Herrenchiemsee, Ehem. Augustiner-Chorherrenstift, ehem. Sommerrefektorium


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 12, Teil 1: Stadt und Landkreis Rosenheim. Hirmer, München 2006, ISBN 978-3-7774-3355-4, S. 242–243, geschrieben von Bauer-Wild, Anna. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Im ersten Geschoß des Südflügels gelegen, heute verbaut, nur ein Teil der Ausmalung sichtbar

Zum Bauwerk: Im Südflügel der barocken Klosteranlage, in sog. »Kuchelstock«, erbaut 1700–1716, befand sich im Bereich der fünf mittleren Fensterachsen unter dem Fürstensaal im ersten Geschoß das Sommerrefektorium, das in Form und Größe dem Fürstensaal entsprach. Dieser Saal, auch »unteren Speisesaal« genannt, wurde im 19. Jh. in vier kleine Räume unterteilt, wobei der hofseitige Gang auch im früheren Saalbereich durchgezogen wurde. Die Deckenbilder sind nur im Bereich des Gangs und zweier Büroräume freigelegt. Ehem. Saal zu fünf Fensterachsen in voller Trakt-Tiefe, Eingänge von O und W im Bereich des heutigen Ganges an der N-Seite.

Auftraggeber: Propst Sebastian Danner von Herrenchiemsee (1764–92), dessen Wappenbild – ein Auge Gottes über einer Tanne – sich in einem der Embleme befindet. Ab 1769 ließ der Propst in der Stiftskirche sechs alte Altäre durch neue Marmoraltäre ersetzen, deren Altarblätter sämtlich von dem Salzburger Maler Franz Nikolaus Streicher waren (Bomhard Bd II/3, S. 50f.).

Autor und Entstehungszeit: Autor unbekannt, um 1770. Das Wappenbild Danners in 1 gibt die Entstehungszeit nach 1764 an. Schreinerarbeiten im Refektorium sind aus dem Jahr 1768 überliefert (Bomhard, Bd 3, S. 87 und Anm. 431). Damals wurde wohl auch die Decke dekoriert. Bomhard nennt als Maler, die in Frage kommen, Franz Sales Furtner von Frauenchiemsee, Franz Joseph Soll von Trostberg oder Franz Nikolaus Streicher von Salzburg. Der Zustand der Freskenreste erlaubt keine Zuschreibung, Franz Sales Furtner, der Sohn von Balthasar Furtner († 1764), aber kann man wohl ausscheiden. Von ihm ist kein Werk erhalten, das zu der Annahme berechtigt, er könne mit einer größeren Freskierung beauftragt worden sein. Die Art der Dekorationsmalerei und der Ansatz der Kartusche 2 am Hauptbild wäre bei Franz Joseph Soll immerhin denkbar, auch Franz Nikolaus Streicher ist nicht auszuschließen, denn er hat in der fraglichen Zeit an Altarblättern für die Stiftskirche gearbeitet (s.o.).

Befund

Träger der Deckenmalerei: Flachdecke. Rahmen: Am Hauptbild ein gemalter Profilrahmen, bei den Emblemen gemalte Rocaille-Kartuschen. Technik: Fresko; polychrom. Maße: 1–5 Durchmesser 1,20 m. Erhaltungszustand und Restaurierungen: Sichtbar ist von der Dekoration des Sommerrefektoriums das nördliche Stück des Hauptfreskos und drei Medaillons im Bereich des heutigen Gangs sowie der westliche Rand des Hauptfreskos mit zwei Medaillons im Bereich zweier Büroräume. Diese Reste waren wie die übrige Deckendekoration übertüncht und wurden in den 50er Jahren freigelegt, die ornamentale Malerei ergänzt. Sie zeigt mechanische Beschädigungen, Kratzer, Abrieb, kleine Löcher vom Aufrauhen der Fläche. Das Medaillon 5 in SO des Hauptfreskos ist durch die dünne Wand zwischen den beiden Büroräumen in zwei Hälften geteilt. Der übrige Teil der Ausmalung ist unter den Decken zweier Büroräume noch erhalten.

Beschreibung und Ikonographie

Das Hauptbild war früher umgeben von acht Medaillons mit Emblemdarstellungen, vier in den Achsen und vier in der Diagonalen. Die Medaillons an der Nord- und Ostseite sind freigelegt.

 
Drei von acht Medaillons, die sich beim Umbau des ehemaligen Refektoriums auf der Nordseite erhalten haben: 1 Weihrauchfaß, 2 Garten, 3 Schafherde
 
 

1 (NW-Ecke) »COELO DATA MUNERA REDDIT« (Gibt dem Himmel die Geschenke zurück). Auf einem Schriftband, das sich unter dem Bild durch das Ornament zieht, steht »obser¬vanda«. Auf einem ornamentalen Podest steht ein Weihrauchfaß, aus dem der Weihrauch nach oben steigt. »Hinc disce talenta et gratias, a deo in te collocatas, in eiusdem Dei honorem ac gloriam unice referre« (Picinelli, Lib. XIV, Nr. 81, s.v. thuribulum, mit dem Lemma »CAELO SUA MUNERA REDDIr«). Das Emblem dürfte sich auf das vorgeschriebene Tischgebet beziehen – das Weihrauchfaß ist oft Sinnbild für das Gebet – mit dem man dem Himmel für seine Gaben – die Nahrung – dankt.

2 (NO-Ecke) »PROVIDENTIA ET INDUSTRIA« (Mit Voraussicht und Fleiß). Garten mit Blumenbosketts und Gemüsebeeten, rechts eine hohe Tanne mit dem Auge Gottes an der Spitze. Über der hohen Gartenmauer geht die Sonne auf. Das Emblem zielt auf den Propst Sebastian Danner, der, repräsentiert durch sein Wappenbild, der Tanne mit dem Auge Gottes, hier als der Gärtner apostrophiert wird, der seinen Garten – das Stift – mit Fleiß bestellt. Mit »Providentia« ist hier wohl »Providentia divina« gemeint, die göttliche Vorsehung, im Bild dargestellt durch die Sonne, ohne die der menschliche Fleiß nichts vermag.

3 (N-Seite) »MODESTE, ET IN SILENTIO« (Bescheiden und in der Stille). Schafherde in einer Landschaft. Aus den Wolken kommt eine Hand, die einen Hirtenstab hält. Die wahrscheinlichste Deutung ist die auf die Zurückhaltung und das Stillschweigen beim Essen.

4 (O-Seite) »IUSTO IN PONDERE VIRTUS« (Der Wert liegt im richtigen Gewicht). Apotheke mit Dosen, Gläsern und Töpfen, zum Teil beschriftet. Auf einem Tisch steht eine Waage, nach der eine Hand aus den Wolken greift. Sinn des Emblems ist, daß Speisen wie auch Arzneien nur in der richtigen Menge heilsam sind. (Ähnlich Picinelli, Lib. XXI, Nr. 22, s.v. bilanx: »NEC CITRA, NEC ULTRA«).

5 (SO-Ecke) »QUOMAGIS IMPLETUR, MAGIS INDE RE[ddit?]« (Je mehr sie erfüllt wird, umsomehr [gibt sie] zurück). Landschaft, darüber Sonne und Mond. Das Bild ist epigraphen ... legendam offert. »REDDITUR FIDELITER. S. Am¬brosius. Imitanda nobis est natura terrarum, quae susceptum semen multiplicatoriori solet numero reddere, quam acceperit« (Lib. II, Nr. 542, s.v. terra). Die Fruchtbarkeit der Erde ist dem Menschen Beispiel für die Dankbarkeit, die er Gott schuldet.

Vom Hauptbild ist an der W-Seite ein kleines Detail erkennbar: der Schnabel eines Adlers, von dem ein Schriftstrahl zur Sonne geht: »SATIABOR CUM ADPARUE[rit?]« (Ich werde gesättigt werden, wenn [die Sonne] erscheint). »Animae, versus Deum exaestuantis, desideria ... Emblemate repraesentatur, quae nascente Sole fruitura, versus orientem volat; cum inscriptione SATIABOR, CUM APPARUERIT.« (Picinelli, Lib. IV, Nr. 167, s.v. aquila).

Der ursprüngliche Zyklus von acht Emblemen war offensichtlich eng auf die Bestimmung des Raums als Refektorium bezogen. Die fünf erhaltenen erinnern an die göttliche Vorsehung und den Fleiß, denen man die Nahrung verdankt (1), mahnen zur Dankbarkeit gegen Gott (3, 5), zur Mäßigkeit (4) sowie zu Bescheidenheit und Stillschweigen beim Essen (2). Der vom Hauptbild erhaltene Rest läßt vermuten, daß hier über das Thema der begleitenden Medaillons hinaus auf Gott als die eigentliche Ursache der menschlichen Zufriedenheit und des menschlichen Glücks verwiesen wurde.

Quellen und Literatur

Bomhard, Bd 3, S. 87, 99–101 und Anm. 431 und 447. A. B.