Polling, Kuratiekirche Mariä Heimsuchung


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 8: Landkreis Mühldorf am Inn. Hirmer, München 2002, ISBN 978-3-7774-9430-2, S. 218–220, geschrieben von Böhm, Cordula. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Kuratiekirche, Pfarrverband Flossing, Verwaltungsgemeinschaft Polling, Erzdiözese München und Freising; z. Z. der Ausmalung Erzdiözese Salzburg, Archidiakonat Gars. Polling war Filiale der Pfarrei Flossing, die dem Kollegiatstift Mühldorf inkorporiert war. An der Kirche bestand ein Benefizium. Der Benefiziat Riesner (1707-49) gründete 1737 zwei geistliche Bündnisse (»Maria Immaculata« für die Ledigen und »Jesus, Maria, Joseph« für die Verheirateten, s. AEM). Gericht Mörmoosen

Patrozinium: Mariä Heimsuchung

Zum Bauwerk: Barocker Umbau der gotischen Kirche 1758 durch den Baumeister Franz Alois Mayr aus Trostberg (StAM s. Kreilinger, S. 117). Dach und Gewölbebereich der Kirche waren in schlechtem Zustand, man hatte sich seit 1753 um eine Renovierung bemüht. Mit Mayr wurde u.a. die »Machung eines Chorgewölbs, Abnehmung der Senkhlen und Auszierung der ganzen Kirchen« abgerechnet. Das barocke Langhausgewölbe muß demnach schon bestanden haben; es hat die gleiche - selten vorkommende - Form einer Tonne ohne Stichkappen auf schwerem ungegliedertem Gesims wie das 1737 datierte Langhaus Martin Pöllners in Grünbach. Mayr schuf also - wie in Oberneukirchen und Grünbach im Chor - auch den altertümlich anmutenden Stuckdekor. Der AR ist im wesentlichen noch gotisch. Verlängerung nach W 1908. LHs (10,30×6,70 m) zu drei Achsen ohne Gliederung, gleich breiter AR (8,20×6,70 m) zu zwei Achsen, dreiseitig geschlossen. Im AR Wandpfeiler mit Pilastervorlagen, Oratorium an der S-Seite. Doppelempore im W. Belichtung im LHs durch drei Rundbogenfenster auf der N-Seite, im AR durch drei nach N und zwei nach S. An der S-Seite des LHs in desser voller Länge Anbau einer Seelenkapelle, überwölbt mit einer Stichkappentonne, die Stuckaturen und in einem stuckierten Bildfeld den Namen Jesu (IHS) zeigt.

Auftraggeber: Ignaz Erber, Pfarrer von Flossing (1742–69) Benefiziat in Polling war Johann Baptist Hueber (1749–64) der »13 Jahr die Seelsorg allein geführet« (Epitaph-Inschrift an der S-Wand der Gnadenkapelle). Die Thematik des Deckenbildes spricht dafür, daß die Ausmalung von den Bündnismitgliedern gestiftet wurde.

A Heiliger Wandel – Die irdische Trinität; am Chorbogen Kreuzigungsgruppe

Autor und Entstehungszeit: Autor unbekannt, 1758

Die Fresken sind so überarbeitet, daß ein Autor nicht benannt werden kann. Unter den zeitlich und historisch in Frage kommenden Malern ist Johann Paul Kurz, Maler in Mühldorf (* 1712 Mühldorf † 1772 Mühldorf) naheliegend. Die gelängten und etwas verschraubt angelegten Figuren erinnern an die Fresken in der Katharinenkirche in Mühldorf (S. 179–183). Wandfresko W, eine gemalte Kreuzigungsgruppe am Chorbogen, zeigt das Datum 1788, bei der Freilegung des Chorbogenfreskos vermutlich irrtümlich für 1758 gelesen. Von Paul Kurz, dem Vater Johann Pauls, ist das Hochaltarblatt (signiert P. Kurtz / fecit 1725). Das Gemälde an der nördlichen Langhauswand (Vermählung Mariens) und das Altarbild in benachbarten Bergham (Kreuzauffindung) sind ebenfalls Paul Kurz senior zuzuschreiben.

Befund

Träger der Deckenmalerei: LHs Tonne (ohne Stichkappen) auf 0,80 cm tief in den Raum schwingender Hohlkehle, AR gotisches verschliffenes Kreuzgewölbe, im O abgemuldet; W an der Schildwand des Triumphbogens

Rahmen: Stuckprofil

Technik: Fresko mit erheblichem Seccoanteil; polychrom Maße: A Höhe 9,00 m; 6,20 × 4,20

AR-Fresko (jetzt neubarock) Höhe 7,20 m; 3,70 × 4,40 Erhaltungszustand und Restaurierungen: Renovierung und Ausmalung der Kirche 1891 durch August Schluttenhofer, München. Die Kirche war »ganz ausgemalt und mit einem Deckenbild, welches von Leimfarbe und vollständig ruiniert war, versehen« (AEM). Als Ersatz malte Basilio Coletti, München, für 700 Mark die Immaculata, von einem Bauernmädchen und einem Jüngling verehrt, »als Bild zum Jünglings- und Jungfrauenbund« (Signatur 1891. Basilio Coletti). 1931 erfolgte eine »Tünchung, Tönung der Stuckornamente, Reinigung und Ausbesserung der Deckenbilder in Chor und Langhaus« durch Christian Seibold, Freising, und den Kunstmaler Michael Gottschalk, Freising. Bei dieser Renovierung wurde das Fresko am Chorbogen freigelegt. Original sind die Figuren Marias und Johannes, der Kruzifixus wurde ergänzt. In diesem Zusammenhang wurden auch noch zwei Gemälde an der Nordwand des LHs entdeckt, eins dem Eingang gegenüber, ca. 1,5 × 2 m, das zweite größere, nimmt einen großen Teil der NW-Wand ein: der Bildgegenstand war nicht zu erkennen; sie wurden älter eingestuft als die Barockfresken und wieder zugetüncht. Am Deckenbild A wurde nach Abschluß der Restaurierung vom BLfD (Akten Polling) zu wenig »Zurückhaltung in Retuschen« beanstandet. Die Fresken wurden 1963 durch Martin Zunhamer, Altötting, wieder restauriert und gereinigt. Letzte Restaurierung 1994 durch Ludwig und Elisabeth Keilhacker. Die älteren Übermalungen wurden belassen, zumal sie teilweise Ergänzungen von Fehlstellen waren. Das Fresko im LHs wirkt sehr retuschiert und dunkel; die gesamte Freskooberfläche überarbeitet, besonders die Gruppe von Jesus, Maria und Joseph. Die Votivfiguren wirken original. Das westliche Freskofeld ist leer (Anbau von 1908)

 
 
Fresko im Altarraum: Maria Immaculata (Basilio Coletti 1801)

Beschreibung und Ikonographie

A HEILIGER WANDEL – DIE IRDISCHE TRINITÄT Das LHs-Deckenbild zeigt in der Art eines Votivbildes den Bund der Verheirateten mit seinen Patronen Jesus, Maria und Joseph, die in Wolken in der Form des sog. Heiligen Wandels dargestellt sind, mit Gottvater und dem Heiligen Geist über Jesus (Trinitas Terrestris/Trinitas Caelestis). Auf einer begrünten Anhöhe an der Bildbasis ist der geistliche Bund versammelt, rechts die Frauen, links die Männer. Der vorderste Mann und die beiden vorderen Frauen zeichnen sich durch porträthafte Kennzeichnung und durch ihre festliche Kleidung von den anderen Figuren aus, die eher typisiert in ländlicher Sonntagstracht als Bauersleute dargestellt sind. Vielleicht handelt es sich um Stifter, die sich in Polling vielfach hervorgetan haben

Alle Figuren halten den Rosenkranz in Händen. Die Inschrift zwischen irdischer und himmlischer Szenerie »Da haben Ihre Zuflucht genommen zugleich Männer und Weiber Jud 9 V. 51« bezieht sich auf eine Geschichte des Alten Testaments, in der die Männer und Frauen von Tebez bei der Belagerung durch Abimelech in einer Burg Zuflucht fanden (Iud 9,51).

Altarraum

Die Darstellung der Maria Immaculata im Chor (1891) nahm wohl das Thema des zerstörten barocken Bildes auf, das wahrscheinlich Maria Immaculata als Patronin des Bündnisses für die Ledigen zeigte.

Auf dem Hochaltarblatt erscheint mit der Darstellung der Heimsuchung das Kirchenpatrozinium. Die Altarfiguren sind Joseph mit dem Jesuskind (links) und Joachim mit dem Kind Maria (rechts).

W KREUZIGUNG An der Triumphbogenwand ergibt sich durch den Höhenunterschied zwischen LHs und AR eine Schildwand, auf die die Darstellung des Gekreuzigten mit Maria und Johannes Evangelist gemalt ist.

Quellen und Literatur

StAM, Pfleggericht Mörmoosen, Kirchenrechnungen R 70, fol. 86–89.

AEM, Pfarrakten Flossing, Filiale Polling. 184 850 001: Chronik 1845; 184 853 201: Restaurierungen.

AEM, Pfarrakten Flossing. Chronik des Kuratbenefiziums Polling und Bergham 1544-1841, 1845 verfaßt von Franz de Paula Hueber (Ms.).

BLtD, Akt Polling, Kirche Mariä Heimsuchung.

Mayer-Westermayer, Bd 2, S. 104f.

KDB I OB (3), S. 2244.

Historischer Atlas Bd 36, Mühldorf (Helmuth Stahleder), München 1976, S. 352.

Kreilinger, Kilian, Der bayerische Rokokobaumeister Franz Alois Mayr (= Jahrbuch des Vereins für christliche Kunst 9), München 1976, S. 117.

Dehio 1990, S. 980 (Umbau und Ausmalung 1735 datiert). Heimatbuch Polling-Oberneukirchen, Haag 1990, S. 222-25.