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Eichstätt, Ehem. Fürstbischöfliche Sommerresidenz, Winterstube

Aus Deckenmalerei-Lab


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 13: Landkreis Eichstätt. Hirmer, München 2008, ISBN 978-3-7774-4475-8, S. 234–236, geschrieben von Grimminger, Christina. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Vordere Kapitelstube, sog. Winterstube

Zum Bauwerk: Kleiner, barockzeitlich geprägter Saal (9 × 6 m) in einheitlicher Ausstattung von 1762, rechteckiger Grundriss mit Rundung der NO-Ecke, hier Ofen; Erschließung über eine zweiflügelige Tür in der Mittelachse im N, z. Zt. der Ausmalung Verbindungstür zur Hinteren Kapitelstube in der W-Wand. Belichtung über drei hochrechteckige Fenster in der S-Seite.

Auftraggeber: Das Eichstätter Domkapitel in seiner Zusammensetzung des Jahres 1762 (s. Wappen).

Finanzier der Ausmalung ist Domherr Johann Leopold Graf von Khevenhüller zu Aichelberg (* 1710 Klagenfurt, 1731 Domizellar in Eichstätt, 1736 Domherr in Augsburg, 1741–42 erste Residenz in Eichstätt, zugleich infulierter Papst zu Maria Raich in Ungarn, 1748 Domherr in Salzburg und Kapitular in Eichstätt, 1758 Geheimer Rat und Präsident des Geistlichen Rates in Eichstätt, † 1775 Augsburg).

Im Domkapitelsprotokoll vom 26. 2. 1762 ist verzeichnet, dass Khevenhüller die Kapitelstube nach Plänen Giovanni Domenico Barbieris renovieren ließ. Der Kostenvoranschlag belief sich auf 330 Gulden und es ist vermerkt, dass die Wappen der derzeitigen Kapitulare als Dekoration an die Decke gemalt werden sollen (nach Hugo A. Braun, S. 323).

Die Ausmalung hebt Khevenhüller nicht eigens heraus, sein Wappen findet sich gemäß der Rangfolge auf Platz 9 unter den 15 Wappen der Mitglieder des Eichstätter Domkapitels.

Autor und Entstehungszeit: Johann Michael Franz (* 1715 Dirlewang bei Mindelheim † 1793 Eichstätt) 1762. Signatur Johann Michael Franz / pinx in A links unten, aus stilistischen Gründen auf Franz zu beziehen.

Die Entstehungszeit der Ausmalung überliefert das Chronogramm SeMper ConCorDIa feLIX (= 1762), das sich in B befindet. Aufgrund der im Domkapitelsprotokoll vom 26. 2. 1762 überlieferten Notiz über die Renovierung der Kapitelstube (s. unter Auftraggeber) bildet dieses Datum den Terminus ante quem.

Die Ausmalung zählt neben der Arbeit im Dominikanerkloster (S. 118-22) zu den ersten Fresken, die Franz in Eichstätt gefertigt hatte, nachdem ihm 1751 der Hofschutz gewährt worden war. 1758 hatte er in fürstbischöflichem Auftrag zusammen mit dem Baudirektor Mauritio Pedetti am Entwurf eines neuen Hochstiftkalenders gearbeitet und 1760 acht Porträts der kaiserlichen Familie in Form von Ölgemälden für den Kaisersaal in Schloss Hirschberg gefertigt. Mit der Ausmalung zeigte Franz erneut auch sein Können auf dem Gebiet der Freskomalerei, denn seine ersten Arbeiten dieser Gattung lagen entweder schon lange zurück (Maria-Hilf-Kapelle S. 172-79) oder sie lagen außerhalb Eichstätts, wie Aurach 1745/46 (LKr. Ansbach) und Tauberfeld von 1751/60 (S. 437–40). Nachdem sich auch Fürstbischof Strasoldo vom Gelingen der Franz'schen Arbeit in der Vorderen Kapitelstube überzeugt haben dürfte, übergab er Franz die bedeutenden Aufträge für die Ausmalung des Rittersaals in Schloss Hirschberg 1764 sowie 1768 diejenige im Spiegelsaal und im Treppenhaus der Eichstätter Stadtresidenz (S. 186–213). Die beiden Personifikationen zeigen gegenüber den früheren Arbeiten bereits den ausgeprägt rokokohaften Stil der reifen Schaffenszeit im Oeuvre von Franz.

A Der hl. Willbald als Schutzpatron des Eichstätter Domkapitels (Johann Michael Franz 1762)
4 6 1–15 Wappen der Mitglieder des Eichstätter Domkapitels

Befund

Träger der Deckenmalerei: Flachdecke über Hohlkehle Rahmen: A profilierter Stuckrahmen, B, a-d gemalte Rocaille-kartuschen, 1–15 ohne Rahmung

Technik: Fresko; polychrom

Maße: A Höhe 4,00 m; 5,30 x 2,60

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Die Ausmalung wurde zu unbekanntem Zeitpunkt übermalt, z.Z. der Aufnahme der KDB 1924 war sie nicht sichtbar. Im Zuge der Einrichtung des Domschatz- und Diözesanmuseums Eichstätt 1977–82 Freilegung der Ausmalung und Rekonstruktion der in der Hohlkehle abgebildeten Wappen. Das Gemälde im Mittelfeld wurde zwar ganzflächig freigelegt, jedoch nicht vollständig erneuert, die Bildmotive in den Eckkartuschen wurden nicht aufgedeckt.

Beschreibung und Ikonographie

A DER HL. WILLIBALD ALS SCHUTZPATRON DES EICHSTÄTTER DOMKAPITELS Blickrichtung nach Süd. Das hochformatige Bildfeld zeigt in einansichtiger Bildkomposition eine Landschafts- und Himmelsszenerie. Auf der einleitenden, schmalen Erdzone, die sich in unvollständig restauriertem Zustand befindet, ist links eine lagernde Figur zu erkennen, bei der es sich möglicherweise um die Personifikation der Altmühl handelt (vgl. den Hochstiftskalender von 1758 nach dem Entwurf von Johann Michael Franz). Als weiterer Hinweis auf Eichstätt ist darüber im Hintergrund die Ansicht der Willibaldsburg zu erkennen. Über dem Erdstreifen erhebt sich ein geschwungenes Podest, auf dem das Wappen des Eichstätter Domkapitels in Rocaillerahmung steht, mit einem Palm- und Ölzweig geschmückt und von einer Krone überhöht. Das Motiv, drei schreitende Löwen in Gold auf rotem Grund, ist das Wappen der Könige von England aus dem Haus der Anjou-Plantagenet. Aufgrund der für den Bistumsgründer, den hl. Willibald, angenommenen königlichen Herkunft wurde das Wappen seit dem 14. Jh. auf Richard, seinen Vater, und auf dessen Kinder, also Willibald, Walburga und Wunibald, übertragen. So wurde das englische Königswappen zum Familienwappen Willibalds und seiner Geschwister sowie zum Wappen ihrer geistigen Söhne und Töchter, des Domkapitels von Eichstätt, der Abtei Heidenheim und der Abtei St. Walburg in Eichstätt.

Die Wappenkartusche wird flankiert von zwei Personifikationen. Links steht Iustitia, die Gerechtigkeit, mit Schwert und der Waagschale in Händen, rechts sitzt Concordia, die Eintracht, mit dem Liktorenbündel. Die stehende Personifikation erweist sich aufgrund der Attribute Schwert und Waage als die göttliche Gerechtigkeit (Ripa 1611, S. 202 »Giustitia Divina... Le bilancie significano, che la Giustitia divina dà regola à tutte le attioni, et la spada le pene de' delinquenti.«). Zu Füßen Iustitias steht ein Putto, den Blick zum Himmel gerichtet. Er hält in der rechten Hand einen Palm- und einen Öl- oder Lorbeerzweig, also Siegeszeichen, und hat die linke Hand besänftigend auf die Hand Iustitias mit dem Schwert gelegt. Die sitzende Personifikation hält, auf ihrem Schoß stehend, das Liktorenbündel. Dieses Attribut ordnet Ripa, zusammen mit Feuerfackel und Strauß, der Personifikation der Iustitia zu, deren Augen zusätzlich verbunden sind (Ripa 1611, S. 203 »Giustitia, Donna vestita di bianco, habbia gl'occhi bendati; nella destra mano tenga vn fascio di verghe, con vna scure legata insieme con esse, nel la sinistra vna fiamma di fuoco, et à canto haverà vno struzzo,...«). Das Liktorenbündel, bestehend aus zusammengebundenen Ruten und einem Beil obenauf, wurde im antiken Rom als Machtsymbol den Herrschern vorangetragen, und zwar von den Liktoren, deren ursprüngliche Aufgabe es war, mit Ruten den Weg freizumachen. Während das Bündel die Einheit symbolisiert, steht das Beil für die Ausübung der Strafe (vgl. Ripa 1611, ebd. »Il fascio di verghe con la scure, er portato anticamente in Roma da littori inanzi a'Consoli, et a Tribuno della Plebe, per mostrar, che non si de ve rimanere d castigare, ove richiede la Giustitia, ne si deve esser precipitoso ma dar tempo à maturare il giuditio nel sciorre delle verghe.«). Daher wird der mit Schwert und Waage dargestellten Iustitia gern ein das Liktorenbündel tragender Putto zugeordnet. In unserem Falle steht die Figur mit dem Liktorenbündel wohl für eine eigenständige Personifikation, eben der Eintracht, zumal das Thema »Concordia« im Bildfeld B vorgegeben ist (vgl. Ripa 1670, S. 11: »Eintracht... Eine Frau/welche in der Hand ein Püschlein fest zusammengebundener Ruhten hält. Die Eintracht ist ein Übereinstimmung/und Gleichheit des wollens/und nicht wollens unterschiedner vieler Personen/ welche beysammen leben/und mit einander handeln und wandeln. Dannenhero wird Sie durch ein Püschlein fest zusammen gebundener Ruhten vorgestellet/derer eine jede zwar an und für sich selbsten sehr schwach ist/wann sie aber bey einander gebunden werden/so wird ein starckes und wehrhafftes Püschlen daraus;...« Gängiger ist dagegen die Abbildung Concordias mit einem Pfeilbündel, wie es Ripa 1611, S. 92 beschreibt: »Concordia... Donna coronata d'olivo, che tenga con la man destra vn fascio di frezze, legato con vna benda bianca da vn capo d'essa, et con vna rossa dall'altra; ...«). Über Concordia schwebt eine weitere, wohl ebenso weibliche Figur. Sie hält einen Gegenstand in ihrem erhobenen rechten Arm und scheint auf dem Kopf etwas zu tragen. Möglicherweise ist dies die Personifikation der Ruhe, mit Anker im Arm und Nest auf dem Kopf (Ripa 1611, S. 449, s.v. Quiete), die oftmals Iustitia ergänzt. Über der von Bäumen hintergründig umrahmten Podestszene formieren sich Wolken, auf denen zuoberst der hl. Willibald, der erste Bischof von Eichstätt, sitzt. Der Bistumspatron ist in Pontifikalgewändern dargestellt und trägt das Rationale vor seiner Brust. Dieses ist ein liturgischer Schulterschmuck und wurde im Mittelalter von vielen Bischöfen getragen. Seit Beginn des 14. Jh.s führte die Eichstätter Tradition die Position des Eichstätter Bischofs als Stellvertreter des Mainzer Erzbischofs darauf zurück, begründet durch die angebliche Verleihung des Rationales durch den hl. Bonifatius. Seit dem 15. Jh. ist es das individuelle Attribut von Willibald. Mehrere Putten begleiten ihn, von denen einer ein Buch hält. Ins Auge fällt Willibalds Armhaltung, die zwei Interpretationen zulässt. Seine linke ausgestreckte Hand gilt der unter ihm abgebildeten Szenerie, sein erhobener rechter Arm dem hellen Licht im oberen Bereich des Freskos. Diese Geste zeigt an, dass Willibald das Eichstätter Domkapitel Gott empfiehlt. Die Beobachtung, dass Willibald seine linke über das geöffnete Buch hält und an seiner rechten Hand Mittel- und Zeigefinger ausgestreckt sind, könnte auf Eidesleistungen der Domherrn anspielen. Knapp unterhalb von Willibald schwebt eine nackte, geflügelte Figur, den Kopf nach unten gewandt. Aufgrund des schlechten Erhaltungszustands ist der Gegenstand in ihrer rechten erhobenen Hand nicht zu identifizieren. Da ein Attribut von Willibald auszuschließen ist, handelt es sich wohl um eine weitere Personifikation (Fama, der Ruhm?). Gerechtigkeit und Eintracht sind die Leitmotive des Eichstätter Domkapitels. Dies kam bereits am Portal der Domkapiteltrinkstube (heute Dompfarrhof, Pater-Philipp-Jeningen-Platz 4), erbaut 1749/50 von Giovanni Domenico Barbieri, zur Darstellung (frdl. Hinweis Brun Appel, Eichstätt). Die beiden das Portal flankierenden Hermen tragen Liktorenbündel und eine Wappenkartusche mit einem Zepter, während die beiden die Wappenkartusche im Giebelfeld rahmenden Putten neben Palmzweigen Schwert und Waage in Händen halten. Schutzpatron des Domkapitels ist der hl. Willibald, als dessen geistigen Vater die Domkapitulare ihn angesehen haben. Er ist der Garant für die göttliche Führung des Domkapitels.

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