Feichten an der Alz, Pfarr- und Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt
Pfarr- und Wallfahrtskirche, Verwaltungsgemeinschaft Kirchweidach-Feichten, Diözese Passau; z. Z. der Ausmalung gehörte die Pfarrei Feichten zum Erzbistum Salzburg, Archidiakonat Baumburg. Die bedeutende und vermögende Pfarrkirche hatte als Filialen Kirchweidach und Tyrlaching, Oberbuch, Heiligkreuz und Deinting. Die Wallfahrt zum Mariengnadenbild von Feichten geht nach der Überlieferung bis ins frühe Mittelalter zurück. Die Rosenkranzbruderschaft in Feichten, am 26. 5. 1644 eingerichtet, war sehr vermögend. Herrschaftsgericht Wald
Patrozinium: Mariä Himmelfahrt
Zum Bauwerk: Nach der Überlieferung Bau der ersten hölzernen Kirche 798 an der Stelle, wo ein Marienbild in einer Fichte (= Feichten) gefunden worden sein soll. Nach den Zerstörungen durch die Ungarneinfälle im 10. Jh. Neubau. Vom Aufblühen der Wallfahrt Altötting war Feichten eine bedeutende Marienwallfahrt in Bayern. Das heutige Gnadenbild entstand um 1400. Der jetzige Kirchenbau wurde anstelle eines Vorgängerbaus 1502/13 aufgeführt und 1522 geweiht. 1523 Einbau der Empore, 1650 der Orgelempore. 1702 Pflasterung, 1704 erste Stuckierung, neue Kirchenstühle, Kanzel und Oratorien. 1713 Hochaltar (Kistler Wolfgang Plumberger, Bildhauer Ferdinand Oxner, Maler Lorenz Kriner, alle aus Burghausen), 1739 der Seitenaltar St. Anna (Kistler Matthias Will, Bildhauer Johann Jakob Schnabel, Maler Johann Caspar Sters, alle aus Burghausen); im zeitlichen Zusammenhang wohl der Rosenkranz-Bruderschaftsaltar.
Durchgreifende Barockisierung 1763/65 durch Franz Alois Mayr aus Trostberg mit Abschlagen der Rippen und Verschleifen der Gewölbe. »Craft weiterer Specification hierbei hat der hiesige Gerichtsmaurmaister Franz Aloysi Mayr zu Trostberg durch seine Maurergeselln und Tagwerker neben denen Zimmerleuthen ein Gerüst aufrichten, alsdan die samentl. vorhandene Zängen herabnemmen, den Anwurff völlig abpeckhen folgsamb widerumb neu anwerffen, auch an die Saullen und beeder Seiten an denen Lesennen eine proportionierte Architectur machen und 11 Füllungen für den Maler ziechen, sohin das ganze Gottshaus ausbauen lassen...« (StAM, Kirchenrechnungen 1764). Der Grundriß der gotischen Hallenkirche blieb unverändert erhalten.

Die Säulen erhielten korinthische Kapitelle und Gesimsaufsätze, die gotischen Halbsäulen an den Langhauswänden wurden zu Pilastern umgeformt. Die Stuckierung, die ebenfalls mit Mayr abgerechnet wurde, dürfte von einem Wessobrunner im Umkreis von Jakob Rauch geschaffen sein (vgl. die gleichzeitig ausgestattete Klosterkirche in Baumburg, LKr. Traunstein). 1785 Veränderungen im Emporenbereich (s. u. Chronogramm 1785) und zweites Seitenaltarpaar an den Längswänden der Seitenschiffe (Kistler Joseph Dersch aus Trostberg, Bildhauer Johann Georg Kapfer). Neuer Tabernakel (Kapfer) und seitliche Durchgänge am Hochaltar 1788/91. Das Hochaltarbild von 1906 (Augustin Müller, München), eine Kopie von Johann Baptist Zimmermanns Altarblatt Mariä Himmelfahrt in Dietramszell, wurde 1980 durch eine barocke Madonna ersetzt. Neuer Kreuzweg 1958 (Kopie des Kreuzwegs von Franz Joseph Soll in Niedergottsau).
Dreischiffige Hallenkirche zu vier Jochen (13,40×10,00 m); die Mittelschiffarkaden werden von Säulen getragen, darüber trennen Schildbögen das Mittelschiff von den Seitenschiffen. In den Seitenschiffen Altäre an der Ostwand und an den Längswänden. Die Westempore steht auf fünf Spitzbögen, getragen von Marmorsäulen, die obere, geschwungene Empore auf vier Säulen und einer mittleren Herme. Belichtung durch hohe Rundbogenfenster in den Seitenschiffen. Der Chorbogen dominiert durch die gewaltige blau/goldene Stuckdraperie.
AR (11,70×10,00 m) in Breite des Mittelschiffs zu zwei Jochen mit dreiseitigem Schluß; Gliederung durch seichte Wandpfeiler mit vorgelegten Pilastern. Im westlichen Joch nördlich und südlich Oratorien. Belichtung durch fünf hohe Fenster, eins im westlichen, zwei im östlichen Joch und zwei in den Schlußschragen.
Auftraggeber: Franz Anton Joseph Mangold, Pfarrer von Feichten (1737-67), 1764 Geistlicher Rat; Initialen F.A. I. M. P. F. im Lunettenfresko 8, darunter sein Epitaph neben der Eingangstür. Eine finanzielle Beteiligung der Rosenkranzbruderschaft oder einzelner Mitglieder ist anzunehmen (s. N2, S. 89f.). Administrator der Herrschaft Wald war Joseph Freiherr von Berchem, Pflegsverwalter war der kurfürstliche Rat Johann Leonhard von Sechser (1740–68).
Autor und Entstehungszeit: Franz Joseph Soll (* 1734 Friedingen/Donau † 1798 Trostberg) 1763/64. Signatur südwestlich in B FRANC. IOSEPH. SOLL / PINXIT. P: IN TROST-PERG. Anno 1763. Die Inschrift am Chorbogen enthält zwei Chronogramme mit den Jahren der Ausstattung DEO OPTI. MAX. ET PRAECELSAE GENITRICI (= 1764) PER VNDECIM SAECVLA PROPITIAE (= 1763).
»Demnach man bei diesem Gottshaus für höchstdienlich zu sein erachtet, daß dasselbe sowohl zu Vermehrung der Andacht als auch Beförderung der dabei befindl. uralten Wohlfarth inwendig frisch verworfen, dann nebst Mach: und Zierung der Architectur in fresco neu ausgemahlen wert, als hat man durch Franz Aloysi Mayr, dis Gerichts Maurermei-
stern zu Trostberg, und Josephen Soll, Mallern zu Schedling, gehörige Überschläg verfassen lassen und solche zur disortig hochen Administration... eingesend... « (StAM, 1763).
0 ( , , ), »Und das... Franz Joseph Soll, Maler zu Schedling nachst Trostberg, in vorderen und hintern Chor, dan im Langhaus und auf beeden Seitengängen 11 große und kleine Füllungen in Fresco ausgemahlen, seint demselben, weil er die Farben, Pembsel und seine Verpflegung selbst beyschaffen müssen, bonificiert worden... 450 fl... Daryberhin hat voriger Maler bey einer disorthig hohen Administration wegen solch ver richter Ausmahl: und Auszierung noch umb eine Addition eingelangt, worauf demselben... auf das von hieraus abgege bene Gutachten 25 f. plos aus Gnatn verwilliget worden« (StAM, 1764).
Im Akkord ist die Rede von 11 Fresken, von 3 im Langhaus und 8 in den Seitenschiffen. Von den Zwickeln im Langhaus (1-8 Evangelisten und Kirchenväter) ist nicht die Rede. Sie dürften von der Restaurierung 1899 stammen (s. Befund).
Der Trostberger Maler Franz Joseph Soll war 1763 und 1764 mit der Ausmalung befaßt. Die Ausmalung von Feichten ist sein zweites bekanntes Werk nach der Schloßkirche in Wald (S.235-241). Gleichzeitig entstanden die Fresken in der benachbarten Kirche in Garching, die mit dem Abbruch der Kirche 1870 zerstört wurden. Zehn Jahre später kam noch die Ausmalung der Filialkirche in Kirchweidach (S. 105-118) dazu. Der Vergleich mit Kirchweidach zeigt, wie schwer es dem jungen Maler in Feichten noch fiel, eine größere Komposition zu meistern. Während die kleineren Fresken gefällige, volkstümliche Szenen sind, hat die Figurenverteilung in den größeren Fresken keine kompositionelle Struktur, wobei dem Langhausfresko B diese Struktur durch Scheinarchitekturen gegeben werden sollte. Als stilistisches Vorbild für Fresko B kann das 1757 von Felix Anton Scheffler gemalte Langhausfresko in der Klosterkirche Baumburg an der Alz gesehen werden.
Der Stil der einzelnen Fresken in Feichten ist unterschiedlich, was sich mit der Experimentierphase in der Entwicklung des jungen Freskanten erklären läßt. Die Fresken im südlichen Seitenschiff zeigen einen unruhigen, fahrigen, flächigen Stil, der von der Meisterschaft seiner späten Arbeiten in St. Johann (1787) und Alzgern (1788) noch weit entfernt ist.
Befund
Träger der Deckenmalerei: Mittelschiff und Chor (A, B, C) Stichkappentonnen, im Chor nach O abgemuldet; Seitenschiffe (N1-4, S1-4) verschliffene Kreuzgratgewölbe Rohmon, A. P. C. Charalana III 1 C 1 D III
Rahmen: A, B, C Stuckrocaillerahmen, S1-8 gemalte Rocaille rahmen
Technik: Fresko; alle Fresken polychrom
18e: A Höhe 13,50m; 2,80×6,00 B Höhe 13,50m; 12,00×6,50 C Höhe 13,00 m; 7,40×7,20 N1-4, S1-4 Höhe 10,40 m; 3,00 × 2,00
Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1845/50 Renovierung des Raums im historisierenden Geschmack. Bei einer aufwendigen Gesamtrestaurierung der Kirche mit der ganzen Einrichtung 1899/1900 wurden der Raum und so gut wie alle Einrichtungsgegenstände neu gefaßt. Der Historienmaler Ludwig Kandler aus München legte ein Farbkonzept vor, das der Kirche den barocken Charakter zurückgeben sollte. Sein Kostenvoranschlag über »sämtliche künstlerische und dekora tive Malerarbeiten« belief sich auf 38 785 Mark. Zwischen Pfarrer Höllthaler, dem Generalkonservatorium und dem Restaurator kam es mehrfach zu Meinungsverschiedenheiten, in deren Verlauf die Arbeiten unterbrochen werden mußten. Die Restaurierungsarbeiten an den Fresken wurden von Juni bis September 1899 ausgeführt, zum Teil von Schülern bzw. Gehilfen. Die Fresken wurden gereinigt und gefestigt, an verblaßten Stellen aufgefrischt und an defekten ergänzt. An der Emporenbrüstung wurden zwei Fresken unter Benützung alter Teile erneuert, zwei ausgebessert. Die vier leeren Kartuschen in den Zwickeln des Langhauses wurden mit symbolischen Darstellungen in Violett neu gemalt, nach der Beschreibung von Stadler »elegant gemalte Landschaften mit sinnbildlichen Darstellungen aus der Lauretanischen Litanei: nördlich Turm Davids und Arche des Bundes, südlich Goldenes Haus und Pforte des Himmels«. An den Kartuschen über den Arkadenbögen (1–8) wurden »die als erwünscht bezeichneten Vornahmen« durchgeführt. Die Säulen und Pfeiler wurden marmoriert, Blindfenster ausgemalt, Fensteraufsätze aufgemalt.


1971/73 Innenrestaurierung durch Fa. Alois Schlee und Kirchenmaler Sebastian Brandstetter, beide Altötting. An den Stichkappen wurden Übermalungen abgenommen, die originale Substanz gefestigt und eingestimmt. Das durch Dachschaden beschädigte Orgelfresko A (rechts etwa ½ qm) wurde mit Bariumhydroxid gefestigt. 1992 Entstaubung.
Den Fresken sieht man die Überarbeitung von 1899 deutlich an. Gesichter, Gewänder und Staffagen sind in einem pathetischen Stil übergangen und verfälscht. Die Zwickelfresken im Langhaus 1–8 sind offenbar im neubarocken Stil von Ludwig Kandler überarbeitet. Die Rocaillekartuschen sind bombastisch ausdekoriert; die Figuren sind dem Stil Franz Joseph Solls gut angepaßt.
Die Fresken N1-4 und S1-4 in den Seitenschiffen wirken fleckig und schmutzig. Es scheint, daß die südlichen mehr beeinträchtigt sind als die nördlichen, auch durch mechanische Schäden.
Beschreibung und Ikonographie
A KONZERT Das Fresko über der Orgelempore zeigt ein kleines Orchester in Wolken. Von links bläst ein Posaunenengel, der im Profil gegeben und auf die anderen Musikanten gerichtet ist. Es folgen ein Trompeter, eine Frau an der Kesselpauke, eine weitere mit Buch, Notenblatt und Stimmgabel, König David an der Harfe, drei Frauen mit Querflöte, Violine und Kontrabaß. Entgegen den üblichen himmlischen Engelskonzerten sind die Musikanten in Feichten – mit Ausnahme eines Engels und König Davids – heitere junge Menschen in festlichen Kleidern, geschmückt mit Perlenketten und orientalischem Kopfputz mit Federbroschen. Die Attribute Pfeil bei der mittleren Figur und Schwert bei der rechten spielen vielleicht auf die hl. Ursula und die hl. Katharina an, möglicherweise Namenspatrone der Musikantinnen. Der Trompeter links, der die linke Hand dirigierend erhebt, trägt sogar porträtähnliche Züge. Vielleicht hat ihm Matthias Jetzt seine Gesichtszüge geliehen, der seit 1760 die Ämter von Obermesner, Untermesner, Schullehrer und Organist auf sich vereinigt hat und der 1766 bei einem Blitzschlag in den Kirchturm ums Leben kam (BHStA, GL F. 4347 Nr. 20). Ein solch irdisches Konzert in Wolken ist völlig ungewöhnlich.



B TOD UND AUFNAHME MARIENS IN DEN HIMMEL Das Hauptfresko nimmt drei Langhausjoche ein und ist als umlaufende Komposition angelegt. Wuchtige Steinsockel, ein Portikus, Mauern und Rampen bilden rötlichgraue architektonische Requisiten, die vor einem landschaftlich kargen, aus Felsblöcken und Felswänden gebildeten Hintergrund aufragen. Die Hauptansicht nach Osten zeigt eine Säulenhalle, deren Giebel von Wolken verdeckt ist. Über einer halbrunden Freitreppe steht frontal ein Bett, auf dem Maria im Augenblick ihres Todes liegt. Sie wird von Christus und von zwei Engeln in Empfang genommen, die hinterfangen von himmlischem Licht an ihr Sterbelager herniedergeschwebt sind. In ihrer Begleitung sind Engel und Putten mit Fackel und Weihrauchfaß. Im Zentrum des Bildes sind die Insignien der Himmelskönigin für Maria bereitet, auf einem drapierten Tisch ein Paradekissen mit Krone und Zepter. Darüber erscheint die Geisttaube in hellem Strahlenkranz von sieben Feuerzungen; seitlich am Rand der Lichtglorie thront Gottvater auf Wolken. Die irdische Szenerie ist erfüllt von vielen Menschen, Männern, Frauen und Kindern, die nicht speziell gekennzeichnet sind. In und bei der Säulenhalle mit Mariens Sterbebett sind die Apostel versammelt; seitlich des Lagers sind dem Typus und den Farben nach Petrus und Johannes dargestellt. Unter ihnen befinden sich auch zwei trauernde Frauen. Auf der Nordseite ein Apostel mit Engel (Matthäus?), vor dem Tor ein Apostel im Gespräch mit zwei orientalisch gekleideten Männern, eine junge Mutter, ein schreitender Apostel. Unter den Personen auf der Südseite sind Apostel, eine Familie und ein Wanderer auszumachen. In der Gegenansicht nach W ist auf einer grasbewachsenen Landschaftsbühne der leere Sarkophag Mariens mit der Aufschrift MARIA (ligiert) zu sehen, dem zwei Paare zugewandt sind. Ein Engel wirft rosa Rosen in den Sarg. Die szenische Ausgestaltung des Themas entspricht nicht dem im 18. Jahrhundert so oft dargestellten Bildtypus der Himmelfahrt Mariens. Daß Christus Maria schon an ihrem Sterbelager in Empfang nimmt, ist eine äußerst ungewöhnliche Bildvorstellung.


Was die umlaufende Komposition und die Requisiten betrifft, so hat Soll vermutlich das Langhausfresko in Baumburg (Lkr. Traunstein) für motivische Anleihen gedient, das Felix Anton Scheffler 1757 signiert hat. Als Farben verwendet Soll viel Grau und Rosa, dagegen heben sich am häufigsten Königsblau, aber auch Gelb, Karmin und Grün als Gewandfarben ab




C MARIA KÖNIGIN DES HIMMELS Das Chorfresko zeigt eine Wolkenszenerie, in deren Mitte Maria thront, das Haupt von Licht umflossen, mit Zepter und Krone als Königin des Himmels ausgezeichnet. Bei ihrem Haupt leuchtet das Jahwe-Zeichen in hellem Strahlenkranz. Rings um Maria sind in den Wolken Engel dargestellt, seitlich und im unteren Wolkenrund in loser Gruppierung Vertreter des alten und des neuen Testaments.
Bei den Engeln sind Anklänge an das Thema der Engelchöre zu beobachten, die oft in Zusammenhang mit Maria als Himmelskönigin dargestellt sind. Michael mit Waage und Schwert steht für die Erzengel. Von den andern Engeln haben nur fünf Attribute: Apothekergefäß mit der Aufschrift MEDICAM... (Mächte), Zepter (Cherubim, Herrschaften), Krone (Herrschaften), Rosen (Mächte), Spiegel (Cherubim, Throne).
Unter den übrigen Figuren ist links von Maria Joseph zu erkennen, mit ausgebreiteten Armen nach oben blickend, in violettem Gewand mit gelbem Mantel, die Lilie zu seinen Füßen. Links von ihm treten drei Apostel auf: Jakobus der Altere in Pilgertracht mit Stab und Gurde, die Jakobsmuschel am Kragen, Matthäus mit der Hellebarde und wohl Philippus mit dem Kahlkopf. Die beiden letzteren haben ein geöffnetes Buch bei sich. In der Reihe davor ist die große Gestalt des Moses zu sehen, bärtig, mit Stab und Gesetzestafeln, und bei ihm der Erzmartyrer Stephanus in Diakonsgewand mit der Martyrerpalme und den Steinen. Weiter rechts erscheint die hl. Königstochter Ursula, eine Krone auf dem Haupt, einen großen Pfeil als ihr Marterinstrument haltend. Ihr weißes Banner wird von einem Putto getragen (dieser Putto könnte mit seiner Fahne auch zu den Engelschören gehören: die Fahne kann Kennzeichen der Gewalten/Potestates sein).
An der rechten Seite beginnt die Reihe der Figuren mit Petrus, der die goldenen Schlüssel hält und sein Marterinstrument, das auf dem Kopf stehende Kreuz bei sich hat. Es folgt neben der großen hölzernen Arche Noah und etwas unvermittelt neben ihm der Märtyrer Laurentius in Diakonstracht mit dem Rost. Abraham in reicher alttestamentlicher Kleidung ist durch das Holzbündel gekennzeichnet und hat ein Schwert bei sich. Oberhalb von ihm, mit einem geöffneten Buch und einem Salbgefäß sind als weibliches Paar Maria Magdalena zu sehen und Katharina von Alexandrien mit Martyrerpalme und Rad, eine Krone auf dem Kopf.
Die Zuordnung Mariens als Himmelskönigin zu den Ordnungen der Heiligen ist ein beliebtes Thema, das in diesem Bild angeschlagen, aber nicht konsequent durchgeführt ist. Es treten auf die Vertreter der Engel (Regina Angelorum), mit Petrus, Jakobus d. Ä., Matthäus und Philippus Vertreter der Apostel (Regina Apostolorum), mit Abraham und Noah Vertreter der Patriarchen (Regina Patriarcharum), mit Stephanus und Laurentius Vertreter der Märtyrer (Regina Martyrum) mit Joseph und Magdalena Vertreter der Bekenner (Regina Confessorum) und mit Ursula und Katharina Vertreter der Jungfrauen (Regina Virginum). Moses müßte damit Vertreter der Propheten sein (Regina Prophetarum), insofern ein Prophet ein Wortkünder Jahwes ist. Wie später noch ausgeprägter ist schon in Feichten in Solls Frühwerk ein unbekümmerter Umgang mit der ikonographischen Bildtradition zu beobachten (s. auch die Fresken A und B); allgemein gesehen ist das ein Symptom am Ende des Barockzeitalters.

Einen ähnlichen Heiligenhimmel mit Maria als Himmelskönigin hat Soll 1780 in Tacherting (LKr. Traunstein) in einer Kuppel gestaltet.
1-8 EVANGELISTEN UND KIRCHENVÄTER (1899 stark überarbeitet) In den Lunetten über den Mittelschiffarkaden sind in Rocaillekartuschen ganzfigurig die Evangelisten auf der Nordseite und die Kirchenväter auf der Südseite dargestellt. Die muschelförmigen Gehäuse und das rocailleförmige Zubehör beziehen auch die bewegten Figuren mit ihren Attributen wie in einem Ornamentstich mit ein.
nen Füßen liegt der Löwe. In den Rocaillen zwei geschlossene Bücher und ein geöffnetes mit einer nicht zu entziffernden Inschrift.
Fresken in den Seitenschiffen
N1-4 ROSENKRANZ-ZYKLUS UND GRÜNDUNGS- BILD (nördliches Seitenschiff von O nach W) Von den vier Fresken des nördlichen Seitenschiffs beziehen sich die drei ersten, alle mit Ansicht nach O, auf den Rosenkranz. Der Altar an der Stirnwand des nördlichen Seitenschiffs war der Bruderschaftsaltar der Rosenkranzbruderschaft, die 1644 in Feichten gegründet worden war, und war seit 1655 für alle Mittwoche des Jahrs und für die Seelenoktav jeweils auf sieben Jahre privilegiert. Die Erneuerung dieses Altars im 18. Jh., die in den Kirchenrechnungen nicht verzeichnet ist, dürfte eine Stiftung gewesen sein, in zeitlichem Zusammenhang mit dem St.- Anna-Altar (1739) von den gleichen Meistern verfertigt (s. oben). – Das Gründungsbild N4 ist nach W gerichtet. Alle Bilder haben Inschriften auf Steinen, Stufen u.ä.
tracht, blaue Mäntel mit weißen Bäffchen und blauen Kopfschleiern bzw. Kappen. Sie huldigen Maria mit einer weißen, einer gelben und einer rosafarbenen Rose. Die Rosen bedeuten den freudenreichen (weiß), den schmerzhaften (rot) und den glorreichen (gold) Rosenkranz.
Die Männer sind sichtlich Porträts von Zeitgenossen: der linke dürfte Pfarrer Franz Anton Joseph Mangold (1737–67) sein, der auch Präses der Bruderschaft war und Initiator der Rokoko-Ausstattung; der rechte, ein Edelmann mit Perücke und Degen, ist wohl der Präfekt der Bruderschaft, in der Regel eine Amtsperson höheren Standes. Wegen der reichen Kleidung kommt Maximilian Franz Joseph Freiherr (später Graf) von Berchem (* 1702 † 1777) in Frage, Administrator der Herrschaft Wald, Rentmeister von Burghausen und Herr auf Schedling bei Trostberg, wo Franz Joseph Soll wohnte.
Die Bruderschaft des hl. Rosenkranzes in Feichten gelangte 1679 bis 1737 zu einem bedeutenden Vermögen, vier Pfarren machten sie zur Universalerbin (Klämpfl, S. 233); der Pflegsverwalter Johann von Zahler, Vorgänger von Johann Leonhard Sechser, machte zwei Stiftungen; desgleichen Ferdinand Marquard Graf von Wartenberg (Kirchenrechnungen).
N. DER ROSENKRANZ ALS HEILSWERKZEUG VITA BONIS, / MORS EST MALIS (Den Guten das Leben, den Schlechten der Tod. Der Vers stammt aus der Sequenz des Fronleichnamsfestes von Thomas von Aquin: »Mors est malis. vita bonis: / Vide, paris sumptionis / Quam sit dispar exitus«). In Wolken thront die Madonna mit dem Kind, zu ihren Füßen die Mondsichel. Links vor ihr kniet der hl. Dominikus mit seinem Attribut, dem Hündchen. Maria reicht ihm einen Rosenkranz, von dem Blitze ausgehen und zwei Ketzer treffen, die in der typischen schwarzen Tracht mit den gefältelten Kragen mit ihren Büchern auf einer kleinen steinernen Bühne unten im Bild zu sehen sind. Ein kleiner Engel zu Marias Füßen reicht zwei Männern einen zweiten Rosenkranz. Das Jesuskind wendet sich zur hl. Katharina von Siena, um sie mit einem Kranz aus roten, weißen und goldenen Rosen zu bekränzen. Katharina ihrerseits hält einen weiteren Rosenkranz in Händen. Der Rosenkranz wird hier als Heilswerkzeug für jene gezeigt, die an ihn glauben, so wie die beiden Männer unten rechts, die ihr aufrecht und freudig entgegennehmen. Er war aber auch Waffe im Kampf gegen die Häresie. Dominikus flehte während des Kampfes gegen die Albigenser Maria um Hilfe an und erhielt daraufhin nach der Legende von ihr den Rosenkranz als neue und mächtigste Waffe im Kampf gegen die Häresie. Mit der Bekränzung durch das Kind wird auf die mystische Hochzeit Katharinas von Siena mit dem Jesuskind angespielt, mit den weißen, roten und goldenen Rosen auf den Rosenkranz.
N, DAS GNADENBILD IN DER FICHTE / BAU DER ERSTEN KIRCHE ANGELICO FUNDATA / LABORE (Durch Engelsarbeit gegründet) In einer waldigen Landschaft mit den Bergen im Hintergrund ragt die legendäre Fichte auf, vor deren Krone eine Marienstatue erscheint, auf einer schlichten Konsole stehend, von hellen Strahlen umgeben. Rechts kniet eine Mutter mit Kind, auf das Gnadenbild blickend. Links haben sich die Gründer versammelt, zwei Edelleute und zwei Priester, im Hintergrund zwei weitere

Männer. Ein Edelmann hält den Kirchenplan: es ist der Grundriß der dreischiffigen Hallenkirche von Feichten. Ein Priester und ein Edelmann weisen auf ihn. Im Himmel schweben um die Fichte mit dem Gnadenbild fünf Engel. Sie tragen Werkzeug und Materialien zu dem Bau: einen Quader, einen Wassereimer, eine Mörteltruhe und ein Brett.
Die Gründungsgeschichte lautet nach Klämpfl wie folgt: Um 747/763 stifteten ein Edelmann namens Engelfried und seine Hausfrau Adala ein Gut in Feichten. Die drei Söhne Engelschalk, Erchiram und der Priester Megilo gaben ihre Besitzungen dem Hochstift Salzburg, von wo aus um 798 in Feichten eine Kirche errichtet wurde; Megilo übte die Seelsorge aus.

Der Legende nach, die in Wenings Beschreibung des Rentamts Burghausen berichtet wird, wurde der Bau vom ursprünglich bestimmten Platz auf dem Männkamberfeld nächtens von Engeln an den jetzigen Platz verlegt: »Bei der Pfarrkirche zu Feichten, welche zu Ehren der Allerheiligsten Himmelskönigin und Muttergottes Maria aufgerichtet worden, ist wunderlich, was von den ältesten Leuten von Mund zu Mund hergebracht wird, daß nemblich, als man anfangs gesinnet gewesen, solches Gottshaus auf das sogenannte Männkhamberfeld unweit der Altz zu setzen, inmaßen auch der Grund hierzu bereits ausgesteckt, und die Baumaterialien dahin gebracht worden, berührte Baumaterialien über Nacht, da man eben«.


dieses Gebäu wirklich anfangen wollen, vom selbigen Ort wunderbarlicher Weis hinwegkommen, und dieselbe man den andern Tag an jetzigem Ort, allwo derzeit diese Pfarrkirchen noch stehet, gefunden habe«.


wurde mit den Worten Bittschrift / Los von / Feichten (vgl. Fresko 5 und 6). In beiden Personen können Porträts vermutet werden. Rechts von der Säule kniet ein Mann mit porträthaften Gesichtszügen mit einer Bittschrift, auf der ein unleserlicher Absender geschrieben ist (Andreas Obermayr aus Purkering hat 1751 um 85 fl. eine ewige Messe am St.-Anna-Altar gestiftet). Am rechten Bildrand, an der Pyramide recken zwei Männer in zeitgenössischer Kleidung die Köpfe ins Bild und blicken auf den Betrachter. Der vordere hält ebenfalls einen Bittbrief, mit der Inschrift Memorial a Ma (= an Maria?). Bei diesen Männern handelt es sich mit Sicherheit um Porträts. Nach Solls späterer Gewohnheit sind wahrscheinlich der Baumeister Franz Alois Mayr und er selbst dargestellt, die sich hier der Fürbitte der Heiligen versichern. Damit begegnet uns hier wohl zum ersten Mal ein Selbstporträt des Malers Franz Joseph Soll, wie er sie in vielen seiner Freskierungen hinterlassen hat.



W1-2 BISTUMSPATRONE VON SALZBURG Wandmedaillons über den Seitenaltären an der Stirnwand der Seitenschiffe. Die beiden Bischöfe erscheinen in Wolken.
W1 RUPERT VON SALZBURG (N) Er stützt sich mit der Linken auf das Salzfaß, das ein Putto trägt.
W2 VIRGIL VON SALZBURG (S) Der Heilige präsentiert den Salzburger Dom, sein Werk und persönliches Attribut. Ein Putto hält Buch und Bischofsstab.
Chronogramm an der Brüstung der unteren Empore: TOLLITE HOSTIAS / ET INTROITE IN ATRIA EIVS: / INVOCATE DEVM IN / AVLA EIVS. Psalm 95: V.8 (= 1785).
Inschrift an der Brüstung der oberen Empore: LAVDATE EVM / IN TYMPANO ET CHORO, / IN CHORDIS ET ORGANO / Ps. 157 V.4.
V GNADENBILD VON FEICHTEN In der Vorhalle, die mit altertümlich-grotesken Stuckmotiven dekoriert ist, zeigt ein Tondo an der Decke das Gnadenbild von Feichten. Maria und das Kind in bestickten barocken Gewändern mit Kronen (keine Abbildung).

Quellen und Literatur
BHStA, GL F. 4347 Nr. 20–27: Gerichtsregistraturen Herrschaft Wald.
StAM, Geistl. Rat Kirchenrechnungen Rentamt Burghausen Gericht Wald 910: 1764.
StAM, LRA 63 671: Baureparaturen 1897; LRA 63673 und 63674: Restaurierung der Pfarrkirche Feichten 1898–1907. BlfD, Akten Pfarrkirche Feichten.
Wening 1721, S. 27/4, 28/1
Klämpfl, Joseph, Topographisch-historische Beschreibung der Pfarrei Feichten, in: OAVG 14, 1854, S. 227–234.
Rottmayr, Joseph, Statistische Beschreibung des Bisthums Passau, Passau 1867, S. 105.
KDB I OB (3), S. 2515–18.
Abele, Eugen, Franz Josef Soll 1734–1798, ein Rokokomaler des Chiemgaus, in: Jahrbuch des Vereins für christliche Kunst 6, München 1925, S. 4.
Stadler, Josef Klemens, Feichten (= KKF Nr. 25), München 1934.
Krausen, Edgar, Die »himmlische Ärztin« von Feichten. Was alte Wallfahrtsbüchlein berichten. In: Heimatland. Beilage zum Oettinger und Burghauser Anzeiger 10, 1959, Nr. 9, S. 65–69.
Kreilinger, Kilian, Der bayerische Rokokobaumeister Franz Alois Mayr (= Jahrbuch des Vereins für christliche Kunst 9), München 1976, S. 118–20.
Wagner, Hermann, Maria-Feichten, Ottobeuren 1968, 21980. Brenninger, Georg, Künstlernachweise aus dem 18. Jh. für die Kirchen in Feichten a. d. Alz, Kirchweidach und Garching a. d. Alz, in: Oettinger Land 4, 1984, und 5, 1985. Dehio 1990, S. 280f.
HAIMING
Pfarrkirche, Vorhalle Ehemaliges Beinhaus S. 96