Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 9: Landkreis Altötting. Hirmer, München 2003, ISBN 978-3-7774-9690-0, S. 230–234, geschrieben von Böhm, Cordula. Original (Passwortgeschützt)
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Schloß Tüßling

Neubau des Schlosses 1581/83 durch Johann Veit Freiherrn von Törring. Das ehemalige Wasserschloß ist eine Vierflügelanlage mit Ecktürmen um einen quadratischen Hof. Z. Z. der Ausmalung war Tüßling Hofmark im Besitz der Reichsgrafen von Wartenberg (1659-1736; seit dem 15. Jh. im Besitz der Ritter, ab 1566 der Freiherren von Törring, 1629 des Markgrafen Nestor Pallavicini, 1736-1806 der Grafen von Haßlang 1806–1902 der Freiherren von Mändl-Deutenhofen, 1902–05 der Freiherren von Peckenzell, ab 1905 der Freiherren von Michel). Gericht Neuötting. Das Schloß befindet sich in Privatbesitz

Schloßkapelle im Erdgeschoß des Ostflügels nördlich des Haupttors. Das Besetzungsrecht auf das Schloßbenefizium St. Georg und St. Vitus, gestiftet 1726, hatte die jeweilige Schloßherrschaft Tüßling.

Patrozinium: St. Vitus

Zum Bauwerk: Weihe der Kapelle am 8.9.1611. Im Jahr 1707 brachte ein Brand die Kapellendecke teilweise zum Einsturz »Nach der Brunst aber ist diese Capella erst vor ainem Jah wiederumben abgeputzt und mit einem Altar versehen word ten« (Schreiben des Grafen von Wartenberg am 10.1.1713 an Propst Gelasius von Gars). Dieser Altar ist vermutlich der noch bestehende (Altarblätter 19. Jh., das ursprüngliche Altarbild zeigte die Anbetung der Könige). Im Zusammenhang mit der Neuverputzung wird auch das barocke Gewölbe eingezogen und mit Stuck und Gemälden geschmückt worden sein. Etwa quadratischer Raum (8,00×7,50 m; Höhe der Empore 3,76 m), nach O gerichtet. Die glatte Nord- und Südwand sind fensterlos bis auf 2 Oratorienfenster im Obergaden. Belichtung durch je 2 übereinanderliegende Ostfenster seitlich des Altars und auf der Westseite durch Fenster seitlich des Eingangs. Empore im Westen.

Stuckierung an Decke, Empore, Wänden (Apostelleuchter) und am Hochaltar um 1712. Der Stuck zeigt Verbindungen zum Wessobrunner Stuck der Stilstufe um 1710, aber auch Experimentierfreude im ornamentalen Detail. Dem gleichen Meister kann der Stuck in der Zimmerflucht an der Südseite des zweiten Obergeschosses zugeschrieben werden. Hier werden die im Deckenspiegel meist regelmäßig ausgeführten Akanthusranken in den Hohlkehlen durch verschiedene pflanzliche Motive erweitert, sie erinnern an den Stuck der Sakristei von Bockhorn, der mit J. B. Zimmermann in Verbindung gebracht wird (LKr. Erding, CBD Bd 7, S. 59).

Auftraggeber: Ferdinand Marquard Joseph Antonius Reichsgraf von Wartenberg, Hofmarksherr zu Tüßling (1659–1730).

Autor und Entstehungszeit: Autor unbekannt, um 1712 Der Autor gehörte zu dem Münchner Malerkreis um Johann Anton Gumpp; möglicherweise stammt die Ausmalung von Johann Jakob Würmseer aus Oberammergau. Die Datierung in die kaiserliche Besatzungszeit, als der Münchner Hof abwesend war und die Künstler ohne Arbeit waren, kann auch für einen Münchner Maler sprechen.

Die Ölgemälde an der Empore gehören stilistisch und zeitlich zum Deckenbild.

Befund

Träger der Deckenmalerei: ganz flaches verschliffenes Kreuzgewölbe

Rahmen: A Stuckprofil, 1-4 Ovalmedaillons in Akanthustuck, EB1-5 Stuckleisten in Blütengirlanden

Technik: Öl auf Putz; polychrom

Maße: A Höhe 8,00 m; 3,80×3,80 m

EB1-4: 0,70×0,80 m

EB2: 0,70×1,20 m (halbrund)

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Restaurierung 1902, bei der viele Risse geschlossen werden mußten, die durch den Umstand, daß die Kapelle über den Kellergewölben der Brauerei liegt, entstanden waren. Letzte Restaurierung in den 60er Jahren durch eine Münchner Firma. Die Gemälde sind offensichtlich übermalt. In A ist die barocke Malerei gut erkennbar, während die Bilder der Evangelisten übergangen sind.

Beschreibung und Ikonographie

A MARTYRIUM DES HL. VEIT Die etwa quadratische Decke ist mit Akanthustuck überzogen, in den das vierpaßförmige Mittelbild und die vier Eckmedaillons eingelassen sind. Strukturierende Dekorationselemente sind je zwei gegenläufige S-Bögen in den Achsen und vier Palmetten über den Begleitfresken. Die dunkelglänzende, stark buntfarbige Ölmalerei steht im Gegensatz zu der weißen Stuckornamentik auf rosa Grund.

Die Komposition ist symmetrisch angelegt. Licht- und Schatteneffekte treten ebenso wie Untersichten auf; Verkürzungen spielen dagegen kaum eine Rolle. Zwei dunkle Erdrepoussoirs erstrecken sich etwa über die Hälfte des Bildrands. In der Mittelachse kniet der hl. Veit im Ölkessel. Sein jugendlicher Körper ist muskulös, auf dem Kopf trägt er ein Käppchen, die Hände sind betend emporgehalten. Unter dem Kessel schürt ein Scherge das Feuer. Die Figuren, die offensichtlich für das Martyrium verantwortlich sind, sind als vornehme Personen gezeigt, teilweise in orientalischer Gewandung und mit Turban geschmückt. Der rechte Mann, wohl ein Richter, senkt den Stab zum Zeichen der Verurteilung; die Gebärden der linken Figuren wirken dagegen eher zweifelnd. Im Hintergrund tauchen die Halbfiguren von Soldaten auf, rechts sitzen auf einem Hang einige Zuschauer. Dunkle Wolken senken sich über die Szene; in der Mitte einer Wolkengloriole halten Putten Palme und Lorbeerkranz als Lohn für das Martyrium des Heiligen.

1-4 VIER EVANGELISTEN Die Evangelisten sitzen frontal jeweils auf einer Wolke und halten Feder und Buch.

 
A Martyrium des hl. Veit, 1-4 Evangelisten (um 1712)

Das Patrozinium St. Veit hängt vermutlich mit den Erbauern von Tüßling, Johann Veit I. († 1582) und Johann Veit II. von Törring, zusammen, die Herren von Tüßling, Jettenbach und Winhöring waren. Der hl. Veit, der aus vornehmer Familie war und in der Regel im Hermelinmäntelchen und mit Hermelinbarett dargestellt wird, wurde ursprünglich hauptsächlich vor Adeligen verehrt.

Vitus war der Sohn eines heidnischen Fürsten in Sizilien, seine Mutter starb bei seiner Geburt. Seine Amme Crescentia und sein Lehrer Modestus erzogen ihn im christlichen Glauben. Mit zwölf Jahren ließ sich der junge Vitus gegen den Willen seines Vaters taufen. Der Vater ließ ihn mit Ruten schlagen, um ihn vom Christentum abzubringen, aber den Peinigern verdorrten Arme und Hände, die Vitus durch sein Gebet wieder lebendig machte (EB1). In Begleitung seiner Pflegeeltern ergriff er die Flucht. Ein Engel geleitete die drei auf einem Schiff von Sizilien nach Campanien, wo sie von einem Adler mit Nahrung versorgt wurden (EB4?). Hier wirkte der junge Veit viele Wunder und trieb auch der Tochter des Kaisers Diokletian einen Teufel aus, der sich bei ihr eingenistet hatte, um die Heilkraft des Heiligen zu erweisen (EB2). Weil Veit die Gunst des Kaisers und seinen Wunsch, den Götzen zu opfern verweigerte, ließ dieser ihn nun in einen Kessel mit siedendem Blei werfen, aus dem er unverletzt »als aus einem Heyl=Baad« stieg (A), und warf ihn einem Löwen zum Fraß vor, der sich »gleich einem sanfftmüthigen Schääfflein« ihm zu Füßen warf (EB3). Hunderttausend Menschen schauten diesem Spektakel zu, »unter welchem der gröste Theil Weiber und Kinder«, und wurden zu Christus bekehrt. Der wutentbrannte Diokletian ließ die drei Martyrer auf ein Foltergerüst spannen (EB5), von dem sie – unter dem Toben der Naturgewalten – ein Engel wieder löste. Er trug sie an den Fluß Siler, wo sie Gott »um Entlassung aus disem sterblichen Leben« anhielten und alle drei alsbald verschieden (nach Ribadeneira-Hornig, Bd 1, 15.6., S. 843–846, Das Leben der hh. Martyrer Viti, Modesti und Crescentine).

 
 
Der Fest- und Ahnensaal des Schlosses (1729)
 

Festsaal

Der Festsaal nimmt den Nordtrakt des Schlosses ein. Er reicht über 2 Stockwerke und hat 8 Achsen. 8 hohe Fenster im N, 6 Fenster im S, Türen vom westlichen und östlichen Laubengang aus und nach O und W. Spiegelgewölbe über stuckierter Hohlkehle. Stuckierte Pilaster und Wappankartuschen. Es ist nicht bekannt, ob der Saal ein barockes Deckengemälde hatte.

Für die Stuckausstattung kann Alexius Bader aus Dorfen nachgewiesen werden. In einem Schreiben vom 12.5.1729 im Zusammenhang mit der Ausführung des neuen Asam-Altars in der Wallfahrtskirche Dorfen wird Alexius Bader vorgeschlagen, der »dermallen beim hochgräfl. Wartten bergischen Schloß Tissling in Arbeith sich befindt« (BHStA). Daß es sich dabei um den Festsaal handeln muß, zeigt der Stuck, der nur in diesen Raum dem Regencestuck der Stilstufe um 1729 entspricht. Der andere Stuck im Schloß - Schloßkapelle und Zimmerflucht im zweiten Geschoß – ist gut 10 Jahre früher, um 1712/15, entstanden. Der Stuck in Festsaal orientiert sich an den Formen von Schloß Schleißheim. Die Konsolen in der Gesimszone finden sich im Viktoriensaal, in der Galerie und in der Schloßkapelle. Die Kriegstrophäen zwischen den Konsolen haben ihre Vorbilder im Treppenhaus, im Großen Saal und dem Viktoriensaal, die 1722/23 ausgestattet worden sind. Die Kartuschen an den Pilastern sind den stuckierten Gesimsen in den Appartements von Kurfürst und Kurfürstin eng verwandt. Die zahlreich verwendeten Monogramme in den Stuckkartuschen mit den Initialen W, M und E kommen in Schleißheim vielfach vor. Der Saal von Tüßling wirkt wie ein kleiner Ableger der Schleißheimer Prunkräume. Alexius Bader arbeitete mit seinem Bruder Georg Bader 1720/26 unter Joseph Effner für den kurfürstlichen Hof und insbesondere an der Ausstattung von Schleißheim, neben Johann Baptist Zimmermann und Charles Dubut.

Die Decke des Festsaals ist heute mit einer gemalten Stuckdekoration mit Putten geschmückt (Alois Schlee, Altötting); 1910 malte dort Vitzthum das jetzige Deckenbild mit einer Darstellung des hl. Hubertus. Bei der Restaurierung des gesamten Schloßkomplexes 1989/99 wurde der Saal 1990/93 durch Martin Zunhamer, Altötting (Malerarbeiten), und Joseph Schnitzer, Buching (Stuckaturen), restauriert.

Wappen

Über den Türen der Längsachsen befinden sich Wappen, östlich Melun von Epinois, westlich Wartenberg (Rauten und Löwe) mit dem goldenen Vlies. In den Stuckkartuschen an den Pilastern ist jeweils das Monogramm W und M und E.

Porträts

Die Gemälde an den Schmalseiten zeigen Mitglieder der Familien Wartenberg und Wittelsbach:

An der O- und W-Wand hängen seitlich der Türen insgesamt 12 Porträts. Je ein großes und zwei kleine Porträts sind in einem reich geschnitzten Rahmen zusammengefügt.

Die großen Porträts zeigen in Lebensgröße zwei Wartenberger Paare, den Ahnherrn und den regierenden Grafen von Wartenberg mit ihren Frauen.

 
EB, auf der Flucht, EB, auf dem Foltergerüst

Auf den großen sitzen je zwei kleinere Doppelporträts, sie zeigen Brustbilder der Wittelsbacher Verwandten des Grafen, Kurfürst Max Emanuel, den 1726 verstorbenen Vetter, seine Gemahlin und seine vier Söhne. An der Ostseite Ferdinand Herzog von Bayern (*1550 † 1608), Stammherr der Wartenberger, und seine Gemahlin seit 1588, die Bürgerin Maria Pettenbeck (*1573 † 1614).

Darüber nördlich Karl Albrecht, Kurfürst von Bayern, und seine Gemahlin Maria Amalia von Österreich (* 1701 † 1756). Südlich Clemens August von Bayern, Kurfürst von Köln (* 1700 † 1761) und Johann Theodor, Bischof von Regensburg, Freising und Lüttich (* 1703 † 1763). An der Westseite Ferdinand Marquard Reichsgraf von Wartenberg, der damalige Hofmarksherr (* 1673 † 1730) und seine Gemahlin (seit 1703) Johanna Baptista von Melun, Prinzessin von Epinois († nach 1754). Darüber nördlich Maximilian II. Emanuel von Bayern und seine zweite Gemahlin (seit 1695) Therese Kunigunde von Polen (* 1676 † 1730). Südlich Ferdinand Maria Innozenz von Bayern (* 1699 † 1738) und seine Gemahlin (seit 1719) Maria Anna Karoline von Pfalz-Neuburg (*1693 † 1751).

Landschaftsdarstellungen

An der N- und S-Wand befinden sich vierzehn Gemälde, zur originalen Ausstattung gehörig. Bei allen ist die Leinwand vergrößert, wobei die Motive ergänzt wurden.

1. Ruine mit Menschen am Brunnen; 2. Landschaft mit Wanderer; 3. Landschaft mit Felsen und Ruine; 4. Burgruine; 5. Flußlandschaft mit Segelboot und Dorf; 6. Ruinen; 7. Landschaft mit Fluß und Kühen; 8. Landschaft mit Fluß und Kirche; 9. Durchzug durch das Rote Meer; 10. Königin von Saba bei König Salomo; 11. Salomon besichtigt den Tempelbau; 12. Salomon mit Page und Hund; 13. Dorf mit Weinkeller; 14. Landschaft und Felsen mit Kreuz.

Die Wartenberger waren eine Seitenlinie der Wittelsbacher aufgrund der morganatischen Ehe, die Ferdinand, Herzog von Bayern, 1588 mit Maria Pettenbeck, der Tochter des herzoglichen Landrichters in Haag, schloß. Ferdinand, Bruder des regierenden Herzogs Wilhelm V., erhielt den Titel des ausgestorbenen Geschlechts derer zu Wartenberg. 1659 erwarb sein Sohn Ferdinand Lorenz von Wartenberg Schloß Tüßling. Sein Vetter Ferdinand Ernst war der Vater von Ferdinand Marquard, der wohl mit den Prinzen Karl Albrecht und Ferdinand Maria an der zweiten Belagerung Belgrads im Jahr 1717 teilgenommen hat, worauf die stuckierten Kriegstrophäen in der Hohlkehle deuten.

Der Bauherr führt mit den Porträts seine enge Verwandtschaft zum Haus Wittelsbach vor. In der Erbfolge stand er im Rang vor der Pfälzischen Linie. Sechs Jahre nach der Ausstattung des Festsaals starb die Linie der Wartenberger jedoch mit seinem achtzehnjährigen Sohn Max Emanuel 1718.

Quellen und Literatur

BHStA, GL 3058 Nr. 84: Tüßling Schlossbenefizium. BHStA, Fürstensachen 391 und 396: zu den Wartenbergern. BHStA, Landshuter Abgabe – ehem. Rep. 7b Nr. 154: Tätigkeit des Alexius Bader für den Festsaal. StAM, Hofmarken 964, Hofmark Tüßling K 2, Kirchenbaurechnungen 1680 und 1725/29.

StAM, Briefprotokolle 1317–1322: Hofmark Tüßling 1720–42. StAM, LRA 63740: Restaurierung der Marktkirche Tüßling 1883. Wening 1721, S. 34, Abb. 73 (Marktkirche St. Georg im Text nicht erwähnt, abgebildet ist der Vorgängerbau). KDB I OB (2), S. 2630–2633. Windhager, Josef, Der Markt Tüßling mit Umgebung, Territorialgeschichte im Rahmen der altbayer. Vaterland-Geschichte, Mühldorf 1907. -, Die Schloßkapelle St. Vitus und das Schloßbenefizium zu Tüßling, in: Das Mühlrad, Lokalgeschichtliche Gratisbeilage zum Mühldorfer Stadt- und Landboten, Nr. 10–13, Oktober–November 1908. Sayn-Wittgenstein, Franz, Prinz, Schlösser in Bayern, Residenzen und Landsitze in Altbayern und Schwaben, München 1972, S. 65 f. Handbuch des Bistums Passau 1981, S. 354. Becker, Peter, Wer war der Maler der Aula-Fresken, in: Jahresbericht des Kurfürst-Maximilian-Gymnasiums Burghausen 1986/87, S. 70 (Zuschreibung von Fresko A an Innozenz Warathi). Roßgotterer, Rudolf, Zur topographischen Geschichte von Tüßling, in: Oettinger Land 7, 1987, S. 42–77, S. 63 Fragebogen Wenings 1699. -, Namhafte Bürger aus der Tüßlinger Geschichte, Teil 1, Oettinger Land 9, 1989, S. 74, Teil 2, Oettinger Land 10, 1990, S. 97. Dehio 1990, S. 1192 f. Roßgotterer, Rudolf, Münchner Grablegen der Tüßlinger Schloßherren, in: Oettinger Land 14, 1994, S. 215–30. C.B.