Frauendorf, Kuratiekirche St. Michael
Kuratiekirche (Pfarrverband Kraiburg), Markt Kraiburg Erzdiözese München und Freising; z. Z. der Ausmalung Filiale der Pfarrei Ensdorf, Erzbistum Salzburg, Archidiakonat Gars Gericht Kraiburg
Patrozinium: St. Michael
Zum Bauwerk: Tuffsteinquaderbau des 15. Jh. 1751 Turmbau durch den Kraiburger Marktmaurermeister Johann Michael Millinger, der 1766 auch den Innenraum barockisierte, indem er die Rippen abschlug, die Kanzel versetzte und eine zweigeschossige Sakristei mit Oratorium an der N-Seite des ARs errichtete. Neuer Hochaltar und Überarbeitung der Seitenaltäre von 1717 durch Johann Philipp Wagner 1793/97 unter Verwendung alter Figuren (Tobias und Raphael 1762 von Johann Philipp Wagner, Fassung von Seltenhorn) und des Tabernakels (1785 von Wagner).
Saalbau (10,00×6,80 m) zu 3 Jochen, Pilastergliederung in Höhe von 1,60m abbrechend, eingezogener AR (6,80× 5,50m), zweijochig, dreiseitig geschlossen. Die gotische Bausubstanz ist nur geringfügig äußerlich verändert worden; die Arkadenbögen und Stichkappen sind noch spitzbogig.
Auftraggeber: Die Ausmalung wird in den Kirchenrechnungen nicht abgerechnet; wie üblich dürfte sie gestiftet worden sein, und zwar von den Gemeindemitgliedern, wie aus dem Chronogramm HICCE / EXMVNERE SPLENDOR (Dieser Glanz aus der Opfergabe) und aus der Bildthematik des LHs- Freskos hervorgeht.
Autor und Entstehungszeit: Zuschreibung an Johann Anton Seltenhorn (* 1713 Pfaffenhausen/Schwaben † 1792 Kraiburg) unter Mitarbeit seines Sohnes Martin Anton Seltenhorn d.J. (* 1741 Kraiburg † 1809 ebd.) 1766. Das Datum geht aus dem Chronogramm am Chorbogen hervor.
Die Ausmalung ist in den Kirchenrechnungen nicht abgerechnet, dafür aber die Umgestaltung der bis dahin gerippten gotischen Gewölbe. Da bei der Barockisierung nur Kraiburger Handwerker beschäftigt waren und auch Seltenhorn mehrfach für Frauendorf arbeitete, kommt für die Freskierung kein anderer als der Kraiburger Maler Johann Anton Seltenhorn in Frage. Zu dem einzigen archivalisch gesicherten Freskowerk Seltenhorns, der Ausmalung der Pfarrkirche Fraham 1760, besteht außer mit Fresko A > Tod des hl. Martin < keine besondere Ähnlichkeit, wohl aber mit dem dortigen Seelenaltarbild (Jüngstes Gericht, 1756, 1768 >verbessert<). Groß sind die Übereinstimmungen mit dem Altarbild in der ehem. Schloßkapelle Mörmosen, für das Seltenhorn 1768 bezahlt wurde. In diesem Zusammenhang können ihm auch die Kapellenfresken in Buchbach zugeschrieben werden.

Stilistische Abgrenzung Martin Antons von Johann Anton Seltenhorn:
Die stilistischen Gemeinsamkeiten dieser Werke ergeben folgende Kennzeichnung: eine äußerst bewegte, geradezu fetzige Art der Komposition und der Gruppierung von Figuren, die über die sehr bescheidenen, gegenstandsbezogenen und additiven Bildanlagen in Fraham hinausgehen. Markant sind in Frauendorf die Figuren. Sie sind kindlich klein und körperlos, oft in gewagten Verrenkungen wiedergegeben. Eine Eigentümlichkeit sind die nach rückwärts gereckten Oberkörper. Mehrere Personen werden in der Regel stereotyp aufgereiht. Auffallend ist auch eine Vorliebe für phantastische Bildmotive und dramatische Szenen; häufig kommen Drachen, Höllenungeheuer oder Wasserteufel vor. Die Malweise ist betont zeichnerisch, durch reichlich Binnenzeichnung in Rötelstichen differenziert. Als Farben sind helle Buntfarben gewählt, besonders ein leuchtendes dünnes Hellrot.


Einige dieser Stilelemente finden sich in den Fresken von Martin Anton Seltenhorn wieder, nur verstärkt (Thambach 1770, St. Erasmus 1773, Gars 1777, Hofwies 1790). Seine Fresken sind laut und bunt, die Kompositionen von einem lebhaften Durcheinander und gegenläufigen Bewegungen erfüllt. Die Figuren sind in ihren Bewegungen noch ausfahrender, ihre Typisierungen oft ins Karikaturhafte gesteigert: Köpfe mit breiten kantigen Gesichtern, die breite Kinnlade neugierig vorgereckt, die Augen schräg abwärts bis in die Nähe der Ohren reichend, meist eins tiefer sitzend als das andere.
Die Unterschiede zwischen Fraham und Frauendorf lassen sich wohl auf den Einfluß des deutlich begabteren Johann

Martin Seltenhorn von Burghausen zurückführen, den dieser in erster Linie wohl auf seinen Neffen, den jungen Martin Anton Seltenhorn hatte. Der damals Sechzehnjährige war bei der Freskierung in Pürten 1757 als Geselle beschäftigt. Bis zur Übernahme der väterlichen Werkstatt 1769 als Dreißigjährige kann er dann durchaus schon einige Jahre in dieser mitgearbeitet, das heißt, bei der Ausmalung von Frauendorf und Buchbach entscheidend mitgewirkt haben. Der in der Malerei zweifellos gewandtere und eigenwilligere Sohn wandte sich
mehr als der Vater der Freskomalerei zu. Eines seiner Kennzeichen ist die gemalte Rocailledekoration, goldfarben und von Blumengirlanden durchwirkt wie ein Brokatmuster; in Frauendorf kann sie ihm jedenfalls schon zugeschrieben werden.
Die Auszugsbilder an den Seitenaltären und der Kreuzweg sind Martin Anton Seltenhorn zuzuschreiben, entstanden 1796/98.
Zur Malerfamilie Seltenhorn siehe S. 348 f

Befund
Träger der Deckenmalerei: AR und LHs Spitztonnen mit Stichkappen, AR im O abgemuldet
Rahmen: Gemalte ornamentierte Rahmung mit Rocaillen und Blütengehängen
Technik: Fresko; polychrom Maße: A Höhe 6,70 m; 7,00 x 3,20
B Höhe 6,70 m; 4,70 × 3,10
Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1920 wurden die Deckenbilder durch Maler Bierler (Beierl) aus Mühldorf freigelegt und unsachgemäß übermalt, in einem zweiten Anlauf von Kunstmaler Michael Gottschalk restauriert. Bei einer Restaurierung 1965/66 durch Fa. Ludwig Keilhacker, Taufkirchen/Vils, wurden auch die mittelalterlichen Wandgemälde freigelegt. Nach einem Brand am 22.12.1966, der die Deckenbilder schwer beschädigte, restaurierte wieder Ludwig Keilhacker. Die Deckenbilder sind mit zahlreichen Schimmelflecken überzogen. Vereinzelt Risse, Verschmutzungen. Fresko A wirkt original, B ist ziemlich retuschiert, besonders an einigen Gesichtern.
Beschreibung und Ikonographie
Beschreibung und Ikonographie A PATRON ST. MICHAEL ALS SEELENFÜHRER Die Komposition ist in starken Hell-Dunkel-Kontrasten angelegt: in der dunklen Repoussoirzone erscheinen zwei phantastische Höllenbewohner. Dahinter führt eine Landschaft weit in die Tiefe, wo sie sich in Helligkeit auflöst. Auf dieser Bühne zieht eine Gruppe von menschlichen Figuren auf, in weiße Tücher gehüllt, angeführt vom hl. Michael in Feldherrntracht, der das strahlenumgebene Kreuz voranträgt. An der Leichenfarbe und den weißen Tüchern ist zu erkennen, daß es sich um einen Zug von Armen Seelen handelt. Die meisten haben die Köpfe frontal gedreht und blicken direkt auf den Betrachter, d.h. auf den noch im Leben stehenden Kirchenbesucher. Der hl. Michael hält das Kreuz wie einen Schild gegen die beiden Höllenungeheuer. Der vordere ist mit Bärenkopf, blutunterlaufenen Augen und feurigem Rachen gezeigt, sein Drachenkörper mit Flügeln und Brüsten ausgebildet, der rückwärtige als schmächtiges Teufelchen mit 4 Hörnern, Schlangenschwanz und Tierunterleib. Von einem Stapel Bücher schlagen die Ungeheuer jedes eines auf: Es sind die Schuldbücher, die hohe Zahlen verzeichnen: 10000, 23 000, 78 000, 90000, 55 000 und 500, 1600, 200, 7000, 15000, 40 000. An der Schrittstellung des hl. Michael kann man erkennen, daß er eine Kehrtwende nach links macht, um an den Teufeln vorbeizuziehen. Im Himmel erscheint Christus auf dem Thron des Weltenrichters. Rechts von ihm ist Johannes der Täufer zu erkennen, als erster einer Schar von Seligen, von denen auch auf der linken Bildseite eine Gruppe dargestellt ist. Schräg unter Christus kniet auf Wolken Maria als Fürbitterin, nach unten auf den Zug der Seelen weisend. Unter den Seligen sind zu erkennen rechts die Apostel Petrus und Paulus, links Jakobus und Andreas, außerdem Jungfrauen, darunter die hl. Ursula mit Krone und Pfeil.
Die Farbigkeit des Freskos ist insgesamt hell, alle Farben - Grünbraun der Landschaft, einzelne Buntfarben in Gewändern - sind mit viel Weißbeimischung eingesetzt. Als Kontraste wirken die verschatteten Partien der Repoussoirs.
B ST. MICHAEL ALS WELTENRETTER Der Schauplatz zeigt eine Meeresbucht, am jenseitigen Ufer Häuser und eine brennende Burg auf einem Hügel. Das Wasser tost in hohen Wellen und brandet an das diesseitige Ufer, wo ein großer Engel eben ein Gebäude zum Einstürzen bringt. Ein zweiter Engel rührt das Wasser auf. Ein Schiff in Ufernähe ist am Kentern, weil ein Engel vom Himmel aus Blitze schleudert, während ein Putto neben ihm einen mächtigen Windstrahl auf das Schiff bläst. Menschen klammern sich am Mast fest. Oben erscheint vor einer hellen Glorie der Erzengel Michael in Feldherrntracht; bei ihm sind Putten, die ihm Waage und Flammenschwert halten. Michael hält einen Schild über die Erde. Von seinem Mund geht ein Schriftstrahl mit goldenen Lettern aus NOLITE NOCERE TERRAE [Apoc 7] V.3. Die Szene wirkt hochdramatisch: das stürzende Gemäuer, die aufgewühlten Wogen, das versinkende Schiff mit Masten und Segeln, der flammende Hintergrund.
Die Darstellung illustriert eine Vision aus der Offenbarung des Johannes (Apoc 7,1–3): »Danach sah ich vier Engel an den vier Ecken der Erde stehen: sie hielten die vier Winde der Erde fest, auf daß kein Wind wehe über das Land noch über das Meer noch über irgendeinen Baum. Und ich sah einen andern Engel vom Sonnenaufgang heraufkommen; der hatte das Siegel des lebendigen Gottes und rief mit mächtiger Stimme den vier Engeln zu, denen gegeben war, das Land und das Meer zu schädigen. Er rief: Schädigt nicht das Land noch das Meer noch die Bäume, bis wir den Knechten unseres Gottes das Siegel auf ihre Stirn gedrückt haben.« Dieser Engel wird in der Exegese mit Michael gleichgesetzt. Das Bild zeigt also den Kirchenpatron als Schützer der gläubigen Christen in der letzten Erdenzeit. Damit ist auch wieder auf die rettende Macht Michaels hingewiesen, die er, der Patron der Sterbestunde, in der letzten Erdenzeit des einzelnen Menschen hat.
In Fresko A wird Michael gezeigt, wie er als der Seelenführer die Seelen vor den dunklen Mächten bewahrt und ins Paradies geleitet.
Quellen und Literatur
BHStA, Landshuter Abgabe 1993 Nr. 381: Gebäu Reparationes Gericht Kraiburg.
StAM, Gericht Kraiburg, Kirchenrechnungen 1700-1800.
AEM, Pfarrakten Ensdorf, 174 820002: Filiale Frauendorf BLfD, Akt Frauendorf, Kirche St. Michael
Mayer-Westermayer, Bd 2, S. 95 KDB I, OB (3), S. 2166. Historischer Atlas, Bd 36, Mühldorf (Helmuth Stahleder) München 1976, S. 328. Dehio 1990, S. 300.