Siegertsbrunn, Filial- und Wallfahrtskirche St. Leonhard


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 3, Teil 1: Stadt und Landkreis München. Sakralbauten. Hirmer, München 1987, ISBN 978-3-7991-6111-4, S. 163–168, geschrieben von Böhm, Cordula. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Filial- und Wallfahrtskirche St. Leonhard, Pfarrei Siegertsbrunn, Gemeinde Höhenkirchen, Erzdiözese München und Freising; z. Z. der Ausmalung Benefizium, Pfarrei Hohenbrunn, die dem Stift St. Andreas in Freising inkorporiert war, Pfleggericht Schwaben (Markt Schwaben)

Patrozinium: St. Leonhard

Zum Bauwerk: Spätgotischer Bau aus der Stiftungszeit des Benefiziums (1460) von St. Andreas in Freising aus. Die im 16. Jh. anwachsende Wallfahrt machte eine Vergrößerung notwendig: 1592 zweigeschossiger Anbau auf der N-Seite, 1609 Renovierung und Einziehung der Tonnengewölbe. Ein Blitzschlag am 17. 8. 1769, bei dem das LHs ausbrannte, löste vermutlich die Erneuerung des Innenraums 1785–99 aus. N. Lieb vermutet als leitenden Baumeister Leonhard Matthäus Gießl oder Franz Anton Kirchgrabner. Die Seitenaltäre hat Franz Edmund Doll 1793 geschaffen.

Dreijochiger Saalbau, eingezogener zweijochiger AR, dreiseitig geschlossen. An der N-Seite zweigeschossiger Anbau mit Oratorien im Obergeschoß. Eingang im westlichen Joch von N her. Wandpfeilergliederung im LHs, im AR ruht das Gewölbe auf Konsolen. Belichtung von der S-Seite her durch je drei Fenster im LHs und AR.

Auftraggeber: Franz Xaver Herrnpöck, Wirtssohn aus Humbach, Kaplan in Hohenbrunn und 1779–1821 Benefiziat in St. Leonhard, finanzierte die Ausmalung der Kirche aus seinem Privatvermögen (Skrabal). Stifterinschrift in einer gemalten Kartusche an der Chorwand hinter dem Hochaltar im Schildbogen: Franc: Xav: Herrnpoeck / Benef: / liesse durch Augustin Demmel / Hof Maler verfertigen das / Gemälde des Chores Ao. 1785 / (in brauner Schrift) und die Kirche von Hof / M: Winck 1793 (Zusatz in schwarzer Schrift).

An der Emporenunterseite gemalte Wappenkartusche in Grau-Violett-Weiß auf hellgrauem Grund; Wappenbild Löwe mit erhobenem Schwert und doppelt geringeltem Schwanz, Initialen im Lorbeerkranz F.X.H P (ligiert) B. R. E. (= Franz Xaver Herrnpöck, Benefiziat, Restaurator Ecclesiae).

Autor und Entstehungszeit: Nach der Inschrift an der Chorwand (s. Auftraggeber) malten Augustin Demmel 1785 den Chor (C, C1–2) und Thomas Christian Wink 1793 das Langhaus (A, B, B1–4) aus.

Signatur in A links unten: Christianus Wink / pictor aulicus Monachii. Datierungen in zwei gemalten Kartuschen für das LHs zwischen A und B: MDCCXCIII und für den Chor westlich von C: MDCCLXXXV.

Der Münchner Hofmaler Augustin Demmel (* 1724 München † 1789 München) malte auch die AR-Fresken der Filialkirchen St. Peter in Siegertsbrunn (S. 160) und Hl. Kreuz in Hofolding (S. 122–26), die wie St. Leonhard zur Pfarrei Hohenbrunn gehörten.

Die Ausmalung des LHs ist das letzte Freskowerk des Münchner Hofmalers Thomas Christian Wink (* 1738 Eichstätt † 1797 München). – »Eben dieser Gegenstand war seine letzte große Arbeit«, heißt es im Nekrolog vom 8. 4. 1797 über Siegertsbrunn (vgl. Clementschitsch, S. 152). Für die Dekorationsmalerei des LHs wird Franz Seraph Kirzinger (* um 1728 München † 1811 München) genannt (vgl. die Notiz auf einem Photo von ca. 1900 im BLfD, Schachtel 178). Nach Feulner (S. 48) stammt der Entwurf von Wink, für die Ausführung kommt Kirzinger als Mitarbeiter in Frage. Die Dekorationsmalerei ist stilistisch derjenigen im Bürgersaal in München, die für Kirzinger nachgewiesen ist (1773/75, S. 197, 208), äußerst ähnlich.

B, Lc

Befund

Träger der Deckenmalerei: LHs (A und B) Tonne mit Stichkappen, AR (C) spitze Tonne mit Stichkappen, im O gemuldet

Rahmen: Die gesamte Gewölbedekoration ist in Grau Ocker und Gold gemalte Stuckimitation: A und B fünffacher, akanthusumwundener Profilstab, C Stuckprofil mit vergoldeter Innenleiste, B1-4 Medaillonrahmen mit Eichenlaubkranz, C1-2 Blattgirlande, EB1-3 Stuckprofil. Technik: Fresko; A-C polychrom, B1-4, C1-2 Grisaillen, EB1-3 grüngrau

Maße: A Höhe 8,20 (von der Empore 4,00) m; 1,95 × 4,30

B Höhe 8,20 m; 9,40 × 4,60

C Höhe 7,70 m; 4,10 × 3,00

EB1-3 0,60 × 1,80

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Infolge von Dachschäden wurden die Deckenbilder, besonders des Chors, immer wieder durch Feuchtigkeitseinwirkung beeinträchtigt. 1909 Restaurierung durch die Maler Anton Ranzinger (Deckenbilder) und Doser (Dekorationsmalerei). 1976 Beseitigung von Wasserschäden im Deckenbereich durch Johann Eder, Vaterstetten.

Die Deckenbilder sind sehr verschmutzt. Zahlreiche schwarze Flecken in B. In B und C auf der N-Seite Feuchtigkeitsschäden und Abblätterungen, in diesem Bereich auch Übermalungen. Der Kirchenbau in C ist teilweise erneuert (auf einem Photo im BLfD von ca. 1900 als größere Fehlstelle erkennbar).

Beschreibung und Ikonographie

Das Gewölbe ist im Zopfstil mit frühklassizistischen Motiven dekoriert. Die Zwickel, Stichkappen und Schildbögen sind mit grau- bzw. beigefarbigen Brokatmustern überzogen, die Gurtbögen mit Flechtbändern. In den Stichkappen sind Akanthusblattrosetten darauf gesetzt, vor die Zwickel Medaillons mit figürlichen Darstellungen (B1-4, C1-2) »gehängt«. Ausdrucksvolles Rahmenwerk bilden dabei die Flechtbänder, Laubschnüre, Lorbeerkränze, Empiregirlanden und Bänder. »Die Ornamentation ist ganz flächenhaft... Wink hat sich in Siegertsbrunn ganz losgelöst von dem stuckoartigen Charakter der Dekoration der früheren Zeit« (Feulner, S. 49–50). Wink hat für die LHs-Dekoration das im Chor von Demmel vorgegebene Grundschema übernommen, jedoch im Detail reichhaltiger und im ganzen qualitätvoller gestaltet.

A MUSIZIERENDE ENGEL Blickrichtung gegen W. In der Mitte der Darstellung singende Engel mit Notenblatt (Inschrift Sanctum. sanctum / Dom = [inum]), begleitet von Engeln mit Flöte, Gambe, Triangel, Baßgeige und Querflöte (von der Orgel verdeckt, keine Abbildung).

B ST. LEONHARD ALS FÜRBITTER Einansichtige Bildanlage mit schmaler, seichter Bodenzone am W-Rand. Den größten Teil des Bildfeldes füllt Himmelsgrund in breitangelegten, massiven Wolkenzügen. Mäßige Verkürzungen, Betrachterstandort etwas westlich unterhalb der Bildmitte.

Die illusionistische Einführung in das Bild geschieht durch ein architektonisches Repoussoir, einen Steinsockel, der wie ein Bilderrahmen von einem umflochtenen Profilstab gesäumt ist; dies bedeutet eine rein dekorative Verwendung dieses traditionellen Stilmittels. Eine Säulenhalle mit Freitreppe bildet den irdischen Schauplatz, in den der himmlische Bereich unmittelbar hineinreicht: Die Wolke, auf der der hl. Leonhard mit Engeln schwebt, dringt bis zur Treppe hinab; der Heilige ist für die Bittflehenden in »greifbare« Nähe gerückt.

Die himmlischen und irdischen Personen, maßstäblich alle etwa gleich groß, sind fast durchweg in der vordersten Bildebene angesiedelt: Bildtiefe bzw. -höhe ist nicht angestrebt, dafür Weite. Diese vermittelt Wink durch das Betonen der horizontalen Kompositionslinien, einem von ihm häufig verwendeten Stilmittel.

Die Komposition der figürlichen Szene folgt einem sehr gleichmäßigen, statischen, ja gezielt dekorativen Ordnungsprinzip: sie zieht sich wie eine Girlande durch das Bildfeld. Die Figuren sind – meist frontal dargestellt – aneinandergereiht und formal durch teilweise theatralische Stellungen und Gesten verbunden, die in ihrem Zusammenwirken wiederum die dekorative Absicht bekunden. Jede Figur ist isoliert aufgefaßt und sehr naturalistisch durchgezeichnet, nur die gemeinsame Blickrichtung zum hl. Leonhard bzw. der Hl. Dreifaltigkeit verdeutlicht den Sinnzusammenhang.

 
B St. Leonhard als Fürbitter B Evans

Auf der linken Seite werden die Kranken vorgeführt: ein Mann mit Pestglöckchen, eine junge Frau, die einen vornübergebeugten Mann stützt, zwei Mütter mit Kindern – die eine mit dem von sich gestreckten leblosen Kinderkörper, eine andere Frau, die eine ohnmächtige Kranke hält, außerdem ein Gefangener mit Handfessel. Auf der rechten Seite Kühe, Pferde und ein Schaf, bei ihnen ein Bauer im blauen Gehrock mit Frau und Tochter; ganz im Vordergrund ein Bub über seinem zusammengebrochenen Tier kauernd.

Der hl. Leonhard leitet mit ausgebreiteten Armen die Bitte der Hilfesuchenden an Christus weiter. Dieser wendet sich an Gottvater, dessen weitausholende Gebärde väterlichen Schutz und göttliche Allmacht ausdrückt.

Für die Gesamtwirkung sind Erdfarben maßgeblich: Beige-Ocker-Braun und Olivgrün in der Grundfarbigkeit, in den Gewändern, sogar im Inkarnat. Kontraste dazu in typischen Farbkombinationen des Klassizismus von zartem Rosa, Smaragdgrün, Hellblau und Gelb sind äußerst sparsam (z. B. in dem Engelpaar über dem hl. Leonhard) verwendet.

Die östlich angebrachte Kartusche enthält eine Aufforderung an den Betrachter des Deckenbildes: »Lobet den Herrn in seinen Heiligen. / Ps: 150. (= Ps 150,1).«

B1-4 EVANGELISTEN Halbfiguren in den Reliefs imitierenden Grisaillemedaillons der Gewölbezwickel:

 
 
EB. Fides
 
C St. Leonhard als Wundertäter
 
 
C. Hl. Franz Xaver

C ST. LEONHARD ALS WUNDERTÄTER Einansich tige Darstellung mit beträchtlicher Höhen- und Tiefenwirkung, Betrachterstandort unter dem westlichen Bildrand. Einem hochaufragenden, stark verkürzt wiedergegebenen Kirchen- und Klosterbau am linken Bildrand entspricht am rechten eine Baumgruppe, in die ein Götzenaltar hineinkomponiert ist. Über einem Sockel, der – ähnlich dem in B – wie ein innerer Bildrahmen wirkt, führt eine Bodenzone in die Tiefe, wo sie im Halbrund durch eine Baumreihe begrenzt wird. Zwei seitlich hochgezogene terrestrische Repoussoirs sind Relikte des Bildsystems mit umlaufender Szenerie.

Im Unterschied zu Fresko B, wo der Heilige im Himmel als Fürbitter und Patron angerufen wird, ist Leonhard hier vor dem von ihm gegründeten Kloster in der Einöde von Noblac als Wundertäter dargestellt. Mit den gleichen Anliegen wie in B scharen sich Kranke, Männer, Frauen, Mütter mit Kindern und Gefangene um ihn. St. Leonhard berührt einen Kranken mit dem Kreuz; durch die Wirkung des Kreuzes stürzt auch die Jupiterstatue vom Sockel.

In Wolken ein Engelpaar, der eine mit den Abtsinsignien, der andere Rosen streuend und mit einem Buch, in dem die Tugenden und Taten des Heiligen verzeichnet werden.

Im Unterschied zu den Fresken Winks im LHs steht das Fresko Demmels noch ganz in der Tradition des Rokoko, sowohl kompositionell als auch in der Farbgebung. Die terrestrische Zone weist überwiegend die Farbe Grün in kühlen und in warmen Werten auf, zweite dominante Farbe ist ein fahles Karminrot (Kirchenbau, Gewänder, Wolken); als Kontrastfarben sind Goldocker und gedämpftes Graublau (Gewänder) verwendet.

C1-2 DIE HLL. JOHANN VON NEPOMUK UND FRANZ XAVER Grisaillemedaillons wie B1-4

C1 Johannes von Nepomuk ist traditionell mit Almutie und Birett dargestellt, die Hand Schweigen gebietend erhoben, um das Haupt den Sternenkranz.

C2 Die fünf auf den bärtigen Heiligen herabfallenden Kreuze bezeichnen denselben wohl als den Jesuitenheiligen Franz Xaver (vgl. die Darstellung C. Th. Schefflers von 1754 in Hl. Kreuz, Landsberg am Lech, CBD, Bd 1, S. 137, 140). Die Heiligen Johann von Nepomuk und Franz Xaver wurden häufig zusammen dargestellt.

 

SIEGERTSBRUNN

EB1-3 THEOLOGISCHE TUGENDEN

EB1. Caritas

EB2. Fides

EB3. Spes

Quellen und Literatur

Schmidtsche Matrikel, Bd 2, S. 511 f

Zum Andenken des Churfürstlichen Hofmahlers Christian Wink (o.V.), in: Münchner Intelligenzblatt, XV. Stück, 8 April 1797, S. 230.

Mayer-Westermayer, Bd 2, S. 626

KDB I OB (1), S. 818

Zauner, Franz Paul, Münchens Umgebung in Kunst und Geschichte, München 1911, S. 330–38

– , Siegertsbrunn, seine Wallfahrtskirche und die Leonhardiwallfahrt, Siegertsbrunn (o.J.)

Feulner, Adolf, Christian Wink, München 1912, S. 48–51

Lieb, Norbert, Münchner Barockbaumeister, München 1941, S. 164, 170, 200.

Dehio-Gall OB, S. 54.

Clementschitsch, Heide, Thomas Christian Wink, ungedr. Diss. Wien 1968, S. 153 f., Anhang A 1793 u. Anm. 71–74

Huber, Andreas, Die Kirchen von Siegertsbrunn, Ottobeuren 1974.

Reichold, Klaus, Wallfahrtskirche von Dieben heimgesucht, in: Münchner Katholische Kirchenzeitung, 8. 11. 1981, S. 16

Skrabal, Gerhard, St. Leonhard zu Siegertsbrunn, in: Münchner Stadtanzeiger, Dienstag, 11. Juli 1982, Nr. 5, S. 14. C.B

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