Zell, Kapelle St. Sebastian
Kapelle, Pfarrei Egling, Gemeinde Moorenweis, Diözese Augsburg; z. Z. der Ausmalung war die Pfarrei Egling Kloster Ettal inkorporiert (seit 1743); Zell gehörte zur Hofmark Dünzelbach, die von 1472 bis 1848 im Besitz der Grafen Törring- Seefeld war. Gericht Landsberg
Patrozinium: St. Sebastian
Zum Bauwerk: 1688 Neubau anstelle der alten baufälligen Kapelle; der Chor ist im Kern noch gotisch.
Zweiachsiger, flachgedeckter Saalbau mit stark eingezogenem, einachsigen AR und dreiseitigem Chorschluß. Belichtung von N und S durch barocke Fenster mit oberen und unterem Rundbogenschluß.
Auftraggeber: Vermutlich der Ettaler Konventuale P. Benedikt Däzl, der in der fraglichen Zeit Pfarrvikar von Egling war (1784–1817). In seiner Amtszeit wurden die Kirchengebäude repariert – u. a. Kirchendach und Fenster – und der Choraltar ausgebessert (StAM, Kirchenrechnungen 1789; abgerechnet wurde mit der Hofmarksherrschaft).
Autor und Entstehungszeit: Zuschreibung an Georg Baur (Lebensdaten unbekannt) um 1790
Die Fresken zeigen mehrfache Übereinstimmungen mit dem von diesem Freskanten mit Georg Baur. / inv. et p:/1774 signierten Deckenbild A in Tegernbach. Die Komposition der Sebastiansglorie über Bittstellern ist ähnlich wie Fresko A in Tegernbach durch eine dichte Besetzung mit Figuren gekennzeichnet, der Malstil - in Zell (A) an dem Engel mit den Pfeilen noch erkennbar – ist flockig weich und etwas nervös. Besonders auffällig ist der in beiden Kirchen übereinstimmende Figurentypus: weiche, fast kindliche Körper und rundliche Gesichter, die Augenlider stark verschattet, der Blick oft so sehr gen Himmel gekehrt, daß die Iris fast in der Augenhöhle verschwindet. Der Kopf des hl. Gregor (A1) und der Kopf der jungen Frau rechts in A sind mit dem des hl. Stephanus in
Augustinus
Hieronymus
A1
A1
A1
A1
B1
Joachim
B1
Mariä Verkündigung
Anna
B1
Anna
B1
Al-4 Kirchenväter
Tegernbach fast identisch. Aus Fresko B in Zell ist der Engel mit seiner flockig gemalten Gewandung mit Tegernbach vergleichbar. Eine charakteristische Übereinstimmung ist die Geisttaube, aus deren Schnabel ein Lichtstrahl niederfällt. Die Ausmalung von Zell ist wegen stärkerer Erneuerung nur bedingt vergleichstauglich, ausgenommen B und A2, siehe Befund.
Wie in Tegernbach, so fällt auch in Zell eine deutliche stilistische Verwandtschaft mit den Fresken Johann Baptist Anwanders ins Auge (* zwischen 1741 und 1754 Landsberg/Lech, Sterbedatum unbekannt), besonders bezüglich der Komposition der Patronatsszene (vgl. CBD Bd 1, S. 88 und 93).
Der Engel mit den Pfeilen zur Linken des hl. Sebastian zeigt die für Johann Baptist Anwander typischen Merkmale: etwa vortretende Augen mit scharf gezeichneten Lidern, eine durchgehende Augenbrauen-Nasenlinie und übertrieben durchgeformte Muskel- und Gelenkpartien; der Putto zur Rechten des Heiligen hat die für Anwanders Putten charakteristische hohe, vorgewölbte Stirn und leicht eingedrückte Schläfen. Da die Kirchenrechnungen von 1777 bis 1788 nichts über eine Freskierung enthalten, die Kapelle jedoch 1789 gründlich instandgesetzt wurde, sind die Fresken wohl um 1790 zu datieren (die Rechnungsbände ab 1790 sind nicht mehr erhalten).
Befund
Träger der Deckenmalerei: LHs Verputzte Holzlattendecke (Flachdecke); AR steile, nach O abgemuldete Stichkappentonne
Rahmen: A geschweifter und verkröpfter Stuckprofilrahmen; B geschweifter Stuckprofilrahmen; A1-4, B1-2 ovale Stuckprofilrahmen.
Technik: Fresko; polychrom
Maße: A Höhe 4,40 m; 2,85 × 2,75
B Höhe 5,05 m; 2,45 × 1,05
Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1909 Restaurierung durch Wilhelm Geromiller, München; der Kopf des hl. Sebastian und das nähere Umfeld wurden wahrscheinlich bei dieser Restaurierung verändert und modern übermalt. - Sehr schlechter Erhaltungszustand von Fresko A vor der letzten Instandsetzung von 1986/87 durch Hans Pfister, Heinrichshofen: große abgefallene Partie in der Mitte der Bittstellergruppe, retuschierte Fehlstelle am Fuß des Bildes über dem östlichen Rahmen. Die Figur des jungen Mannes mit dem Beutel über der Schulter, das linke Bein des Engels mit den Pfeilen, die rechte Seite der jungen Frau mit dem Pestglöcklein sowie der im Vordergrund liegende Baumstamm wurden nach letzten erhaltenen Spuren – z. T. am Bildrand befindlich – ergänzt, die übrigen Partien gereinigt. Die südlichen Medaillonbilder A2 und A3 sind besser erhalten als die nördlichen A3 und A4, die von einer Ölfarbenübermalung befreit werden mußten. Die relativ gut erhaltenen AR-Fresken wurden im
ZELL
A4 Augusti
A1-4 Kirchenväter
B Mariä Verkündigung wesentlichen nur gereinigt und eingestimmt, der Baldachin in B ausgebessert, die vier gemalten Pilaster im AR wieder aufgedeckt.
Beschreibung und Ikonographie
A DER HL. SEBASTIAN ALS PATRON DER KRANKEN Das einansichtige, geostete Fresko zeigt in knapper Gestalt eine Sebastiansglorie über ländlichen Bittstellern, von einem abgewandelten Vierpaßrahmen eingefaßt. Der auf einer Wolke thronende Martyrer trägt einen Brustpanzer und einen rosafarbenen Mantel; seine Handhaltung kennzeichnet ihn als Fürsprecher. Ein Putto zu seiner Rechten und ein Engel in rostrotem Mantel zu seiner Linken präsentieren seine Attribute: Rundschild, Helm und Kommandostab auf der einen, die Pfeile des Martyriums und eine große Fahne auf der andern Seite. Silhouettenhaft nebeneinander angeordnet erscheinen im östlichen Bildteil die Bittflehenden zu seiten eines gefällten Baumstammes: Ein alter Mann, der vermutlich ein Augenleiden hat, ein jüngerer Mann, auf einen Stab gestützt ein Jüngling mit Schultersack, ein Mädchen mit rostrotem Miederrock und blauer Schürze, das ein Pestglöckchen schwingt und eine betende weißgekleidete Frau mit der weißen Florhaube der Dachauer Tracht.
Rötlichbraune Töne und Ocker, durch Blau abgesetzt, bestimmen die Gewandfarben, denen im himmlischen Bereich die Weißtöne von Schild und Fahne entgegenwirken: der für J. B. Anwander typische Farbenvierklang.
Der Bildaufbau mit der in einen Rautenumriß eingepaßten Himmelsgruppe und den scherenschnitthaft aufgereihten Bittstellern hat mehr flächigen als räumlichen Charakter, nur der Engel mit dem schwingenden Mantel und das Mädchen im Miederrock besitzen eine gewisse, raumhaltige Körpertorsion.
A1-4 KIRCHENVÄTER In vier diagonal zum Hauptbild angeordneten Halbfigurenbildern sind die Kirchenväter dargestellt. Außer A1 sind die Medaillons fast gleichlautend konzipiert wie die Zwickelbilder der Kirchenväter (B1-4) in der Pfarrkirche von Eresried (LKr. Augsburg-Ost), die Anwander zugeschrieben werden und etwas früher zu datieren sind.
A1 HIERONYMUS in rotem Kardinalsmantel mit den Attributen Buch, Tinte und Feder, kniet betend vor einem Altar mit Kreuz und Totenkopf.
A2 GREGOR in goldockerfarbenem Mantel auf dem Papstthron, die päpstlichen Insignien zur Seite; von der Taube des Hl. Geistes inspiriert, schreibt er in ein Buch.
A3 AMBROSIUS in ockerfarbenem Mantel, mit den bischöflichen Insignien und dem Bienenkorb als Zeichen seiner Beredsamkeit.
A4 AUGUSTINUS im Bischofsornat, mit grünem Mantel, hält das brennende Herz als Zeichen seiner Gottesliebe in der Rechten.
B MARIÄ VERKÜNDIGUNG Das einansichtige, geostete Fresko ist mit seiner schmalen, stark längsgerichteten und seitlich eingebuchteten Bildfläche geschickt der Gewölbesituation angepaßt. Eine altarbildhafte Komposition staffelt die Figuren diagonal versetzt übereinander. Am nordöstlichen Bildrand kniet Maria mit gekreuzten Händen an einem Betpult, in die Lektüre des Buches fromm versunken; neben ihr ein Sessel. Dieses Motiv ist in betonter Untersicht dargestellt. Darüber erscheint der Verkündigungsengel, der auf einer Wolkenbank kniend herabgeschwebt ist; er hält die Lilie in der Linken und verweist mit der Rechten auf die Taube des Hl. Geistes, die im westlichen Bildteil in einem lichterfüllten Spalt zwischen den hochgerafften Vorhangdraperien sichtbar wird.
Untersicht, Lichtführung und Bewegung der Figuren erzielen einen stimmungsvollen Illusionismus, der von der Farbgebung unterstrichen wird. Im Helldunkel des Raumes werden nur der Kopf Mariens und der in Weiß und Ocker gekleidete Engel vom Lichtstrahl erfaßt, während das Blau und Rostrot der Gewänder Mariens und der blaurote Vorhang im Schatten bleiben.
B1-2 JOACHIM UND ANNA Die in den breiten Kappen über den Fenstern befindlichen Halbfigurenmedaillons mit den Darstellungen der Eltern Mariens sind quergestellt und berühren fast das Hauptbild.
B1 JOACHIM mit Hirtenschaufel, Buch und zwei Opfertauben, Gewandfarben Ocker und Blauviolett.
B2 ANNA als ältere Frau mit Kopfschleier, im Gebet an einem Pult mit aufgeschlagenem Buch, Gewandfarben Gelb und Grün.
Quellen und Literatur
StAM, Archiv Törring-Seefeld II, Kirchenrechnungen 1697–1819. Bd 1789, s.v. St. Sebastian, Filialkirche von Egling, ... fol. 523.
Braun-Augsburg, Bd 1, S. 397
Steichele-Schröder, Bd 2, 1864, S. 460
Heimatbuch Fürstenfeldbruck (o.V.), Fürstenfeldbruck 1952. S. 236.
Landkreis Fürstenfeldbruck (o.V.), Heimatbuch, Pörsdorf 1963, S. 129.
Dehio-Gall OB, S. 63
Historischer Atlas I, Bd 22/23, S. 136.
Kraft, Klaus und Florian Hufnagel, Landkreis Fürstenfeldbruck (= Baudenkmäler in Bayern, Bd 12), München 1978, S. 76.
Kunst- und Kulturdenkmäler, S. 381.
Dehio 1990, S. 1302.
DC