Herrenchiemsee, Ehem. Augustiner-Chorherrenstift, Marienkirche
Marienkirche
Heute Nebenkirche der Kuratie Frauenchiemsee, ehem. Pfarrkirche der Pfarrei Herrenchiemsee, die dem Augustiner-Chorherrenstift inkorporiert war. Die Pfarrei umfaßte außer der Herreninsel mehrere Ortschaften und Einöden auf dem „Festland“. Die engere Kreuztracht bildeten zusammen mit der Insel die Orte Urfahrn, Holzen und Sassau. Zur Pfarrei gehörten außerdem Breitenloh, Stadl, Wolfsberg, Breitbrunn, Mühln, Weingarten, Plötzing und Kellerbach. Nach der Säkularisation wurde Breitbrunn Pfarrsitz
Patrozinium: Unsere Liebe Frau
Zum Bauwerk: Der Bau steht nördlich des ehem. Stiftbereichs und war von einem Friedhof umgeben, dem einzigen im Pfarrbereich, bis im 16. Jh. auch die damalige Filiale Breitbrunn der Klosterpfarrei einen Friedhof erhielt. Spätgotischer Bau anstelle einer früheren Kirche, Weihe am 8. 10. 1469 durch Bernhard von Kraiburg, Bischof von Chiemsee. Durchgreifende Reparatur der verfallenden Kirche 1630/32 durch Propst Arsenius Ulrich (1627–53): Erneuerung des Langhauses mit Ausbrechen zusätzlicher Fenster und Gliederung der Wände, Einbau einer neuen Empore und einer Kassettendecke mit eingelassenen Bildern; neuer Hochaltar. Die Orgel ist 1688 datiert. Der Chor blieb in seiner gotischen Gestalt erhalten (in der zweiten Hälfte des 18. Jh. wurden dort die Rippen abgeschlagen). 1806 kam die Kirche in das Privateigentum der Inselbesitzer. Seit 1873 königliches, bzw. heute staatliches Eigentum.
Schmaler Saal zu drei Fensterachsen, Gliederung durch schwach ausgebildete Wandpfeiler und Bögen in Form von Blendarkaden; Empore im W. Gleichmäßige Belichtung von N und S durch je zwei hohe Rundbogenfenster in den östlichen Jochen im Emporenjoch durch je ein querliegendes Krummerfenster; Eingezogener AR zu zwei Jochen mit dreiseitigem Schluß. Die Deckengemälde befinden sich im LHs.
Auftraggeber: Propst Arsenius Ulrich von Herrenchiemsee (1627–53), dessen Wappen sich mit dem Wappen von Herrenchiemsee auf dem 1632 datierten Hochaltar befindet. Umbau und Neuausstattung der Marienkirche, der Pfarrkirche der Pfarrei Herrenchiemsee, fielen in die frühen Regierungsjahre des Propstes und waren in diesen Kriegszeiten und bei der finanziell bedrängten Lage des Stifts eine erstaunliche Leistung, Zeugnis seiner Bemühungen um die Seelsorge sowohl in den inkorporierten Pfarreien als auch im gesamten Archidiakonat.
Autor und Entstehungszeit: Autor unbekannt, um 1630/32. Ehem. Inschrift am Chorbogen (Mayer-Westermayer) 1632. Bomhard (S. 119) vermutet einen Wasserburger Meister; es sind allerdings mindestens zwei, wenn nicht drei Hände unterscheiden (freundliche Mitteilung Restaurator Helmut Knorr, Grafing). Typisch für den Maler der meisten Bilder in der Marienkirche sind die tiefdunklen Wolkenkränze, die am Rand zu den Glorienöffnungen hin in weiß aufgehellte Wolken übergehen. Auffallend ist der Unterschied zwischen verhältnismäßig qualitätvollen Bildpartien, bei denen der Maler offensichtlich auf Vorlagen zurückgegriffen hat, und anderen, deren Figuren unbeholfen dargestellt oder verzeichnet sind. Eine zweite Hand kann in den kleineren Bildfeldern e und f erkannt werden, in den sehr ungeschickt gegebenen Putten. Doch ist diese Hand auch in weniger wichtigen Partien der Hauptbilder A und A1-4 wiederzufinden, so daß die Vermutung naheliegt, es handle sich hier um einen weniger geübten Maler der gleichen Werkstatt. In Wasserburg waren damals zwei Maler tätig, die Brüder Melchior Pittenharter (* vor 1597 † Ende November 1648) und Wolfgang Pittenharter (* 29. 10. 1601 † vor dem 5. 2. 1643).
Zwei Bilder, a und b, zeigen wenig Ähnlichkeit mit den übrigen Bildern: sie sind von hellerer Farbigkeit, ohne tiefe Abschattungen, haben Tiefe und Atmosphäre in der Landschaftsdarstellung. Hier waren die Holztafeln ursprünglich mit Ornamenten bemalt, die zum Teil noch durchschlagen. Diese Felder wurden vielleicht erst später in den Zyklus der Mariensymbole einbezogen.
Das Rahmensystem der Decke wurde, wie an manchen Stellen durch den Tropfenverlauf sichtbar ist, nicht an Ort und Stelle gefaßt, sondern in der Werkstatt; danach wurde die fertig gefaßte Decke wieder auseinander genommen, in die Marienkirche gebracht und zusammengebaut (frdl. Mitt. Helmut Knorr).
Befund
Träger der Deckenmalerei: Flache Holzkassettendecke Rahmen: Die einzelnen Bilder sind in tiefen Feldern in die Decke eingelassen, die von kräftig profiliertem Rahmenwerk umschlossen werden. Die Decke ist teilvergoldet.
Technik: Öl auf Holz; polychrom Maße: Höhe der LHs-Decke 7.05 m
A 2,90×1,60 A1-4 2,20×1,50 a, b 1,60×2,40 g, h, l, m 1,20×0,80 e, f, i, k 1,00×0,80
Erhaltungszustand und Restaurierungen: Um 1825 und um 1860 haben Restaurierungen des Kircheninnern stattgefunden. 1897 beantragte der Pfarrer Johann Baptist Kratzer bei der königlichen Gutsverwaltung Herrenchiemsee eine Restaurierung, die außer Reparaturen am Außenbau und an der Inneneinrichtung die farbige Fassung des Raums einschloß und das obere Ausrunden der bis dahin rechteckigen Fenster sowie die Renovierung der Decke mit dem Auffrischen der 17 Bilder und eine Neufassung des Rahmenwerks. Diese Restaurierung wurde wohl durchgeführt, denn die Fenster sind seit langem rundbogig. Die letzte Restaurierung erfolgte 1988/89 durch Fa. Helmut Knorr, Grafing. Die Bilder wurden gereinigt. Übermalungen der früheren Restaurierungen wurden...
den nicht abgenommen. Die Firnisschicht wurde nur dort, wo sie blind war, regeneriert. Heute fast schwarz erscheinende Partien waren ursprünglich blaugrün. Diese Nachdunklungen wurden ebenfalls belassen. Die ursprüngliche Farbigkeit des Rahmenwerks der Kassettendecke wurde aufgedeckt und wieder hergestellt.
Beschreibung und Ikonographie
Die Kassettendecke im LHs zeigt im Mittelfeld und vier Nebenfeldern Szenen aus dem Marienleben. Das Mittelbild A ist hochformatig, in Form eines Rechtecks mit in der Längsachse angeschobenen Halbkreisen. Die Nebenbilder in den Diagonalen haben die Form gelängter Achtecke: zur Mitte hin, von der Rahmenform des Hauptbildes bedingt, ist ihre Form unregelmäßig. Die Kassettendecke hat außerdem zwei größere und zehn kleine Felder (Lage siehe Skizze) mit Darstellungen Lauretanischer Symbole. Ansicht sämtlicher Bilder nach O.
A HIMMELFAHRT MARIENS Eine grüne Grasfläche im Bereich des westlichen Halbkreises führt ins Bild ein. Der leere Sarkophag Mariens steht bildparallel; um ihn scharren sich die Apostel, die mit Gesten des Staunens und freudigen Schreckens zum Himmel emporblicken: Dort schwebt Maria nach oben, mit weitausgebreiteten Armen und flatterndem Gewand, das Haupt von einem Strahlenkranz umgeben. Hinter ihr öffnet sich der dunkle Wolkenhimmel: helle, fast weiße Wolken, in denen Putten erscheinen, umgeben eine lichtgelbe Glorie, die die Gestalt Mariens hinterfängt.
A1-4 SZENEN AUS DEM MARIENLEBEN Die Darstellungen folgen mit Sicherheit graphischen Vorlagen, wie an einigen Figuren zu sehen ist, die Kleider des 16. Jh. tragen.
A1 VERKÜNDIGUNG (Lc 1, 26-35) In einem tiefen Innenraum kniet Maria links an einem Betpult. Sie trägt über einem bräunlichen Gewand eine blaue Manteldraperie; ihr Haupt ist von Schleier und Brusttuch umhüllt. Sie hat die Arme im Gebet ausgebreitet und wendet sich nach rechts, wo auf dunklen, massiv geballten Wolken der Engel erscheint, in weißem Gewand und rotem Übergewand, in der Linken die Lilie. Mit der Rechten weist er zum Himmel, wo zwischen dunklen Wolkenballen, die in den Raum eingedrungen sind, die Taube des Hl. Geistes zu sehen ist, und darüber Gottvater mit segnend erhobener Hand. In den Wolken, die ihn umgeben, sind Engel dargestellt.
A2 GEBURT JESU (Lc 2,7-16) Das Jesuskind liegt auf einem weißen Tuch in der Krippe, das kleine Haupt von Strahlen umgeben. Links kniet Maria und neigt sich mit gefalteten Händen über das Kind. Hinter der Krippe, im Mittelpunkt der Szene, kniet ein Engel. Von rechts und aus dem Hintergrund drängen die Hirten heran. Der vorderste kniet vor der Krippe: er hat ein Lämmchen als Gabe in der Hand und einen Korb vor sich stehen. In der weißbärtigen Gestalt, die neben Maria kniet (nur Kopf und Hände sind sichtbar), kann man wohl Joseph erkennen. Links ist ein Paar zu sehen, das keine Hirtenkleidung trägt. Der Mann hat einen Hund bei sich. Über der Szene fliegen zwei kleine Engel in einer hellen, von dunkel geballten Wolken umgebenen Himmelsöffnung.
A3 ANBETUNG DER KÖNIGE (Mt 2, 1-12) Maria sitzt links, über einige Stufen erhöht, vor einer palastähnlichen Architektur. Sie hat das Kind auf dem Schoß. Joseph, weißbärtig, beugt sich von hinten über sie. Von rechts kommen die Könige mit ihren Geschenken heran; der vorderste, der weißbärtige Balthasar, kniet bereits vor dem Kind und präsentiert ihm eine goldene Schale. Das Gefolge, das mit den Gaben beschäftigt ist, trägt Trachten des 16. Jh. Die Figur am linken Bildrand scheint einen Hohenpriester darzustellen. Der Hintergrund zeigt Palastruinen. Im dunkel bewölkten Himmel sind zwei kleine Glorienöffnungen zu sehen: in der unteren, mit Puttenköpfchen ringsum besetzten, erscheint der Stern von Bethlehem, der die Könige geleitet hat, und sendet einen Strahl auf das Kind; in der oberen Glorie sind musizierende Engel dargestellt.
A4 FLUCHT NACH ÄGYPTEN (Mt 2, 14–15) Das Bild zeigt in einer weiten Landschaft die heilige Familie auf der Rast. Maria, in einem rötlich-braunen Kleid und blauem Mantel, über dem Haupt einen weißen Schleier, sitzt unter weit ausladenden Bäumen und stillt den Jesusknaben. Joseph hat den Kopf sinnend in die Hand gestützt und blickt auf Maria
In den Bäumen, von denen einer eine Palme ist (an deren Früchten sich die heilige Familie nach der Legende erquickt hat), erscheinen auf dunklen Wolkenkissen vor gelblich-hellem Himmelsgrund zwei Engel. Rechts gibt das Bild Ausblick auf die bergige Ferne. Hier sieht man die heilige Familie auf der Flucht: Maria sitzt, das Kind im Arm, auf einem Esel, der von Joseph geführt wird.
a-m LAURETANISCHE SYMBOLE Alle übrigen Bilder der Decke zeigen jeweils mehrere Lauretanische Symbole, teils für sich, teils von Engeln gehalten, in a und b als Bestandteile großer Landschaften. Die einzelnen Symbole sind verschiedenen Litaneien entnommen (s. auch Bomhard, S. 120 f.). 1. Die eigentliche Lauretanische Litanei, von Papst Clemens VIII. in der >Constitution< 1601 approbiert: »Litaniae Beatissimae Dei Genitricis Mariae, in sacra aede Loretana dici solitae«, publiziert in Deutschland durch Petrus Canisius (»Preces speciales pro salute populi Christi«, Dillingen 1558). Diese Form der Lauretanischen Litanei stimmt mit der heute noch gebräuchlichen überein. Aus ihr wurden für den Zyklus in Herrenchiemsee entnommen: »Sedes sapientiae«, »Vas insigne devotionis«, »Rosa mystica«, »Turris davidica«, »Turris eburnea«, »Domus aurea«, »Arca foederis« und »Stella matutina«.
2. Die sogenannte ›Lauretanische Schriftlitanei‹, »Litaniae Deiparae Virginis ex Sacra Scriptura depromptae, in alma Domo Lauretana omnibus diebus Sabbati, Vigiliarum et festorum eiusdem B. V. decantari solitae«. Diese Litanei wurde von Constantino Porta aus Cremona 1575 vertont und erfreute sich in Loreto großer Beliebtheit. Obwohl Papst Gregor XIII. sie auf Loreto beschränken wollte, verbreitete sie sich rasch und fand in Gebetbüchern vielfach Aufnahme, auch in einem bayerischen Gebetbuch, »Fasciculus sacrarum Litaniarum ... « von 1601. Nach der »Constitution « Clemens' VIII schickte Herzog Wilhelm V. den »Fasciculus« zur Begutachtung nach Rom; er erschien, vom Papst genehmigt, 1602 in der bereinigten Form, die auch die >Schriftlitanei enthielt (1601 von Lucas Pinelli mit weiteren Anrufungen versehen). Sailly brachte sie in seiner Ausgabe Antwerpen 1609 mit der Bemerkung: »Litaniae approbatae a Sede Apostolica ad instantiam Serenissimi ducis Bavariae«. Aus dieser Lauretanischer Schriftlitanei« sind für Herrenchiemsee entnommen: »Altare Thymiamatis«, »Arca testimonii« (bzw. »Tabernaculum foederis«), »Aurora consurgens«, »Civitas refugii«, »Fons signatus«, »Hortus conclusus«, »Lignum vitae«, »Pulchra ut luna«, »Electa ut sol«, »Navis institutoris de longe portans panem«, »Paradisus voluptatis«, »Puteus aquarum viventium«, »Scala Iacob« und »Speculum sine macula«.
HERRENCHIEMSE
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3. Andere Marienlitaneien. Der Herrenchiemseer Zyklus greift aber auch auf Anrufungen älterer Litaneiformen zurück, wie sie z.B. neben den beiden Lauretanischen Litaneien im »Thesaurus Litaniarum« des Thomas Sailly S.J. 1598 publiziert sind. Aus der ausführlichsten, »Litaniae septimae ad beatissimam Virginem pro die Sabbati« (Sailly, S. 314–21), stammen die Symbole »Cedrus in Libano exaltata«, »Cypressus ir monte Sion«, »Fons universam terram irrigans«, »Hortus plantationum«, »Hortus non seminatus«, »Mare pacificum« »Plantatio rosae in Iericho«, »Stella maris« und »Templum Salomonis«. Weitere Symbole sind der dritten Litanei bei Sailly entnommen (»Litaniae tertiae ad beatissimam Virginem Mariam«, S. 156–59): »Oliva speciosa in Campis«.
Als Vorbild für den Herrenchiemseer Zyklus kommt die Stuckdekoration im Langhaus der Münchner Hofkapelle in Frage (1601; Stuck im AR 1630), die einen ausführlichen Zyklus Lauretanischer Symbole zeigt (s. Schalkhaußer), die zum Teil denen von Herrenchiemsee sehr ähnlich sind (z.B. »Templum Salomonis«); wahrscheinlicher ist aber eine gemeinsame Vorlage. Es existiert eine Hans Krumper zugeschriebene Zeichnung (Graphische Sammlung München, Inv.Nr. 30001, s. Schalkhaußer, S. 263), die Maria darstellt, um sie im Kranz angeordnet zahlreiche Mariensymbole, die außer der Lilie alle in Herrenchiemsee vorkommen (von den seltener dargestellten z.B. die Jakobsleiter, das Schiff, zweimal die Bundeslade, der siebenarmige Leuchter, die Stadt Gottes, der Tempel Salomons und die vier Bäume, s.u.). Ein bisher noch unbekannter Stich nach dieser Zeichnung (Abb. S. 203) dürfte die Vorlage für Herrenchiemsee gewesen sein.
a HORTUS CONCLUSUS (PLANTATIONUM)/HORTUS NON SEMINATUS / CYPRESSUS IN MONTE SION / PALMA FLORENS / CEDRUS IN LIBANO EXALTATA / OLIVA SPECIOSA IN CAMPIS Im Vordergrund des Bildes ragen vier Bäume auf, deren Stämme von Putten umfaßt werden. Links eine Zypresse und eine Palme, rechts eine Zeder und ein Ölbaum. Zwischen den Baumpaaren geht der Blick in die Tiefe, wo ein großer, von einer Mauer umhegter Garten liegt. Dieser Garten ist zur Hälfte regelmäßig mit Beeten angelegt, in denen Blumen (Rosen?) blühen; außerdem blühen Blumen in Pflanzkübeln (die Anrufung »Plantatio rosae in Iericho« wird in der Krumper-Zeichnung und im Langhaus der Münchner Hofkapelle durch die Pflanzkübel mit Rosen dargestellt). Die rechte Hälfte des Gartens, in dessen Mitte ein Springbrunnen steht, ist unregelmäßig mit Bäumen bewachsen.
Die vier Bäume werden genannt in Eccli 24, 17–19, wo die Göttliche Weisheit spricht: »Quasi cedrus exaltata in Libano, et quasi cypressus in monte Sion; quasi palma exaltata sum in Cades, et quasi plantatio rosae in Iericho. Quasi oliva speciosa in campis ...«. Gemeinsam kommen die vier Baum-Ehrentitel Mariens in der sog. >altirischen Litanei« vor (Sauren, S. 51 f., Beissel, S. 467 f.), nicht aber in den 1602 approbierten Marienlitaneien des Gebetbuchs Wilhelm V. Sie werden in der dritten (Olbaum, Palme) und siebten Litanei (Zeder, Zypresse) bei Sailly genannt (s.o.) und finden sich in ähnlicher Anordnung auf der Krumper-Zeichnung.
b PARADISUS VOLUPTATIS / FONS UNIVERSAM TERRAM IRRIGANS / LIGNUM VITAE In der Mitte des Bildes, im Vordergrund, steht ein Baum, dessen Stamm von einem Putto umfaßt wird. In einer weiten Weltlandschaft, die den Bildgrund füllt, fließt links ein Bach über einen kleineren Wasserfall, rechts weitet sich der Bach zu einem See, der bis an die Berge des Hintergrunds reicht.
Der Baum ist, wie er hervorgehoben vor der Landschaft steht, sicher als der Paradiesesbaum »lignum vitae« zu verstehen: daraus ergibt sich, daß die weite Landschaft mit dem Paradies die Anrufung »Paradisus voluptatis« bedeutet. Der Bach, der den großen, die Landschaft beherrschenden See speist, dürfte als »Fons universam terram irrigans« zu deuten sein.
c FONS SIGNATUS / PUTEUS AQUARUM VIVENTIUM / CIVITAS REFUGII In der oberen Bildhälfte sitzt auf hellen Wolken ein Engel in rotem Gewand. Er legt die Rechte auf eine runde Brunnenschale, in die vom Aufsatz zwei Wasserstrahlen fallen. Am Fuß des Brunnens sind Putten zu sehen. Mit dem linken Arm stützt sich der Engel auf einen Ziehbrunnen. In der unteren Bildhälfte ist eine hell bestrahlte Stadt mit einer kleinen Wiese im Vordergrund zu sehen.
»Fons signatus« und »Puteus aquarum viventium« sind wie meist – auch in der Münchner Hofkapelle und in der Krumper-Zeichnung – als Beckenbrunnen und Ziehbrunnen dargestellt. Die Stadt tritt in ganz ähnlicher Form auch in d auf: eine von ihnen stellt sicher »Civitas Dei«, die andere »Civitas refugu« dar.
d PORTA CLAUSA / SEDES SAPIENTIAE / CIVITAS DEI Im unteren Bildteil sieht man eine hell erleuchtete Stadt auf einer grünen Wiese. In den Wolken darüber sitzt ein Engel vor einem geschlossenen Tor mit ornamentierter Sprenggiebelbekrönung. Der Engel weist auf einen säulengeschmückten Treppenraum hin: hier führen von Löwen flankierte Stufen zu einem baldachinüberwölbten Thronsessel.
»Porta clausa« ist in der allgemein üblichen Form dargestellt; zu »Civitas Dei« s. unter c. Der Thronsessel könnte sich auch auf die Anrufung »Thronus Salomonis« (sog. Lauretanische Schriftlitanei) beziehen.
e ELECTA UT SOL / PULCHRA UT LUNA Wolken mit Puttenköpfchen bilden das Rahmenwerk um zwei Darstellungen: oben erscheint eine große, strahlende Sonne mit einem Gesicht, unten ist die Mondsichel, ebenfalls mit einem Gesicht, zu sehen.
Sonne und Mond ähneln den Darstellungen in der Münchner Hofkapelle; in der Zeichnung Krumpers ist Maria von der Sonne umstrahlt (»Mulier amicta sole«: Pinelli-Beifügung der sog. Schriftlitanei) und hat die Mondsichel unter ihren Füßen.
f STELLA MATUTINA / SCALA IACOB In einem blauen, von hellen Wolken umgebenen Kreis ist ein großer Stern dargestellt. Darunter geben düstere Wolken einen Durchblick frei, in dem vor dem hellen Himmel eine Treppe erscheint. Die Jakobsleiter, in Lauretanischen Zyklen selten dargestellt, tritt hier in ähnlicher Form auf wie in der Krumper-Zeichnung.
g VAS INSIGNE DEVOTIONIS (ALTARE THYMIA- MATIS) / ARCA FOEDERIS In düsteren Wolken sind zwei Durchblicke geöffnet, in denen von hellem Licht umgeben oben ein helles, ornamentiertes Kästchen zu sehen ist, auf dem ein Weihrauchfaß steht, unten, an den Tragstangen erkenntlich, die Bundeslade. Das vortreffliche Gefäß der Andacht wird oft in der Form des Weihrauchfasses dargestellt, das auch Attribut der Oratio ist (Ripa, s.v. oratione; s. auch Picinelli, Lib. XIV, Nr. 76, s.v. thuribulum). Für dieses Symbol käme aber auch die Anrufung »Altare thymiamatis« in Betracht. Dieses selten dargestellte Symbol findet sich auch in der Münchner Hofkapelle. Zur Bundeslade s. unter h.
h ARCA TESTIMONII (TABERNACULUM FOEDE- RIS) / TEMPLUM SALOMONIS In der oberen Bildhälfte ist ein goldornamentiertes Kästchen mit zwei goldenen Engelsgestalten auf dem Deckel zu sehen, in der unteren halten zwei Putten ein sechs- (acht?) eckiges Rundtempelchen mit Portal, Rundfenstern und säulengeschmückter Laterne auf der Kuppel. Dieses kleine Gebäude ist weiß.
Das obere Symbol zeigt mit den beiden goldenen Cherubim auf dem Deckel ein Charakteristikum der Bundeslade. Zu deren Merkmalen gehören außerdem die Tragestangen, die hier fehlen. Cherubim und Tragestangen sind in Herrenchiemsee auf zwei Darstellungen verteilt (Tragestangen in g); es ist anzunehmen, daß mit dem zweiten Symbol, das der Bundeslade ähnelt, auch eine im Wortlaut ähnliche Anrufung dargestellt ist. In der Krumper-Zeichnung finden sich ebenfalls zwei Bundesladen. Das untere Symbol zeigt große Ähnlichkeit mit der Darstellung des »Templum Salomonis« in der Hofkapelle der Münchner Residenz (beschriftet), der das entsprechende Symbol in der Krumper-Zeichnung wiederholt; die Deutung auf »Templum Salomonis« dürfte damit gesichert sein.
i CANDELABRUM AUREUM / ROSA MYSTICA / STELLA MARIS / NAVIS INSTITUTORIS DE LONGE PORTANS PANEM / MARE PACIFICUM In einem weiten, ruhigen Meer fährt links ein Schiff. Am Horizont lichtet sich der Himmel, sonst ist er düster bewölkt. Vor diesen dunklen Wolken strahlt ein heller Stern. Oben sitzt in Wolken ein Engel, der in der Rechten einen siebenarmigen Leuchter, in der Linken eine Rose hält.
»Rosa mystica« und »Stella maris« sind häufig dargestellte Mariensymbole; »Candelabrum aureum« kommt in den Reihen Lauretanischer Symbole selten vor (s.o.), ist aber unter den Mariensymbolen auf der Krumper-Zeichnung. Möglicherweise sind mit dem Schiff und/oder dem Meer nicht eigene Symbole gemeint, sondern Ausschmückungen des Symbols »Stella maris«. Da aber das Schiff auf der Krumper-Zeichnung unter den Mariensymbolen aufgeführt ist, bedeutet es hier wohl doch »Navis institutoris de longe portans panem«.
k SPECULUM IUSTITIAE / AURORA CONSURGENS Im oberen Bildteil sieht man in einer hellen Wolkenöffnung einen Engel, der einen Spiegel hält. In der unteren Bildhälfte breitet sich helles Licht über den düster bewölkten Himmel. Mit dem Spiegel kann auch »Speculum sine macula« gemeint sein, das ist auf der Darstellung nicht erkennbar; in der Münchner Hofkapelle ist der Spiegel als »Speculum sine macula« beschriftet. Die untere Darstellung ist nicht mit Sicherheit als »Aurora consurgens« zu identifizieren, doch kommt keine andere Anrufung dafür in Betracht.
1 TURRIS DAVIDICA / TURRIS EBURNEA Im unteren Wolkendurchblick hält ein kleiner Engel einen elfenbeinfarbenen Turm vor lichten Wolken; im oberen ist ein wehrhafter Turm zu sehen. Der Turm Davids wird meist wehrhaft, der elfenbeinerne Turm hell und schön dargestellt.
m DOMUS SAPIENTIAE (?) / DOMUS AUREA Dunkle Wolken teilen das Bild in zwei Ausblicke. In jedem ist ein Engel zu sehen: der obere präsentiert eine Architektur, hinter der strahlendes Licht hervorbricht, der untere ein goldornamentiertes Haus. Während das untere Bild mit Sicherheit das Goldene Haus darstellt, ist die Identität des oberen Symbols fraglich. »Ianua coeli« oder »Porta coeli« stellt es wohl kaum dar, denn diese wird meist mit geöffneten Türflügeln dargestellt. Außer »Domus sapientiae« (Schriftlitanei) käme auch »Domus impleta gloria Domini« (Sailly, »Litaniae septimae«) in Frage.
Literatur zu den Lauretanischen und anderen Marienlitaneien: Preces speciales pro salute populi Christiani ... quibus addita est Litania Loretana ..., Dillingen 1558.
Litania Loretana. Ordnung der Letaney von unser lieben frawen..., Dillingen 1558.
Sailly, Thomas SJ, Thesaurus Litaniarum ac Orationum Sacer cum suis adversus Sectarios Apologiis Opera, Antwerpen 1598.
Fasciculus sacrarum Litaniarum ex Sanctis Scripturis et Patribus, München 1600 (Ausgabe vor der >Constitution< 1601). Pinelli, Lucas, Meditazioni sopra quindici misterii del rosario, Venezia 1601.
Fasciculus sacrarum Litaniarum ex Sanctis Scripturis et Patribus ab ipsa sacrae Inquisitionis Congregatione Romana correctus et approbatus, München 1602 (gereinigte und approbierte Ausgabe).
Sailly, Thomas SJ, Thesaurus Litaniarum ac Orationum.. Brüssel 1608 (gereinigte und approbierte Ausgabe).
(0 0 11 Serarius, Nikolaus, Litaneutici seu de litaniis, 2 Bde, Köln 1609.
Schrötel, Georg, Apis argumentosa, Mella legens ex sacris elogiis B. Virginis, quae in eiusdem Litaniis toto orbe Christiano pie cantari solent, München 1631.
Sauren, Joseph, Die Lauretanische Litanei nach Ursprung Geschichte und Inhalt, Kempten 1895.
Beissel, Thomas SJ, Geschichte der Marienverehrung im 16. und 17. Jh., Freiburg 1910, S. 466-95.
Schleußner, W., Zur Entstehung der lauretanischen Litanei, in Theologische Quartalschrift 107, 1926, S. 254-67.
LThK, Bd 6, Sp. 598-601, s.v. Litanei.
Schalkhaußer, Erwin, Die Hofkapelle der Münchner Residenz. Ein Beitrag zu Ihrer Baugeschichte und Stuckdekoration, in: Das Münster 11, 1958, S. 261–66.
New Catholic Encyclopedia, Bd 8, S. 790f., s.v. Litany o Loreto.
LCI, Bd 3, Sp. 27–31, s.v. Lauretanische Litanei (Lore Kaute). Poschinger, Sabine von, Die Augsburger Lauretanischen Litaneien und ihr Bildschmuck, ungedr. Mag. München 1988, mit ausführlichem Literaturverzeichnis.
Quellen und Literatur
AEM, Pfarrakten Breitbrunn, 145 0001 01: Pfarrbeschreibung 145 8332 01, Bauten II: geplante Restaurierung 1897. BLfD, Akten Herrenchiemsee.
Mayer-Westermayer, Bd 1, S. 588–90. KDB I OB (2), S. 1794. Bomhard, Bd 3, S. 114–26, 335–57. Dehio 1990, S. 420 f.
Weichslgartner, Alois J. und Elisabeth Ettelt, Herrenchiemsee (= Kleine Pannonia-Reihe Nr. 225), Freilassing 1995, S. 22–25