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Haiming, Pfarrkirche St. Stephan, Vorhalle

Aus Deckenmalerei-Lab


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 9: Landkreis Altötting. Hirmer, München 2003, ISBN 978-3-7774-9690-0, S. 95–96, geschrieben von Böhm, Cordula. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Pfarrkirche, Gemeinde und Pfarrei Haiming, Bistum Passau; z.Z. der Ausmalung hatte der Hofmarksherr von Haiming und Piesing, Adam Caspar Freiherr von Freyberg, das Präsentationsrecht auf die Pfarrei. An der Kirche bestand die Sebastians-Bruderschaft. Gericht Neuötting

Patrozinium: St. Stephan

Zum Bauwerk: Die Kirche ist ein stattlicher gotischer Tuffsteinbau, erbaut 1485 von Hans Wechselberger aus Burghausen. Die Fresken befinden sich in der Vorhalle.

Die Vorhalle liegt im Erdgeschoß des Turms westlich der Kirche und ist ein quadratischer Raum (5,10×5,10 m) mit Eingang von S und Zugang zur Kirche nach O; Belichtung von S durch ein Fenster mit spätgotischem Maßwerk. Späterer Einbau einer Holztreppe zur Orgelempore. Teilweise verdeckt vor der Treppe ist an der Ostwand ein gotisches Fresko > Maria und Johannes unter dem Kreuz« freigelegt.

Die Stuckdekoration der Stilstufe um 1710/20 im Stil Nikolaus Liechtenfurtners aus Freising besteht aus Akanthusranken mit Sonnenblumen.

Auftraggeber: Möglicherweise die Sebastians-Bruderschaft 1636 erwähnt, 1715 durch Clemens XI. bestätigt.

Autor und Entstehungszeit: Autor unbekannt, um 1715

Befund

Träger der Deckenmalerei: Kreuzgewölbe mit abgeflachtem Mittelspiegel mit Bildfeld A; 1–6 Wandkartuschen Rahmen: Stuckprofil, Stuckkartuschen Technik: Fresko; A polychrom, 1–6 monochrom ocker

Maße: Höhe 5,80 m; Durchmesser 1,20 Wandkartuschen ca. 1,00×1,30

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Eine Restaurierung der Vorhalle anläßlich der Neufassung des Kirchenraums 1892 durch den Maler Senninger ist anzunehmen (StAM, LRA). Die Vorhalle wurde vermutlich im Zusammenhang mit der Restaurierung der Kirche 1951/52 im Zeitgeschmack umgestaltet, als in der Kirche spätgotische Gewölbe- und Wandmalereien durch Egid Maier und Lorenz Huber, Perach, freigelegt und von Georg Gschwendtner, Karlstein bei Reichenhall, restauriert wurden. Die modernen Darstellungen zeigen Gschwendtners Malweise. Das Deckenbild A ist stark übermalt; vermutlich war aber eine Darstellung gleichen Inhalts darunter. Die beiden großen Lunettenbilder an der West- und Nordwand wurden mit Szenen des hl. Bruders Konrad von Parzham bemalt; ob es darunter barocke gegeben hat, ist fraglich, denn die Fehlstellen in diesen Bildern zeigen weißen Verputz als Untergrund. Auch die Kartuschen an der Nordwand wurden vermutlich damals gemalt. Die aus der Barockzeit erhaltenen Kartuschenbilder 1–4 sind in schlechtem Zustand, beschädigter Putz, verkittete Risse, Abreibungen.

A Hl. Dreifaltigkeit

Bildabfolge

A DREIFALTIGKEIT in einem kreisrunden Mittelfeld; stark erneuert

1–4 SEBASTIAN-SZENEN Die Wandkartuschen in Fensterhöhe stellen in roter und ockerfarbener Malerei Szenen aus dem Leben des hl. Sebastian dar. 1 und 2 befinden sich auf der Südseite, 3 und 4 auf der Westseite.

1 SEBASTIAN HILFT MARCUS UND MARCELLINUS Sebastian in Soldatenkleidung steht in einem Raum vor drei Männern, die im Schraubstock gefangen sind.

2 VOR DEM KAISER Sebastian steht vor dem Thron des Kaisers.

3 BEKEHRUNG DES PRÄFEKTEN VON ROM Sebastian vor einem Mann mit Turban auf einem Thron.

4 FLIEHMARTER Sebastian ist an einen Baum gebunden, er hat nur ein Tuch um die Lenden. Im Hintergrund schießen Kriegsknechte mit Pfeilen auf ihn. Im Himmel ein fliegender Putto.

5–6 Ansichten von Altötting (Nordseite). Die ursprünglich barocken Darstellungen sind im 19./20. Jh. ersetzt worden.

5 Gnadenkapelle Altötting Über ihr das in Wolken schwebende Gnadenbild.

6 Kapuzinerkloster und Basilika (Fehlstelle durch den Einbau einer Treppe zur Orgelempore)

Himmel

Eindeutig in diesem Zyklus ist allerdings nur die Pfeilmarte Sebastians (4), die drei vorhergehenden sind nicht mit Sicherheit Sebastian zuzuordnen: als junger, vom Kaiser geschätzter Palastwächter setzte er sich für ein zum Tode verurteiltes Brüderpaar ein – im Schraubstock sitzen aber drei junge Männer (1). Er bekehrte den Präfekten von Rom mit seiner Gemahlin und seinem Sohn zum Christentum (3). Kaiser Diokletian verurteilte ihn zur Pfeilmarter (2). Der Sebastian-Zyklus steht wohl in Zusammenhang mit der Pest. Gedenktafel an der Südseite der Kirche in Höhe der Totenkapelle: »Den Toten der Gemeinde Haiming des Pestjahres 1634«. In diese Zeit fällt auch die Gründung der Sebastians-Bruderschaft in Haiming.