Neufahrn, Filialkirche St. Rupert


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 8: Landkreis Mühldorf am Inn. Hirmer, München 2002, ISBN 978-3-7774-9430-2, S. 185–189, geschrieben von Böhm, Cordula. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Filialkirche, Pfarrei Mettenheim (Pfarrverband Altmühldorf) Gemeinde Mettenheim, Erzdiözese München und Freising z. Z. der Ausmalung Erzbistum Salzburg, Archidiakona Gars. Salzburgisches Vogtgericht Mühldorf, Gericht Neu markt.

Patrozinium: St. Ruper

Zum Bauwerk: Spätgotischer Bau. 1725 fand ein barocker Umbau unter dem Neumarkter Maurermeister Silvester Mayerhofer statt. Der Turm, der verfaulte Dachstuhl und das Kirchengewölbe mußten erneuert werden. Eingangsgitter, datiert 1735. 1753/54 neuer Hochaltar (Schreiner Lorenz Schmid, Schwindegg, Bildhauer Franz Thalmeier und Maler Anton Fux, Neumarkt). Weitere Bau- und Ausstattungsmaßnahmen sind in den Kirchenrechnungen nicht vermerkt; auch das Datum der Ausmalung 1772 steht mit keiner Abrechnung in Zusammenhang. Es muß also angenommen werden, daß das gotische Gewölbe 1725 barockisiert wurde. Die Fresken befinden sich im Chor.

Saal (13,70×7,00 m) zu drei Jochen mit AR in gleicher Breite dreiseitig geschlossen. Gliederung durch gotische Wandvorlagen. Empore im W. Belichtung durch drei Fenster von N und vier von S.

Auftraggeber: Joseph Franz Xaver Neumayr, Pfarrer in Mettenheim (1763–92). Die Ausmalung erscheint nicht in den Kirchenrechnungen, wurde also privat gestiftet, vermutlich von Pfarrer Neumayer (s. Porträt in A). Im gleichen Jahr wurde auch ein neuer Kreuzweg gestiftet (AEM).

Autor und Entstehungszeit: Franz Joseph Soll (* 1734 Friedingen an der Donau † 1798 Trostberg) 1772. Signatur in A rechts vorn F. J. Soll pinxit 1772.

Die Fresken gehören in die Hauptschaffensperiode des Malers, bevor Soll sein umfangreichstes Werk, die Ausmalung der Pfarrkirche Kirchweidach in Angriff nahm. Der Auftrag des sonst im Gericht Neumarkt nicht tätigen Trostberger Malers hängt sicherlich mit dem Tod des Neumarkter Malers Augustin Schmid zusammen, der nach einjähriger Tätigkeit am 3.4.1772 starb (vgl. Frauenornau, S. 96 und 346) und für den Soll vermutlich einsprang. Erst 1777 wurde in Neumarkt mit Franz Xaver Hornöck wieder ein Maler ansässig.

Stilistisch orientierte sich Soll an Martin Heigl, als dessen Nachfolger er in diesem Gebiet gesehen werden kann. Die Dekorationsmalerei in Neufahrn ist der in den 1771/72 von Heigl ausgemalten Pfarrkirchen in Mühldorf und Oberflossing sehr ähnlich.

Befund

Träger der Deckenmalerei: Spitztonne mit Stichkappen, verschliffenes gotisches Kreuzgewölbe

Rahmen: A gemalter ockerfarbener Stuckprofilrahmen, a-d und EB, gemalte Rocaillekartuschen

Technik: Fresko; A polychrom, a-d monochrom violett, EB1. monochrom karmin

Maße: Höhe A 6,20 m; 7,00 x 3,80

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Im Krieg 1800 wurde die Kirche ausgeraubt. Innenrestaurierung um 1870 (AEM) und 1902 (LRA). 1949 Restaurierung durch die Fa. Ludwig Keilhacker, Taufkirchen/Vils, und Hermann Maillinger aus Mühldorf. Inschrift an der S-Wand auf der Orgelempore: Renoviert anno Dni 1949 / Ausführung Pr. Meilinger / Fa. Ludwig Keilhacker / Taufkirchen (Vils) / Gg. Lukas Aigner / J. Haider / J. Berger.

Letzte Restaurierung ca. 1982 durch Karl Holzner, Ampfing (Inschrift auf EB, FREIGELEGT UND RESTAUR. K: HOLZER 82). Dabei wurde die Rocaillemalerei freigelegt. Die Deckenfresken sind offenbar original erhalten und in gutem Zustand. Die Dekoration des westlichen Jochs über der Orgelempore ist nachträglich in Seccomalerei in Entsprechung zu der Gesamtdekoration gemalt worden: im Scheitel ein Bildfeld mit der Inschrift SOLI / DEO / GLORIA, in den Stichkappen und Zwickeln Dekorationsmalerei, die wieder abblättert.

Beschreibung und Ikonographie

Das verhältnismäßig kleine und niedrige Gewölbe ist von Dekorationsmalerei überzogen, feinen goldfarbenen Rocaillemalerei mit Blütenmotiven auf abwechselnd hell- und karminrotem Grund an Zwickeln, Stichkappen und Fensterleibungen, die vom buntfarbigen, kräftig gerahmten Deckenbild stark kontrastiert wird.

 
Himmelfahrt Marien
 
 
A Bavaria vertraut sich dem hl. Rupert an

Das Bildprogramm bezieht sich auf Rupert von Salzburg und seine Rolle bei der Christianisierung Bayerns. Rupert kam um 700 auf Bitten des Herzogs Theodo nach Bayern, wo das Christentum noch unbekannt war. Der Herzog ließ sich mit seinem ganzen Haus von ihm taufen und beschenkte ihn in der Folge reich mit Gütern. In Salzburg gründete Rupert seinen Bischofssitz und christianisierte von dort aus das Land. Er gilt auch als der Begründer von Altötting, weshalb er als Attribut meistens ein Salzfaß oder das Gnadenbild von Altötting trägt. In Neufahrn wird er als Kirchenpatron und als Patron des Bistums Salzburg verehrt. Das Altargemälde von Franz Anton Fux 1753/54 zeigt die Taufe des Herzogs Theodo durch

 
 

Rupert mit dem Altöttinger Gnadenbild auf einer Säule. Als Nebenpatrone treten in den Seitenfiguren des Hochaltars der hl. Virgil auf, der nach Rupert Bischof in Salzburg war und dessen Gebeine erhob, sowie die hl. Barbara.

A BAVARIA VERTRAUT SICH DEM HEILIGEN RUPERT AN Die Komposition ist durch die in der Mitte eingeschnürte Rahmenform in zwei Hälften getrennt; der östliche Teil zeigt die irdische, der westliche die himmlische Szenerie. Eine Wiese im Vordergrund, hinten abgeschlossen von der rötlichgrauen Silhouette der Stadt München, gibt den Schauplatz für die allegorische Szene ab. In der Mitte kniet

 
b Pelikar

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EB, Rupert predigt das Christentum

Bavaria, prunkvoll gekleidet in ein purpurrotes Untergewand mit weißem Kleid, ein Mieder aus blauweißen Rauten, das mit Rautenbändern bestückt ist, und in einen hermelingefütterten blauen Samtumhang mit Hermelinkragen. Auf dem Haupt trägt sie den Herzogshut. Sie blickt ehrerbietig zu Bischof Rupert von Salzburg auf, der aus ihrer Linken eine Karte von Bavern (Aufschrift BAVARIAE) entgegennimmt. Mit Rechten präsentiert Bavaria dem Bischof ein brennendes Herz, Sinnbild der Liebe und Hingabe der Bayern. Hinter der Allegorie der Bavaria stehen Herzog Theodo und seine Gemahlin, begleitet von Soldaten, Edelleuten und Landvolk. Theodo ist barhäuptig, sein Herzogshut wird von einem Pagen gehalten. Dem Bischof folgen zwei geistliche Herren, die beide den Blick auf den Betrachter gerichtet haben und porträthafte Züge tragen – der vordere mit dem kurzen Haar, der grüßend die Hand erhebt, dürfte Pfarrer Neumayr sein – und ein Edelmann mit Gefolge, dieser mit einer abwehrenden Gebärde. Alle Figuren sind reich und phantasievoll gekleidet, teils in zeitgenössische, teils in historisierende Gewänder, in Stoffe, die prächtig schillern. Die Gesichter sind von lebendiger Zeichnung und frischem Inkarnat. Die Gruppe besteht aus hohen schlanken, dicht aneinandergereihten aufrechtstehenden Figuren, Hellebarden und Bischofsstab unterstreichen die aufstrebenden Linien. Der Hintergrund ist in einer einheitlichen Färbung von gelblichem hellen Grau gehalten, das sacht in Himmelsblau übergeht.

Anders die Komposition der westlichen Bildhälfte: Der himmlische Schauplatz ist geformt aus großen, unterschiedlich hellen Wolken, auf denen lebhaft bewegte Allegorien und Putten erscheinen. Es sind die drei göttlichen Tugenden mit Divina Providentia, der Göttlichen Vorsehung. Spes, gekleidet in Grün und Gelb, hält eine Krone, die begleitenden Putten tragen Anker, grünen Zweig und Rosen. Darüber Caritas in Weiß und Rosa gekleidet, mit flammendem Herz. Ihre Putten umarmen sich bzw. verschränken betend die Arme auf der Brust. Gegenüber Fides mit Kelch (IHS) und Papstkreuz, begleitet von fünf Putten mit buntchangierenden Draperien und Flügeln. In der Höhe thront Divina Providentia mit dem Dreifaltigkeitssymbol auf der Stirn, mit Zepter und Weltkugel. Ihre Gewänder sind fast weiß, changierend in hellen Werten von Gelb, Grün, Rosa. Sie lenkt vom Himmel aus die Geschicke und ist damit der allegorische Gegenpol zu Bavaria.

a-d RUPERT-EMBLEME Die vier Embleme, die das Hauptbild begleiten, beziehen sich auf die Tugenden des hl. Rupert bei der Christianisierung Bayerns. a MONSTRAT ITER (Er zeigt den Weg). Milchstraße über dem uferlosen Meer. Die Milchstraße bedeutet in der Emblematik den Weg zum Himmel. Die Sterne symbolisieren dabei die Tugenden. Hier meint das Emblem die Tugenden des Bischofs Rupert, durch die er dem Menschen zum Beispiel auf dem Weg zum ewigen Heil wird (s. Picinelli Lib. I, Nr. 416, s.v. Galaxia seu via lactea, mit gleichem Lemma). b VT VITAM HABEANT (Daß sie das Leben haben). Pelikan nährt seine Jungen mit dem eigenen Blut. Der Pelikan ist unter anderem Sinnbild der großen Liebe des guten Seelenhirten, der sein Leben dafür gibt, daß die ihm Anvertrauten das ewige Leben gewinnen. c MEOS AD SIDERA PORTO (Ich trage die Meinen zu den Sternen). Paradiesvogel, zwei Junge auf dem Rücken tragend, fliegt über Berge. Der Paradiesvogel, der nie etwas zu sich nimmt und die Erde nie berührt, kann zwar auch Bild eines Heiligen sein in der Verachtung des Irdischen, hier aber weist das Lemma auf die Eigenschaft hin, daß dieser Vogel seine Jungen sofort von der Erde hinweg nach oben trägt. Damit ist die missionarische Arbeit Ruperts symbolisiert, durch die er Menschen für den Himmel gewann (Picinelli, Lib. IV., Nr. 483-93, s.v. monocodiata). d DIE CANIT NOCTE LUCET (Tags singt er, nachts leuchtet er). Heuschreckenähnliches Insekt. In diesem Bild sind die Eigenschaften der Zikade (cicada) und des Glühwurms (cicindela) zusammengefaßt. Die Zikade singt während der heißen Mittagszeit, der Glühwurm leuchtet in der Nacht. So kann die Zikade Bild des Missionars sein, der von der Glut des Heiligen Geistes erleuchtet den Menschen predigt, der Glühwurm Bild des Missionars, der in der Finsternis des Heidentums den Menschen Licht bringt.

EB1-2 RUPERT-SZENEN Die beiden mittleren Felder an der Emporenbrüstung zeigen Rupert von Salzburg als Missionar, die beiden äußeren sind leer.

EB1 RUPERT TAUFT KINDER Der Bischof salbt einen vor ihm knienden Knaben in Anwesenheit des Vaters (?), der Geistliche bei ihm hält ein liturgisches Gefäß. Ein Elternpaar bringt zwei Kinder zur Taufe.

Eb2 RUPERT PREDIGT DAS CHRISTENTUM Bischof Rupert in Begleitung eines Geistlichen predigt einer kleinen Schar von Menschen, die ihm mit gefalteten Händen zuhört.

Quellen und Literatur

StAL, Pfleggericht Neumarkt, K 1–K 83 Kirchenrechnungen. StAM, LRA 51765: Baureparaturen Neufahrn 1870/71 und 1901/02. AEM, Pfarrakten Mettenheim, Filiale Neufahrn. BLfD, Akt Neufahrn, Kirche St. Rupert. Mayer-Westermayer, Bd 2, S. 132 Krausen, Edgar, Historische Miniaturen, in: Das Mühlrad 6 1956, S. 112–14. Historischer Atlas Bd 36, Mühldorf (Helmuth Stahleder) München 1976, S. 311. Dehio 1990, S. 866f. Goerge, Dieter, Johann Nepomuk della Croce 1736–1819. Leben und Werk (= Burghauser Geschichtsblätter 50), 1998, S. 312 f. (Franz Joseph Soll).