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Grünbach, Filialkirche St. Leonhard

Aus Deckenmalerei-Lab


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 8: Landkreis Mühldorf am Inn. Hirmer, München 2002, ISBN 978-3-7774-9430-2, S. 119–121, geschrieben von Böhm, Cordula. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Filialkirche, Pfarrei Flossing, Verwaltungsgemeinschaft Polling, Erzdiözese München und Freising; z. Z. der Ausmalung Erzdiözese Salzburg. Die Pfarrei Flossing war dem Kollegiatstift in Mühldorf inkorporiert. Gericht Mörmoosen

Patrozinium: St. Leonhard

Zum Bauwerk: Barockisierung der spätgotischen Kirche 1737 (Datum am Chorbogen). Bei der Ratifizierung der Umbaupläne wurde von kurfürstlicher Seite der Maurermeister von Trostberg empfohlen (AEM). Der Trostberger Maurermeister war Martin Pöllner, mit dem zur gleichen Zeit auch die Barockisierung von Oberneukirchen geplant, aber nicht durchgeführt wurde. Damals wurden wohl die Rippen abgeschlagen und das Tonnengewölbe im Langhaus eingezogen. 1759 erfuhr die Kirche zusammen mit den anderen Filialkirchen der Pfarrei, Oberneukirchen, Polling, Bergham und Annabrunn eine weitere barocke Umgestaltung durch Franz Alois Mayr. Diese Arbeiten betrafen die »Umdachung de Kirchendachs und inwendige Verbuzung der Kirche«. Vermutlich wurde zu diesem Zeitpunkt erst der Altarraum barockisiert, denn hier sind im Gegensatz zu dem schmucklosen LHs die Wandpfeiler mit den gleichen Profilen angesetzt, die Mayr auch in Polling und Oberneukirchen verwendet hat, und im Gewölbe ähnliche gitterförmige Stuckaturen (StAN Kirchenrechnungen: Kreilinger, S. 88).

Saalbau (11,50×7,00m) zu drei Jochen, ungegliedert, mit Holzempore im W; eingezogener AR (6,50×5,65 m) zu zwei Jochen, dreiseitig geschlossen, mit Pilastergliederung. Belichtung durch Rundbogenfenster, im LHs eines nach N, zwei nach S, im AR je zwei im Chorschluß.

Auftraggeber: Wolfgang Summerer, Dekan des Kollegiatstifts in Mühldorf (1739-77); Pfarrvikar von Flossing waren die Kanoniker Franz Edmund Kajetan Wieser (1736-42) bzw. Ignaz Erber (1742–69).

Der Kirchenraum nach Westen

Autor und Entstehungszeit: LHs-Fresken A, B und W Zuschreibung an Nikolaus Miller (* um 1708 † 1781 Erding) 1727

R-Fresko C Autor unbekannt, 1759

Die Barockisierung der Kirche wurde offenbar nicht in einem Zug durchgeführt. Für die Umbauten sind die Daten 1737 und 1759 gesichert. Die LHs-Fresken weisen auf Nikolaus Miller als Autor, der 1735 in Kraiburg die Aukapelle ähnlich ausgemalt hat (s. S. 140f.). Die großfigurigen Kompositionen beschränken sich in beiden Fällen auf die Heiligen und ihre Attribute. Wolken und Himmelsgrund sind sehr kompakt und dicht und von einem rötlichen Schimmer überzogen. Die Figuren schweben nicht, sie sitzen auf den Wolken, sind plastisch durchgeformt, die Gewandstoffe sind griffig gestaltet. Einheitlich ist auch der Gesichtstypus: kräftig modellierte Köpfe mit großen fleischigen Nasen und Mündern und breiten gewölbten Augen. In seinen späteren Fresken (Walkersaich, 1750) wurde Miller freier und flüssiger in seinem Freskostil, behielt aber die klar umrissenen, festen Figuren (zu Nikolaus Miller s. S. 348).

Die 1759 datierte unruhige kleinteilige und stark retuschierte Darstellung im Chor, die mit vielen Figuren und Gegenständen ausgestattet ist, läßt sich unter den im zeitlichen und räumlichen Bereich tätigen Malern schwer zuordnen. In Frage kommt Johann Paul Kurz aus Mühldorf.

Befund

Träger der Deckenmalerei: LHs durchgehende Tonne (ohne Stichkappen) über geradem Gesims, in der Mitte durch einen Gurtbogen unterteilt, AR verschliffenes Kreuzgewölbe, im C abgemuldet

Rahmen: A–C Stuckprofil Technik: Fresko; polychrom

Maße: A Höhe 7,20 (von der Empore 4,60) m; 2,30 × 2,30

B Höhe 7,20 m; 2,30 × 2,30

C Höhe 6,60 m; 3,50 × 3,30

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Restaurierungen fanden 1937 und 1971 statt, letztere durch Martin Zunhamer, Altötting. Die Deckengemälde weisen Haarrisse auf, die Farben sind z.T. verdorben (Rot ist schwarzbraun verfärbt). Fresko A ist gut erhalten, in B ist der rote Mantel des rechten Heiligen verfärbt, der Zustand aber original. Bei Fresko C ist die oberste Malschicht abgerieben, besonders die Farbe Grau und Blau. Die Palastszene scheint noch relativ original erhalten, während bei den anderen Figuren die Lokalfarben nachgedeckt und die bräunliche Binnenzeichnung erneuert ist. Letzte Restaurierung 1999 durch Karl Holzner, Ampfing, und Christian Bauer, Tabing. Um das Chorfresko wurden Inschriften freigelegt.

Beschreibung und Ikonographie

In dem bis auf einen mittleren Gurtbogen völlig ungegliederten Tonnengewölbe liegen die beiden LHs-Deckenbilder isoliert, das AR-Fresko ist in geometrische Stuckfelder eingebettet. Die Thematik ist auf die bäuerliche Gemeinde abgestimmt: Sie handelt von dem Bauernheiligen Isidor von Madrid, den Wetterheiligen Johannes und Paulus und von Leonhard vor Noblac, dem Viehpatron.

A ISIDOR VON MADRID Blickrichtung nach W; die Bildbasis ist von der Orgel verdeckt. Der Heilige ruht auf einem großen grauen Wolkenkissen, die Hirtenschippe in der Hand. Er trägt ein rotgelbes Gewand mit weißem Unterkleid, das an den Ärmeln aufgerollt ist. Sein bärtiger Kopf ist lichtumstrahlt und himmelwärts gewandt. Drei Putten umringen ihn. In stark verkleinertem Maßstab ist an der Bildbasis eine Landschaft mit der Grünbacher Kirche zu sehen, in der ein Engel mit einem Ochsen den Acker pflügt, eine Szene, die den Heiligen fast wie ein Attribut zugefügt ist: Sie erinnert daran, daß ein Engel für Isidor die Feldarbeit verrichtete, während er betete, und ihn dadurch vor der Strafe seines Herrn bewahrte.

B JOHANNES UND PAULUS Die beiden Heiligen thronen in Wolken, beide sind als römische Soldaten gekleidet; sie tragen das Schwert bei sich und die Martyrerpalme in Händen. Ein Putto zwischen ihnen hält eine Sonne bzw. Hagelkörner, die sich auf das Wetterpatronat der Heiligen beziehen. Über der Gruppe das Auge Gottes im Strahlenkranz.

C LEONHARD VON NOBLAC Das vierpaßförmige Fresko im AR ist wie eine Bildgeschichte in vier getrennte Darstellungen aufgeteilt, die durch vier Inschriftbänder am Innenrand der Rahmenausbuchtungen erläutert werden: St. Leonardus ein allgemeiner Nothhelffer (westlich) – Leonard ein Königs Sohn von sein Vatter Urlaub nahm (links) – H: Leonhard sihe an was Grienbach dir zu Ehrn gethan Ao 1759 (östlich) – Auf Leonardi Erden stossen ist gleich ein Wasserquell entsprossen (rechts. Abbildung vor der Freilegung 1999). Drei Mal tritt der hl. Leonhard auf. Zuerst im linken Paß am Hof König Chlodwigs: Auf der Terrasse eines Palasts steht unter einem Baldachin der König. Dem jungen Leonhard, der in höfischer Kleidung und barocker Perücke vor ihm steht, verspricht er geistliche und weltliche Güter, um den schon im Ruf der Heiligkeit Stehenden in seiner Nähe zu halten. Leonhard steht zwischen Krone, Zepter und Ordenskutte und entscheidet sich für die schwarze Kutte.

Gegenüber in der rechten Ausbuchtung ist die Einöde von Noblac dargestellt, wohin sich Leonhard zurückzog und ein Kloster gründete, weitläufige Wiesen, auf denen Schafe, Kühe und Gänse weiden. Auf einem Hügel steht eine Kapelle. Leonhard steht an einem Felsen, wo sein Stab auf eine Wasserquelle gestoßen ist; seine beiden Gefährten eilen von der Zelle mit Eimer und Kanne zur Quelle.

C Leonhard von Noblac (J.P. Kurz? 1759)

Die mittlere Szene nach W zeigt Leonhard in Wolken, ein Putto bekränzt ihn mit Rosen, zwei andere halten seine Abtsinsignien und die Kette. Er schwebt über der Bauerngemeinde, die die östliche Rundung füllt. Viele Menschen rufen den hl. Leonhard als Patron in verschiedenen Nöten an: Vorn liegt ein nackter Kranker auf einer Bahre, ein anderer kniet neben seinen Krücken, eine Mutter hält ein blindes Kind. Man erkennt einen Verletzten mit einer Schußwunde am Arm, einen Besessenen mit Teufelchen, die seinem Mund entfliehen, einen Mann mit einem Strick um den Hals und einen Gefangenen, der die Kette über die Schulter geworfen hat. Dazwischen lagern Kühe und Pferde, die unter den Schutz des Heiligen gestellt werden. Die Farbigkeit ist ziemlich unbunt, die Farben beschränken sich auf Ocker und Rotbraun, kühles bläuliches Grün und abgeschwächte Rotwerte in der Architektur und den Wolken.

W MARIA UND JOHANNES UNTER DEM KREUZ (N. Miller) An die Schildwand des Chorbogens, die den Höhenunterschied zwischen Langhaus und Altarraum überbrückt, ist der Kruzifixus mit Maria und Johannes gemalt. Seitlich das Datum 1737 (keine Abbildung).

In der Vorhalle auf der S-Seite des LHs ist ein Wandbild »Die Armen Seelen rufen zum Gekreuzigten« mit dem Datumsangabe Renoviert 1898.

Quellen und Literatur

StAM, Pfleggericht Mörmoosen, Kirchenrechnung R 71 (1759).

AEM, Pfarrakten Flossing, Filiale Grünbach 184830001: Umbau 1736/37.

BLfD, Akt Grünbach, Kirche St. Leonhard

Mayer-Westermayer, Bd 2, S. 103 f.

KDB IOB (3), S. 2169f.

Historischer Atlas Bd 36, Mühldorf (Helmuth Stahleder), München 1976, S. 332.

Kreilinger, Kilian, Der bayerische Rokokobaumeister Franz Alois Mayr, (= Jahrbuch des Vereins für christliche Kunst 9), München 1976, S. 117, Abb. 88.

Dehio 1990, S. 382.

C. B.