Bayrischzell, Pfarrkirche St. Margareta


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 2: Die Landkreise Bad Tölz-Wolfratshausen, Garmisch-Partenkirchen, Miesbach. Hirmer, München 1981, ISBN 978-3-7991-5834-3, S. 455–459, geschrieben von Bachter, Falk, Bauer-Wild, Anna, Böhm, Cordula, Lüdicke, Lore und Sinkel, Kristin. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Pfarrkirche, Erzdiözese München und Freising; z. Z. der Ausmalung Kuratie der Klosterpfarrei Fischbachau, die der Benediktinerabtei Scheyern inkorporiert war, Klosterhofmark Fischbachau

Patrozinium: St. Margareta

Zum Bauwerk: Ein Eremitorium, das seit 1076 bestanden hatte (Zell), wurde 1079 durch eine Stiftung der Gräfin Haziga zum Benediktinerkloster erweitert, das 1085 nach Fischbachau verlegt wurde. Neubau der Kirche anstelle einer älteren, 1476 umgebauten kleinen Kirche, 1733 unter Abt Maximilian Rest von Scheyern (1722–34) und Kurat Johann Reischl von Bayrischzell (1731–36); Weihe am 5. 8. 1786 durch den Freisinger Fürstbischof Joseph Ludwig von Welden

Annähernd quadratischer, überkuppelter Zentralraum mit abgerundeten Ecken, im O eingezogener einjochiger AR mit halbrundem Schluß, im W querrechteckiger Vorhallenanbau mit Doppelempore. Pilastergliederung, umlaufende Gesimszone, auf der die Arkadenbögen im O und W sowie die Fensterbögen im N und S ruhen. Belichtung in der Vorhalle von S, im Hauptraum von S und N, im AR von O in der Chorschlußrundung

Auftraggeber: Abt Placidus Forster von Scheyern (1734–57), amtierender Kurat Johann Georg Schilcher (1737–42); für A und A1–2 kommt die seit 1705 in Bayrischzell bestehende Isidor-Bruderschaft in Frage.

Autor und Entstehungszeit: Die Fresken sind nicht signiert und datiert. Die Kirchenrechnungen (Meindl KKF S. 8) nennen den Meister und das Jahr der Stuckdekoration: Thomas Glasl 1737. Es ist anzunehmen, daß die Fresken gleichzeitig entstanden sind. Sie sind dem Melchior Puchner als Autor zuzuweisen (* 1695 Schongau † 1759 Ingolstadt), der 1737/38 die nahegelegene Kirche von Fischbachau (S. 470–96) freskierte. Ein Vergleich damit und mit dem für Puchner gesicherten Fresko in der Aula von Tegernsee (1731; S. 598–601; dort schon Zusammenarbeit mit dem Stukkator Thomas Glasl) ergibt viele stilistische und motivische Übereinstimmungen: In der Farbigkeit fällt die häufige Verwendung des Blau-Rot-Kontrastes auf und des Violett als Wolkenfarbe. Die Darstellung der Glorie mit ihrer starken Höhenillusion entspricht der in Fischbachau über dem Hochaltar; gleich ist auch die Diskrepanz zwischen perspektivisch konstruierten und anderen Bildteilen (vor allem bei Figuren und irdischen Szenerien zu beobachten), die der Höhenperspektive kaum unterworfen sind, innerhalb eines Bildes. Auch finden sich Gemeinsamkeiten in der porträtähnlich genauen und klaren Zeichnung der Landschaften mit ihren Bauten und Bergen. Ebenso finden sich häufig Übereinstimmungen einzelner Figurenkompositionen und motivischer Details wie: der Typus der Madonna, die im Profil wiedergegebene Frau mit aufgestecktem Haar (Gräfin Haziga), der bärtige Mann mit tiefliegenden Augen, der in Rückenansicht dargestellte Page sowie die Engel, die Weihrauchfaß bzw. Wolken tragen, und die Putti. Der

Gesichtstypus mit den scharfen Zügen, der stark modellierten Wangenpartie und den tiefen Schatten im Inkarnat ist in Tegernsee, Fischbachau und Bayrischzell gleich. Auffallend ist bei allen Werken die Verwendung historischer Trachten. Ein Vergleich mit anderen Werken Puchners (Geisenfeld und Gosseltshausen, OB, LKr. Pfaffenhofen, und Ellingen MFr, LKr. Weißenburg) bestätigt die Zuweisung.

Befund

Träger der Deckenmalerei: Vorhalle (A, A1-2) Tonne Hauptraum (B, B1-4) Flachkuppel über Pendentifs, AR (C. C1-2) Tonne

Rahmen: A Stuckprofil, A1-2 Ornamentkartuschen, B Stuckprofil, im Achsenkreuz von Ornamentkartuschen, in den Diagonalen von Engelsköpfen übergriffen, B1-4 Ornamentkartuschen, C Stuckprofil; Akanthusornamente greifen ins Bild ein, C1-2 Ornamentkartuschen

Technik: Fresko; polychrom

 
B Gräfin Haziga empfiehlt Bayrischzell dem Schutz des Himmels

Maße: A Höhe 8,90 m (ca 2,20 m vom Boden der oberen Empore = photographischer Aufnahmestandort); 2,80 × 2,90

B Höhe 11,30 m (Stich ca 2 m); 8,60 × 8,60

C Höhe 8,60 m; 1,90 × 2,50

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Bei einer Restaurierung 1904 (Meindl 1963, S. 59) wurden die Deckenbilder gereinigt und ausgebessert. Bei der letzten Restaurierung 1950 durch Josef Stallhofer, Agatharied, und Firma Eixenberger, München, wurden Risse im Gewölbe verkeilt und verputzt, die Deckenbilder gereinigt und von Übermalungen befreit. Deutlich sichtbare Übermalungen, besonders in B (Gottvatergruppe: Engelköpfe, Weihrauchengel, hl. Paulus). Die Farben Grün und Blau sind zum Teil beschädigt (Paulus, Weihrauchengel, Gräfin Haziga, Page, Wolkenring), um die Figur des hl. Isidor ist eine behobene Feuchtigkeitsstelle zu erkennen, ebenso am östlichen Bildrand zwischen Brüstung und Kirchenbau. In C gekitteter Scheitelriß und mehrere gekittete Risse, Farbabschürfungen und Retuschen.

Beschreibung und Ikonographie

A. A1-2 ISIDOR-SZENEN

A DER HL. ISIDOR UND DIE PFLÜGENDEN ENGEL Das Fresko ist zum Teil von der Orgel verdeckt. Es hat seine Basis im W. Das Bild zeigt einen halboffenen Kapellenraum mit einem Marienaltar, an dem ein Priester das Meßopfer feiert. Zwei Ministranten, zwei Bauernbuben und der hl. Isidor knien auf den Stufen. Der Heilige ist als bärtiger älterer Mann in einfacher Kleidung dargestellt. Am rechten Bildrand endet die Wand der Kapelle und gibt einen Ausblick auf eine Landschaft mit Feldern frei, wo ein Engel hinter dem Pflug geht.

Die beiden Engel, die an Isidors Stelle seine Arbeit taten, um seinen Herrn zu beschwichtigen, während der Heilige selbst betete (AASS Maii Tom. 3, 15.5., S. 513 und 543), sind ein geläufiges Thema im süddeutschen Bereich.

A1 QUELLWUNDER DES HL. ISIDOR Das quer formatige Kartuschenfeld zeigt eine weite Landschaft mit Büschen und einem Berg in der Ferne. Rechts sieht man ein einfaches Gebäude. Der Heilige ist in der Mitte des Bildes kniend dargestellt. Er hat die Arme ausgebreitet und den Blick zum Himmel erhoben. Vor ihm entspringt ein Quell in Gestalt einer kleinen Fontäne.

Das Bild vom Quellwunder geht auf folgenden legendären Bericht zurück (AASS, loc. cit., S. 522 und 544): Isidor von Madrid, * um 1070, war Knecht bei einem reichen Gutsherrn in Madrid, Johannes de Vargas; dieser kam an einem heißen Tag zu seinem Knecht aufs Feld und verlangte Wasser von ihm, da ihn dürstete. Isidor schlug mit seinem Stab an einen trockenen Felsen, rief Gott an, und es entsprang eine Quelle. Weitere Quellwunder werden dem Heiligen zugeschrieben, doch dieses ist das bekannteste. Die Quelle war in der Folgezeit als Brunnen des hl. Isidor wundertätig.

A2 DER ERTRUNKENE SOHN DES HL. ISIDOR Vor einer Bauernhütte knien der hl. Isidor und seine Frau betend und zum Himmel blickend. Die Frau weist auf das tote Kind, das vor ihnen auf einem Kissen liegt. Rechts am Bildrand sieht man in die Ferne, wo ein Kind in einen Teich fällt. Von oben weisen Strahlen auf das Paar, um die Gewährung ihres Wunsches anzudeuten.

Der Heilige ist zusammen mit seiner Frau, der sel. Maria Toribia, dargestellt: beider Sohn war als Knabe in einen Teich gefallen und ertrunken; die Eltern flehten den Himmel um Hilfe an; »succrescens usque ad os putei superficies aquae, infantem vivum ac sanum restituerit parentibus« (AASS loc. cit., s.v. De B. Maria uxore S. Isidori, S. 549). Die Darstellung folgt in diesem Detail nicht der Legende, sondern den ikonographischen Typen von Auferweckungen.

B GRAFIN HAZIGA EMPFIEHLT BAYRISCHZELL DEM SCHUTZ DES HIMMELS Das Bildfeld ist annähernd vierpaßförmig, mit einschwingenden flachen C-Bogen-Kurven in den Diagonalen über den Pendentifs. Auf dem Stuckrahmen und diesem folgend setzt eine gemalte

 

Steinbalustrade an, die rund um das Bild läuft und in der Hauptansicht perspektivisch weniger verkürzt ist als im W, so daß sich ein Betrachterstandpunkt unter dem westlichen Bildrand ergibt.

Über der Balustrade öffnet sich der Himmel, wobei die helle, zentrale Glorienöffnung der Balustradenperspektive entsprechend nach W verschoben ist. In der Glorie erscheint Gottvater mit ausgebreiteten Armen, in einer bewegten Gruppe von vielen Engeln getragen, neben ihm die Taube des Hl. Geistes. Darunter thront Maria mit dem Kind auf Wolken. Der Jesusknabe erhebt segnend seine Hand. Er ist auf dem Rand des Hl.-Geist-Loches dargestellt, dessen Deckel wohl ursprünglich mit der Weltkugel bemalt war. Neben und unter dieser Gruppe thronen Heilige auf Wolken, die hll. Petrus und Paulus, Margareta, Isidor und Benedikt.

Die im Bild umlaufende Balustrade ist an der Stelle über dem Chorbogen unterbrochen. In dieser Öffnung wird die Landschaft von Bayrischzell sichtbar, mit der Kirche und dem Wendelstein. Auf Stufen kniet davor, im Vordergrund, die Gräfin Haziga mit ihrem Gemahl und ihrem Gefolge. Zwei Mönche in der Tiefe werden von den Vordergrundsstufen so überschnitten, daß nur ihre Oberkörper sichtbar sind.

 
 

Die Höhenillusion in diesem Bild wird kaum durch illusionistische Effekte in der Figurendarstellung erreicht, sondern hauptsächlich durch Balustrade und Wolkenhimmel. Dieser setzt unten zunächst als heller blauer Himmel über der Landschaft an, geht dann in dunkle Wolken über, die zur Glorie hin in konzentrischen Kreisen angeordnet sind und immer heller werden bis zum strahlenden Glorienlicht. Dieser Höhenperspektive folgen die Heiligen und Engel kaum. Balustrade und Gottvater im Wolkenring erinnern an das 1720 entstandene Fresko des C.D. Asam in der Zisterzienserabteikirche in Aldersbach.

Die Diskrepanz zwischen dem Landschaftshimmel, der eher der Tiefenperspektive unterliegt, und dem himmlischen Schauplatz ist auffallend.

Im farbigen Gesamteindruck herrschen die Farben der Himmelsszenerie, Blau und Grauviolett, vor. In der irdischen und in der dunkleren Wolkenzone treten als Buntfarben in Gewändern Rot und Blau in einem immer wiederholten Kontrast auf. Gelb ist fast ganz der Glorie vorbehalten, wo im Zentrum der Lichtöffnung der gebauschte Mantelbogen Gottvaters die Farbe der Glorie als ihr Zentrum noch einmal aufnimmt. Dazu in Beziehung gesetzt ist das Gelb im Gewand der Stifterin als auszeichnende Farbe. Das helle Grauweiß der Balustrade – die Farbe des Gewölbes – deutet sie als illusionistische Fortsetzung der realen Architektur.

 
B4 Markus

B1-4 EVANGELISTEN In den vier umgebenden Kartuschen sind in Wolken Ganzfiguren der Evangelisten mit ihren Symbolen und Attributen dargestellt

B1 Johannes R2 Lukas

B2 Matthäus

C. C1-2 MARGARETA-SZENEN

C ENTHAUPTUNG DER HL. MARGARETA Auf einem bildparallel verlaufenden Rasenstück im Vordergrund kniet in der Bildmitte Margareta mit gesenktem Haupt. Neben ihr steht der Henker mit erhobenem Schwert. Rechts davon ist ein heidnischer Priester dargestellt, der mit erhobener Götzenstatue versucht, die Heilige vom christlichen Glauben abzubringen. Nach hinten fällt der Schauplatz ab; sich nahende Soldaten sind nur zur Hälfte sichtbar. In der Ferne deuten Architekturen eine Stadt an. Putti mit Kranz und Palme erscheinen im Himmel am oberen Bildrand.

C1 OLIBRIUS WIRBT UM MARGARETA Olibrius, der Stadtpräfekt, erblickt Margareta, als sie auf einer Weide die Tiere ihres Vaters hütet. Er begehrt sie wegen ihrer Schönheit zum Weib, aber sie weist ihn ab.

C2 FOLTERUNG MARGARETAS Margareta, die in ihrer Weigerung standhaft bleibt und sich auch weigert dem christlichen Glauben abzuschwören, wird auf Befehl des Olibrius mit Geißeln geschlagen und mit Fackeln gebrannt.

Die Werbung des Olibrius, die Folterung und die Enthauptung Margaretas sind geläufige Themen aus der Margareta-Legende (Ribadeneira-Hornig, Bd 2, 20.7., S. 72 f.; vgl. Wall, S. 604–10).

Ergänzungen zur Ikonographie

B GRAFIN HAZIGA EMPFIEHLT BAYRISCHZELL DEM SCHUTZ DES HIMMELS Bayrischzell, bis 1835 Margarethenzell genannt, wurde 1079 gegründet. Nach der Überlieferung lebten zu dieser Zeit zwei fromme Männer, Otto und Adalbrecht, als Einsiedler in einer Zelle. Für sie stiftete Gräfin Haziga von Aragon, in zweiter Ehe mit dem Pfalzgrafen Otto II. von Scheyern-Wittelsbach lebend, ein Kloster nach der Benediktinerregel, das von Hirsau aus besiedelt wurde. Schon 1085 wurde das Kloster wegen seiner ungünstigen Lage nach Fischbachau und später nach Scheyern verlegt (s. Fischbachau, S. 470, 483). Im Bild sind die Gräfin und ihr Gemahl dargestellt. Haziga weist auf eine Truhe voller Schätze, Otto II. von Scheyern-Wittelsbach auf einen Plan, wohl einen Plan der für die Neugründung gestifteten Ländereien. In den beiden Mönchen sind die Einsiedler Otto und Adalbrecht dargestellt. Das Gründerpaar stellt das Kloster unter den Schutz seiner Patronin, der hl. Margareta von Antiochien, die hier mit Palme und Schwert und ihrem persönlichen Attribut, dem Drachen, dargestellt ist. Benedikt wird als Gründer des Benediktinerordens angerufen; gleichzeitig aber bezieht das Margarethenzell des Jahres 1737 diese Fürbitten auch auf die Gegenwart, indem es seinen Patronen noch den hl. Isidor, Bruderschaftspatron seit 1705, zugesellt, und den Neubau des Jahres 1733 als Gründungsbau darstellt. Mit der Berufung auf die historische Gründung beansprucht die kleine Kuratie ihren Platz in der Heilsgeschichte.

 
 
C2 Folterung Margaretas
 
C Enthauptung der hl. Margareta

Die lateinischen Inschriftkartuschen in den Achsen der Rahmung wurden 1950 durch deutsche ähnlichen Inhalts ersetzt (Meindl, KKF, S. 16):

Im O über dem Chorbogen ERBAUT / ZU EHREN DER / HL. MARGARETHA / VON GRÄFIN HAZIGA / 1076 (ehem. »ReLIgIose FVnDaVIt gratIoseqVe DotaVIt HazIga« = 1076)

im S KONSEKRIERT / IM AUFTRAG / VON BISCHOF VON / POLA / 1077 (ehem. »Consecravit annuente episcopo Frisingensi Ellenhardus episcopus Polensis, MLXXVII«) im W ERWEITERT / DURCH FROMMEN SINN / DES DORFES / 1734. (ehem. »Auxit gratiosa monasterii Schyrensis piaque pagi Zellensis devotio, MDCCXXXIV«) im N WIEDER / KONSEKRIERT / VON BISCHOF LUDWIG / v. FREISING / 1786 (ehem. »Auctas sacras aedes recens consecravit Ludovicus episcopus Frisingensis MDCCLXXXVI«).

Literatur siehe S. 462