Pürten, Pfarr- und Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt
Pfarr- und Wallfahrtskirche (Pfarrverband Waldkraiburg), Stadt Waldkraiburg, Erzdiözese München und Freising; z. Z. der Ausmalung Erzbistum Salzburg. Die Pfarrei Pürten war dem Augustiner-Chorherrenstift Au am Inn inkorporiert. Zum spätgotischen Gnadenbild Maria speciosa ad Portam des Seeoner Meisters bestand eine Wallfahrt. Die in Pürten begrabene sel. Alta und ein karolingisches Evangeliar wurde als wundertätig verehrt. 1692/93 Errichtung der St. Joseph Bruderschaft zur Erlangung einer seligen Sterbestunde. Ge richt Kraiburg
Patrozinium: Mariä Himmelfahrt
Zum Bauwerk: Die Kirche geht bis ins 11. Jh. zurück. Irmingard, Gemahlin Chadalhohs, Enkels des Pfalzgrafen Aribo I., vermachte die Kirche dem Augustiner-Chorherrenstift Gars am Inn. 1177 (Datum über der Sakristei und am Gitter vor dem Gnadenaltar) wurde die Kirche dem 1120 gegründeten Augustiner-Chorherrenstift Au am Inn inkorporiert (s. Inschriftkartusche an der Brüstung des Oratoriums). Ältester Teil der zweischiffigen Kirche ist die spätere Gnadenkapelle, die heute den Abschluß des südlichen Schiffs bildet und ursprünglich wohl im Zusammenhang mit einem größeren Bau bestand. Der gotische Neubau entstand unter Propst Konrad von Au (1398–1428). Die Gnadenkapelle wurde 1628 barockisiert, das nördliche Schiff 1757 anläßlich von Baureparaturen: Neuwölbung und Ummantelung der Pfeiler. Gleichzeitig wurde über der Sakristei ein Oratorium eingebaut. Chronogramm in einer goldenen Rocaillekartusche am Chorbogen (lesbar sind nur noch die roten Zahlbuchstaben) VI/D/CCLIM (= 1757). Die Stuckdekoration der Kapitelle und der Emporenbrüstungen sowie die Kanzel sind ohne Zweifel Arbeiten Johann Philipp Wagners, der sich als Bildhauer im Jahr 1757 in Kraiburg niederließ. Seine unverkennbaren Eigenheiten erlauben sichere Zuweisungen (vgl. Fißlkling 1757, Fraham 1759, Rattenkirchen 1765, Pürten, Altar in der Seelenkapelle), z. B. die Kombination von C-Schnörkeln, die an der Außenseite flammen- und wellenartig ausgespachtelt und oft mit tropfenförmigen Löchern in reihenmäßiger Anordnung gegliedert sind. Johann Philipp Wagner (* 1735 † 1802) war der älteste Sohn des Bildhauers und Stuckators Johann Paul Wagner aus Vilsbiburg. Er war von der Landshuter Schule, besonders von Christian Jorhan, stilistisch beeinflußt. In das Mirakelbuch in Pürten trug er sich 1790 und 1794 wegen eines Augenleidens als Bittender ein (Nr. 273 und 276). Daß P. Penner (s. Auftraggeber) ihn nicht namentlich erwähnt, könnte damit zusammenhängen, daß er 1757 ein noch völlig unbekannter Bildhauer war. Die vier Altäre stammen aus der Zeit von 1670/93.
Langhaus (18×9 m) zu vier Jochen, eingezogener, um 2 Stufen erhöhter AR (12×7m) zu drei Jochen, dreiseitig geschlossen sen. Gliederung der LHs-Seite durch Pfeiler mit vorgelegten Pilastern, auf denen südlich Arkaden (teilweise geschlossen) ruhen. Doppelempore im W. Belichtung im LHs an der N- Seite durch hohe, an der Kapellen-S-Seite durch halbhohe Rundbogenfenster; im AR an der S-Seite im zweiten und dritten Joch und in den Schlußschrägen. Südliches Seitenschiff zu drei Jochen mit einem Apsisjoch, in dem der monumentale Gnadenaltar steht. Zwei westliche Arkaden sind zum Hauptschiff geöffnet, die östlichen schließen die Gnadenkapelle ein.

Auftraggeber: Propst Patritius Zwick von Au am Inn (1749-61), dessen Wappen sich mit dem Stiftswappen an der Stichkappe über dem Hochaltar befindet. Pfarrvikar war P. Albert Penner (* 1723, Primiz 1746, in Pürten 1756–63), der die dem Stift inkorporierten Kirchen überall, wo er eingesetzt wurde, barockisierte, zuerst in Mittergars (nicht erhalten), 1756-63 in Pürten, 1763-68 in Reichertsheim, Oberornau, Riedbach, Thambach und Hofgiebing und ab 1769 in Ampfing (Pfarrkirche und Pfarrhof). Dort starb Albert Penner 1779 im Alter von 56 Jahren. Auf einem Porträt im Pfarrhof von Ampfing, das vermutlich Balthasar Mang gemalt hat, ist er mit Plan und Zirkel dargestellt, mit der Inschrift »dilexit decorem domus Dei et aedium parochialium«. P. Penner beteiligte sich aktiv am Bau, in den Kirchenrechnungen erscheint er als Lieferant von Gips, Nägeln, Bauholz und Farben. Er organisierte auch die freiwilligen Fuhren und Hilfsdienste. In dem sog. Mirakelbuch, dem »liber tripartitus«, in dem Wunderheilungen, Stiftungen und Schenkungen aufgelistet sind (Pfarrarchiv Pürten), berichtet P. Penner vom Umbau 1757 (Nr. 238):
»Anno 1757 hab ich Albertus Penner Can. Reg. Vicarius alhier die samentliche Kürchen Reparation und Renovation übernohmen, har sodan zu dem nötigen Grist Holz der hochgebohrne H.H. Franciscus Graf von Überäcker, Haubtpfleger zu Mühldorf, aus dem Pörthner Ampfinger und Steinbacher Forst über 100 Gstämm gratis angeschafft. welche auch ganz willig thails Pörthner, tails Aschauer Bauern ohne Entgelt hergeführt haben. Die Bröder zu dem Grist, über 200, seyn meistenthails von denen hiesigen Pfarrbauern auf Wiederzuestellung, die Unterläg Bäum aber von dem Pfleggericht Kraiburg aus dem Bruckstadl bey 70 gratis abgegeben worden. Hinach seyn die schon zu dem Fall geneigte von der Mauer halb abgelöste Senckhl in deren ganzen Khürchen abgenommen, das ruinöse Gewölb ausgepössert und mit neuem Anwurff versichert, ganz und gar in Fresco von dem kunstreichen Herrn Martin Seltenhorn ausgemahlen, und endlich die Pfaler mit neuen Capitelen und Lesenen versehen worden. Das mehrer Tun zu dieser pretiosen Reparation hat hiesiges Gottshaus selbst aus eigenen Mittlen abgeführt, das übrige aber, und nit wenige, einige unbenannte Guttäter beygetragen. Welche bey Gott b lich hoffen«.
Die Mutter Penners, »Maria Anna Pennerin, verwittibte Gast gebin zu Neuenötting«, ist alljährlich mit kleinen Stiftungen verzeichnet.
In der Chronik von Au wird Penner bei seinem Tod am 25. 1. 1779 von P. Alois Sedlmayr erwähnt: »optimus oeconomus noster, Vicarius in Ampfing, hic sepultus, restauravit domos parochiales in Pürten, Reichersheim et Ampfing, ecclesias in Mittergars, Zarnheim, Reichersheim, Riedpach, Ornau, Giebing, Thambach, Pürten et Ampfing, ubi hodie adhuc videre est« (Klosterarchiv Gars, Chronik von Au).
Autor und Entstehungszeit: Johann Martin Seltenhorn (* 1727 Pfaffenhausen † 1768 Burghausen). Signatur in B links vorn: JMSeltenhorn pinxit / 1757.
Der Freskant von Pürten ist in der Literatur bis Goerge 1986 mit seinem Bruder, dem Kraiburger Maler Johann Antor (* 1713 † 1792) bzw. mit dessen Sohn Martin Anton Seltenhorn (* 1741 † 1809) verwechselt worden. Johann Martin Seltenhorn hatte 1754/56 an der Wiener Malakademie studiert, bevor er den Auftrag in Pürten bekam und sich 1759 in Burghausen niederließ.
Die Fresken von Pürten zeigen den Maler auf hohem künstlerischen Niveau und in lebhaftem Gegensatz zu der übrigen Freskomalerei des Bereichs. Der Einfluß der Wiener Akademie ist unverkennbar. Deutlich weisen die Fresken auf Vorlagen Trogers, aber noch mehr auf Werke des um drei Jahre älteren Franz Anton Maulpertsch (* 1724 † 1796). Für das Engelkonzert (A) ist Trogers Orgelfresko der Ignatiuskirche in Györ (Raab) in Ungarn, 1747 entstanden, detailgetreue Vorlage (Aschenbrenner/Schweighofer 1965, Abb. 38). Der Typus der himmelfahrenden Maria ist bei Troger öfter zu finden (ebd., Nr. 113; Fresko in der Schloßkapelle Heiligenkreuz-Gutenbrunn, 1739). Die Anbetung der Hirten (Fresko S) in der Seitenkapelle folgt einem Altargemälde von Maulpertsch in der Michaelerkirche in Wien (1753/55), an dessen Malweise mit dem faserig-nervösen Pinselstrich und den atmosphärischen Effekten sich Seltenhorn orientiert. Die Fresken in Pürten sind zusammen mit denen Martin Heigls in Mühldorf und Oberflossing die besten Arbeiten im Landkreis, schwungvolle Kompositionen in routinierter und transparenter Malweise ausgeführt, in zart leuchtenden Farben und gekonnter Darstellung des Stofflichen.
Befund
Träger der Deckenmalerei: LHs und AR verschliffenes Kreuzgewölbe, AR im O abgemuldet; S verschliffenes Kreuzgewölbe
Rahmen: Alle Rahmen und die gesamte Gewölbedekoration sind gemalt, A-C imitiertes Stuckprofil, 1-6 gemalte Rocaillekartuschen, C1-4 ohne Rahmung, S1-2 steingraue Rahmung W1-3 imitierte Stuckkartuschen in den Spitzbogen, WI in der Arkadenbogen eingelassen, die Rippen tragen noch spätgotische Dekoration
Technik: Fresko mit zahlreichen originalen Seccoübermalungen; alle Fresken bis auf W1-3 polychrom; W1-3 monochrom violett-grau
Maße: A Höhe 10,00 m; 2,60 x 3,40 B Höhe 10,00 m; 10,10 x 3,70 C Höhe 10,20 m; 6,30 x 3,50 S Höhe 7,45 m; 3,70 x 1,80 WI Bildansatz 3,20 m; 2,10 x 3,25
Erhaltungszustand und Restaurierungen: P. Alois Sedlmayr, Pfarrvikar ab 1794, führte 1794 eine erste Renovierung der Kirche durch (»renovata et decorata«). 1889 wurden die Fresken restauriert, dann erst wieder 1959 anläßlich einer Innenrestaurierung durch Ludwig Keilhacker, Taufkirchen/Vils, und Hans Pfohmann, München. Dabei wurde die Raumtassung von 1889 entfernt und die Brokate im Bereich der Stichkappen und Gewölbe freigelegt, ebenso die gemalten


Halbkuppeln vor und hinter dem Chorbogen sowie die Marmorierung der Pilaster. Offensichtlich wurden damals für die Freilegung Messingbürsten und Glasfaserstifte verwendet. Die Freilegung der Kirchenväter hat zu solchen Verlusten geführt, daß sie anschließend von Pfohmann wieder übermalt werden mußten. Vor der letzten Restaurierung 1992/94 durch Restaurator Reiner Neubauer, Bad Endorf, und Kirchenmaler Weininger zeigten sich Scheitelrisse am Gewölbe. Schimmel und Schmutzflecken in Fresko K, die Seccomalerei puderte ab. Bei einer Befunduntersuchung der Fresken und der Brokatmalerei
wurde eine Zweitfassung in ockerfarbener Tönung von ca. 1800 auf Kosten der originalen Mehrfarbigkeit aufgefunden. An der Emporenunterseite fanden sich marmorierte Balken und marmorierte Felderungen. Die Originalbrokate im südlichen Seitenschiff und an der Empore wurden freigelegt, unter den gelben Brokaten fanden sich nur geringe originale Reste. Die Raumfassung war lückenlos rekonstruierbar. Man erhielt jedoch die Teilrekonstruktion von 1959, die möglichst den Vorgaben des 18. Jh. angenähert wurde, besonders im Bereich der ornamentalen und architekturillusionistischen Malereien



Die Dekoration an den Emporenbrüstungen wurde der vorgefundenen Stilstufe des späten Rokoko angepaßt. Das Ausmaß an erhaltener originaler Malerei war relativ hoch. Die Fresken sind ausgezeichnet erhalten.
Beschreibung und Ikonographie
Der Gewölbegrund ist einheitlich mit Brokatmalerei, die sich an ein einfaches Stab- und Tapetenmuster hält, eingefärbt: im Langhaus ockergrundiges Gewölbe mit violetten Stichkappen und steinfarbenen Rippen, im Chor himmelblaues Gewölbe mit ockergelben bzw. ockergrünen Stichkappen, die in rotsandsteinfarbener Imitation abgesetzt sind. Weiße Rocaillen verklammern die Gewölbefelder miteinander. An den Gurtbogen schließt im Scheitel je eine halbe illusionistische Kuppel mit kassettiertem Gewölbe an, die im LHs mit zwei Engeln, die eine von oben hereinbrechende Lichtquelle umschweben, ausgestaltet ist. Die Dekoration im Seitenschiff ist hellgrau mit ockerfarbenen Stichkappen. Auf den marmorierten Pilastern finden sich Kartuschen mit Büsten der Apostel.
A ENGELSKONZERT Querovales Bildfeld. Auf dunklen Wolken vor dem hellen Himmel ist eine Gruppe von Engeln und Putten gezeigt, die mit Orgel, Harfe und Laute musizieren. Diese kompositorisch geschlossene Gruppe bildet auch farblich eine Einheit, wenige Buntfarben sind in die braun-rosa Farbmischung aus Wolken und Inkarnat eingebunden. Inhaltlich ist Fresko A im Zusammenhang mit B zu sehen.
A1-2 HEILIGE Die Kartuschen, die das Bildfeld A begleiten, zeigen zwei Heilige in Halbfigur.
A1 HEILIGER ERZBISCHOF Der Heilige ist wegen mangelnder Attribute nicht zu bestimmen. Er hat die Mitra bei sich. Der doppelte Kreuzstab und das Pallium weisen auf seine erzbischöfliche Würde hin.
A2 FRANZ XAVER Der jugendliche Heilige in Chorhemd und Stola tauft einen neben ihm knienden dunkelhäutigen Heiden.
B HIMMELFAHRT MARIENS Langgestrecktes Bildfeld über 3 Joche, das sich den Gegebenheiten des relativ schmalen Gewölbes fügt. Die Komposition folgt der Rahmenform - eine gerade abschließende Substruktion bildet den Schauplatz für den Sarkophag Mariens, um den die Apostel angeordnet sind. In den rundbogigen Abschluß nach W ist spiralförmig ein Engelreigen einbeschrieben, dessen Zentrum die aufschwebende Figur Mariens einnimmt. Durch die faserigen lichtdurchwirkten Wolken sind die Engel mit langen Gewandbahnen wie zu einem Kranz geflochten, die Gestalt Christi mit rotem Mantel und Kreuz einbeziehend, während Gottvater im hellgrünen Gewand das himmlische Zentrum bezeichnet. Zu seinen Füßen liegen auf einem Schemel Krone (in Form der Reichskrone), Zepter und Krönungsornat bereit, um Maria als Himmelskönigin auszuzeichnen.
Farblich ist das Fresko von großer Lebendigkeit, weil die Farben der Gewänder sämtlich changierend wiedergegeben sind, in bunten Farben, überwiegend Blau, Gelb und Grün und Rostrot. Wolken sind mit viel Weiß- und Gelbhöhungen behandelt und erscheinen lichtdurchwirkt, ebenso das Inkarnat, das rosig gehöht ist.
B1-4 VIER KIRCHENVÄTER Die Kartuschen, die das Hauptfresko umgeben, zeigen in Halbfigur die Kirchenväter.
B1 HIERONYMUS Bärtig, unter Felsen, ist Hieronymus als Einsiedler und Büßer gezeigt, den Kruzifixus in der Linken haltend, in der Rechten den Stein. Hinter ihm am Felsen hängt der Kardinalshut.
B2 AUGUSTINUS Augustinus in Chorherrntracht sitzt mit einem aufgeschlagenen Buch auf den Knien und hält sein Attribut, das brennende Herz. Mitra und Pedum sind seitlich an einem Tisch zu sehen.
B3 AMBROSIUS Ambrosius von Mailand ist in bischöflichem Gewand dargestellt, mit einem Buch auf den Knien umschwirrt von Bienen aus einem Bienenkorb hinter ihm.
B4 GREGOR Papst Gregor der Große schreibt in ein Buch auf seinen Knien; die Taube als Symbol der göttlichen Inspiration ist an seinem Ohr zu sehen. Hinter ihm Bücher.
C VERMÄHLUNG MARIENS Im Chorfresko nimmt der irdische Schauplatz - die säulengeschmückte Altarnische des Tempels über steilen Stufen - fast die ganze Bildfläche ein, wird aber vom himmlischen Bereich her in Wolken aufgelöst. In hierarchischer Anordnung bilden die dargestellten Personen einen Spitzbogen: zuoberst der Hohe Priester, rechts Maria, eine Stufe tiefer Joseph, die die Ringe austauschen, dann Tempeldiener mit Fackeln und Pharisäer. Dem Repertoire der römischen Barockmalerei sind eine Frau am Sockel entnommen, die zwei Kinder nährt, sowie ein Knabe hinter der Säule. Der Farbeindruck ist durch die kompakte Figurengruppe intensiver als in Fresko B. Der grünlichgraue Hintergrund des Tempelinneren wiederholt sich in den Stichkappen, ebenso wie die buntfarbenen Figuren in den Evangelisten C1-4 eine Entsprechung finden und die rotsandsteinfarbene Umrahmung zusammen mit den Säulen des Freskos und dem Hochaltar dem Raum einen sakralen Charakter gibt.
C1-4 VIER EVANGELISTEN Sitzende Ganzfiguren auf faserigen Wolken ohne Rahmung.
C1 MARKUS Der Evangelist schreibt in einem Buch und hat den Löwen zu seinen Füßen.
C2 LUKAS Lukas ist als Porträtist der Madonna wiedergegeben: Er fällt aus der Reihe, denn er trägt nicht die übliche Evangelistengewandung, sondern ein Phantasiegewand mit zipfligen Fransen, und hat einen blaugestreiften Schal um den Kopf geknotet. Er zeigt individuelle Züge und den direkten Blick der Selbstporträts. Wahrscheinlich hat hier der 30jährigen Johann Martin Seltenhorn sein Selbstporträt hinterlassen (vgl. Selbstbildnis Mangs in Reichertsheim, S. 250, 252).
C3 JOHANNES Johannes hält Feder und Buch und blickt nach oben. Neben ihm ist der Adler mit dem Tintenfaß im Schnabel zu sehen.
C4 MATTHÄUS Matthäus hat den Finger auf eine Stelle einer ausgebreiteten Schriftrolle gelegt. Neben ihm ist der Engel, der ein Buch hält.

WI DIE SELIGE ALTA Inschrift über dem Bild B. ALTA Lünettengemälde an der Arkadenwand über dem angeblichen Grab der sel. Alta, deren lebensgroße Holzplastik, den Kopf auf das wundertätige Evangeliar gebettet, in einer vergitterten Wandöffnung darunter liegt. Die Rahmung zeigt spätgotische Dekorationsformen. Die Wand mit dem Gemälde hat, zur Rechten der Darstellung Altas, eine kleine Nische, in der früher das wundertätige Evangelienbuch lag. Die nur in Pürten verehrte fränkische Königstochter ist als schöne junge Frau in barockem Gewand mit einer Krone dargestellt, von Engeln umschwebt. Ihre mit Pürten verknüpfte Geschichte wird in kleinen Szenen erzählt. Rechts sieht man den von Pferden gezogenen Karren, auf dem der Sarg mit der unterwegs verstorbenen Alta liegt, durch eine Flußebene (des Inn) zie
PÜRTEN hen, am Horizont eine Ansiedlung – das benachbarte Kraiburg. Links auf dem steilen Hochufer steht die Kirche vor Pürten. Die Inschrift an der Bildbasis erzählt ihre Legende: Alhie Under disen eingefangnem Grab Rhueet der Leib der Seligen ALTA ein gebohrne Königliche Tochter Auß Franckhreich: Alß dise auf ein Zeit in einer schweren Krankheit die Mutter Gottes angerueffen, ist ihr von Der selben geoffenbahret werden, sye solte sich in das Bayerland zu Unnser Lieben Frauen Gottshaus Pürten genand führen lassen mit dem Befehl, das wan sye Under wegen sterben solte ihr Leib an Dem jenigen Orth wo die Maulteslen würden still stehen solte begraben werden – nach Deme sye nun auf der Reise gestorber seindt die Eselen mit ihren Leib den geraden Weg nach Pürten gangen. Alda still gestanden und keines Wegs weither können gebracht werden, woraus man abgenommen das die selige Junkhfrau Alda und an keiner andern Orth Rhueer wolte. Sobald man sye zur Erdten bestettete, hat sie Alsobalder angefangen Wunder zu würkhen. Solches bezeugt nit allein ihr Grab sondern auch ihr mitgebrachtes Wunderbuech durch welches vor schon etlich Hundert jahren bis auf heutigen Tag sehr vill und große Wunder an den betriebten und anderer Leuthen gescheehen seindt und Annoch gescheehen. 1716.

Das Bild ist im wesentlichen in der Fassung Seltenhorns erhalten. Ein um 1700 zu datierender Wallfahrtszettel im Pfarrarchiv, der die Alta-Legende zum Teil fast gleichlautend wiedergibt wie die Bildunterschrift, erwähnt das »sehr alte Bildniß in der Kirch an der Maur gemalet, sammt einer Unterschrift«. Dieses alte Wandbild wurde offenbar von J. M. Seltenhorn erneuert.
W1-3 ALTA-SZENEN Drei gemalte monochrome Kartuschen in den Arkadenzwickeln zeigen weitere Szenen aus der Legende der Seligen.
W. MARIENVISION DER SELIGEN ALTA Das junge Mädchen kniet an seinem Lager. In einer Vision sieht sie das Gnadenbild von Pürten, das sie zu sich nach Bayern ruft (s. Inschrift).
W. ABSCHIED ALTAS VON DER MUTTER Im Hof des Palastes beugt sich die Mutter über die zur Reise entschlossene Tochter; hinter ihr ist eine weitere königliche Verwandte zu sehen. Zwei gesattelte Tiere, ähnlich Kamelen, warten mit Gefolge.
W, TOD DER SELIGEN ALTA Am Totenlager der Seligen, das im Freien auf einer Terrasse steht, knien eine alte Frau, wohl die Bedienerin, und drei betende Putten mit Sterbekerze. Die Legende der ›gottseligen‹ (nicht selig gesprochenen) Alta entstand im 17. Jh. (sie zeigt Parallelen zu der sel. Edigna von Puch (CBD Bd 4, LKr. Fürstenfeldbruck, S. 223 ff.). Diese legendäre Königstochter soll, verschiedenen Fassungen zufolge, in einer schweren Krankheit von dem wundertätigen Gnadenbild Maria an der Porten nach Pürten berufen worden sein bzw. verfügt haben, daß ihr Leichnam dorthin gebracht werden solle. Nach einer anderen Version sollen zwei Esel, die ihren Karren zogen, den Ort bei der Kapelle in Pürten als Ruheort bestimmt haben. Das Evangelienbuch, das Alta als einzigen Schatz mit sich führte, soll in Pürten geblieben sein und sich als wundertätig erwiesen haben. Geisteskranke und Epileptiker mußten vier Nächte darauf ruhen, die erste Nacht auf dem Evangelium des Matthäus, die zweite auf dem des Markus, die dritte auf dem des Lukas und die vierte auf dem Johannesevangelium. In der vierten Nacht tobten sie häufig und waren danach ruhig und geheilt.
Das ins karolingische 9. Jh. datierte Evangeliar (seit der Säkularisation in der Bayerischen Staatsbibliothek, clm 5250) wird mit der Stifterin Irmingard in Zusammenhang gebracht, die mit ihrem Mann, dem späteren Bischof Adalbert, eine Tochter namens Alta hatte. Auch der Stifter von Kloster Seeon, Graf Aribo, war mit einer Adala (Alta) verheiratet (Mayer-Westermayer, S. 164f., Pückler-Limburg, S. 75, und Hartmann S. 47–49).
Seitenschiff
Das südliche Schiff mit der östlich angrenzenden Gnadenkapelle zeigt die gleiche Gewölbedekoration wie im Mittelschiff; das westliche Joch schließt ein kreisrundes Bildfeld ein mit Wolken und der Ligatur MARIA, das östliche zeigt ein rundbogenförmiges Bildfeld. Die Apsis des Seitenschiffs, die hinter einem Gitter den Gnadenaltar von 1629 mit dem Gnadenbild der Muttergottes auf dem Halbmond aufbewahrt, zeigt ein gemaltes kassettiertes Stuckgewölbe.
S ANBETUNG DER HIRTEN Ruinenlandschaft, durch eine Art Strohdach zur Behausung gemacht. Im Torbogen steht Joseph, Maria sitzt und präsentiert das Jesuskind den Hirten. Diese reichen ihre Geschenke: ein Ei, ein Lamm, einen Krug. Der älteste unter ihnen kniet vor dem Kind.
Literatur zur Malerfamilie Seltenhorn: Thieme-Becker, Bd 30 (1936), S. 482 (Josef Blatner). Roth, Adolf und Julius Sesar, Die Malerfamilie Seltenhorn oder: Hier irrt der Thieme-Becker, in: Der Familienforscher in Bayern, Franken und Schwaben Bd 1, H. 17/18, 1954 S. 275–78.


Aschenbrenner, W. und S. Schweighofer, Paul Troger, Leben und Werk, Salzburg 1965, Abb. 38, 113.
Garas, Klara, Franz Anton Maulpertsch, Leben und Werk, Salzburg 1974, Abb. 11, Tafel 5–9.
Liedke, Volker, Baualtersplan zur Stadtsanierung Burghausen, Burghausen 1978, S. 194f. (In den Grüben 153).
Goerge, Dieter, Der kunstreiche Johann Martin Seltenhorn (1727–1768). Ein Beitrag zur Geschichte der Malerei in Burghausen, in: Oettinger Land 6, 1986, S. 218–244.
Colditz, Silke, Die barocke Deckenmalerei in der Klosterkirche Gars am Inn, ungedr. Magisterarbeit, Passau 1990, S. 77–79.
Paula, Georg, Johann Michael Holzhey, Johann Martin Seltenhorn und Michael Daenzel - Drei schwäbische Geschichtsmaler an der Wiener Akademie, in: Kat. Franz Anton Maulpertsch und sein schwäbischer Umkreis, Langenargen 1996, S. 136–149.
Goerge, Dieter, Johann Nepomuk della Croce 1736–1819 Leben und Werk (= Burghauser Geschichtsblätter 50), 1998, S. 310–312.
Quellen und Literatur
StAM, LRA 51927: Restauration der Filialkirche St. Erasmus 1883.
AEM, Pfarrakten Pürten, Pastoral- und Kultussachen 1629–1918.
Archiv Münchner Provinz Redemptoristen in Kloster Gars Az. 6001.01.03: Chronik von Au, fol. 34.
Pfarrarchiv Pürten, Mirakelbuch (»liber tripartitus«), Nr. 238 Pürten in Geschichte und Legende (Ms. Peter Schmalzl). BLfD, Akt Pürten, Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt.
Riedl, Karl, Geschichte des Marktes und der Grafschaft Kraiburg, 1857, S. 173–77.
Mayer-Westermayer, Bd 2, S. 161–65.
KDB I OB (3), S. 2244–47.
Thieme-Becker, Bd 30 (1936), S. 482 (s.v. Seltenhorn).
Pückler-Limburg, Sigmund Graf, Die Heimat und ihre Geschichte: Pürten, in: Das Mühlrad 4, 1954, S. 75–80.
Hartmann, Adolf, Pürten, in: Das Mühlrad 11, 1962, S. 44–49. Historischer Atlas Bd 36, Mühldorf (Helmuth Stahleder), München 1976, S. 335.
Großmann, Dieter, Pürten, Pfarr- und Wallfahrtskirche Maria Speciosa ad Portam (KKF Nr. 1233), München und Zürich 1981.
Dehio 1990, S. 991.
Schroll, Meinrad, Pfarr- und Wallfahrtskirche Pürten, in Waldkraiburg erzählt. Geschichte einer jungen Stadt (Hg. Stadt Waldkraiburg), Waldkraiburg 1999, S. 35–44. C. B



