Deinting, Filialkirche St. Sixtus und St. Sebastian
Filialkirche der Pfarrei St. Andreas Trostberg (seit 1808), Stadt Trostberg, Erzdiözese München und Freising; z.Z. der Ausmalung Filialkirche der Pfarrei Feichten, Erzbistum Salzburg Archidiakonat Baumburg. Die Seelsorge übte der Vikar von Heilig Kreuz aus, das zu Feichten gehörte. Deinting besaß hochverehrte Sebastians-Reliquien, zu denen eine Wallfahr bestand. Die Sebastians-Bruderschaft wurde 1761 errichtet Gericht Trostberg
Patrozinium: St. Sixtus und St. Sebastian
Zum Bauwerk: Erbaut 1483–92 unter dem Trostberger Bauverwalter Christian Plancker (Inschrift am Chor), Turm ab 1506. Neuer Hochaltar 1636/38. Damals wurden die Reliquien des hl. Sebastian unter großer Anteilnahme der Gläubigen durch den Baumburger Propst und Archidiakon Johann Baptist Zehentner (1637–48) auf den Hochaltar übertragen. Erneuerung des Innenraums 1721, »zumahl auch das ganze Langhaus voller Klimpfe, seint die Sengel herabzunemmen, das griene und graue herabzuthun, die verhandte schlechte 6 Pfeiler in der Vierung 2 Schuh breit 1/4 Schuh tief und 20 Schuh hoch aufzumauern, und wieder zuverpuzen, dar seint auf besagte Pfeiler 6 Haubtgesimsen und das ganze Gewölb mit Quadratur Arbeith sambt 3 Füllungen zumachen, darzue alle Grate und Gurten zu ziehen, inzwischen aber mit Laubwerch auszuarbeiten« (BHStA, Landshuter Abgabe 1993, Nr. 1527). Neuer Hochaltar 1725 (das zugehörige Altarblatt zeigt die Pfeilmarter und hängt heute an der Chorwand), anschließend Erneuerung der Seitenaltäre und der Kanzel (ebda Nr. 1528). Zweite Barockisierung des Raums 1765/67 durch Franz Alois Mayr: Pilastergliederung, dann »das alte Laubwerk (von 1721) abvernen und neue Architectur dan Quadratur Arbeit gemacht« (StAM, Pfleggericht Trostberg A 125: Ausgaben 1765 460 fl., 1766 310 fl., 1767 19 fl.). Turmreparaturen 1774/76. Vollständige Regotisierung der Kirche 1888/91 mit Anbringen von Gewölberippen, Maßwerkfenstern mit farbigen Scheiben, einer gemauerten Empore in spätgotischen Formen, Altären, Kanzel, Gestühl, Speisgitter, Beichtstühlen und Kreuzweg.
Saal zu vier Jochen, Empore im W; wenig eingezogener Chor zu zweieinhalb Jochen mit dreiseitigem Schluß. Belichtung durch neogotische Spitzbogenfenster. Die erhaltenen Fresken befinden sich an den LHs-Wänden, für das nicht erhaltene Hauptfresko, ehemals an der Decke des LHs, ist der Entwurf überliefert
Auftraggeber: Franz Anton Joseph Mangold, Pfarrer vor Feichten (1737–67). Er hatte zwei Jahre vorher seine Pfarrkirche, die bedeutende Wallfahrtskirche Feichten, durch Franz Joseph Soll ausmalen lassen (CBD, Bd 9, S. 82). Unter Pfarrer Mangold war auch die Sebastians-Bruderschaft in Deinting gegründet worden. Die Barockisierung 1765 stand wohl in Zusammenhang mit dieser Gründung und sollte ein Anreiz für eine Belebung der alten Sebastians-Wallfahrt sein.
Autor und Entstehungszeit: Franz Joseph Soll (* 1734 Friedingen an der Donau † 1798 Trostberg, s. S. 382) 1765.
Schon bei der Wiederaufdeckung der Wandbilder 1969 wurden sie durch den Kreisheimatpfleger Dr. Toepfner als Werk des Trostberger Malers Franz Joseph Soll erkannt. Abele 1925 bildete eine Ölskizze aus seinem Besitz ab (Abb. 5), die er überzeugend mit dem ehemaligen LHs-Bild von Deinting in Verbindung brachte (Weichslgartner 1998, Abb. S. 41). Dieser Entwurf ist verschollen. Im gleichen Jahr 1765 hat Soll nach Weichslgartner einen Kostenvoranschlag für die Kirche Emertsham gemacht (regotisiert 1865).
Nach Dehio-Gall (S. 402) existierten ursprünglich auch in der Friedhofskapelle in Deinting Fresken von Franz Joseph Soll, die 1880 übertüncht worden waren. Die Friedhofskapelle ist ein hoher, spätgotischer Bau, in dem in der zweiten Hälfte des 17. Jh. eine Zwischendecke eingezogen worden war. Der obere Raum hat eine Flachdecke mit stuckierter Hohlkehle. Er war ursprünglich das »Vikarszimmer«, also ein Aufenthaltsraum für den Vikar von Heilig Kreuz, der die Seelsorge in Deinting ausübte. Später diente der Raum bei großem Andrang der Wallfahrer als Beichtzimmer (BLfD). Zu einem übertünchten Fresko finden sich in den Akten des BLfD nichts.
Befund
Träger der Deckenmalerei: Lhs und Chor gotische Gewölbe; die originalen Rippen sind abgeschlagen, die heutigen Rippen sind neogotisch.
Technik: Fresko, polychrom
Erhaltungszustand und Restaurierungen: Bei der Regotisierung 1888/91 wurde am Gewölbe von LHs und AR der Putz mit den barocken Fresken abgeschlagen, die Wandbilder wurden nur übertüncht. Von diesen ehemals zwölf Apostelbildern wurden 1969 anläßlich einer Innenrestaurierung sechs aufgedeckt. Die Malerarbeiten dabei wurden von einem Nachfahren Solls, dem Trostberger Malermeister Joseph Soll, durchgeführt. Während der Restaurierung, aber noch vor deren Aufdeckung waren die Bilder vom Elektriker beschädigt worden. Diese Schadstellen wurden von Joseph Soll restauriert. Bei der letzten Innenrestaurierung 1991 führte Alois Stein aus Inzel die Kirchenmalerarbeiten durch und restaurierte die 1969/70 »großzügigst übermalten« Apostelbilder (BLfD).
Bildfolge
W1-6 APOSTEL An den LHs-Wänden befinden sich über den Apostelleuchtern sechs Brustbilder von Aposteln über gemalten Rocaillekartuschen, in denen die Namen der Apostel stehen (keine Abb.).

W. S./ Matthaeus. Matthäus mit einem Buch, ohne Attribut (N-Seite, zweites Joch).
W. S./ Judas / Thaddaeus. Judas Thaddäus mit dem Winkeleisen (N-Seite, drittes Joch).
W3 S./ Jacobus minor. Jakobus der Jüngere mit der Keule (N-Seite, drittes Joch).
W4 S./ Thomas. Thomas mit der Lanze (N-Seite, viertes Joch).
W, S./ Simon. Simon mit der Säge (S-Seite, drittes Joch).
W6 S./ Matthias. Matthias mit der Hellebarde (S-Seite, drittes Joch; Hellebarde und Säge werfen je einen deutlichen Schatten).
Langhaus Das Aussehen des LHs-Freskos ist durch eine heute verschollene Ölskizze (51×73 cm) von der Hand Solls bekannt, ehemals im Besitz Eugen Abeles, die im Photo überliefert ist (Abele Abb. 5 und Weichslgartner Abb. S. 41).
IRENE PFLEGT SEBASTIAN Die Skizze zeigt eine ansteigende, zerklüftete Felslandschaft, auf deren höchster Erhebung eine Baumgruppe steht, hinter der eine antikische Ruinenarchitektur sichtbar wird. Der entkleidete Märtyrer Sebastian, kraftlos niedergesunken, ist mit der Linken noch am Ast eines Baumstumpfs angebunden. Neben ihm kniet Irene, die Sebastians Rechte bereits aus den Fesseln gelöst hat und aus seinem Arm einen Pfeil zieht. Mit der Linken hält sie mehrere Pfeile, die sie bereits aus dem Körper entfernt hat. Vor dieser Gruppe kniet als beherrschende Figur die Magd Irenes, die eine Kiste mit Kleidern und Tüchern geöffnet hat, um den nackten Märtyrer zu kleiden. Eine große Schale steht vor ihr, mit zwei Ölfläschchen und einem Schwamm zur Pflege des Verwundeten. Auch in der Schale liegt ein großer Pfeil. Im Hintergrund, bei der Ruine, ziehen die römischen Kriegsknechte ab, ein behelmter Reiter und ein Fahnenträger. In der Felsenlandschaft des Vordergrundes sind zahlreiche Christen dargestellt, die das Geschehen mit Gesten der Teilnahme verfolgen. Links oben im Bild ist der Himmel aufgelichtet, und vor der Lichtglorie erscheinen Engel und Putten. Einer von ihnen bringt Sebastian die Märtyrerpalme als himmlischen Lohn für das Martyrium.
Die Ölskizze zeigt Franz Joseph Soll als gewandten Entwerfer von Figuren und Figurengruppen, der auch über die Mittel zur Darstellung stimmungsvoller Landschaften verfügt.
Chor Das Thema des verlorenen Deckenbildes im Chor ist unbekannt. Am wahrscheinlichsten ist eine Darstellung von Sebastian auf Wolken vor der Dreifaltigkeit, als Fürbitter für Deinting bzw. für die Mitglieder der Deintinger Sebastiansbruderschaft.
Quellen und Literatur
BHStA Staatsverw. 3116, fol. 653
BHStA, Landshuter Abgabe 1993, Nr. 1527: Arbeiten 1721; Nr. 1528: Neuer Hochaltar.
StAM, Pfleggericht Trostberg, A 125: Barockisierung 1765; A 128: Arbeiten am Turm 1773.
AEM, Pfarrakten Trostberg, Filiale Deinting: Hochaltar und Reliquienüberführung 1636/38.
BLfD, Akt Deinting, St. Sixtus und St. Sebastian
Mayer-Westermayer Bd II, S. 707
Dehio-Gall, S. 102
Abele, Eugen, Franz Joseph Soll 1734–1798. Ein Rokokomaler des Chiemgaus, in: Jahrbuch des Vereins für christliche Kunst 1925, S. 5-10. Deinting S. 5.
Weiermann, Herbert, Kunstgeschichtliche Denkmäler, in: Heimatbuch des Landkreises Traunstein, Bd II, Trostberg 1970, S. 113–366. Deinting S. 179–81.
Kreilinger, Kilian, Der bayerische Rokokobaumeister Franz Alois Mayr (= Jahrbuch des Vereins für christliche Kunst Bd 11), München 1976, S. 133 mit Anm. 308, Anm. 277.
Kreilinger, Kilian, Trostberg St. Andreas mit Nebenkirchen. Maria Himmelfahrt Schwarzau (= KKF Nr. 1649), München und Zürich 11988. Deinting S. 17–19.
Dehio 1990, S. 180
Goerge, Dieter, Johann Nepomuk della Croce 1736–1819. Leben und Werk, Burghausen 1998. Soll S. 312 f.
Weichslgartner, Alois J., Trostberger Rokoko. Ein regionales Kunstzentrum im Chiemgau, Trostberg 1998. Franz Joseph Soll S. 35–66, Deinting S. 51 (Abb. S. 41).