Poigern, Filialkirche St. Nikolaus
POIGERN
Filialkirche, Pfarrei Egenhofen, seit 1986 Pfarrverband Auf kirchen-Egenhofen, Gemeinde Egenhofen, Erzdiözese München und Freising. Die Pfarrkirche lag innerhalb der Hofmark Egenhofen, die von 1720-1826 den Freiherren von Ruffin gehörte. Z. Z. der Ausmalungen (um 1760-65, um 1800) war die Pfarrei Egenhofen Monatspfarrei: Nach 1789 ging das Monatsrecht des Landesherrn auf die Besetzung der Pfarre Egenhofen durch Tausch an die Freiherren von Ruffini über (Schmidtsche Matrikel, Bd 2, S. 273, Anm. +). Gericht Dachau. Das Dorf Poigern war landgerichtsunmittelbar. Gericht Dachau, Amt Esting.
Patrozinium: St. Nikolaus
Zum Bauwerk: Die im Äußeren noch erhaltene spätromanische Chorturmanlage wurde nach einem Brand von 1704 (Spanischer Erbfolgekrieg) erneuert und barockisiert: »Ecclesia haec post hostile incendium reparata« (Schmidtsche Matrikel, S. 275).
Flachgedeckter, dreiachsiger Saal mit stark eingezogenem, zweifenstrigen AR, der das Erdgeschoß des Chorturms einnimmt. Keine Wandgliederung; Empore im W; die Belichtung erfolgt durch je zwei Korbbogenfenster im N und S des LHs und je eines im N und S des AR.
Auftraggeber: Hofmarksherr z. Z. der Freskierung des LH (A) um 1800 war Franz Xaver Frh. von Ruffini; die amtierenden Pfarrer waren Simon Steidl (1789–1801) und Franz Xaver Niedermayr (1801–15). Hofmarksherr z. Z. der Freskierung des AR (B) war der Hofkammer- und Kommerzienrat Johann Zacharias Freiherr von Ruffini. An dem Figurenprogramm ist sehr wahrscheinlich der damalige Pfarrer Dr. Joseph Friedrich von Machhaus (1718-62) beteiligt. In einer Pfarrbeschreibung von seiner Hand von 1758 heißt es: »Neben der Pfarrlichen Muetter Kirchen befindet sich auch eine Filial, oder Zue Kirchlein, ist zwar klein, jedoch von etlich Jahren her wohl zue und eingericht, ... alda wirdt alß Schuez und Kirchen Patron verehret der heyl. Myrische Bischof Nicolaus.« (AEM). Das Epitaph des Joseph Friedrich von Machhaus – außen am Chorschluß der Egenhofener Kirche – besagt, daß dieser Geistliche sich in besonders hohem Maße seiner Pfarrei angenommen hat. Unter dem Wappen mit einem Haus in der eingebogenen Spitze lautet die Grabinschrift HIC iacet / Plur. R. ac. Exces. D. los. Fridericus / Antonius De Machhaus ss: Thlgiae / Doctor Et Parochus Zelosissimus Nomine Et omine/Machhaus/Caelavit Enim Zelando in huiate (?) / Parochia per 44 Annos Ex / Inventa Una Margarita Pretiosa/Sibi Domum AEternitatis suae/in quam ivit / Ao Christi 1762. 28 Apr. aetatis 69. / cui Deus Gloriam. (Hier ruht der höchstehrwürdige und vortrefflichste Herr Joseph Friedrich Antonius von Machhaus, Doktor der Aller heiligsten Theologie und eifrigster Pfarrer. Ein Machhaus war er nach der Vorbedeutung seines Namens. Denn er schuf sich – indem er mit Eifer 44 Jahre lang in dieser Gemeinde wirkte – aus der vorgefundenen kostbaren Perle das Haus seines ewigen Lebens, in welches er am 28. April im Jahre des Herrn 1762 im Alter von 69 Jahren hinüberging. Dem Gott die ewige Herrlichkeit verleihen möge. »Inventa Una Margarita Pretiosa« ist ein Zitat aus Mt 13, 45–46.)
Autor und Entstehungszeit: A Zuschreibung an Johann Leibrecht, um 1800; B Zuschreibung an Johann Georg Dieffenbrunner (* 1718 Mittenwald † 1785 Augsburg, zur Person siehe CBD, Bd 5) um 1760–65
Laut KDB existierte im LHs-Fresko A eine – heute nicht mehr vorhandene - Signatur Johann Pfaffenzellers. Dieser Maler ist bisher sonst nicht belegbar.
Das Fresko zeigt dagegen stilistische Verwandtschaft mit den Fresken in Unterumbach (LKr. Dachau, CBD Bd 5) von Johann Leibrecht signiert mit JoHan/Leibrecht/1777. Lebensdaten Johann Leibrechts sind nicht bekannt. Gemeinsame charakteristische Merkmale sind die Vorliebe für monumentale architektonische Aufbauten über hohen Treppenanlagen, die von Putten gehaltenen Stoffdraperien und der etwas steife Figurentypus mit einer Neigung zu porträthaften Gesichtern mit allerdings stereotypen Stupsnasen. Der hl. Martin in Fresko B in Unterumbach ist dem hl. Nikolaus in Poigern in Haltung und Gebärde sehr ähnlich.
Die sehr ausgedünnte, flächige und im Figürlichen rein additive Komposition, der jeder Bewegungszusammenhang fehlt, spricht für die Jahre um 1800 als Entstehungszeitraum. Der schwarze, mit einer Kokarde verzierte Hut des jungen Herrn und die Darstellung des Gletschermassivs im Hintergrund verstärken diese Annahme.
Das AR-Fresko B kann mit Sicherheit Dieffenbrunner zugeordnet werden: Charakteristisch für Dieffenbrunner sind: die gelblich bis hellbraun getönten Wolkenschwünge, die in der oberen Himmelpartie in ein von Puttenköpfchen begleiteter Wolkenloch einmünden; die häufig starke Schrägneigung der Körperachsen und somit der Figuren zueinander, z. B. bei der Dreifaltigkeit; die weiche, in der Längsrichtung oft fast konvexe Formgebung.
kaye Gesichtsbildung; die Gestaltung der Hände mit weit abgespreiztem, isolierten Daumen. - Poigern steht den frühen und mittleren Arbeiten Dieffenbrunners nahe. So ist das Chorfresko in Kleinberghofen (LKr. Dachau) mit der Glorie des hl. Martin (1764 für Dieffenbrunner archivalisch gesichert) in Gesamtauffassung und Farbgebung dem Poigerner Chorfresko verwandt. Der Nikolaus in Poigern vertritt einen ähnlichen, sehr weich konturierten Figurentypus wie der hl. Augustinus des 1756/57 zu datierenden Vorhallenfreskos der Indersdorfer Klosterkirche (LKr. Dachau). Armhaltung und Handform des hl. Nikolaus sowie eine Faltengebung, die größere Gewandpartien als glatte Flächen beläßt, sind in der Stephansfigur des 1754 datierten Geltendorfer LHs-Freskos (LKr. Landsberg; CBD, Bd 1, S. 78 f; Paula S. 10-12, 110) vorgebildet und finden sich in verwandter Form bei der Laurentiusfigur im 1762 datierten Chorfresko von Sittenbach (LKr. Dachau). Hier ist die Hl. Dreifaltigkeit, im Vergleich zu Poigern, fast gleichlautend konzipiert. Die späteren Fresken Dieffenbrunners zeigen einen veränderten Faltenstil, der stärker mit dunklen Schattenrillen arbeitet und bereits in Vierkirchen (1767, LKr. Dachau) erkennbar ist
Auch die Bittstellergruppe mit Pfarrer läßt sich Dieffenbrunner zuschreiben, obwohl sie auf den ersten Blick dem 19. Jahrhundert anzugehören scheint. Vergleicht man das Pfarrerporträt mit dem von Dieffenbrunner signierten und 1774 datierten Bildnis des Friedberger Stadtbaumeisters J. Singer (Paula, S. 57-58, 234, Abb. 27), so zeigt sich eine nahe Verwandtschaft in der präzisen, kleinteiligen Durchformung des Gesichts wie in der weichen, fast gelenklosen Bildung der Finger, darüber hinaus sogar eine physiognomische Verwandtschaft. - Der eher unschöne Kopftypus der kleinen Mädchen mit leicht vorquellender Stirn, großen Augen und einem ›Kirschmündchen‹ mit schwarz punktierten Mundwinkeln hat seine Parallelen in den Gesichtern der Putten, die im LHs-Fresko in Eisenhofen (1761, LKr. Dachau) die Kardinaltugenden verkörpern; vgl. besonders Iustitia und Temperantia. Ähnlichkeit in der Grundstruktur verbindet den Kopf der Witwe mit einem Engelskopf im Deckenfresko der südlichen Seitenkapelle von Sittenbach.
Diese Kriterien sprechen für eine Datierung um 1760–65. Da der östliche Rand des Freskos, vor allem der nach oben und seitwärts verweisende Knabe, von den Halbfiguren der Bittsteller zum Teil überlagert wird, ist anzunehmen, daß letztere in das schon fertige Fresko eingefügt wurden.
Befund
Träger der Deckenmalerei: LHs Flachdecke; AR quadratisches Muldengewölbe mit abgerundeten Ecken Rahmen: A gemalter Profilrahmen; B umlaufendes, gekehltes Stuckgesims am Gewölbeansatz
Technik: Fresko, polychrom
Maße: A Höhe 5,45 m; 4,60 × 2,80
B Höhe 5,00 m (Stich 0,85): 2,80 × 2,80
b from 1,00 in (correct 1,0 )// Erhaltungszustand und Restaurierungen: In den KDB (S. 473) wurden die LHs-Fresken und die AR-Fresken, mit Ausnahme der oberen Chorpartie, als von Übermalungen entstellt bezeichnet. Nach einer Restaurierung von 1908 durch Johann Metzger befinden sie sich in relativ gutem Zustand bis auf einige blaue Gewandpartien, wo die Übermalung sich nicht entfernen ließ. 1984/85 wurden die Fresken durch Hans Hausch, Fürstenfeldbruck, gereinigt und geringfügig verbessert
Beschreibung und Ikonographie
A DER HL. NIKOLAUS ALS PATRON Einansichtige, nach O gerichtete Bildanlage; Betrachterstandpunkt im westlichen LHs-Drittel. Ein ockerfarbener Profilrahmen mit Lorbeerblattstab umzieht die langgestreckte, fast ellipsoide Bildfläche, die den Vierpaß als Ausgangsform kaum noch ahnen läßt.
Die terrestrische Szene mit Nikolaus als Mittelpunkt eines ihn umringenden Figurenkreises nimmt knapp die östliche Bildhälfte ein. Auf einem Stufenpodest über einer vorgelagerten, diagonal verlaufenden Treppe erscheint der hl. Nikolaus im Bischofsornat vor einer rechtwinkligen Einbuchtung der in Untersicht gegebenen Stadtmauer von Myra, die sich am südlichen Bildrand mit einem triumphbogenartigen Tor zum Stadtinneren und zu einem hohen Kirchengebäude hin öffnet. Dieses wird kompositorisch ausbalanciert durch einen gebündelten Vorhang im nördlichen Bildteil, der am Bildrand auf einem vorstehenden Balken (Galgen?) aufliegt und von Putten hochgehalten wird. Den mittleren Bildgrund schließt ein Gletschermassiv, wohl eine Anspielung auf die Gebirge Kleinasiens.
Ein Wolkenhimmel, aus dessen zentraler Öffnung Strahlen auf den hl. Nikolaus herniederfallen, nimmt die westliche Bildhälfte ein. Die Vordergrundsfiguren symbolisieren das breite Spektrum der Patronatsfunktion des hl. Nikolaus gegenüber Kranken, Armen und Bettlern, Blinden und Lahmen, ungerecht Verurteilten und Müttern mit kleinen Kindern. Auf zwei Legenden wird präziser verwiesen: vor dem Stadttor erscheinen die drei Töchter, die Nikolaus durch seine Goldgaben mit Heiratsgut ausstattete; die Schale mit drei Broten, die der Meßdiener hält, symbolisiert eine der Wundertaten des Bischofs, die Errettung Myras vor der Hungersnot. Der in den Wolken schwebende, fast nackte Knabe ist sicher eine Anspielung auf eines der von Nikolaus erretteten bzw. wiedererweckten Kinder. Bei dem jungen Mann, der zu Füßen des Heiligen und neben einem offenen Kasten mit Goldkugeln kniet handelt es sich wahrscheinlich um einen vornehmen, zeitgenössischen Stifter, vielleicht einen Freiherrn von Ruffini, dessen Familie zur Zeit der Ausmalung das Präsentationsrecht auf die Kirche innehatte. Über einem rostroten Gewand trägt er eine Goldkette und einen schweren, blauen Umhang. Seinen hohen, schwarzen Hut ziert eine goldene Kokarde.
B GLORIE DES HL. NIKOLAUS Einansichtiges, nach O gerichtetes Bild, Betrachterstandpunkt unter dem Chorbogen. - Eine dreifach gestufte Wolkenszenerie nimmt den Hauptteil des quadratischen Freskos ein, an dessen Ostrand die Halbfiguren der Bittsteller erscheinen. Auf der unteren, von Engeln gestützten Wolkenbank kniet Nikolaus in Albe und Pluviale, die Arme ausgebreitet. Einer der Engel hebt seine Attribute empor: Bischofsstab und Buch mit drei Kugeln; ein Putto hält die Mitra. Links über Nikolaus thront Christus mit dem Kreuz im Arm, unterstützt von einem Engel. Mit der Linken hält er die Himmelskrone über das Haupt des Heiligen, auf das die Strahlen des Hl. Geistes herabfallen. Weiter zurückgesetzt thront Gottvater neben der Weltkugel. Um der Kleinheit der Malfläche Herr zu werden, arbeitete Dieffenbrunner bei den göttlichen Personen mit einer extremen Schrägneigung der Körperachsen, ohne jedoch dami eine Höhenillusion zu erzielen. Geschickter verfährt er mider Abschwächung der Farben nach der Ferne hin. In der ehe zarten Palette dominiert die gelblich-bräunliche Tönung der Wolken, gegen die sich das ockergelbe Pluviale, das fahle Grün und Blau der Engelsgewänder und der blaßrote Mante Christi kaum abheben. Eine gewisse Weichheit charakterisier die Umrißführung der Figuren, die Gesichter sind gefühlsbe tont.
Zur ursprünglichen Fassung gehören das Abbild der Nikolauskirche, das südlich vom Altargiebel zu sehen ist, und de Knabe mit ausgebreiteten Armen – zum Teil von dem Pfarrer porträt verdeckt -, der mit der Linken zur Kirche hinweis und mit der Rechten wohl zum Himmel zeigte. Weiter Figurenreste sind hinter den Bauern zu erkennen.
Die Bittsteller sind zu seiten der Kirche angeordnet, im NO zwei Bauern, vom Pfarrer angeführt, der auf die Kirche weist und die Gläubigen anblickt, im SO eine Mutter mit drei kleinen Töchtern. Sie sind Halbfigurenporträts in Dachauer Tracht, wobei die Männerköpfe mit langem Nackenhaar sehr detailliert ausgeführt sind, besonders das Gesicht des Pfarrers. Die Bauern tragen eine rostrote Weste und einen blauer bzw. blaugrauen Festtagsrock mit reichem Knopfbesatz. Im weißen Hemdkragen erscheint der um den Hals geschlungene schwarze Bauernflor. Die Witwe trägt ein schwarzes Trauergewand mit grauschwarzem Schulterumhang, um den Hals den obligaten Flor, von der silbernen Florschnalle gehalten Ihr Haar steckt in einem Netz, das zu seiten des Kopfes sicht bar wird. Darüber trägt sie die schwarze Florhaube der verheirateten Frau mit krönender Stirnschleife. Sie blickt zu den Gläubigen hernieder und weist mit der Hand zu Nikolaus hinauf. Die eigentlichen Bittsteller sind die kleinen Mädcher mit den weißen Florhauben der Jungfrauen (Brückner, Barbara, Bäuerliche Aufwendigkeit, aber auch Sparsamkeit in der alten Dachauer Frauentracht, in: Amperland 1969 S. 60 ff.). Das älteste unter ihnen trägt eine weiße, spitzen besetzte Bluse, Schnürleibchen und den Flor mit Florschnalle
Quellen und Literatur AEM. PfB Egenhofen.
Schmidtsche Matrikel, Bd 2, S. 273, 275. Mayer-Westermayer, Bd 1, S. 247, 275 f. KDB I OB (1), S. 473. Heimatbuch Fürstenfeldbruck (o.V.), Fürstenfeldbruck 1952, S. 288. Historischer Atlas I, Bd 11/12, S. 39. Landkreis Fürstenfeldbruck (o.V.), Heimatbuch, Pörsdorf 1963, S. 186. Dehio-Gall OB, S. 141.
Kunst- und Kulturdenkmäler, S. 332.
Paula, Georg, Johann Georg Dieffenbrunner, Leben und Werk (= tuduv-Studien, Reihe Kunstgeschichte Bd 8), München 1983: Kleinberghofen, S. 40, 154 f., 321-42; Indersdorf, S. 23, 101, 139 f.; Geltendorf, S. 10-12, 110; Sittenbach, S. 34-36, 209-14, bes. S. 213; Vierkirchen, S. 43-46, 172–78.
Dehio 1990, S. 979.
Paula, Georg, Nachträge zum Leben und Werk des Malers Johann Georg Dieffenbrunner (1718-85), in: Jahrbuch des Vereins für Augsburger Bistumsgeschichte e.V. 25, 1991, S. 249–296, Poigern S. 282 f. B. S.