Tacherting, Friedhofskapelle St. Anna
Ehem. Bruderschaftskapelle der St.-Anna-Bruderschaft. Das Hauptfest der Bruderschaft wurde am Sonntag nach St. Anna (26. 7.) gefeiert.
Patrozinium: St. Anna
Zum Bauwerk: Die Kapelle ist erstmals 1511 urkundlich bezeugt. Dabei handelt es sich um den gotischen Ostteil der heutigen Kapelle, der wohl ursprünglich Friedhofskapelle mit Karner war. Der Westteil des Baus entstand wesentlich später. Als 1765 die nötigen Reparaturen an den Kirchen des Gerichts Trostberg festgestellt und die Kosten dafür ratifiziert wurden (StAM, Pfleggericht Trostberg 125), wurden für die Annakapelle 485 fl. genehmigt. 1768 wurde eine erste Teilsumme von 133 fl. ausgegeben, hauptsächlich für Dachreparaturen. Das Untergeschoß wurde mit Schutt und Rippenteilen vom Umbau der gotischen Pfarrkirche durch Franz Alois Mayr 1765/67 aufgefüllt. 1776 stand die eigentliche Reparatur noch aus – die Kapelle sei noch in üblem Zustand, wird gesagt. Vor 1780 wurden die Arbeiten aber ausgeführt. In dieser Zeit entstand wohl der Westteil. Innenausstattung mit Ausmalung, sparsamem Stuck und Bruderschaftsaltar 1780.

Langer, schmaler und hoher rechteckiger Saal (11,15×3,85), je zwei Fenster im N und S, ohne Gliederung, Eingang von W.
Auftraggeber: Pfarrer von Peterskirchen war z.Z. der Ausmalung Sebastian Seiser (1769–1801), der nach langer Amtszeit am 11.8. 1801 im Alter von 79 Jahren in Peterskirchen starb. Vikar von Tacherting war Joseph Anton Reitmayr (1778–87), ein Bauerssohn aus der Einöde Niederloh der Pfarrei Buchbach (* 27.7.1736). Finanziert wurde die Freskierung wohl von der St.-Anna-Bruderschaft oder einigen ihrer Mitglieder; darauf weisen die Porträts in Fresko B hin.
Autor und Entstehungszeit: Franz Joseph Soll (* 1734 Friedingen an der Donau † 1798 Trostberg, s. S. 382) 1780. Signatur am östlichen Bildrand von B: F.J. Soll. Trostberg. Chronogramm in einer Kartusche zwischen den beiden Deckenbildern SACELLO / GENITRICIS / ALMAE VIRGINIS / HONORIBVS / SACRO / NOVVS HIC NITOR / ACCES- SIT (= 1780; der heiligen Kapelle der hohen Jungfrau und Gebärerin ist neuer Glanz zugewachsen).
Ein Vergleich der Bilder mit dem Fresko in der Pfarrkirche zeigt die Entwicklung Solls zu einer Verfestigung von Kompositionen und Figurengestaltung, zu mehr Körperlichkeit und klareren Umrissen. Doch ist der Einfluß Heigls noch stark spürbar, z.B. in der schönen Himmelsgruppe von Fresko B, die zu den besten Arbeiten Solls zählt. Von Franz Joseph Soll ist auch das Altarblatt mit der Darstellung der Heiligen Familie, signiert und datiert 1780.
Nach der Überlieferung in Tacherting hat sich Soll in der Gruppe der Bruderschaftsmitglieder in B selbst dargestellt. Das ist nicht unwahrscheinlich, Soll stellte sich und seine Frauen gern dar. Ein Vergleich mit den Doppelporträts Solls mit seiner zweiten Frau Rosalia Späth im Stadtmuseum Trostberg und in Kirchweidach (1787; CBD, Bd 9, S. 116) ergibt, daß die Dame in rosa Kleid und schwarzem Spitzenhäubchen, die eine mehrreihige Perlenkette trägt, Rosalia Späth sein könnte (die Perlenkette ist auch auf den beiden Vergleichsporträts zu sehen). Als Soll selbst ist der Mann in der Bruderschaftskutte neben der Dame zu identifizieren: er hat die für Soll typische Knollennase, das kräftig vorstehende Kinn und die etwas vorstehenden Augen mit den starken Tränensäcken.
Befund
Träger der Deckenmalerei: Flachdecke Rahmen: Stuckprofil Technik: Fresko; polychrom Maße: A Höhe 5,50m; 4,15×2,10 B Höhe 5,50m; 4,60×2,10
Erhaltungszustand und Restaurierungen: Bei einer Erneuerung der Kapelle 1877 wurde der Raum mit »Leimfarbe, Schablonenmuster und Imitationsgold« gefaßt (BLfD, Voranschlag Zunhamer 31.1.1978). Damals und/oder bei der Restaurierung 1914 durch Vitzthum und Schlee wurden Übermalungen an den Deckenbildern vorgenommen, im ganzen aber blieben die Fresken weitgehend original erhalten. Letzte Restaurierung 1979/80 durch Martin Zunhamer, Altötting, mit Wiederherstellung der alten Raumfassung und Reparatur des Stucks durch Hans Zerle, Bad Reichenhall. Die Deckenbilder wurden vom Pilzbefall befreit und gereinigt, die Übermalungen wurden abgenommen; sie sind jetzt in gutem Zustand.
Beschreibung und Ikonographie
Die beiden Bildfelder haben die gleiche Form, längsformatig, der Rahmenverlauf wechselt in geschwungenen und geraden Stücken. Beide Bilder sind einansichtige Szenen mit der Ansicht nach Osten, fast ohne Versuche von Untersicht oder Verkürzungen.
A MARIAE TEMPELGANG Das Innere des Tempels ist durch die in zarten Farben angedeutete Rundung eines Kuppelraums dargestellt. Links ragt eine Säule auf, an der eine grüne Draperie mit Schnüren und Quasten befestigt ist. Im Hintergrund des Raums sieht man eine Bogenöffnung, die durch einen Vorhang verschlossen ist. Eine steile Stufenanlage führt in den Raum ein und gibt mit der Draperie dem Schauplatz eine bühnenhafte Wirkung. Über Stufen ist rechts ein Altaraufbau errichtet, auf dem die Gesetzestafeln, ein geöffnetes Buch und hohe seitliche Kerzenleuchter zu sehen sind. Vor dem Altar steht der weißbärtige Hohepriester mit der hornförmigen Mitra, dem Ephod vor der Brust und den Glöckchen am Saum. Er beugt sich dem Mädchen Maria zu, das mit gefalteten Händen vor ihm steht. Anna steht hinter Maria und präsentiert sie dem Hohenpriester, während Joachim links kniet. Auf den Stufen im Vordergrund sieht man ein Bündel, Kanne und Tuch.
B ANNA EMPFIEHLT DIE BRUDERSCHAFT DER DREIFALTIGKEIT Schauplatz ist ein schmales Wiesenstück mit Baumstumpf und Blattwerk als Repoussoir im Vordergrund. Links schließt den Schauplatz der Ansatz einer nach hinten geschwungenen Gartenmauer ab, auf dem eine Ziervase steht. Auf dieser kleinen Landschaftsbühne präsentiert sich eine Gruppe von sieben Männern und Frauen, angeführt von einem jugendlichen Geistlichen in Chorkleidung – die St.-Anna-Bruderschaft von Tacherting. Der Geistliche blickt mit ausgebreiteten Armen zum Himmel auf, wo in Wolken, von Puttenköpfchen begleitet, Anna und Maria dargestellt sind, im Bildtyp »Anna lehrt Maria«, wobei ein Putto ein geöffnetes Buch hält. Maria hat die Hände gefaltet; Anna weist mit der geöffneten Linken in einer empfehlenden Geste auf die Bruderschaft, während sie nach oben zur Dreifaltigkeit blickt. Christus mit dem Kreuz und Gottvater mit dem Zepter thronen auf Wolken an der Weltkugel. Über ihnen schwebt, von Strahlen umgeben, die Geisttaube.
Von den Personen, die mit dem Geistlichen dargestellt sind, tragen vier Männer und eine Frau die violette Bruderschaftskutte, die auch das Haupt bedeckt, und halten Rosenkränze in Händen. Sie haben alle Bruderschaftsstäbe bei sich (Inschrift auf dem Schild Heilige Anna bitt für unß). Der Stab des Geistlichen ist durch ein Velum ausgezeichnet. Zwei Frauen sind bürgerlich gekleidet, die ältere in Schwarz, die junge in rosafarbenem Kleid mit schwarzem Spitzenhäubchen.
Mehrere – wenn nicht alle – Personen dieser Gruppe sind wohl zeitgenössische Porträts. Der Geistliche, der wohl den Präses der Bruderschaft darstellt, kann der damals 44jährige, in Tacherting zur Seelsorge aus Peterskirchen exponierte Vikar Joseph Anton Reitmayr sein, eher als Sebastian Reiser, Pfarrer von Peterskirchen, der damals schon 58 Jahre alt war. In der jungen Frau mit Perlenkette und dem Mann in Bruderschaftstracht am rechten Bildrand ist das Ehepaar Soll zu vermuten. Bei den übrigen handelt es sich wohl um Stifter der Ausmalung.
Das Altargemälde von Franz Joseph Soll zeigt die hl. Anna sitzend, mit dem Jesuskind auf dem Arm. Vor ihr kniet die jugendliche Maria und liebkost das Kind. Im Hintergrund links ist Joseph, der Mann Mariens, und rechts Joachim, der Mann Annas, dargestellt, darüber Gottvater und die Taube des Heiligen Geistes. Im Auszugsbild erscheint König David mit der Harfe.
Die beiden Figuren Elisabeth und Zacharias, die auf den Durchgängen zu Seiten des Altars stehen, sind Johann Georg Kapfer zuzuschreiben. Mit ihnen wird das Thema von der Heiligen Familie weitergeführt.
Quellen und Literatur s. S. 174