Guttenburg, Schloss
GUTTENBURG

Schloß, Markt Kraiburg, in Privatbesitz; z. Z. der Ausmalung war die Hofmark im Besitz der Grafen von Taufkirchen. Gericht Kraiburg
Zum Bauwerk: Die Burganlage, die einen fünfseitigen Innenhof umschließt und durch einen Torturm an der Südseite zugänglich ist, liegt auf einer Hochterrasse über dem rechten Innufer nördlich von Kraiburg. Der ursprünglich gotische Bau stammt im wesentlichen aus dem 16./17. Jh. Die Innenräume zeigen teilweise Stuckdekorationen aus dem 16. bis 18. Jahrhundert und verschiedene Raumfassungen. Mehrere Räume im 1. Stock zeigen Tapetenmalerei des späten 18. Jh mit Rocaillen und Blütenranken, die zum Teil bereits freigelegt worden sind.
Ein Raum zeigt Deckenmalerei. Dieser liegt im ersten Obergeschoß an der Nordwestseite in einem Mauervorsprung neben der Terrasse (Raumnummer I.11/12). Querrechteckiger Raum (3,80×8,00 m), Belichtung durch 2 Fenster von NW. Je ein Fenster an den Schmalseiten sind zur Zeit noch vermauert. Zugang von SO.
Auftraggeber: Wolf Joseph II. Hochprandt von Taufkirchen zu Klebing (1649–97) bzw. dessen Schwiegersohn Reichsgraf Ferdinand Xaver von Taufkirchen (1697–1720).
Unter der Regierung Wolf Joseph II. erlebte das Geschlecht seinen Aufstieg und Höhepunkt und Schloß Guttenburg einen großzügigen Um- und Ausbau. Wolf Josephs Vater, Hochprandt von Taufkirchen-Guttenburg zu Klebing, hatte 1630 das Schloß von Johanna Jakoba von Neuhaus, der Tochter des letzten Taufkirchners auf Guttenburg, gekauft; er war 1639 in den Reichsfreiherrenstand erhoben worden. Wolf Joseph II wurde 1684 in den Reichsgrafenstand erhoben und führte di Titel »Conferenzrat, Cämmerer, Hofraths-Präsident, Pflege zu Mörmoosen und Rittersteuerer des Rentamts Landshut« 1698 erhielt er das Patronat über die Pfarreien Ensdorf und Taufkirchen-Lafering; er ist der Erbauer der Kirche in Hof wies (S. 129). In seine Zeit fällt der Um- und Ausbau des Guttenburger Schlosses. Aus der Ehe mit Maria Magdalena Gräfin Fugger von Kirchberg-Weißenhorn hatte er nur Töchter; daher setzte er 1691 den Reichsgrafen Ferdinand Xaver von Taufkirchen aus dem Zweig Katzenberg ein mit der Verpflichtung, seine Tochter Maria Victoria zu heiraten (Bourier, 1930 S. 45–50).
Autor und Entstehungszeit: Autor unbekannt; gegen 1700 Die Ausmalung lässt sich stilistisch am ehesten vergleichen mit der von Schloß Lustheim bei Schleißheim (entstanden 1685/87 durch Antonio Maria Bernardi, Johann Anton Gumpp, Giovanni Trubillio, Francesco Rosa; s. CBD, Bd 3/II, S. 449-87). Die Komposition steht denen in Lustheim sehr nahe; mit Sicherheit war dem Autor das Schloß bekannt. Verschiedene Motive wie die Eckmedaillons mit Büsten (Raum III, S. 459) oder die mit Brokatvorhängen spielenden Putten (Raum X, S. 477) finden sich in Lustheim wie in Guttenburg. Während die kleinen Räume in Lustheim mit der Rahmenmalerei Gumpps mehr dekorative Illusionsmalerei zeigen, ist der von




Bernardi ausgestaltete Saal (Raum I, S. 453) in konsequenter Scheinarchitektur konzipiert. Ihnen folgen stilistisch die von dem Münchner Maler Johann Kendlbacher ausgestalteteten Festsäle in Kloster Reichersberg am Inn (1695) und in Schloß Aurolzmünster (1699, beide OÖ, Innviertel). Die von Melchior Steidl ausgemalten Festsäle in der Residenz von Bamberg (1707) und in Schloß Arnstorf (1714) zeigen ebenso wie der Festsaal im Alten Schloß von Herrenchiemsee (LKr. Rosenheim, Johann Kendlbacher/Benedikt Albrecht 1713/15) die Weiterentwicklung dieses Raumtyps.
Der Maler des Guttenburger Saals dürfte aus der sog. Münchner Schule hervorgegangen sein, die gegen 1700 die Malerei im bayerischen Raum entscheidend prägte.
Befund
Träger der Deckenmalerei: Flachdecke mit Hohlkehle Rahmen: Stuckgesims mit bemalten Stäben Technik: Fresko: polychrom
Maße: Höhe ca. 3,80 m; 3,80 x 8,00
Erhaltungszustand und Restaurierungen: In den KDB um 1900 ist der Raum mit seiner Malerei noch erwähnt. Wohl im Zusammenhang mit dem Absturz einer ziemlich großen Fläche aus der Mitte der Decke wurde die Malerei übertüncht — für 1925 ist eine Restaurierung bekannt. Vor dem 2. Weltkrieg diente das Schloß als Erholungsheim für Würzburger Post- oder Bahnbeamte. In diesem Zusammenhang wurden im Schloß zahlreiche Zwischenwände eingezogen, der Erkerraum wurde unterteilt und an seiner Südwestseite ein WC-Raum angebaut. Dabei wurden die Fenster an den Schmalseiten zugemauert. 1945/95 mehrmaliger Besitzerwechsel. Bei Inangriffnahme einer durchgreifenden Restaurierung 1990/2001 wurden in allen Räumen Freilegungsproben der ehemaligen Raumdekorationen gemacht, in den Räumen 1.11/12 wurde eine gemalte Decken- und Wanddekoration entdeckt, die seit 1999 durch Norbert Rudzki, München, frei-
gelegt und restauriert wird. Durch die wieder rückgängig gemachte Unterteilung des Raums zieht sich eine fingerbreite Fehlstelle quer durch Wände und Decke. Eine größere Fläche im Scheitel des Freskos ist verloren, eine zweite in der NO-Ecke ebenfalls durch den Einbau eines Kamins. Zwei über tünchte Quadrate harren noch der Freilegung. Große Risse sind durch Absenkung des Mauerwerks in der SW-Ecke entstanden. Die gesamte Malfläche zeigte nach der Freilegung einen bleigrauen Belag, der chemisch nicht, sondern nur durch Luftdruck zu entfernen war. Die originale Wanddekoration liegt unter mehreren Raumfassungen und ist nicht mehr einwandfrei zu konservieren.
Beschreibung und Ikonographie
Der Raum, von drei Seiten durchfenstert und neben einer Terrasse gelegen, war als eine Art Gartensaal vollkommen ausgemalt. An den Wänden sind noch Spuren von Pilastern, Friesen und Medaillons sichtbar. Die doppelt so lange wie breite Decke ist durch eine einheitliche illusionistische Gewölbedekoration aufgeteilt. Über dem stuckierten Gesims mit bemalten Stäben setzt in der Hohlkehle eine illusionistische Felderteilung aus steingrauer Architekturmalerei mit goldfarbener Brokatierung an. Diese Aufteilung ist hinterlegt von blauem Himmel. Den Deckenspiegel beherrscht ein langes, an den Schmalseiten halbrund geschwungenes Mittelfeld, das großenteils blauen Himmel zeigt. Erkennbar sind auf der linken Seite oberhalb der Fehlstelle die Köpfe der Pomona mit Früchtekranz oder Flora mit Blütenkranz? und der Ceres mit Ährenkranz. Auf der rechten Seite fliegen Putten mit Blütenkränzen. Auf den vier Seiten bilden steingraue Voluten Ausblicke mit blauem Himmel aus, eingefasst von goldfarbener Brokatdraperien. Putten spielen mit dem Vorhang bzw. der Vorhangkordeln, tragen Körbe in den Armen oder auf dem Kopf, gefüllt mit Blüten, Früchten und Trauben. Die Mittelachse der Längsseiten schmückt je eine Vase in einer steinernen



Nische. In den Ecken finden sich hochovale Medaillons mit den Büsten der Vier Erdteile; an deren Basis Inschriftkartuschen mit den Bezeichnungen
AFFRIKA (NW Fensterseite zur Terrasse)
EVROPA (SW Fensterseite)
AMERIKA (SO Gangseite)
ASIA (NO Gangseite zur Terrasse; noch nicht freigelegt)
Literatur zu verwandten Räumen:
Wagner, Helga, Barocke Festsäle in bayerischen Schlössern und Klöstern, München 1974, S. 59–83.
Nadler, Stefan, Aurolzmünster, Schloß der Grafen Wahl Barocker Baugedanke von Reichsruhm und Landleben, ungedr. Diss. Salzburg 1987.
CBD, Bd 3, II, München Profanbauten, München 1989, S. 449–87.
Quellen und Literatur
BLfD, Akt Guttenburg
Wening, Rentamt Burghausen, München 1721, S. 11, Tafel B 19.
XDB I OB (3), S. 2171.
Bourier, Karl, Schloß und Hofmark Guttenburg am Inn, mehrere Folgen in: Inn-Isengau, Blätter für Geschichte und Heimatkunde, 1929–33, Hefte 27–34.
Historischer Atlas Bd 36, Mühldorf (Helmuth Stahleder) München 1976, S. 205 f.
Dehio 1990, S. 388–90. C. B.
12