Ramsau bei Berchtesgaden, Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 11: Landkreis Traunstein. Hirmer, München 2005, ISBN 978-3-7774-2695-2, S. 257–262, geschrieben von Bauer-Wild, Anna. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Wallfahrtskirche Maria Kunterweg, Filiale der Pfarrei Ramsau, Gemeinde Ramsau, Erzdiözese München und Freising. z.Z. der Ausmalung war Ramsau Vikariat der Pfarrei Berchtesgaden, exempte Propstei Berchtesgaden. Die Wallfahrt zur Unserer Lieben Frau am Kunterweg wurde von einem eigenen Geistlichen versehen. Fürstpropstei Berchtesgaden

Patrozinium: Mariä Himmelfahrt

Zum Bauwerk: Der gefährliche Kunterweg (Viehweg) über der steil abfallenden Schlucht der Ramsauer Ache war gefürchtet, weil man glaubte, dort trieben Spukgestalten ihr Unwesen. Als Schutz davor wurde ein papierenes Marienbild aufgehängt. Pfarrvikar Feichtinger von Ramsau ersetzte es um 1690 durch ein geschnitztes Madonnenbild, das er zur Verehrung in eine Felsnische stellte. Vikar Joseph Eberl († 1763) überliefert, das Bild habe der Stiftsdekan von Berchtesgaden, Johann Baptist Lachemayr (1688–1710) vom gleichen Kistler schnitzen lassen wie das von Maria Gern. Bald danach setzte die Wallfahrt zu Maria am Kunterweg ein. Um 1700 bestand schon eine kleine Kapelle, die 1703 erweitert und 1707 durch einen Neubau ersetzt wurde. 1712 bat der Pfarrvikar Peter Endres um die Erlaubnis, auf einem altare portatile Messe lesen zu dürfen. Damals war die Kapelle sehr klein, zum Teil in den Fels gebaut und nach vorn nur durch ein Gitter gesichert. Es hingen bereits viele Votivtafeln an den Wänden (Kommissionsbericht 1712, AEM). Nachdem die Kapelle mit einem Ablass versehen, ein Altar gemacht und der Platz um die Kapelle durch Abtragen von Gestein erweitert waren, wurde die erste Messe am Sonntag in der Oktav von Mariä Geburt, dem 11.9. 1712 gelesen.

Der Kirchenbau anstelle der Kapelle wurde 1731 noch unter Fürstpropst Julius Heinrich von Rehlingen (1723–32) nach Plänen des Salzburger Hofmaurermeisters Lorenz Valentin Stumpfegger begonnen. Grundsteinlegung am 9.7.1731 im Beisein Stumpfeggers durch den damaligen Stiftsdekan Kajetan Anton von Notthafft zu Weissenstein (1724–32; s. u.). Ausführung des Baus durch den Berchtesgadener Hofmaurermeister Peter Schaffner. Weihe am 20.9. 1733 durch Joseph Franz Valerian Felix Graf Arco, Bischof von Chiemsee. Die Stuckierung kann mit Sicherheit dem Burghausener Stuckator Joseph Hepp zugeschrieben werden, der auch - zusammen mit dem Maler Innozenz Anton Warathi - die Dekoration der Wallfahrtskirche Maria Ettenberg (S. 207) schuf (vgl. Martin 1923, S.41, mit Zuschreibung des Kunterweger Stucks an Johann Schaffner). Den Hochaltar 1755 mit dem Gnadenbild baute der Berchtesgadener Tischler Christoph Datz (auch Taz, Daz) wohl unter Verwendung älterer Ausstattungsstücke (Vergolder war Joseph Millner aus Salzburg, Bildhauer Leopold Ehgasser aus Reichenhall). Über der Nische mit dem Gnadenbild befindet sich ein großes Auszugsbild mit der Darstellung der Dreifaltigkeit. Die Seitenältäre St. Joseph (links) und St. Johann Nepomuk (rechts) haben Altarblätter von Johann Zick, datiert 1741, sie zeigen den Heiligen Joseph mit dem Jesuskind und Johann Nepomuk.

Kleine Kirche, in einsamer Höhe über einer Waldschlucht gelegen, genordet. Rechteckiger Saalbau mit konchenähnlichen Anräumen im N und S, die von Halbkuppeln mit steilen Laternen überwölbt sind und den Bau außen überragen. Zusammen mit einem Giebel über der westlichen Seite der Kirche, der eigentlichen Ansichtsseite, bietet die Kirche einen reizvollen Anblick aus der Ferne. Das Innere ist ein Saal zu drei Fensterachsen mit zwei halbrunden Anräumen im N und S, wo sich im N der AR, im S die Empore mit ihrer stark ausschwingenden Brüstung befindet. Gliederung durch Doppelpilaster, durchlaufendes, verkröpftes Gesims. Belichtung durch hohe rechteckige Fenster mit über dem Gesims in den Schildwänden der Stichkappen liegenden querovalen Fenstern, drei an der Westseite, zwei im nördlichen und südlichen Joch der Ostseite; dort ist im Bereich des mittleren Jochs die zweistöckige Sakristei angebaut. Die beiden Konchen sind durch je zwei seitlich in der Rundung gelegene Fenster belichtet.

Das Deckenfresko vor der Restaurierung 1980/83

Auftraggeber: Kajetan Anton Freiherr von Notthafft zu Weissenstein (1732–52), der Julius Heinrich von Rehlinge († 1732) als Fürstpropst nachfolgte. Notthafft (* 23.6.1676 † 4.7.1752) war Sohn des Marquartsteiner Pflegers Acha Adam Notthafft von Weissenstein (s. S. 75). Studium in München, 1689 Eintritt als Novize in Berchtesgaden, 1690 Profess, 1724 Wahl zum Stiftsdekan, am 18.8.1732 Wahl zum Fürstpropst. Sein Wappen befindet sich als Herzschild im Stiftswappen, das ein Genius im Hauptfresko hält. Notthafft erlaubte 1732/33 den Berchtesgadener Protestanten die Auswanderung (s. u.), worauf sich das Fresko bezieht. 1735-37 veranlaßte er eine große Volksmission durch die Franziskaner um die verbliebene Bevölkerung des Berchtesgadener Landes im Katholizismus zu bestärken. Pfarrvikar in der Ramsau war Thomas Waldhardt (1723–42).

Autor und Entstehungszeit: Zuschreibung an Innozenz Anton Warathi (* 1694 Trens bei Sterzing † 1758 Burghausen) 1733.

Von den beiden Chronogrammen an den Schmalseiten des Deckenbildes lautet das südliche Singulari ex Devotione / unius Principis Cajetani / Ecclesia haec Dei / parae Virginis erecta (= 1733. Aus besonderer Andacht des Fürsten Cajetan wurde die Kirche der Jungfrau und Gottesgebärerin errichtet).

Die Zuschreibung an Warathi (erstmals Becker 1986/87) ist nicht anzuzweifeln: Zu ähnlich ist das Bild dem 1725 entstandenen Hauptbild A in Ettenberg sowie den 1728 entstandenen Fresken Warathis in Vornbach am Inn (NB) und den fast gleichzeitigen Burghausener Fresken (CBD, Bd 9, Lkr. Alt-ötting, S.43-73). Die gedrängten Kompositionen mit dem massiven dunkelfarbigen Figurengewimmel, die drastisch gemalten Physiognomien und viele weitere Einzelheiten stimmen überein.

Befund

Träger der Deckenmalerei: gedrückte Tonne mit Stichkappen Rahmen: geschweifte Stuckleiste, übergriffen von plastischen Teilen (Beinen und Armen der Ketzer).

Technik: Fresko; polychrom

Maße: Höhe 11,70 m; 8,80×5,90

Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1843 sollten 600 fl. »für Restaurierung im Innern, Anstreichen und Ausmalen desselben verwendet werden«, eine Arbeit, die nicht genehmigt, aber trotzdem ausgeführt wurde. Das daraufhin eingeholte Gutachten berichtete, das Freskofeld sei ausgebessert. Die Kirche war früher weiß, »nun aber wurde die Decke ganz angestrichen, die Stuckarbeiten theilweise vergoldet. Der Grundtthon ist ein blasses gedämpftes Grün, worauf die Schilder und Felder in röthlichem Ton hervortreten.« Das Kircheninnere wurde stets von Wohltätern in gutem Stand erhalten, wie anläßlich der Baureparatur 1856/57 angemerkt wurde, bei der wegen der Feuchtigkeit der Kirche ein Teil des Hanges abgegraben werden mußte. Innenrenovierung 1882 mit ungünstiger Neufassung der Raumschale. Weitere Innenrestaurierung 1947/48 durch Christian Seibold, Freising, mit Reinigung des Deckenbildes. Bei der Vorbereitung klagte der Pfarrer über Wasserschäden am Gewölbe und Feuchtigkeit in den Wänden. Die Kirche sei »zuletzt 1882 renoviert und dabei unglücklich getüncht« worden; nun solle die alte Farbfassung des Raums festgestellt werden. Man kann also annehmen, daß damals der Raum neu gefaßt wurde. Ausbesserung des Stucks, Neuordnung der vielen Votivtafeln. Restaurierung der Altäre und Altarbilder 1972 durch Maler Franz Xaver Marchner. Anläßlich der Gesamtrenovierung 1980–83 arbeitete die Kirchenmalerfirma Willibald und Alois Stein, Inzell. Das Deckenbild wurde sorgfältig gereinigt, die schadhaften Teile wurden gefestigt, Fehlstellen retuschiert. Erhebliche Übermalungen. Die originale Farbigkeit der Raumschale wurde festgestellt und die Fassung nach den Befunden wiederhergestellt. Die Teilvergoldung des Stucks von 1843 wurde beibehalten und ausgebessert.

 
 

Beschreibung und Ikonographie

Die Stuckierung von Joseph Hepp ist sehr elegant und phantasievoll, leidet aber etwas unter der Teilvergoldung von 1843. Weiße Ornamente liegen auf zart rosafarbenem Grund, die Putten und die Blumengehänge sind grau. Die Gitterfelder zeigen goldene Ornamente auf grünlichem Grund.

DIE IMMACULATA ALS SCHUTZHERRIN DES WAHREN GLAUBENS Maria kniet auf Wolken, von hellem Licht umstrahlt, den Sternenkranz um das Haupt, den Fuß auf die Mondsichel gesetzt. Sie hat den Blick erhoben und die Arme ausgebreitet. Über ihr erscheint das Dreieck mit dem Auge Gottes, das Dreifaltigkeitssymbol. Viele Engel und Putten in Wolken umgeben sie. Ein Engel hält das Schriftband Du Helfferin der Christen. Ein weiterer großer Engel direkt über der irdischen Szene bläst die Posaune und hält ein Flammenbündel, von dem Blitze ausgehen.

Auf einer steinernen Bühne kniet in der Bildmitte links der hl. Augustinus im Rauchmantel, das Pektorale auf der Brust. Sein Haupt ist von Strahlen umgeben, ein Putto hält ihm die Mitra und das Pedum. Seine Gestalt wird von einer großen grünen, goldbestickten Baldachindraperie hinterfangen. Eine ebensolche Draperie zeichnet die Gestalt ihm gegenüber aus: Sie ist unbestimmten Geschlechts, trägt einen blaugoldenen römischen Harnisch und hat hohe Sandalen an den nackten Beinen. Auf dem Haupt trägt sie einen Helm mit wallenden Federn in den Farben Weiß, Rot und Blau. Ihr weiter roter Mantel ist am Saum reich mit Perlen bestickt. In der Linken

hält sie einen zweifachen Kreuzstab und ein großes Wappen gemalt auf schwarzem Grund in goldgefaßtem Rahmen: das Wappen Berchtesgadens unter dem Fürstpropst Kajetan Anton Freiherr von Notthafft zu Weissenstein. Es besteht aus dem Stiftswappen (geviertet, Feld 1 und 4 auf rotem Grund die Schlüssel Petri, Feld 2 und 3 auf blauem Grund Lilien in der Stellung 3/2/1) mit dem Wappen Notthaffts als Herzschild - Blau mit goldenem Balken, darüber die Adelskrone. Das Wappen wird gehalten von zwei weißen Hunden. Die Helmzier besteht aus drei Helmen, der heraldisch rechte trägt die gekreuzten Schlüssel Berchtesgadens, der mittlere die Mitra des Fürstpropsts und der heraldisch linke einen weißen Hund. Dieses Wappen ist gerahmt, und auf dem Rahmen erscheinen als Würdezeichen der Fürstpropstei Berchtesgaden der Herzogshut, das Schwert (Hinweis auf das ius gladii) und das Pedum. Der bayerische Herzogshut und das Schwert gehen auf die Wittelsbachischen Fürstpröpste zurück und wurden später beibehalten.

Die Figur, die das Wappen hält, ist als Personifikation bzw. Genius der Fürstpropstei Berchtesgaden zu deuten. Darauf weisen auch die Hauptfarben dieser Figur hin, Rot und Blau. Zwischen Augustinus und dem Genius Berchtesgadens erscheinen im Hintergrund vor einem bewaldeten Berg die Stiftsgebäude mit der Stiftskirche und der Pfarrkirche St. Andreas. Der Ordensvater der Augustiner-Chorherren und die Personifikation Berchtesgadens empfehlen das Stift der Immaculata. Der steinerne Sockel schließt die himmlische Szenerie mit der Ansicht Berchtesgadens und den beiden Schutzgestalten zu einer Einheit zusammen.

Vor diesem Sockel, abgesondert von der Szenerie darüber, sind eng gedrängt Protestanten dargestellt, ein Teil mit Büchern fast alle leidenschaftlich diskutierend. Sie tragen zum Teil Hüte und gefältelte Kragen, durch die in der Bildtradition oft Ketzer gekennzeichnet wurden. Auf sie bezieht sich der große Engel mit der Posaune des Gerichts und dem Flammenbündel aus dem Blitze auf die Protestanten fallen. Die Darstellung spielt mit Sicherheit auf Motive der Geheimen Offenbarung an: auf den siebten Engel mit der Posaune (Apo 11,15) und auf das Weib, mit der Sonne bekleidet, den Mond unter ihren Füßen und den Sternenkranz um das Haupt (Apo 12,1). Ein weiteres Motiv gehört in diesen Sinnzusammenhang: betrachtet man die Gestalten der Protestanten genau, so sind bei den meisten von ihnen an den Wangen oder an der Stirn blutige Zeichen zu sehen – am deutlichsten sichtbar an dem jungen Mann mit dem Buch im Vordergrund, bei dem das Zeichen geradezu einer Eiterbeule gleicht. Dieses Motiv dürfte eine Anspielung auf Apoc 13,15–17 sein, die Stelle mit dem Tier, das bewirkt, daß alle getötet werden, die es nicht anbeten: »Und es bringt fertig, daß alle, die Kleinen und die Großen, die Reichen und die Armen, die Freien und die Sklaven, sich ein Malzeichen auf ihrer rechten Hand oder auf ihrer Stirn anbringen...«. Dieses Tier wurde in der biblischen Exegese mit falschen Propheten gleichgesetzt und bedeutet hier im Bildzusammenhang, daß die Protestanten falschen Propheten folgten. Der junge Mann im langen schwarzen Gewand und weißen Kragen neben dem Mann mit dem Buch hat im Gesicht kein Zeichen, wohl aber eines auf der Hand, mit der er auf das Buch deutet. Von den untersten Figuren ragen eine Hand und drei Füße über den Rahmen, möglicherweise wie die Rahmenkante über den Protestanten ein Motiv, das ihre Aussonderung andeutet.

Von den beiden Chronogrammen in der Hauptachse bezieht sich das am vorderen Bildrand (N) auf den Auszug der Protestanten aus dem Gebiet der Fürstpropstei Berchtesgaden 1733: Per InterCessioneM In=/taCtae Virginis et Genitrix Pestifera haeresis expulsa ab Ista Ecclesia (= 1733 Durch Fürbitte der unbefleckten Jungfrau und Gottesmutter wurde der verderbenbringende Irrglaube aus dieser Kirche ausgetrieben).

Der protestantische Glaube hatte zunächst im Salzburger Land um sich gegriffen, wo in Dürrnberg neben den Salzburger Bergleuten Bergleute aus Sachsen beschäftigt waren. Auch aufgrund der schlechten sozialen Bedingungen griff er auf Berchtesgaden über. Protestanische Bücher und Schriften kamen über den Salzhandel ins Land, doch wurde der neue Glaube wegen der strengen Verbote nur in heimlichen Zusammenkünften ausgeübt. Die Protestanten im Salzburger Land – vor allem die Bergleute in Dürrnberg – erhielten 1732 die Erlaubnis zur Emigration, die ihnen nach den Bestimmungen des Westfälischen Friedens gewährt werden mußte. Nachdem den Berchtesgadener Protestanten die Bitte um die Erlaubnis der freien Religionsausübung abgeschlagen worden war, verlangten sie vom Fürstpropst ebenfalls die Genehmigung zur Auswanderung, die sie am 26. 10. 1732 erhielten. »Im Vergleich zum Nachbarland Salzburg war die Situation in Berchtesgaden dadurch erschwert, daß in Berchtesgaden noch immer an der generellen Leibeigenschaft aller Untertanen gegenüber der Fürstpropstei festgehalten wurde. Voraussetzung für die von vielen angestrebte Emigration war daher die Ablösung der Leibeigenschaft durch eine vom Fürstpropst festgesetzte Geldzahlung«. Als Frist für die Emigration wurde der April 1733 festgesetzt. In dieser Zeit hatten die Ausreisewilligen schwerwiegende Repressalien zu erdulden: sie durften nicht mehr auf den Friedhöfen begraben werden, nicht mehr als Paten fungieren, den katholischen Handwerkern keine Aufträge mehr geben, die Bergleute durften nicht mehr arbeiten. Wie auch andere Ausreisewillige mußten sie eine Gebühr für die Entlassung aus der Leibeigenschaft zahlen. Verhandlungen mit protestantischen Ländern wegen Aufnahme der Emigranten waren erfolgreich. Abgesandte aus Brandenburg und Hannover kamen nach Berchtesgaden, um die Emigranten in die neue Heimat zu geleiten; sie zahlten auch die Ablösesumme aus der Leibeigenschaft für die Mittellosen. Es wurde ihnen der Lebensunterhalt in der neuen Heimat zugesichert, bis sie auf eigenen Füßen stehen konnten, und Steuerfreiheit für den Anfang.

Die Fürstpropstei Berchtesgaden verlor durch den Abzug der Protestanten über 1000 erwachsene Untertanen. Dieser große Verlust an Wirtschaftskraft, der auch als solcher bewußt war, wird im Bild positiv umgedeutet als Verdienst des Fürstpropstes Kajetan Anton von Notthafft um die Reinhaltung des Glaubens mit Hilfe der Gottesmutter. Es ist außergewöhnlich, da ein Auftraggeber, ähnlich wie in Maria Ettenberg, ein brandaktuelles religionspolitisches Thema noch während es sich ereignete, in einem Deckengemälde für die Nachwelt dokumentierte.

 
Die Immaculata als Schutzherrin des wahren Glaubens (Innozenz Anton Warathi 1733)

Kalvarienbergkapelle

Am Beginn des steilen Wallfahrtsweges, noch im Ort Ramsau, steht ein Kalvarienberg, eine große offene Kapelle, bestehend aus einer von Tuffsteinpfeilern getragenen Vorhalle und einer Nische dahinter. Der Bau wurde laut Inschrift 1774 von Fürstpropst Franz Joseph Anton von Hausen zu Gleichensdorf errichtet.

In der Nische befindet sich die Kreuzigungsgruppe aus lebensgroßen gefaßten Holzfiguren: Christus am Kreuz zwischen den Schächern, unter dem Kreuz Maria, Johannes und Maria Magdalena. Zu Seiten des Kreuzes sind gemalte Landschaften mit der verfinsterten Sonne beim Tod Christi.

Die Wölbung von Nische und der Vorhalle ist ornamental bemalt, mit Rokoko-Ornamentmotiven, Festons und Zweigen. Innerhalb des Ornamentsystems finden sich die Arma Christi: Vier Putten in den vier Sektoren der Nischenwölbung halten (von links nach rechts) Hammer und Nägel, Geißel, Rute und Zange. In den schmalen Diagonalfeldern der Vorhallenwölbung sind (von vorn links im Uhrzeigersinn) die Geißelsäule mit einem Hahn, das Gewand Jesu, Schwamm und Lanze sowie Leiter und Rohrkolben zu sehen. (Restaurierungen 1948 durch Christian Seibold, Freising, und 1988/89 durch Fa. Willibald und Alois Stein, Inzell.)

Quellen und Literatur

StAM, Landbauämter 1771: Innenrestaurierung 1843, Baureparatur 1856.

AEM, Pfarrakten Ramsau, Pfarrbeschreibung; Bauten II: Bauten bey der Filialkirche Kunterweg 1857; Filiale Kunterweg 1712–1882: Alte Kapelle, Planung durch Stumpfegger; Kirchenrechnungen 1716–24, 1727–30.

BLfD, Akt Kunterweg, Wallfahrtskirche Maria Kunterweg; Akt Kunterweg, Kalvarienbergkapelle.

Koch-Sternfeld, Joseph Ernst Ritter von, Geschichte des Fürstenthums Berchtesgaden und seiner Salzwerke in drey Büchern, Salzburg 1815, Buch 3. Kunterweg S. 46, Auswanderung der Protestanten S. 67–73.

Mayer-Westermayer, Bd 1, S. 116f.

KDB I OB (3), S. 2995–98; Kalvarienberg S. 3009 f.

Martin, Franz, Berchtesgaden, Augsburg 1923, S. 40–44.

Schnell, Hugo, Ramsau (= KKF Nr. 29) München o. J.

Judith, Hans, Kunterweg, in: Inn-Salzach-Land. Blätter für Geschichtsforschung und Heimatpflege, Beilage zum »Südost=Kurier« und seinen Heimatausgaben, Jahrgang 1, Nr. 5, 23.7.1949.

Kriß, Rudolf, Die Volkskunde der Altbayrischen Gnadenstätten, Bd 1, München 1953, Kunterweg S. 292–94.

Ambronn, Karl-Otto, Berchtesgadener Land. Geschichte und Kunst (= GKF Nr. 92), München und Zürich 1983, S. 52, Abb. S. 61.

 
Die Kalvarienbergkapelle am Fuß des Wallfahrtsweges

Raubinger, Gottfried, Die Wallfahrtskirche Maria Kunterweg in: Ramsau bei Berchtesgaden, Ottobeuren 21972, S. 10–14. Bräutigam, Max, 250 Jahre Wallfahrt zum Gnadenbild »Unse rer Lieben Frau am Kunterweg« in der Ramsau bei Berchtesgaden, Berchtesgaden 1984, mit dem Bericht vom Ursprun der Wallfahrt von Vikar Joseph Eberl von Ramsau († 1763) S. 4. Becker, Peter, Wer war der Maler der Aula-Fresken?, in Jahresbericht Kurfürst-Maximilian-Gymnasium Burghausen 1986/87, S. 68–76.

Brenninger, Georg, Wallfahrten im Berchtesgadener Land, in: Kunst und Kultur der Fürstpropstei Berchtesgaden, Kat. der Ausstellung Berchtesgaden 1988, S. 175–192. Kunterweg S. 186–190 und Kat. Nr. 259–275; Abb. Kat.-Nr. 47.

Brenninger, Georg, Wallfahrtswesen und Volksfrömmigkeit, in: Brugger/Dopsch/Kramml, Geschichte von Berchtesgaden II/2, Berchtesgaden 1995, S. 1146–1151.

Hahnl, Adolf, Kirchenbau (1600–1800), in: Brugger/Dopsch/Kramml, Geschichte von Berchtesgaden, Bd II/2, Berchtesgaden 1995, S. 1222–80, Wallfahrtskirche Maria Kunterweg S. 1249–1253.

Metz, Rupert, Der Protestantismus in Berchtesgaden bis zur großen Emigration 1732/33, in: Brugger/Dopsch/Kramml, Geschichte von Berchtesgaden Bd II/2, Berchtesgaden 1995, S. 1167–1188.

Wagner, Franz, Malerei, Plastik und Kunsthandwerk, in: Brugger-Dopsch, Geschichte von Berchtesgaden, Bd II/2, Berchtesgaden 1995, S. 1281–1334, S. 1294.

Dehio 1990, S. 1149 f. (s. v. Taubensee)

Sturm, Franz, Die protestantische Bewegung in der Gemeinde Marktschellenberg, in: Marktschellenberg. Aus der Geschichte der Marktgemeinde (Hg. Markt Marktschellenberg), Marktschellenberg 1998, S. 140–49.

A. B.

TRIEBENBACH