Walchensee, Alte Pfarrkirche St. Jakobus Major
Alte Pfarrkirche, Gemeinde Kochel, Diözese Augsburg; z. Z. der Ausmalung Filialkirche der Pfarrei Kochel, die Kloster Benediktbeuern inkorporiert war, Klostergericht Benediktbeuern
Patrozinium: St. Jakobus Majo
Zum Bauwerk: Weihe einer ersten Kirche 1291. Der Bau von 1603 wurde nach dem Riß des Benediktbeurer Laienbruders Lucas Zais 1712/14 zum bestehenden Bau umgestaltet; Bauausführung durch Marx Hainz, Stuck Joseph Hainz. Altäre Lucas Zais.
Saal zu zwei Jochen mit flacher Altarnische im N in voller Raumbreite, zwei flache Nebenaltarnischen im W und O, im S Empore. Nach N gerichtet
Auftraggeber: Abt Magnus Pachinger von Benediktbeuer (1707-42); amtierender Pfarrvikar P. Landfrid Wies (1707–20)
Autor und Entstehungszeit: Der Autor der Deckenbilder ist von Carolus Meichelbeck überliefert: »Die ideam dises neuen schönen Kirchls hat gemacht R. F. Lucas Zais, allhie Profeß, welcher auch die Fresco-Mahlerey selbsten verfertigt.« Diese Angaben werden durch die Kirchenrechnungen von St. Jakob in Walchensee bestätigt (Mindera 1939, S. 37). Lucas (Andreas) Zais, * 1674 Lambach/OO. † 1739 Benediktbeuern, war Sohn eines Goldschmieds. Bei wem er seine Malerausbildung erhielt, ist nicht bekannt. Ab 1702 war er Laienbruder in Benediktbeuern (Profeß 1. 1. 1702; Angaben bei Lindner, S. 82).
Seine Tätigkeit im Auftrag des Klosters, häufig zusammen mit dem Maurermeister Marx Hainz und dessen Sohn, Maurerpalier und Stukkator Joseph Hainz und dem Kistermeister Michael Ötschmann, weist Zais als vielseitigen Maler und Zeichner aus (Riß für Gebäude und Altäre, Heiliges Grab, Altarblätter, Supraporten, Deckenbilder).1717/18 war Lucas Zais für die fürstbischöfliche Residenz in Freising tätig (Schmid, S. 76).

Die Fresken in St. Jakob am Walchensee sind seine ersten und zugleich die einzigen für Lucas Zais archivalisch gesicherten Deckenbilder. Diejenigen im Kloster Benediktbeuern, Ökonomiehof (1715/20, S. 132) und ehem. Schlafraum (1722, S. 94f.), in Klösterl (1728, S. 195) und Bad Heilbrunn (1726, S. 21–24) sind Zuschreibungen an Lucas Zais, welche durch den stilistischen Befund bestätigt werden.
Allen Deckenbildern gemeinsam ist das Fehlen einer übergreifenden Gesamtkomposition. Der – ebenfalls nicht folgerichtig angelegte - Schauplatz ist stets in die vorderste Bildebene verlegt und gleichmäßig kompakt mit Figuren, Wolken und Architekturteilen angefüllt, was in detailreichen Szenen (Klösterl, Walchensee, Bad Heilbrunn) etwas unübersichtlich anmutet. Diese Wirkung verstärken die ausfahrenden Bewegungen der Figuren und die sperrige Faltenführung der Gewänder. Auch der Figuralstil zeigt charakteristische Merkmale: gelängte, schlangenartig bewegte Körper, besonders der Engel, länglicher Gesichtstypus mit hochgewölbter Stirn, schräggestellten Augen und feingezeichneter Mund-Nasen-Partie. Typisch auch die gehäuft auftretenden geflügelten Puttoköpfchen. Als Farben verwendet Zais bevorzugt erdgebundene Farben wie Ocker, Braun, Rostrot und Grün.
Befund
Träger der Deckenmalerei: Korbbogentonne mit Stichkappen
Rahmen: A Stuckprofil, B Stuckprofil mit Akanthus besetzt, 1, 2, 5, 6 stuckiertes Profil mit Lorbeerblattkranz, 3 und 4 Stuckkartusche
Technik: Fresko; A, B polychrom, 1 und 6 monochrom ocker, 2 und 5 monochrom grau, 3 und 4 monochrom rotbraun
Maße: A Höhe 8,00 m; 3,20 × 4,20
B Höhe 8,00 m; 2,70 × 4,00
Erhaltungszustand und Restaurierungen: A und B und besonders 1–6 stark übermalt, A durch die frühere Orgel durchstoßen und 1961 bei Aufstellung einer neuen durch Helmut Knorr, Grafing, ergänzt.
Beschreibung und Ikonographie
A ERSCHEINUNG DES HL. JAKOBUS IN DER SCHLACHT BEI CLAVIGO Das einansichtige Fresko verlangt einen Betrachterstandort am Kircheneingang unterhalb der südlichen Bildhälfte; dort verdeckt aber die
Empore den größten Teil des Bildes, eine Gesamtansicht wird erst unterhalb des N-Randes des Freskos möglich (Überschneidung des südlichen Bildrandes durch Orgelpfeifen).
Die leicht breitformatige Darstellung wird zur Hälfte von einer kämpfenden Menschenmenge mit Pferden eingenommen, darüber in einer wolkengesäumten, von Putti besetzten Himmelsöffnung erscheint der berittene Heilige. Durch den halbkreisförmigen Wolkenrand und die durch Lanzen Zelte und Fahnen an den Bildrändern hochgezogene Bodenzone wird die Illusion einer Schrägsicht in ein Himmelsrund (vgl. B) mit umlaufender terrestrischer Darstellung angedeutet. Die symmetrische Komposition zeigt im ganzen Bild eine stark gerichtete Bewegung von links nach rechts. Der Heilige ist durch Untersicht als oberhalb der Kämpfenden anzusehen und in der helleren Zone unterschieden; die Darstellung seines Pferdes, besonders von Kopf und Vorderhand, wird schablonenhaft im sehr viel weniger untersichtig gegebenen terrestrischen Bereich wiederholt, was die Anschaulichkeit von »oben« und »unten« fraglich werden läßt.
Die durchwegs stark gesättigten Farben (vgl. Befund) begünstigen eine Trennung von himmlischem und terrestrischem Bereich nicht; es herrschen rotbraune und grünbraune Erdtöne vor, in der Himmelsglorie, die stark ockerfarbig mit Graubeimischungen erscheint, ist der Heilige auf seinem Pferd durch graugebrochene Weißtöne herausgehoben. Das Fresko wirkt schwer an der hellfarbigen Decke. St. Jakobus Major, als Patron der Pilger und Wallfahrer in Benediktbeuern und in der Kirche am Walchensee an der alten Pilgerstraße nach Rom verehrt, ist selbst als Reiter in der Tracht des Pilgers dargestellt: die Füße in Sandalen, mit großem Hut und Pelerine, an beiden die Pilgermuscheln (die als Symbol in der Stukkatur der Kirche überall wiederkehren), in der Linken das Kreuzesbanner, in der Rechten ein strahlendes Kreuz erhoben. Sein legendäres Eingreifen in der Schlacht bei Clavigo 844 durch dessen Hilfe der spanische König Ramiro I. über die Mauren siegte, ist ein spanischer Zusatz der Legende (Ribadeneira-Hornig, Bd 2, S. 96). Der Typus des »Mata-moros« (Maurentöter) ist im deutschsprachigen Raum seltener dargestellt (vgl. noch Lenggries, St. Jakob, Chorfresko, S. 211 und C. D. Asam, Klosterkirche Ensdorf/ OPf., 1714). Hier werden die Mauren als Orientalen, mit Turban und Krummschwert, charakterisiert, ihre Zelte sind vom Halbmond bekrönt.
B GLORIE DES HL. JAKOBUS Einansichtiges Queroval mit Betrachterstandpunkt unter dem südlichen Gurtbogen. Die illusionistische Deckenöffnung mit dem Heiligen zwischen Engeln und Putti auf Wolken wird durch eine gemalte Balustrade gebildet, über die Putti eine reale Lampenschnur herablassen und deren Sockel anschaulich auf den Einschwüngen des Stuckrahmens des Bildes aufruhren. Der Bildanlage in A entspricht die Schrägsicht in eine illusionistische Raumöffnung, die hier durch untersichtige und verkürzte Scheinarchitektur weitaus überzeugender wirkt. Dem wird nicht gerecht die Farbgebung: Die große Figur des Heiligen ist in kräftigen Braun-, Rot- und Ockertönen gegeben, die gegen die graugetönte, teilweise lichtfarbige Balustrade mit dem hellen Himmelsausblick dahinter nicht entrückt sondern lastend erscheint. Der kniende Heilige im Strahlennimbus trägt das Pilgergewand mit Pilgermuschel und Stab, Engel neben ihm halten das Schwert seines Martertodes und sein Schweißtuch, das er dem bekehrten Philetus als Heilszeichen reichte (LA-Benz, Sp. 637) sowie die Martyrersymbole Lorbeerkranz und Palmzweig.
1-6 JAKOBUS-SZENEN Monochrome, jeweils farblich paarweise zugeordnete Ovalmedaillons (1, 6 und 2, 5) sowie Kartuschen (3, 4) mit vielfigurigen Szenen in tafelbildmäßigem Aufbau.
HEILUNG EINES LAHMEN Jakobus legt einem Kranken die Hände auf. Nach der Legende heilte er auf dem Wege zur Richtstätte einen Lahmen (LA-Benz, Sp. 637).
MARIA DEL PILAR Die Madonna erscheint St. Jakobus in Saragossa auf einer Säule. Die Szene beruht auf einem spanischen Zusatz der Legende, wonach die Madonna Jakobus in der Vision zur Missionierung aufruft. (Ribadeneira-Hornig, Bd 2, S. 94 f.)
JÄKOBUS VOR HERODES AGRIPPA Jakobus steht vor dem Thron des Herodes, die Linke zum Himmel erhoben, hinter ihm ein Soldat, der die Rechte wie zum Schwur erhebt. Die im Vordergrund dargestellten Folterinstrumente bzw. Gefängnisfesseln weisen auf seine Verurteilung hin.
ENTAUFUNG DES HL. JAKOBUS Im Fresko ist Jakobus dargestellt, wie er sein Pilgergewand ablegt und den Streich des Henkers erwartet. Nach der Apostelgeschichte (Act. 12, 2) erlitt der Heilige den Tod durch Enthauptung auf Befehl des Herodes Agrippa (vgl. 3).
JÄKOBUS IM STREITGESPRÄCH MIT DEN IRRLEHRERN Der Heilige steht mit dem Evangelium vor zwei Bärtigen und einem Mann mit verhülltem Haupt, die beschwörend die Hände heben. Dargestellt sind wohl der Magier Hermogenes mit seinem Schüler Philetus und ein weiterer heidnischer Irrlehrer (LA-Benz, Sp. 637).
TAUFE DES JOSIAS Vor einer Menschenansammlung empfängt der kniende Josias durch Jakobus die Taufe. Der Hohepriester Abiathar beauftragte einen Schriftgelehrten, Josias, den Heiligen gefangenzunehmen, um ihn Herodes Agrippa auszuliefern. Auf dem Weg zur Hinrichtung bekehrte und taufte Jakobus den Josias (LA-Benz, Sp. 637).
Quellen und Literatur
Meichelbeck, Carolus, Archivum Benedictoburanum Bd 2, Schüblad 101.D, fol. 65, BSB Meichelbeckiana 21.
Braun-Augsburg, Bd 1, S. 348.
214411 Emerich, Karl, St. Jakob am Walchensee, in: Kalender für katholische Christen 70, Sulzbach 1910/11, S. 52 ff.
Lindner, Pirmin, Fünf Profeßbücher süddeutscher Benediktiner-Abteien, IV. Benediktbeuern, Kempten und München 1910, S. 82, Nr. 15.
Schmid, Anton, Die Nachblüte der Abtei Benediktbeuern nach dem dreißigjährigen Kriege, Salzburg 1924, S. 74, 76 Mindera, Karl, Benediktbeuern, Das Handwerk im Dienste der Kunst auf dem Boden der Grundherrschaft Benediktbeuern, München 1939, S. 37, 58 f.
Dehio-Gall OB, S. 224.
Mindera, Karl, Benediktbeuern (= GKF, Nr. 23), München 31970, S. 28, 42.