rechten hält sie einen aufgeplatzten Granatapfel, in der Linken eine Schale mit Früchten. Mit dem linken Fuß steht sie auf einem Stabbündel. Links im Hintergrund ist ein offenes, balustradenbesetztes Gartengebäude zu sehen, in dem ein Baldachinbett zu erkennen ist, in dem ein alter Mann liegt. Zwei Männer am Fußende des Bettes zerbrechen mit lebhaften Bewegungen Stäbe. Rechts zeigt die Landschaft Bauern bei der Feldarbeit.
Baurs Darstellung geht offenbar von dem Holzschnitt bei Ripa aus. Obwohl die Figur keinem der vielen Darstellungsvorschläge bei Ripa genau folgt, ist sie doch durch den Granatapfel und das Stabbündel unmißverständlich definiert. Beim Kranz um das Haupt der Figur könnte es sich um einen Kranz aus Olzweigen handeln: »si corona d'Olivo, per segno di pace, effetto della Concordia« (Ripa, s.v. concordia 6). Bei Baur hält Concordia eine Schale mit – allerdings schwer erkennbaren – kleinen Herzen in der Linken (nach Ripa, s.v. Concordia 3). Der Inhalt dieser Schale wurde in Hohenaschau nicht erkannt und durch die Früchte ersetzt. Die Szene im Hintergrund stellt Scilurus dar: den Vater, der auf seinem Totenbett seinen Söhnen ein Bündel von Pfeilen zu zerbrechen gab und, als sie es nicht zu brechen vermochten, einen einzelnen Pfeil aus dem Bündel nahm, ihn zerbrach und damit die Söhne darauf hinwies, dass nur Einigkeit stark mache (Plutarch, De garrulitate). Von dieser Fabel leitet sich auch das Stab bündel als Attribut der Concordia her (s. auch Ripa, s.v. concordia 4). Sertorius, der seinem Heer zeigt, wie schwer es ist, einem Pferd ein Büschel Haare aus dem Schwanz zu reißen (Plutarch, In Sertorio 16), ist im Hintergrund rechts – kaum zu erkennen – dargestellt.
Unterschrift bei Baur: »O schönes Ding, so man nicht gnug sam kan erheben / O guldne Einigkeit, so in der Menscher Leben / Sehr grossen Nutzen bringt! Wo Frid ist, da ist Heil Trutz, es zerbrech jemand ein starken buschel Pfeil / Drun wust Scilurus dort diß artig anzuregen / Als er wolt seine Söh: zur Fridsamkeit bewegen / Ja auch ein buschel Haar ist außzu
reissen schwer / Wie dort Sertorius vorhielt dem Krieges Heer.«
III HEITERKEIT (Allegrezza; Baur Teil I, Blatt 28) Ein junges Mädchen mit einem Blumenkranz im lockigen Haar tanzt auf einer blütenübersäten Wiese: In der Rechten hält sie eine Flasche hoch, in der Linken ein Bündel von kleinblättrigen, dunkelgrünen Pflanzen. Ihr Gewand ist weiß, das Übergewand rot und der Mantel blau. Der Landschaftsausblick links zeigt eine prachtvolle Gartenarchitektur mit Brunnenanlage; davor sind Putten (?) mit turnierähnlichem Spiel beschäftigt. Rechts ist ein weiteres Gartengebäude dargestellt, vor dem ein Turnierreiter zu sehen ist; weiter vorne spielen Männer auf einer Wiese.
Die Personifikation der Heiterkeit bei Baur übernimmt im wesentlichen die Darstellung bei Ripa (s.v. allegrezza 1): »Gio vanetta con fronte camosa, liscia, e grande, sara vestita d bianco ... con una ghirlanda in capo di varii fiori, nella man destra tenga un vaso di cristallo pieno di vino rubicondo ... prontamente mostri di ballare in un prato, pieno di fiori.« »
fiori significano per se stessi Allegrezza, e si suol dire, che prati ridono, quando sono coperti di fiori« erklärt Ripa die Blumen und sagt zur Flasche mit Wein »il vino rallegra il cuore dell'huomo«. Bei den Pflanzen in der linken Hand der Personifikation handelt es sich wahrscheinlich um Myrten »Tiene
... il ramo di Mirto essendo che appresso gl'Antichi era segno di Allegrezza« (Ripa, s.v. allegrezza 7). Die Szenen mit den spielenden Menschen im Garten, bei denen sich der Maler eng an die Vorlage von Baur gehalten hat, führen das Thema von der Heiterkeit weiter aus.
Unterschrift bei Baur: »Daß ist die Freud der Welt! So gleichsam scheint zu sprechen / Laßt uns deß Meyen Pracht der Blumen Zierd abbrechen / Und darauß machen Kräntz: Wir wollen mit dem Wein / Und Salben füllen uns, die nur die Besten seyn!/ Man ess, man trinck, man buhl, man tantz, man spring, man rinne (renne?) / Man ziehe Maßkran (Maskeraden) an, auff daß man eins nicht kenne / Sey lustig junges Blut! Sey frölich frische Haut:/ Sag Jemand, ob nicht gantz der Welt-Brieff also laut «
III, EHELICHE TREUE (Fede maritale; Baur Teil I, Blatt 30) Eine Frau trägt ein langes rotes Kleid, am Hals hochgeschlossen, mit langen Ärmeln, darüber einen gelben, grüngefüllten Mantel. Hinter ihrem ungeschmückten Haupt mit einfach hängendem Haar fliegt ein kleiner grüner Schleier auf. Die junge Frau legt die Rechte auf ihr Herz; mit der Linken hält sie einen Ring hoch. Ein prachtvoller Palast im Hintergrund links zeigt in einer offenen Halle eine Frau, die sich ersticht; ein römischer Krieger eilt zu ihr. Rechts ist ein Heer vor dem Tor einer mit vielen Türmen aufragenden Stadt zu sehen; auf einem kleinen Hügel die Feldherrn.
Durch zwei Motive ist die Personifikation kenntlich gemacht durch den Ring, den sie hochhält (Ripa, s.v. fede maritale) und durch die Szene im Gartenpalast, bei der es sich um die Geschichte von Tarquinius und Lucretia handelt, eines der beliebtesten Beispiele ehelicher Keuschheit: Lucretia war vor dem Königssohn Sextus Tarquinius in Collatia entehrt worden; ihren Gatten, den sie aus dem Feld herbeirief, verpflichtete sie zur Rache und erstach sich dann selbst, da sie entehrt nicht weiterleben wollte (Livius 1, 57,6–59,6). Die Frau, die sich durch das Verschlingen von glühenden Kohlen tötet (bei Baur am linken Bildrand), ist in Hohenaschau nicht dargestellt. Der Zug der Weiber von Weinsberg, die ihre Männer als ihr Liebstes und Wertvollstes aus der vom Feind bedrohten Stadt retteten, ist am rechten Bildrand zu sehen.
Unterschrift bei Baur: »Hier steht die Ehlich Lieb, die Ehlich Zucht und Treue / Mit unzerbrochnem Ring: zum Zaichen das sie seye / Beständig alle Zeit. Wann gleich Unglück einbricht So bleibt sie doch Getreu und änderet sich nicht / Sie mach Lucretiam sich selbst umbs Leben bringen / Und jenes keusche Hertz Feur-Kohlen in sich schlingen / Zu Weinsperg stellet Sie ein schönes Schauspiel an / Indem ein jedes Weib herauf trägt ihren Mann.«
III HOFFNUNG (Speranza; Baur Teil I, Blatt 26) Eine junge Frau mit bekränztem Haar, in dunklem Gewand mit hellerem Mantel stützt sich mit der Rechten auf einen Anker; auf der Linken hält sie einen Falken. Sie steht am Meeresufer. In den Wellen sind Schiffe und Seeleute zu sehen, zum Teil in Seenot. Der Himmel ist düster bewölkt.
Die Darstellung bei Baur bringt den Anker als traditionelles Attribut der Spes. Er wird hier in Beziehung gesetzt zur Szene der Seenot. Der Falke als Attribut ist eher ungewöhnlich (RDK, Bd VI, s.v. Falke, Sp. 1315).
Unterschrift bei Baur: »Wanns ohn die Hoffnung wär, man könte nicht ertragen / Manch Noth und Ungemach, man müste offt verzagen / Allein die heisset uns getrost und muthig sein / Und lehret uns recht fest den Ancker sencke ist die Schiffart doch? Ein Hoffnung guter Winde / Und deß erwüntschten Ports wann Aeoli Gesinde / Gleich tobt, so hofft man doch am Land zu langen an / Kurtz: unser hoffen wehrt, so lang man Athmen kan «
III. DIE KÜNSTE (Arte; Baur Teil I, Blatt 36) Ein eleganter Mann mit langen Locken, von einem Lorbeerkranz gekrönt, steht an einem Platz, der von prächtigen Gebäuden gesäumt ist. Rechts ist eine hohe Säule zu sehen, im Hintergrund das Meer. Die Allegorie der Künste trägt ein goldenes Kleid und einen roten Mantel, hält in der Linken Pinsel und Grabstichel und in der Rechten einen Stab, um den sich eine Rebe schlingt. Zu ihren Füßen liegen Caduceus, Winkel, Palette mit Pinseln, Schriftrolle, Bücher und eine Büste.
Die Allegorie bei Baur folgt mit Stichel, Pinsel und rebenumschlungenen Stab Ripa (s.v. arte) der den letzteren wie folgt erklärt: »Il palo con la pianta tenera, & novella significa l'Agricoltura, arte della quale ne vien all'huomo tutto l'utile«.
Unterschrift bei Baur: »Der freyen Künsten Zier hat heutigs Tag erlanget / Den allerhöchsten Grad. Die Mahlerey die pranget / Mit ihrem grossen Ruhm, und Kunst-Vollkommenheit Worinn sie übertrifft gar weit die alte Zeit / Wie unvergleichlich ist das messen und das bauen / Die Schiffarts-Wissenschaft? Das schnitzeln, stechen, hauen / Der Bilder und Gemähldt? Das Pflanzen edler Frücht / Die Wasserkunst: man kans genugsam preisen nicht.«
B (Schlafzimmer) TRIUMPH AMORS (Baur Teil I, Blatt 35) Ansicht nach O. In einer Landschaft mit tiefem Horizont, über der sich ein weiter blauer Himmel spannt, steht links auf einem ornamentierten Steinsockel ein Standbild des Gottes Amor. Ein kleiner goldener Opferaltar ist davor aufgebaut. Auf ihm brennt ein Feuer. Vier Menschen sind am rechten Bildrand vor dem Altar und der Statue zum Opfer versammelt: ein junges Mädchen mit offenem lockigen blonden Haar, das die Arme ausgebreitet hat, eine ältere Frau mit Schleier auf dem Kopf, die einen Palmzweig in der Rechten hält, sowie ein junger blonder und ein alter weißhaariger Mann, die beide knien.
Die Darstellung bei Baur zeigt rechts noch einen Ausblick in eine Landschaft, wo Amor auf einem Triumphwagen zu sehen ist, verehrt von vielen Menschen.
Unterschrift bei Baur: »Hier Triumphiert die Liebe, und führt nach sich gefangen / Beid alt und junges Volck, so häuffig ihr anhangen / Und ihre Sclaven sind: Dann wohl auch graue Bärt / Sind durch ihr grosse Macht, bezaubert und bethört / Es liebt die gantze Welt, was lebt und schwebt das liebet / Was flieget schwimt und kriecht, das alles undergiebet / Sich diesem süssen Joch: und diser Meisterschafft / Ja manch lebloses Ding fühlt auch der Liebe Krafft.«
Quellen und Literatur
AEM, Nachlaß Peter von Bomhard Nr. 172
Bomhard, Bd 2, S. 390 f.