Piesenkam, Filialkirche St. Jakobus Major
PIESENKAM
Filialkirche, Gemeinde Waakirchen, Pfarrei Sachsenkam, Erzdiözese München und Freising; z. Z. der Ausmalung hatte Kloster Tegernsee das Präsentationsrecht auf die Pfarrei Sachsenkam, Gericht Wolfratshausen
Patrozinium: St. Jakobus Major
Zum Bauwerk: Der spätgotische Bau wurde im 18. Jh. umgestaltet. – Saalbau zu drei Jochen, mit Pilastergliederung, im W Empore; eingezogener AR zu zwei Jochen mit dreiseitigem Schluß
Auftraggeber: Inschriftkartusche an der W-Wand über der Orgel: Erneuert worden / im Jahr Anno 1784 / Frater Gallus Rautmann / Eremit (später hinzugefügt): und 1875. Auch das Chronogramm am Chorbogen sagaX soLersqVe /ApIVM ConCorDIa pInXIt (= 1784) spielt auf Frater Gallus Rautmann als Auftrag- und Geldgeber der Ausmalung an. Gallus Rautmann, 1762–93 Eremit in der Allgauklause bei Piesenkam, finanzierte vom Ertrag seiner Bienenzucht die Renovierungen der Allgaukapelle (s. dort) und der Filialkirche Piesenkam. Im Sterbebucheintrag der Pfarrei Sachsenkam (Sterbebuch 1769-1820, fol. 41) wird er am 14. 9. 1793 als »Filialis Ecclesiae Restaurator« bezeichnet; sein Nachfolger Frater Abraham Mühlbacher rühmt ihn 1797 im Visitationsprotokoll der Eremiten, »bemelte Kapellen, wie auch das Gotteshaus Piesenkam in der Kirchenzierde also hergestellet« zu haben, »daß er durch eigenen Fleiß und Frömmigkeit mehr als siebzehnhundert
Gulden zur Ehre Gottes und Mariä verwendet« (Erzbischöfliches Ordinariatsarchiv München, A 288, Oberföhring Eremiten Bd 3, zitiert bei Anton Bauer, S. 133, Anm. 59).
Autor und Entstehungszeit: Signatur in der SO-Ecke von C J: Seb: Troger. / inv: et Pinx: 1784. Mit diesem Datum stimmt auch das Chronogramm am Chorbogen überein. (Zu dem Weilheimer Maler Sebastian Troger, * um 1735 Oberaudorf † 1792 Weilheim, s. CBD Bd 1, S. 563).
Befund
Träger der Deckenmalerei: LHs (A, B, C) und AR (D) verschliffene Kreuzgratgewölbe mit Stichkappen
Rahmen: A gemaltes Blattkranzprofil, B kein Rahmen, C und D gemaltes Bündelstabprofil, von Bändern und Girlanden umwunden
Technik: Fresko; polychrom
Maße: A Höhe 7,80 m; Ø 2,40
B Höhe 7,80 m; 3,30 × 3,50
C Höhe 7,80 m; 3,60 × 3,50
D Höhe 7,60 m; 4,00 × 2,80
Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1875 Restaurierung, 1923 Reinigung der Deckenbilder. Bei der letzten Restaurierung 1977/78 durch Helmut Knorr, Grafing, wurde die Inschriftkartusche bei der Orgel freigelegt und durch Versetzen der Orgel Fresko A voll sichtbar gemacht. Fresko B ist übermalt. In Fresko C wurde ein großer Riß ausgebessert. Durch das Reinigen der Fresken sind die Farben wieder frisch und klar. Besonders die hellen, differenzierten Farbwerte der Hintergrundszenerien sind wieder zum Vorschein gekommen
Beschreibung und Ikonographie
Die Dekorationsmalerei gestaltet die Gewölbe in klassizistischen Formen – im LHs als jochweise gegliederte Tonne. Motive des Zopfstiles sind in ungleichmäßiger Abfolge verwendet. Die farbig hervorgehobenen Kapitelle der Nischen mit eingestellten, reich ornamentierten antikischen Blumenvasen oberhalb der Wandpfeiler und die rosettenbesetzten Kassetten auf den gemalten Gurtbögen dominieren gegenüber dem sparsameren Schmuck der Gewölbefelder mit monochromer Kassettierung oder Tönung und Festons, und des Chorbogens, bei dem nur die Laibung mit zwei Flechtbändern ornamentiert ist.
Der Farbakkord Lichtgrau und kalkig stumpfes Weiß zu Gelbocker und Graukarmin bestimmt die helle, neutral gehaltene Farbigkeit der Gewölbedekoration. Hierin eingebunden sind auch die Bilddarstellungen, welche allein durch die Hell-Dunkel-Graduierung der einzelnen Farbwerte und durch ein als Kontrast hinzugefügtes leuchtendes Blau ausgezeichnet sind.
Die Fresken A, C und D sind durch einen formal und farblich betonten Rahmen eingefaßt. Die Darstellungen sind einsichtig durchgeführt, allein die Schauplatzarchitekturen in Fresko C zeigen starke Verkürzungen. Der Aufnahmestandpunkt liegt für A im mittleren LHs-Joch, für C und D unter dem westlichen Rahmen.
A MARIA DEL PILAR Auf einem schmalen, nach hinten jäh abbrechenden Wiesenstreifen kniet Jakobus in Pilgertracht. Vor ihm erhebt sich eine Säule, über der Maria, von Wolken umgeben, schwebt. Sie ist als Himmelskönigin mit Krone und Zepter wiedergegeben, von Strahlen umfangen und von Engeln getragen. Hinter der Landschaftsrampe betrachten Männer und Frauen, von denen nur die Oberkörper sichtbar sind, das Wunder.
B PUTTI IN WOLKEN Um das Hl.-Geist-Loch, auf dessen Deckel der Name Jesu IHS geschrieben steht, sind Puttenköpfchen in einem Wolkenkranz dargestellt (keine Abbildung)
C ENTHAUPTUNG DES HL. JAKOBUS Hinter einem dunklen Repoussoirstreifen mit Jupitersäule, antiken Architekturfragmenten und den Attributen des Heiligen (Muschel, Pilgerstab und -flasche) steigt hügelartig der Richtplatz auf. Den Hintergrund bilden rechts hochragende Bauten, die die Stadt Jerusalem bezeichnen sollen, und links ein steiler Berg, auf dessen Kuppe ein Trupp Soldaten heranreitet.
In der Mitte des Richtplatzes kniet Jakobus mit gefalteten Händen. Vor ihm ist eine Räucherpfanne aufgestellt, und ein Knabe hält eine Jupiterstatue. Ein heidnischer Priester versucht Jakobus zum Götzendienst zu bewegen; dieser wendet den Blick ab und erwartet den Schwertstreich des Henkers.
Von links scharen sich Zuschauer und Soldaten um die Hinrichtungsstätte, von rechts nähern sich Reiter, angeführt durch König Herodes Agrippa. Ein Götzendiener mit einem bekränzten Opferlamm beobachtet, wie die Jupiterstatue auf der Säule im Vordergrund zerbricht und ein Teufel daraus entweicht. Vom Himmel herab sinkt eine Wolke, auf der ein Putto über Jakobus die Siegessymbole Palme und Lorbeerkranz bereithält.
Sebastian Troger hat sich bei dieser Hinrichtungsszene die 1755 von Julian Breymeyer gemalte Marterszene in der nahen Margaretenkirche von Wall (S. 607) zum Vorbild genommen. Bei der Wiederholung der szenischen Handlung finden sich genaue Motivübernahmen: so die Gruppen von Henker und Martyrer, von Priester und assistierendem Knaben. Die übrigen Figuren stimmen weitgehend in Tracht und Gestik überein. Troger malt bei ähnlichem Schauplatzbau auch die nur mit dem Oberkörper sichtbaren Staffagefiguren. Im Unterschied zu Breymeyer entwikkelt Troger seine Komposition mehr in die Breite, so dass die irdische Szenerie gegenüber der himmlischen formal und inhaltlich an Bedeutung gewinnt. Die irdischen Figuren sind aus geringerer Distanz gesehen und in allen Einzelheiten geschildert. Hierin zeigen sich klassizistische Stilmerkmale, die auch in der Farbigkeit deutlich werden: Licht und Schatten dienen der plastischen Durchbildung der Einzelfigur. Weißaufhellungen bewirken den Eindruck von metallisch spröder Härte der Bildgegenstände. Die Aufhellung von Hintergrund und Himmel zu einer farblichen Einheit bedeutet nur noch Fernsicht und vermag nicht mehr himmlisches Licht in seiner symbolischen Dimension zu veranschaulichen.
D GLORIE DES HL. JAKOBUS In einer Wolkenszenario ist der hl. Jakobus vor der Glorie der Hl. Dreifaltigkeit wiedergegeben. Pilgerabzeichen, Schwert und Palmzweig kennzeichnen ihn. Eine Dreiecksfiguration bestimmt die Bildkomposition. Die Glorie ist im traditionellen Sinn als Wolkenöffnung, jedoch ohne Licht-Raum-Illusion dargestellt. Unter den Figuren fällt der Engel bei Christus auf, der dem Figurenrepertoire des Matthäus Günther entlehnt ist.
Ergänzungen zur Ikonographie
______________________________________ Die Deckenbilder stellen einen für Dorfkirchen des 18. Jh. üblichen Zyklus aus dem Leben des Kirchenpatrons dar. Der hl. Jakobus erlitt als erster der Apostel um 44 unter Herodes Agrippa in Jerusalem den Martertod (Act 12, 2). Im Hintergrund links ist wohl ein legendäres Ereignis wiedergegeben: Die am Hügel von Soldaten herbeigeführte (männliche?) Gestalt stellt vielleicht den am Richtplatz von Jakobus geheilten Gichtbrüchigen dar, oder aber den jungen Schriftgelehrten Josias, der Jakobus bei einer Verschwörung zuerst überwältigt hatte, danach bekehrt wurde und auf dem Richtplatz Jakobus um Vergebung bat, woraufhin er schließlich selbst den Martertod erlitt (Ribadeneira-Hornig, Bd 2, 25. 7., S. 96). Die Szene über der Orgel (A) beruht auf einem spanischen Zusatz zur Jakobusvita (AASS Julii, Tom. 6, 25. 7., Appendix S. 114–124 mit kritischer Anmerkung hierzu; Ribadeneira-Hornig loc. cit., S. 94; s. auch LCI, Bd 7, Sp. 24). Der Legende nach erschien dem hl. Jakobus in Saragossa (= Caesar-Augusta), als er sich eines Nachts am Ufer des Ebro mit seinen Jüngern zum Gebet aufhielt, die Muttergottes (die damals noch lebte) in Begleitung von Engeln und trug Jakobus auf, an diesem Ort ihr zu Ehren eine Kirche zu errichten. Nach der Säule, auf der Maria erschienen war, wurde die Kirche »Santa Maria del Pilar« benannt.
Quellen und Literatur
Mayer-Westermayer, Bd 3, S. 322 f. KDR I OR (9) $ 1470
KDB I OB (2), S. 1478
Seidl, Oskar, Die Kirchen und Kapellen des Dekanats Tegernsee, München 1913, S. 94 f.
Dehio-Gall OB, S. 244.
Bauer, Anton, Allgaukapelle und Allgauklause bei Piesenkam, in: Beiträge zur altbayerischen Kirchengeschichte, Bd 25, 1967, S. 119–44.