Tittmoning, Kreuzabnahme-Kapelle an der Stadtpfarrkirche
TITTMONING
Stadt und Pfarrei Tittmoning, Erzdiözese München und Freising. Ehem. Erzdiözese Salzburg. Fürstbischöflich Salzburgisches Stadtgericht Tittmoning
Kreuzabnahme-Kapelle. Wallfahrtskirche Maria Ponlach, S. 180
Kreuzabnahme-Kapelle an der Stadtpfarrkirche. Die Kirche war seit 1633 Stiftskirche des Kollegiatstifts Tittmoning.
Zum Bauwerk: Die sog. Kreuzabnahme-Kapelle ist nicht eigentlich eine Kapelle, sondern eine kapellenähnlich ausgestaltete Familiengrablege in Form eines späteren Einbaus am Chor der spätgotischen Kirche St. Laurentius, an der Außenwand zwischen dem östlichen und nordöstlichen Strebepfeiler (in den anderen Zwischenräumen der Strebepfeiler befinden sich weitere Grablegen, s. Goerge 2003). Die Grablege wurde um 1715 gekauft, die Errichtung der Kapelle ist vor 1722 anzusetzen (s. Auftraggeber), als Baumeister wird der Tittmoninger Maurermeister Johann Pattinger angenommen.
Nach vorne offener Raum zwischen zwei Wandpfeilern (2,40×4,30 m), zum Kirchplatz hin mit einem niedrigen Gitter abgeschlossen. Gewölbte Decke mit einfachem Bandwerkstuck der späten Stilphase, der Johann Pattinger zugeschrieben wird. Die gesamte Rückwand der Kapellennische wird von einer plastischen Darstellung eingenommen. Die Basis bildet ein sog. Arme-Seelen-Kerker, zweigeteilt, in der Mitte ist das
Epitaph des Stifters. Darüber ist die Gruppe der Kreuzabnahme in sieben lebensgroßen geschnitzten Figuren, die von Goerge und Nadler/Hildebrandt dem Tittmoninger Bildhauer Richard Högner zugewiesen werden, der bis 1734 als Bürger und Bildhauer in Tittmoning ansässig war († 28. 8. 1734 nach langem Siechtum).
Auftraggeber: Kaspar Wilhelmseder, Bürgermeister von Tittmoning, Weingastgeb und Schiffmeister, der hier eine Familiengrablege errichten ließ. Das mittlere der vier Epitaphien in der Kapelle, das unter dem Sockel des Kreuzes zentral angebracht ist, wurde für ihn und seine Frau noch zu ihren Lebzeiten angefertigt, mit Leerstellen für die später einzutragenden Todesdaten. Auf ihm heißt es, Kaspar Wilhelmseder habe »dises Epitaphium für Ihme und gedachter seiner Hausfrauen, Künder, Kündtskünder ... an sich erkhaufft und aufrichten lassen«. Die Kreuzabnahme-Kapelle ist damit vor 1722 zu datieren. Kaspar Wilhelmseder wurde am 4.1.1657 in Tittmoning geboren. Er heiratete am 26.9.1679 Maria Elisabeth Peyer, bekam im gleichen Jahr das Bürgerrecht, erwarb eine Weinwirtschaft (heute Gasthof Zur Post) und hatte mit seiner Frau zwölf Kinder. 1687 wurde er Schiffmeister, war 1687 bis 1702 Ratsherr, dann zweiter Bürgermeister und von 1708 bis zu seinem Tod erster Bürgermeister von Tittmoning. Er starb am 1.8.1722 im Alter von 66 Jahren, seine Ehefrau Maria Elisabeth geb. Peyer kurz vor ihm, am 18.4. 1722 im Alter von 61 Jahren.
Autor und Entstehungszeit: Zuschreibung an Adam Panhammer (* 1672 Tittmoning † 1727 Tittmoning) vor 1722. Die Datierung vor 1722 ist gesichert. Daß die Ausstattung nicht lange vor dem Tod des Stifters entstand, zeigt der sparsame Stuck in den Formen der frühen zwanziger Jahre: flaches Bandwerk, das ornamental verschieden gestaltete Felder ausbildet (KDB: Stuck um 1720). Das Deckenbild kann man deshalb mit Sicherheit dem damals in Tittmoning ansässigen Bürger und Maler Adam Panhammer zuweisen, der praktisch alle Malerarbeiten in Tittmoning ausführte. Eine stilistische Zuweisung ist nicht möglich, das Deckenbild ist zu sehr erneuert. Adam Panhammer hatte 1718/19 die Deckenbilder für die Tittmoninger Wallfahrtskirche Maria Ponlach gemalt (S. 182)
Befund
Träger der Deckenmalerei: Quertonne. Rahmen: Einfacher runder Stuckprofilrahmen. Technik: Das mehrfach überarbeitete Deckenbild war wohl ursprünglich in Secco-Technik auf Putz gemalt; polychrom. Maße: Höhe 6,30 m; Durchmesser 1,40.
Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1906 führte der Stiftsmaurermeister Jakob Lindner Baureparaturen an der Stiftskirche aus. Die Decken wurden erneuert, die Wandflächen neu getüncht. 1930 wurden die Außenkapellen durch den Maler und Bildhauer Johann Petz, Landshut, restauriert. Damals wird in einem Brief der Stiftungsadministration an das Bezirksamt Laufen an eine 50 Jahre zurückliegende Restaurierung »in schlicht handwerklicher Art« durch einen Maler Pöllmann hingewiesen (28.7.1930, BLfD). Erneute Restaurierung der Außenkapellen 1959 durch Ludwig Keilhacker, Taufkirchen. Keilhacker beschrieb die nötige Arbeit: »Den Hintergrund abkratzen und einstimmen. Das Mauerwerk samt dem Stuck abkratzen, fehlende Stuckierungen neu auftragen«. Risse und Löcher vergipsen. »Mit Kalkweiß tünchen und farbig abfassen. Das Deckenbild von den Übermalungen befreien und einstimmen.«.
Die nächste Restaurierung der Kreuzabnahme-Kapelle wurde von Franz Nefzger, Surheim, 1976 ausgeführt: »Mauerwerk einschließlich Stuckornamenten abgekratzt, gekalkt und farbig gefast. Deckenbild und Hintergrund gereinigt und restauriert, Figuren restauriert« (Rechnung Nefzger vom 8.7.1976). Eine erneute Restaurierung wird vorbereitet.
Beschreibung und Ikonographie
Die große plastische Darstellung in der Kapelle zeigt in der Sockelzone rechts und links vom mittleren Stifterepitaph zwei nach vorn vergitterte kerkerähnliche Räume, in denen die Flammen des Fegfeuers lodern. Arme Seelen, nackte Gestalten in Halbfigur, recken flehend die Arme. Darüber ist auf einem bühnenähnlichen Tuffsteinsockel die Kreuzabnahme dargestellt, hinter der an der Kapellen-Rückwand ein Wolkenhimmel gemalt ist. In der Mitte ragt bis an die Wölbung das Kreuz Christi auf. Zwei hohe Leitern sind an das Kreuz gelegt, auf ihnen stehen Joseph von Arimathäa und Nikodemus. Vorsichtig lassen sie zwischen sich den vom Kreuz abgenommenen Leichnam Christi herab.
Rechts stehen klagend Maria und Johannes. Auf der anderen Seite des Kreuzes sind zwei große Engel zu sehen; der obere fliegt vor dem gemalten Wolkenhimmel und präsentiert die Nägel, der untere hält in beiden Händen je einen Kelch, mit der Rechten nach oben, um das Blut Christi aufzufangen, mit der Linken nach unten, um das Blut als Heilsmittel auf die Armen Seelen auszugießen.
A GOTTVATER MIT ENGELN An der Decke ist ein rundes Bildfeld, das Gottvater zeigt, das Haupt vor einer glorienähnlichen Auflichtung des bewölkten Himmels. Er trägt ein weißes Gewand und einen auffliegenden roten Mantel – diese Farben sind nicht die Farben Gottvaters (violett/gelb) und dürften auf eine Restaurierung zurückgehen. Gottvater hält das Zepter in der erhobenen Rechten und hat die Arme weit ausgebreitet. Seinen Fuß hat er auf die Weltkugel gestellt, die ein Engel trägt. Zwei weitere Engel begleiten ihn.
Der Wolkenhimmel in der Lunette hinter dem Kruzifixus ist sicher nicht mehr original.

In der Stiftskirche befindet sich an der Nordseite die Kreuzkapelle, 1697/98 ausgebaut. Für sie schuf der Tittmoninger Maler Anton Hammer (S. 379) ein Deckenbild, das 1698 in den Kirchenrechungen abgerechnet ist: »Anthonien Hamer, Bürger und Maler alhier, um daß er in der neuen Capelen in der Heche des Gewölbs ein Bladt gemalen ... (u. a.) 16 fl.« (Stiftsarchiv Tittmoning, Kirchenrechnungen 1698, s. Hofmann 1969). Es ist heute durch ein neubarockes Deckenbild ersetzt.
Quellen und Literatur
Kunstreferat der Erzdiözese München und Freising: Stefan Nadler und Maria Hildebrandt, Kath. Pfarr- und Stiftskirche St. Laurentius in Tittmoning. Dokumentation zur Bau-, Ausstattungs- und Restaurierungsgeschichte (mit Bearbeitung aller einschlägigen Archivalien), Typoskript 2004.
BLfD, Akten Tittmoning, Pfarr- und Stiftskirche St. Laurentius.
KDB I OB (3), S. 2807
Hofmann, Sigfrid, Die Stadtpfarrkirche St. Laurentius zu Tittmoning. Beiträge zu ihrer Bau- und Kunstgeschichte aus den Kirchenrechnungen des 17. und 18. Jahrhunderts, in: Das Salzfass 3, 1969, S. 19–26.
Schmidt, Yvonne, Die Ausstattung der Kirchen, in: Heimatbuch des Landkreises Traunstein, Bd V, Trostberg 1990, S. 201–60. Kreuzabnahmekapelle S. 234 f., Abb. 32.
Goerge, Dieter, Die Tittmoninger Schiffmeisterfamilie Wilhelmseder und ihr Nasenschild am Gasthaus »Zur Post«, in: Das Salzfass 33, 1999, S. 37–48.
Goerge, Dieter, Geschichte in Erz und Stein. Tittmoninger Inschriften und Steindenkmale aus fünf Jahrhunderten, Tittmoning 2003, S. 69–72. A. B.