Bayrischzell, Seelen- u. Wallfahrtskapelle Sieben Schmerzen Mariä


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 2: Die Landkreise Bad Tölz-Wolfratshausen, Garmisch-Partenkirchen, Miesbach. Hirmer, München 1981, ISBN 978-3-7991-5834-3, S. 460–462, geschrieben von Bachter, Falk, Bauer-Wild, Anna, Böhm, Cordula, Lüdicke, Lore und Sinkel, Kristin. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Seelen- und Wallfahrtskapelle, Pfarrei Bayrischzell, Erzdiözese München und Freising; z. Z. der Ausmalung war Bayrischzell Kuratie der Klosterpfarrei Fischbachau, die der Benediktinerabtei Scheyern inkorporiert war, Klosterhofmark Fischbachau

Patrozinium: Sieben Schmerzen Mariä

Zum Bauwerk: Anstelle eines abgetragenen Karners wurde 1785/86 unter Kurat Erhard Landmann (1779-85) der Kapellenbau errichtet, um das Gnadenbild der Mater Dolorosa aufzunehmen, das seit 1733 als wundertätig angesehen wurde. 1785 benediziert, 1855 konsekriert. Ein Chronogramm in der Kapelle hVIC Del parae oratorlo bene DIXIt LVDoVICVs (= 1786, zitiert nach Mayer-Westermayer) wurde bei einer Restaurierung übertüncht. Saal zu zwei Jochen (5,20 × 5,20 m) mit Pilastergliederung und eingezogenem, halbrund geschlossenen AR (2,70 × 3,80 m)

Autor und Entstehungszeit: Signatur am O-Rand von B I. Pöham Pinx: Vischpachau / 1785. Johann Baptist Pöheim (Pöham, Pöhaimb, Böhaimb u.a.) * 24.10.1752 in Westerndorf bei Zinneberg/Glonn als Sohn des Malers Jacob Pöheim (* 1718 † 1794) † 2. 3. 1838 in Aibling. Durch die Heirat mit Maria Barbara Gaill, der Tochter des Johann Georg Gaill, Bürgers und Malers in Aibling, am 25. 10. 1785, bekam Pöheim die Malergerechtigkeit des Schwiegervaters und wurde Bürger und Maler in Aibling, ab 1805 auch Mitglied des Rats (frdl. Mitt. Peter von Bomhard †; Erzbischöfl. Ordinariatsarchiv München). Vor seiner Heirat war er, wie aus der Signatur hervorgeht, als Maler in Fischbachau ansässig. Pöheim malte Deckenbilder in Hagnberg (S. 511 f.), Osterhofen (S. 535 f.) und Wall (S. 604-10), in Ellmosen und Pfraundorf (OB, LKr. Rosenheim), war jedoch überwiegend als Fassadenmaler tätig (Margarete Baur-Heinhold, Bemalte Fassaden, München 1975, S. 72, Abb. 159–64).

Befund

Träger der Deckenmalerei: LHs (A) und AR (B) Tonne mit Stichkappen

 
A Maria als Beschützerin von Bayrischzell
 

Rahmen: A und B gemalter Blattkranz, A mit Bändern, B mit Blumengirlanden und Bändern dekoriert. Technik: Secco; polychrom. Maße: A Höhe 5,80 m; 4,00 × 2,80. B Höhe 5,20 m; Ø 1,30.

Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1827, 1881, 1915 und 1952 fanden Restaurierungsarbeiten in der Kapelle statt. In A Längsrisse, Farbabschürfungen; erkennbare Übermalungen im westlichen Bildteil (Engel, Pfarrer, Frau mit Maske). In B Risse, Feuchtigkeitsflecken, von denen die Figuren Africa und America betroffen sind.

Beschreibung und Ikonographie

Die beiden volkstümlich-primitiv gemalten Darstellungen sind tafelbildmäßig angelegt (Aufnahmestandpunkt unterhalb des westlichen Bildrandes). Bei der Darstellung der Architektur in A und des Brunnens in B wurden perspektivische Verkürzungen versucht.

A MARIA ALS BESCHÜTZERIN VON BAYRISCHZELL Auf bewegtem Wasser kämpft ein Schiff mit vollen Segeln gegen die Wellen an. Der Pfarrer und die Gemeinde von Bayrischzell stehen darin und flehen Maria im Himmel um Hilfe an: Gnadenmutter: dein wir seynd: Hilf uns schlagen unsre Feind. Ein Putto hält das Schriftband und präsentiert Maria eine Opferschale mit Herzen – den Herzen der Gemeindemitglieder. Maria breitet mit ihrer Rechten schützend ihren Mantel über dem Schiff aus, während sie mit der Linken Blitze auf die Teufel und Lasterpersonifikationen schleudert, die vom Ufer her das Schiff bedrängen. Die Blitze zerreißen die Fangnetze der Teufel und stürzen die Laster.

Im Vordergrund sind neben einem stürzenden Teufel eine weibliche Personifikation mit einer Gesichtsmaske in der

 
B Mater Dolorosa als Gnadenquell

BAYRISCHZELL

Hand (Sinnbild des Lasters im allgemeinen und des Betrugs) und ein Amor carnalis mit zerbrochenem Pfeil dargestellt. Würfel und Karten am Boden weisen auf die Spielleidenschaft und ein fallender Bierkrug auf die Trunksucht hin. Die Fiedel in der Hand Amors bezeichnet wohl das Tanzvergnügen als Feind der Unschuld. Rechts im Bild verkörpert ein gestürzter Mann in der Tracht der Reformationszeit die Häresie.

Die votivbildhafte Darstellung Mariens und der hilfesuchenden Gemeinde ist in einen allegorischen Rahmer gestellt. Das von Wind und Wellen bedrängte Schiff ist ein traditionelles Symbol der Kirche. Bei der Marienfigur fällt die Häufung verschiedener ikonographischer Motive auf Mondsichel und Zwölf-Sterne-Kranz der Immaculata Krone der Patrona Bavariae, das Mariensymbol »stella maris« und der ausgebreitete Mantel der Schutzmantelmadonna. Das Blitzeschleudern ist wohl vom Typus des strafenden Christus herzuleiten.

B MATER DOLOROSA ALS GNADENQUELL Auf einem Brunnen steht die Figur der Mater Dolorosa, die Brust von sieben Schwertern durchbohrt, das Haupt von der Sonne hinterfangen, vor dem Kreuz. Dem Brunnen entströmen vier Wasserstrahlen, die von den Personifika-

tionen der Vier Erdteile in Schalen aufgefangen werden. Die schmerzhafte Muttergottes, die sich durch das Gnadenbild der Kapelle als wundertätig erwiesen hat, ist im Deckenbild als Quell der Gnade für die ganze Welt dargestellt. Auch in dieser Darstellung finden sich alte christliche Symbole: Brunnen = »fons vitae«, Sonne = »sol iustitiae«, Wasserstrahlen = vier Paradiesesflüsse (vgl. Frauenried, Emblem b, S. 500 f.)

Quellen und Literatur

  • i

Mayer-Westermayer, Bd 2, S. 30 f.

Lechner, Ludwig, Das Leizachtal, Miesbach 1913, S. 294. Meindl, Michael, Führer von Bayrischzell und Umgebung, München 1924.

Brunhuber, Josef, Chronik des oberen Leitzachtales, Birkenstein 1927, S. 683–84.

Hartig, Michael, Die oberbayerischen Stifte, Bd 1, München 1935, S. 51.

Stadler, Josef Clemens, Bayrischzell (= KKF, Nr. 238), München 1937.

Gasteiger, Michael, Der Landkreis Miesbach, Miesbach 1953

Meindl, Michael, Bayrischzell, Bayrischzell 1963. -, Bayrischzell (= KKF, Nr. 238), München 1975.

BIRKENSTEIN