Herrenchiemsee, Ehem. Augustiner-Chorherrenstift, Seekapelle
Kleine Kapelle am Ufer im Norden der Insel
Patrozinium: Hl. Kreuz
Zum Bauwerk: An der Nordspitze der Herreninsel, dort, wo vor Beginn der Dampfschiffahrt die Hauptanlegestelle der Schiffe war, die von Urfahrn aus vom Festland kamen, ließ Propst Rupert Kögl (1653-88) 1679 eine kleine Kapelle er bauen. Propst Jacob Mayr schrieb, es habe sein »Anteceßo: Probst Rupert wolseel: bey dem See gegen Vrfahr ein khleines Capellel aufrichten und daselbsthin ein altes Crucifix, so anvon in der alten Thumbkhürchen gestandten, mit darunder stehendten V:L: Frauen unnd St: Joannes Bildt sezen lassen, zu welchen die hin: und wider fahrendte Leith auf dem See. absonderlich bey Erhebung der Vngewitter vnd Sturmbwünden ein grosse Andacht getragen« (nach AEM, Bomhard Nr. 121). Das Kruzifix und die beiden Figuren stammten aus der alten Stiftskirche und waren nach deren Neubau zunächst dort wieder angebracht worden, das Kruzifix in der Nähe des Triumphbogens am Gewölbe hängend, die Marien- und die Johannesstatue seitlich auf den Gewölbegesimsen stehend, was nach Ansicht des Bischofs von Chiemsee, Johann Franz Graf Preysing, der den Dom weihte, diesem »eine mörckh che Unform« gab. Auf seinen Vorschlag hat man noch im Sommer 1679 die Seekapelle errichtet und die Figuren dorthin gebracht.
Propst Jacob Mayr ließ anstelle dieser kleinen Kapelle 1697 eine kleine Kirche erbauen. Als Baumeister (vielleicht nach einem Plan Giulio Zucallis, gen. Christofori) wird Paul Steindlmüller, Maurermeister zu Schlechtenberg bei Niederaschau angenommen (Bomhard, S. 129).
Weihe am 24.6. 1698 durch Sigmund II. Carl Graf von Castel-Barco, Fürstbischof von Chiemsee. Nach der Säkularisation gelangte die Kapelle in den Besitz der Inseleigentümer von Lüneschloß; das Inventar wurde versteigert. Der nächste Besitzer der Insel, Aloys von Fleckinger, ließ die Kapelle 1819 restaurieren. Seit der Mitte des 19. Jh. wurde die Kapelle nicht mehr benutzt und verfiel. Wiederherstellung 1955/56 und Benedizierung durch den Münchner Weihbischof Dr. Johannes Neuhäusler.


Quadratischer Saal mit kleinem, niedrigerem, quadratischem Kapellenanbau im N, gleichmäßige Belichtung von N, S und W; wenig eingezogener AR, querrechteckig, gerade geschlossen, Belichtung von N und S.
Auftraggeber: Propst Jacob Mayr (1691–1717) von Herrenchiemsee, der den Bau mit seinen Privateinkünften – er war verordneter Landschaftssteuerer des Rentamts Burghausen- bezahlte (»nit von des Closters Einkhünfften, sondern von denen Gefellen meiner landschaftlichen Verrichtung«). Inschrift in einer gemalten Kartusche über dem südlichen Eingang: JACOBUS D. G. / PRAEPOSITUS ET / ARCHIDIACONUS / NATUS / CHIEMENSIS. Sein Wappen befindet sich zusammen mit dem Wappen des Klosters in gemalten Kartuschen am Chorbogen.
Die Kapelle war Ausdruck der besonderen Andacht des Propstes zu Maria, »huius doloribus, dum patienti filio compatie
batur, perelegans sacellum in extima Insulae parte extruxit dedicavitque: addito excellenti Chronographico manu propria exarato« (Rotel; das Chronogramm ist nicht erhalten). Der Propst hatte auch eine zeitbedingte Vorliebe für das Eremitenleben; die einsame Kapelle am Seeufer wurde nicht zuletzt deshalb erbaut, um die Möglichkeit zu haben, dort Messe zu lesen. Er schrieb, daß er »zu meiner particular Andacht daselbsten zu Zeiten gern celebrieren wolte« (nach Bomhard Nr. 121).
Von diesen frommen Beweggründen abgesehen hatte der Nachdruck, mit dem Propst Mayr in Wappen und Inschrift auf sich als Propst und Archidiakon hinwies, sicher auch den Charakter einer politischen Zeichensetzung. Die Seekapelle stand an der Stelle, wo jeder Besucher die Insel betrat, wobei das zeremoniell und politisch wichtigste Betreten jeweils dasjenige des neugeweihten Bischofs von Chiemsee war, der bei der Possessnehmung seiner Domkirche zum feierlichen Einzug von Urfahrn kommend in der Seekapelle seine Pontifikalgewänder anlegte. Es ist daran zu erinnern, daß der Bischof von Chiemsee auf der Insel nichts besaß. Er hatte lediglich das Recht, die Stiftskirche als Bischofskirche zu nutzen. Propst Mayr, der mit großer Energie auf seinen Rechten als Herr der Insel und Archidiakon des Archidiakonats Herrenchiemsee bestand, hatte in seiner Regierung Auseinandersetzungen mit dem jungen und ebenso energischen Bischof von Chiemsee, Sigmund II. Carl Graf von Castel-Barco, die um 1700 eskalierten (s. S. 212).
Autor und Entstehungszeit: Joseph Eder (* ca. 1645 Innsbruck † 1712 Neubeuern) 1700. Signatur an der östlichen Kartusche: J. E./1700
Die Ausmalung der Seekapelle war Eders letztes Werk für Herrenchiemsee. Da sie für Eder durch die Signatur gesichert ist, spielt sie eine gewisse Rolle für die Händescheidung zwischen Eder und seinem Mitarbeiter Jacob Carnutsch. Einige Charakteristika Eders werden hier faßbar. Eders Farbigkeit ist dunkler und kompakter als die von Carnutsch, seine Buntfarben haben nicht wie die seines Mitarbeiters viele und fein differenzierte Weißhöhungen. Eders Umrisse sind kräftiger, fast starr; er hat eine im Vergleich zu Carnutsch weit gröbere Figurenzeichnung, erreicht aber damit größere Monumentalität der Figuren, die bei Carnutsch sehr kleinteilig wirken, außerdem oft wie gedrechselt modelliert. Dagegen sind Eders Figuren flächig. Auffallend ist der Unterschied in der Landschaftsdarstellung: die Landschaften in 1-8 lassen sich mit den Carnutsch zugewiesenen, vermutlich ebenfalls nach graphischen Vorlagen gemalten im Saal von Wildenwart (S. 554) gut vergleichen. Eder erreicht nicht annähernd den Zauber der Wildenwarter Landschaften, seine Linien sind starrer, seine Farben weniger differenziert.
Befund
Träger der Deckenmalerei: A Doppelt gekehltes Spiegelgewölbe: Über dem Kranzgesims setzt eine hohe Kehle an, über der eine weitere zum Deckenspiegel führt; B Einfaches Spiegelgewölbe
Rahmen: Sowohl im Hauptraum (A) als im Altarraum (B) sind die gesamten Wölbungsflächen bemalt; Rahmenfunktion haben die umlaufenden, stuckierten Kranzgesimse; 1-8 gemalte Kartuschen an der unteren Hohlkehle
Technik: Fresko; polychrom
Maße: A Höhe 6,30 m; 4,50 × 4,60
B Höhe 5,40 m; 1,80 × 3,50
Erhaltungszustand und Restaurierungen: Vor der Wiederherstellung 1955/56 waren die Kapelle und die Deckengemälde in sehr schlechtem Zustand. Die Restaurierung der Fresken besorgte der Kunstmaler Max Märtens, Gstadt. Letzte Restaurierung 1981 durch Helmut Knorr, Grafing. Die Fresken waren wie die in der Bibliothek mit Öl übermalt; diese Übermalung konnte nicht abgenommen werden. Abblätterungen wurden wieder befestigt und übermalt. Doch ist der Zustand der Bilder nicht schlecht und die Farbigkeit ist frisch.
Beschreibung und Ikonographie
Das quadratische Hauptfeld A, das mit dem flachen Deckenspiegel zusammenfällt, wird in der unteren Hohlkehle von acht gemalten Kartuschen begleitet, jeweils eine querovale, größere in den Seitenmitten (1-4) und eine hochovale, kleiner in den Ecken (5–8). Die Bekrönungen dieser Kartuschen ragen in die obere Hohlkehle; in den Ecken wachsen darüber blumengefüllte Ziervasen bis in den eigentlichen Deckenbereich auf. In der oberen Hohlkehle sind an jeder Seite vier gemalte Rundfenster zu sehen, durch die sich Ranken schlingen und die einen Ausblick zum Himmel illusionieren (in einem sitzt ein Vogel). Zwischen den Kartuschen 1-8 ist die Wölbung der Kehle mit verschiedenen Blumen bemalt. Gemalte Blatt- und Blumenranken übergreifen das untere Stuckprofil.
Im Programm der Seekapelle auf der Herreninsel sind zwei Themenkreise behandelt: der des Leidens Christi, bestimmt von dem Kruzifixus aus der Stiftskirche, für den die Vorgängerkapelle gebaut worden war. Darauf bezieht sich das AR-Bild mit den Arma Christi und die Inschrift in der Chorbogenleibung. Der Hauptraum ist der Eremitenthematik vorbehalten.
A TAUFE CHRISTI Putten tragen einen gewaltigen runden Blumenkranz, der den Rahmen für die Darstellung abgibt (Ansicht nach O). In einer weiten, bergigen Uferlandschaft mit Stadtansicht steht links Jesus im Wasser des Jordan. Über ihn neigt sich Johannes der Täufer, um ihn zu taufen. Aus dem Hintergrund kommen Menschen herbei. Im Himmel ist Gottvater zu sehen, von Engeln begleitet; zwischen ihm und Christus schwebt strahlenumgeben die Taube des Hl. Geistes. Das Thema des Hauptbildes gibt den Auftakt zur Eremitenserie: Johannes, der in der Wüste predigte und taufte, nimmt in der Folge den Ehrenplatz als erster heiliger Eremit ein.
1-8 EREMITEN Die einzelnen Einsiedler sind durch Inschriften über den Darstellungen an den Kartuschen bezeichnet. Bei diesem Zyklus von Einsiedlern handelt es sich in unserem Bereich um eine ikonographische Rarität. Ausgangspunkt der Bildfolge waren mehrere Stiche aus den um 1600 entstandenen Stichserien von Johann d. Ä. und Raphael Sadeler nach Marten de Vos: »Solitudo sive vitae patrum eremicolarum«, o.O., o.J.; Hollstein, Bd 21, S. 147–49: aus dieser Serie stammen die Vorlagen für Ciomus (Bild 1) und Onuphrius (Bild 2); hier ist auch Antonius Abbas behandelt. »Sylvae sacrae monumenta ... anachoretarum«, München 1594; Hollstein, Bd 21, S. 150f., 240-42: in dieser Serie ist Amatus (Amadeus; Bild 8) behandelt. »Trophaeum vitae solitariae«, Venedig 1598; Hollstein Bd 21, S. 152f., 242-44: aus dieser Serie stammt die Vorlage für Arnulphus (Bild 5). »Oraculum anachoreticum«, Venedig 1600; Hollstein, Bd 21, S. 153-55, 244f. s. dazu auch Pieter Brueghel d. Ä. als Zeichner. Herkunft und Nachfolge, Katalog der Ausstellung Berlin, Berlin 1975. S. 182 f.: Vorzeichnungen von Marten de Vos für die Stichserien der Sadeler).
Nicht für das Programm herangezogen wurde das Standardwerk über die Einsiedler: Heribert Rosweyde SJ, Vitae Patrum. De Vita et verbis seniorum sive Historiae Eremiticae Libri X. Antwerpen 1628 (frühere Ausgaben 1615, 1619), in dem nur das Leben von Antonius und Onuphrius beschrieben ist. Auch die Eremiten-Serie von Boetius Bolswert: »Silva anachoretica« von 1612 (Hollstein, Bd 3, S. 63) spielte als Vorlage in Herrenchiemsee keine Rolle.
Die Darstellungen von Onuphrius und Ciomus stimmen bis ins Detail mit der Vorlage bei Sadeler überein, die des Arnulphus ebenfalls, soweit es die Figur betrifft. Amatus (Amadeus) und Antonius sind in den Serien zwar enthalten, die Darstellungen in Herrenchiemsee sind aber abgewandelt (es befanden sich vermutlich nicht alle Eremiten-Stiche der Sadeler im Besitz des Stiftes).
Hinzugefügt wurden folgende Einsiedler, die in den Serien von Sadeler, die im Ganzen 108 Eremiten darstellen, nicht vertreten sind: Romuald von Camaldoli (Bild 3); Christophorus (Bild 4); Ambrosius (Bild 7).
Aus allem ist zu schließen, daß im Stift selbst drei Stiche von Sadeler (s. o.) vorhanden waren und als Vorlage benutzt wurden, und davon ausgehend die Reihe selbständig zu einem Eremiten-Programm ausgebaut wurde.
Das Programm wurde mit Sicherheit von Propst Mayr selbst ausgearbeitet, der sich mit den Schriften der heiligen Asketen beschäftigte. In seinem handschriftlichen Nachlaß »repertus est liber folii in forma, ex merissimis SS. PP. et Ascetarum Sententiis dictisque concinnatus« (Rotel).
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1 CIOMUS (O-Seite) In einer bergigen und waldigen Landschaft, in deren Hintergrund mehrere Klausen und eine Kirche mit Kuppel zu sehen ist, steht rechts im Vordergrund, tief gebückt, auf einen Stock gestützt, ein Einsiedler mit weißem Mantel und Kapuze.
Der Text unter dem Stich von Sadeler, der als Vorlage diente, gibt die Erklärung: »Etsi non paucis CIOMVS foret obsitus annis,/ Atque pium premeret tarda senecta virum./ Ad divina tamen, reliquis non segnior, ibat / Officia, et sacra creber ir aede fuit.« Wie in der Vorlage sieht man im Hintergrund des Bildes die anderen Eremiten von ihren Klausen zur Kirche aufbrechen, zu der auch der alte und gebrechliche Ciomus der weiten Weg nicht scheut.
2 ONUPHRIUS (S-Seite) Links zeigt das Bild einen tiefen Wald, in dem die Hütte des Einsiedlers steht. Nach rechts weitet sich die Landschaft in die Bildtiefe: Hier blickt man über einen See und das jenseitige Ufer bis zu den Bergen. Onuphrius kniet in der Bildmitte vor einem niedrigen Felsenaltar neben dem ein aufgeschlagenes Buch zu sehen ist. Er ist halbnackt, nur um die Hüften trägt er einen Lendenschurz aus Blättern. Die Vorlage von Sadeler wurde in diesem Bild, was die Gestalt des Onuphrius betrifft, bis ins Detail wiederholt, es fehlen nur das im Stich auf dem Felsenaltar liegende Kreuz und die davor im Gras liegenden Gegenstände, Schale und Kürbisflasche. Die Landschaft ist etwas abgewandelt; im Stich dient dem Eremiten eine Höhle als Behausung, während in der Seekapelle eine stattliche Klause dargestellt ist. Die Inschrift im Stich lautet »Divinis oculis pergratus Onofrius, aevum / Tra duxit rara sobrietate suum./ Inque, cavo degens, palmarum ub copia, monte / Herbarum pastu depulit esuriem.«
Onuphrius der Große (Leben im 4./5. Jh., Erziehung im Kloster Hermopolis, sechzig Jahre in der Einsamkeit) ist einer der bedeutendsten Asketen. Er wird - wie im Bild - meist nackt und mit langen Haaren sowie einem Lendenschurz aus Blättern dargestellt.
3 ROMUALDUS (W-Seite) In einer Landschaft mit Kirchlein im Hintergrund und Klause links kniet ein bärtiger Mönch in weißem Habit und blickt mit gebreiteten Armen auf eine Vision im Hintergrund: dort steigen, von Wolken umgeben, auf einer Leiter Mönche zum Himmel, von Engeln geleitet. Bei der Bildanlage, der querformatigen Darstellung mit einem großen Eremiten seitlich vor einer weiten Landschaft, hielt man sich an die drei zur Verfügung stehenden Vorlagen aus der Eremitenserie Sadelers, in der Romuald von Camaldoli aber nicht vertreten ist.
Romuald von Camaldoli (998/99 Abt in San Apollinare in Classe, † 1027, Kanonisation 1032) zog sich aus Sehnsucht nach strenger Askese in die Einsamkeit zurück; er gründete neben anderen Eremitenniederlassungen die von Camaldoli, aus der sich die Kongregation der Camaldulenser entwickelte. Seine Vision vor der Gründung von Camaldoli, die Mönche, die auf einer Leiter zum Himmel steigen, ist die am häufigsten dargestellte Szene seiner Vita. Romuald selbst wie die Mönche seiner Vision tragen den weißen Habit der Camaldulenser.
4 CHRISTOPHORUS (N-Seite) Das Bild zeigt einen Fluß mit Kirche und Häusern im Hintergrund. In der Bildmitte schreitet im Wasser, in kurzem Gewand und weitgebauschtem roten Mantel, der hl. Christophorus und blickt auf das Jesuskind auf seinen Schultern, das sich ihm segnend zuneigt. Der Stab des Heiligen zeigt an der Spitze grüne Blättchen. Nach der Legende wurde Christophorus, während er das Christkind über den Fluß trug, von diesem getauft; sein Stab fing daraufhin zu grünen an.
5 ARNULPHUS (SO-Ecke) Vor einer einfachen Hütte aus Ästen und Zweigen, über deren Eingang ein kleines Kreuz zu sehen ist, kniet Arnulf in weißem Gewand und blauem Mantel, eine rote Mitra zu seinen Füßen, und betet mit erhobenen Armen und zum Himmel gerichteten Blick.
Die Darstellung von Sadeler, dort ein Querformat mit der Figur des Arnulphus rechts, wurde hier in der Seekapelle um die Landschaft verkürzt genau wiederholt, sowohl die aus Ästen geflochtene Hütte mit dem Kreuz darüber, als auch die Haltung des Eremiten und die bei ihm liegende Mitra. Der Text bei Sadeler lautet: »Exuit Arnulphus mitram, clerumque Metensem / Deserit, et missis omnibus antra subit / Iungitur hic Christo: cunctis dat verba salutis:/ Inque Crucis signo plu rim a mira facit.«
Arnulf von Metz (* bei Nancy, Hausmeier in Austrasien, dem östlichen Teil des fränkischen Reichs, 614-27 Bischof von Metz, 629 Rückzug aus dem öffentlichen Leben und Krankenpflege, † wohl 640 in Remiremont) hat die Mitra als Hinweis auf seine abgelegte Bischofswürde bei sich.
6 AMBROSIUS (SW-Ecke) Der bärtige Einsiedler in weißem Mantel, die Kapuze über das Haupt gezogen, sitzt links und liest in einem Buch; in der waldigen Hügellandschaft sind einzelne Gehöfte zu sehen. Die Darstellung gibt Rätsel auf: ein Einsiedler Ambrosius ist weder bei Rosweyde, noch bei Sadeler zu finden. Wahrscheinlich handelt es sich um den hl. Ambrosius von Cahors. Nach dessen Vita, die stark legendäre Züge hat, lebte er im 8. Jh., war Bischof von Cahors und hauste, bevor er eine Pilgerreise nach Rom antrat, drei Jahre in einer Höhle (AASS, Octobris Tom. VII, S. 1046-50; BiblSS. Bd. 1, Sp. 943, s.v. Ambrogio, vescovo di Cahors).
7 ANTONIUS (NW-Ecke) Der bärtige Eremit trägt einen weißen Mantel mit Kapuze. Er sitzt unter Bäumen, den doppelten Kreuzstab neben sich, an dem ein Glöckchen hängt, auf den Knien ein Buch, auf das Licht aus einer kleinen Laterne fällt.
Antonius Abbas der Große, Stern der Wüste, Vater des christlichen Mönchtums (* um 250, mönchisches Leben in der Wüste seit 271, † 356) war der bedeutendste Eremit der frühchristlichen Kirche.
8 AMADEUS (NO-Ecke) Der Heilige trägt ein braunes Gewand und braunen Mantel und auf dem bärtigen Haupt einen braunen, runden Hut. Er wandelt unter Bäumen und liest dabei in einem Buch, das er in der Rechten hält.
Auch bei diesem Eremiten ist die Identifizierung schwierig. Bei Sadeler (Hollstein, Bd 21, S. 241) kommt zwar ein Einsiedler Amatus vor (Amatus oder Amator wird oft mit Amadeus gleichgesetzt), die Darstellung zeigt aber einen knienden Mönch mit einem Raben und hat mit der Darstellung in der Seekapelle nichts zu tun; Bei Sadeler handelt es sich um Amatus, Bischof von Sitten (Adelheid Reinsch, Die Zeichnungen des Marten de Vos, Stilistische und ikonographische Untersuchungen, Diss. Tübingen 1967, S. 129). Unser wandernder Einsiedler in der braunen Kutte mit dem Hut kann auch kaum mit dem Einsiedler Amatus von Remiremont identifiziert werden, sondern eher mit dem sel. Amadeus aus dem Franziskanerorden (AASS, Augusti Tom. II, S. 562–606, Fest 10. 8.), einem Spanier, Gründer der Kongregation der Amadeiter. Dieser, der sehr asketisch lebte, war aus Sorge um die Mönche viel zu den verschiedenen Klöstern unterwegs. Erschöpft von diesem entbehrungsreichen Leben, kam er einst in eine Einöde
HERRENCHIEMSEE zu einem Einsiedler und bat ihn, für immer bleiben zu dürfen der Einsiedler aber verlangte von ihm, er müsse alle seine Wege auf sich nehmen, und alle Mühe auf diesen Wegen für Christus leiden. So ging Amadeus weiter, immer allein, oft ohne Nahrung und sich zusätzlich auf jede Weise kasteiend. Amadeus der mit einem Buch dargestellt wird (AASS), starb 1482 in Mailand. Sein Kult war allerdings in Deutschland kaum bekannt. Neben dem Buch und dem braunen Habit könnte das Motiv des einsamen Schreitens auf ihn hinweisen, vielleicht auch der Hut, der als Reisebekleidung galt. Die Augustiner-Chorherren von Herrenchiemsee, die in ihrem weiten Seelsorgsgebiet viel unterwegs waren, fanden im Vorbild des sel. Amadeus vielleicht eine Identifikationsmöglichkeit, eine Form des Rückzugs und der Askese, die ihnen gemäß war.
B ARMA CHRISTI Vorbild für diese Darstellung war das offenbar in Herrenchiemsee vorhandene Blatt Raphael Sadelers mit der Darstellung des von Engeln gehaltenen Schweißtuches und der Arma Christi (Hollstein, Bd 21, S. 224, Nr. 49 Abb. in Bd 22, S. 190), das für die AR-Darstellung etwas vereinfacht wurde.
Zentrum der Darstellung ist das große weiße Schweißtuch der Veronika, das hier von zwei fliegenden Putten auseinanderbreitet wird. Auf dem Tuch ist eine symbolische Darstellung der Wundmale Christi zu sehen, seine durchbohrten Hände und Füße, sowie sein Herz, in dem drei Nägel stecken. Putten halten Arma Christi: links kniet ein Putto mit dem Leidenskelch ein fliegender Putto trägt Kanne und Handwaschschale des Pilatus, rechts bringt einer den Schwamm an der Stange und die Lanze herbei. Die Geißelsäule ist rechts neben dem Schweißtuch dargestellt; auf ihr sitzt der Hahn, der nach Petri Verleugnung krähte. Laterne, Geißel und Rute sind weitere Erinnerungen an die nächtliche Geißelung. Neben der Geißelsäule findet sich der Schilfkolben, den Christus bei der Verhöhnung hielt. Über der Leiter liegen Lanze, Hellebarde und Fähnlein mit der Aufschrift SPQR, die auf die römischen Soldaten bei der Kreuzigung hinweisen. Rechts sieht man das Schwert Petri, an dem noch das Ohr des Malchus klebt. Fackel, Trompete, Hellebarde, Lanze und eiserner Ritterschuh erinnern neben dem Ohr des Malchus an die Gefangennahme Christi auf Gethsemane. Links die rotglühende Sonne und rechts der Mond weisen auf die Todesstunde hin.
Erinnerung an die Todesstunde Christi ist auch die Inschrift im Chorbogen DUM EMISIT SPIRITUM. Es ist eine Zeile aus einem Vers des »Stabat Mater«, der Sequenz am Fest der Sieben Schmerzen Mariae (Septem Dolorum B.M. V.), der vollständig lautet: »Vidit suum dulcem Natum / Moriendo desolatum / Dum emisit spiritum«.
Es ist zu erinnern, daß die Seekapelle nicht zuletzt gebaut wurde, um das große Kruzifix mit Maria und Johannes aus der Stiftskirche aufzunehmen. Die Inschrift bezieht sich also unmittelbar auf die Maria der Kreuzigungsgruppe, die zur Zeit der Ausmalung noch in der Kapelle war und von Propst Jacob Mayr sehr verehrt wurde.
W ANTONIUS UND PAULUS Die Portalumrahmung an der südlichen Tür ist in Grisaillemalerei. Darüber sind unter der Inschriftkartusche - in einem polychromen Bild die hll. Antonius Abbas und Paulus Eremita in einer Waldlandschaft dargestellt.
HERRENCHIEMSEE
Paulus von Theben, der erste Eremit (* 228 am Rand der Thebais †341), floh während der Verfolgung unter Decius ins Gebirge, wo er sechzig Jahre in einer Höhle lebte, ohne einen Menschen zu sehen. 113jährig wurde er vom hl. Antonius gefunden. Der Besuch des hl. Antonius bei Paulus gehört zu den häufiger dargestellten Eremitenszenen.
Ein weiteres Eremitenmotiv bringt die nördliche Nebenkapelle, die als Tuffsteingrotte ausgestaltet ist.
Quellen und Literatur
AEM, Nachlaß Peter von Bomhard: Nr. 121: Auszüge aus dem Konsistorialarchiv Salzburg, Akten Kloster Herrenchiemsee, Fach I d 55: Acta, gebethen: und verwilligte Licentiam Celebrandi in der neu-erweitherten Capellen am Chiemseer See betrf. 1697.
Detil: 10//. Archiv St. Peter Salzburg: Augustiner-Chorherrenstift Herrenchiemsee, Rotel des Propstes Jakob Mayr. DY CO A1 TT 1:
KDB I OB (2), S. 179
Bomhard, Bd 3, S. 127-35, 337 f.
Schricker, Elisabeth, Joseph Eder und Jacob Carnutsch. Ein Beitrag zur Barockmalerei im Chiemgau (= Mag. Masch München 1988), S. 86–93.
Zumpf, Hugo, Graubündner Baumeister und Stukkateure im Chiemgau und in Salzburg, in: Jahrbuch des Historischen Vereins für den Chiemgau 1992. Giulio und Pietro Zuccalli S. 53-66. Herrenchiemsee, Seekapelle S. 55.
Pfister, Max, Baumeister aus Graubünden - Wegbereiter des Barock. Die auswärtige Tätigkeit der Bündner Baumeister und Stukkateure in Süddeutschland, Österreich und Polen vom 16 bis zum 18. Jahrhundert, Chur-München-Zürich 1993. Herrenchiemsee, Seekapelle S. 297.
Weichslgartner, Alois J. und Elisabeth Ettelt, Herrenchiemsee (= Kleine Pannonia-Reihe Nr. 225), Freilassing 1995, S. 26–29. ΔΡ