München, ehem. Karmeliterkloster


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 3, Teil 1: Stadt und Landkreis München. Sakralbauten. Hirmer, München 1987, ISBN 978-3-7991-6111-4, S. 53–56, geschrieben von Böhm, Cordula. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Ehem. Sakristei der profanierten Karmeliterkirche, Erzdiözese München und Freising, jetziger Lesesaal des Archivs des Erzbistums München (= AEM), Karmeliterstraße 3

Patrozinium: der ehem. Karmeliterkirche: Hl. Nikolaus und Maria vom Berge Karmel

Zum Bauwerk: Kloster- und Kirchenbau gehen auf ein Gelöbnis Kurfürst Maximilian I. zurück, der 1620 in der Schlacht am Weißen Berg bei Prag, deren Sieg dem Karmeliterordensgeneral P. Dominikus a Jesu et Maria zugeschrieben wurde, versprochen hatte, den Unbeschuhten Karmelitern in München Kirche und Kloster zu bauen. Unter seinem Nachfolger Kurfürst Ferdinand Maria wurden 1654-57 der Konventbau und 1657-60 der Kirchenbau errichtet. Weihedaten des Konventbaus 7. 6. 1657, der Kirche 5./6. 9. 1660. Baumeister Marx Schinnagl (Hofbaumeister) bzw. Hans Konrad Asper aus Konstanz (Stubenvoll).

Der Sakristeibau grenzt im W an den Chor der ehem. Karmeliterkirche (die Kirche war gewestet). Die ehem. Sakristei liegt im Erdgeschoß, darüber liegen der ehem. Kapitelsaal (1. Stock) und die Bibliothek (2. Stock). Quadratischer Raum (9,80 × 9.80 m) mit einer Marmorsäule in der Raummitte, auf der die vier Kreuzgewölbe ruhen; Türen nach N, O und S, Belichtung durch drei hohe Fenster in der W-Wand.

Auftraggeber: vermutlich die Skapulierbruderschaft

Autor und Entstehungszeit: Johann Anton Gumpp (* 1653) Innsbruck † 1719 München, Vita siehe CBD, Bd 3, II). Gumpps Autorschaft ist bei Oefele überliefert: »Der Gumpp mahlte die Sacristey bey denen Carmelitern in fresco« (diese Notiz findet sich als Abschrift aus der Oefeleana auch im Lippert-Nachlaß).

Die Fresken sind um 1715/19 entstanden (Datierung der Stuckdekoration). Von Gumpp war auch ein Seitenaltarbild in der Karmeliterkirche, der Knabe Jesus auf dem Schoß Mariens stehend, von St. Anna mit Blumen bekränzt (Stubenvoll, S. 99).

Befund

Träger der Deckenmalerei: Kreuzgewölbe

Rahmen: A–D Tondorahmen in Stuck mit einem Gebinde aus Akanthusblättern und Rosenblüten, a-d Kartuschrahmen, die in Akanthusblätter auslappen

Technik: Fresko; polychrom

Maße: A-D Höhe 4,70 m; 1,70 × 1,70 a-d Höhe 3,90 m; 0,50 × 0,80

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Anläßlich der Säkularisierung 1802 wurden Kloster und Kirche klassizistisch-nüchtern umgestaltet, der Klosterbau wurde zunächst als Gymnasium umfunktioniert, dann als Archiv eingerichtet, dabei wurden die Deckenbilder übertüncht. Freilegung 1980/81 durch Fa. Mayerhofer und Eckart Groß. Die Putzschicht der Fresken ist oberflächlich stark abgerieben. Die Freskofarben sind insgesamt blaß und stumpf geworden, die Binnenzeichnung ist weitgehend zerstört

Bei der Restaurierung wurden die ruinös erhaltenen Darstellungen farblich vorsichtig eingestimmt und die Konturen der Figuren nachgezeichnet.

Beschreibung und Ikonographie

A-D WUNDERBARE HILFE DURCH DAS SKAPULIER Ein Thema verbindet die vier szenischen Darstellungen: Maria vom Berge Karmel beschützt die Träger des Skapuliers in den Gefahren, die von den Vier Elementen ausgehen. Maria mit dem Jesusknaben ist jeweils als Helferin in den Wolken über den bedrängten Menschen auf der Erde wiedergegeben. Seit der Vision des Karmelitergenerals Simon Stock (Cambridge 1251?) spielte das Skapulier als ein Heilszeichen Mariens innerhalb des Karmeliterordens und der danach benannten Skapulierbruderschaften eine wichtige Rolle. Das Marienfest Gedächtnis der allerseligsten Jungfrau vom Berge Karmel, das sog. Skapulierfest, wurde seit Ende des 14. Jh. im Orden begangen und seit 1726 allgemein gefeiert.

Eine 1718 in Linz erschienene Schrift des Karmeliterpater Raphael a S. Josepho Maria (* 1665 Traunstein, 1686 Profeß in München), »Signum Salutis in Periculis«, befaßt sich u. a. mit diesem Sinnzusammenhang: das gläubige Tragen des Skapuliers als Gewähr für die Hilfe Mariens, wobei die irdischen Nöte des Menschen unter dem Aspekt der Vier Elemente vorgestellt werden. Sie verzeichnet eine Fülle von Emblemen und Wunderbeispielen. Es ist wahrscheinlich, daß das Bildprogramm der Sakristei im Zusammenhang mit dieser Schrift, möglicherweise auch - vor deren Erscheinen – von P. Raphael selbst entworfen wurde. Die Errettungsszenen sind hier mehr allgemein gehalten und spielen wohl nicht konkret auf bestimmte Ereignisse an, zu ihrer Illustrierung sei jedoch auf einzelne Beispiele aus »Signum Salutis« verwiesen: »Es seynd vier Elementen, es is das Feuer, das Wasser, der Lufft, die Erd; kein Element au. disen ist, in welchen daß heilige Skapulier nicht hat vi wunderliche Würckungen gezeigt« (S. 41).

 

a–d MARIENSYMBOLE - VIER ELEMENTE Der vier Szenen ist je ein emblemähnliches biblisches Sinnbild mit einer benennenden oder erläuternden Beischrift in den Kartuschenrahmen zugeordnet.

A GEWITTER - LUFT Ein Mann geht in offener, von Bergen gesäumter Landschaft durch ein Unwetter. Mit dem Skapulier um den Hals erhebt er hilfeflehend die Hände.

a SIGNVM FOEDERIS. Gen: 9 – Ein Regenbogen spannt sich über eine Landschaft. Wie der Regenbogen das Unwetter beendet (Iris Iram contemperat), so beschwichtigt Maria durch ihre Fürbitte den göttlichen Zorn. Die Jungfrau wird in der karmelitischen Emblematik mit dem Regenbogen gleichgesetzt, denn »...circumit Christum sicut Mate filium; in coelo posita est in Signum foederis et pacis (>Signum Salutis<, S. 735).

B FEUERSBRUNST - FEUER In einer Stadt flüchter die Bewohner aus einem brennenden Haus über eine Leiter. Eine Frau wirft das Skapulier in die aus den Fenstern lodernden Flammen. In Signum Salutise sind mehrere Fälle verzeichnet, in denen das Skapulier in Feuersgefahr wunderbare Hilfe brachte; das Skapulier selbst wird durch das Feuer dabei nie verletzt. Ein Fall aus München wird angegeben: Am 17. August 1706 brannte es im Haus von Johann Franz Mayr, einem Kunst- und Schönfärber auf dem Anger. Ein barfüßiger Karmeliter des Münchner Kar meliterklosters kam zufällig vorbei und warf sein Skapulie in die Flammen. Darauf breitete sich das Feuer nicht weiter aus. Unter dem Schutt fand man später das unversehrte Skapulier (loc. cit., S. 500).

 
 
D Bedrängnis durch Teufel – Erde A DDIVIII ECIVIM CINICIII ADE

b RVBVS INCOMBVSTVS. Exodi: 3. – Ein zur Hälfte in Flammen stehender Busch erhebt sich vor einem lichten weiten Himmel. In ›Signum Salutis‹ wird in dem Emblem Urit, non comburit der brennende Dornstrauch, in dem Gott Moses erschien, und der dennoch nicht verbrannte, mit dem Skapulier gleichgesetzt, das im Feuer ebenfalls nicht verbrennt (loc. cit., S. 697); doch wird auch auf die übliche Bedeutung hingewiesen, nach der der unverbrannte Dornstrauch mit Maria gleichzusetzen ist, die Gott empfangen hat und deren Jungfräulichkeit dennoch unverletzt blieb (loc cit $ 608)

C SEENOT – WASSER Ein Segelschiff wird von hohen Meereswellen gegen eine Felsküste getrieben. Maria wehrt das Unheil mit der Hand ab. In dieser Szene, wo die Seeleute nicht sichtbar sind, hält der Jesusknabe das Skapu-

lier in Händen. In →Signum Salutis< finden sich mehrere Schilderungen, wo Stürme auf dem Meer durch das Skapulier beendet wurden, darunter folgende: Zwei Karmeliter, ein alter und ein junger, befanden sich zu Schiff auf dem Weg von Marseille nach Rom. Als ein heftiger Sturm aufkam und das Schiff in größte Bedrängnis geriet, sagte der Altere: Wenn das Skapulier, so inbrünstig ersehnt, ins tobende Wasser geworfen wird und man dabei Pietas und Fiducia Mariens anruft, dann wird uns Hilfe zuteil. Augenblicklich besänftigte sich der Sturm, das Meer wurde friedlich, und die Luft still und heiter (loc. cit., S. 758f.).

c ARCA SALVTIS. Gen: 8. In strömendem Regen fährt die Arche Noa auf dem Wasser der Sintflut. Die Deutung der Arca foederis als Sinnbild Mariens findet sich ebenfalls in emblematischer Form in Signum Salutis (S. 769).

D BEDRANGNIS DURCH TEUFEL - ERDE Ein Mann - mit dem Skapulier auf der Brust - wird in öder, felsiger Landschaft von Teufeln und Teufelswesen bedrängt. In Signum Salutis« wird die Geschichte eines jungen Mannes

 

B FEUERSBRUNST - FEUER In einer Stadt flüchten die Bewohner aus einem brennenden Haus über eine Leiter. Eine Frau wirft das Skapulier in die aus den Fenstern lodern den Flammen. In »Signum Salutis« sind mehrere Fälle verzeichnet, in denen das Skapulier in Feuersgefahr wunderbare Hilfe brachte; das Skapulier selbst wird durch das Feuer dabei nie verletzt. Ein Fall aus München wird angegeben: Am 17. August 1706 brannte es im Haus von Johann Franz Mayr, einem Kunst- und Schönfärber auf dem Anger. Ein barfüßiger Karmeliter des Münchner Karmeliterklosters kam zufällig vorbei und warf sein Skapulier in die Flammen. Darauf breitete sich das Feuer nicht weiter aus. Unter dem Schutt fand man später das unversehrte Skapulier (loc. cit., S. 599).

b RVBVS INCOMBVSTVS. Exodi: 3. – Ein zur Hälfte in Flammen stehender Busch erhebt sich vor einem lichten weiten Himmel. In »Signum Salutis« wird in dem Emblem URIT, NON COMBURIT der brennende Dornstrauch, in dem Gott Moses erschien, und der dennoch nicht verbrannte, mit dem Skapulier gleichgesetzt, das im Feuer ebenfalls nicht verbrennt (loc. cit., S. 697); doch wird auch auf die übliche Bedeutung hingewiesen, nach der der unverbrannte Dornstrauch mit Maria gleichzusetzen ist, die Gott empfangen hat und deren Jungfräulichkeit dennoch unverletzt blieb (loc. cit., S. 698).

C SEENOT – WASSER Ein Segelschiff wird von hohen Meereswellen gegen eine Felsküste getrieben. Maria wehrt das Unheil mit der Hand ab. In dieser Szene, wo die Seeleute nicht sichtbar sind, hält der Jesusknabe das Skapulier in Händen. In »Signum Salutis« finden sich mehrere Schilderungen, wo Stürme auf dem Meer durch das Skapulier beendet wurden, darunter folgende: Zwei Karmeliter, ein alter und ein junger, befanden sich zu Schiff auf dem Weg von Marseille nach Rom. Als ein heftiger Sturm aufkam und das Schiff in größte Bedrängnis geriet, sagte der Altere: Wenn das Skapulier, so inbrünstig ersehnt, ins tobende Wasser geworfen wird und man dabei Pietas und Fiducia Mariens anruft, dann wird uns Hilfe zuteil. Augenblicklich besänftigte sich der Sturm, das Meer wurde friedlich, und die Luft still und heiter (loc. cit., S. 758 f.).

c ARCA SALVTIS. Gen: 8. In strömendem Regen fährt die Arche Noa auf dem Wasser der Sintflut. Die Deutung der Arca foederis als Sinnbild Mariens findet sich ebenfalls in emblematischer Form in »Signum Salutis« (S. 769).

D BEDRÄNGNIS DURCH TEUFEL - ERDE Ein Mann - mit dem Skapulier auf der Brust – wird in öder, felsiger Landschaft von Teufeln und Teufelswesen bedrängt. In »Signum Salutis« wird die Geschichte eines jungen Mannes

aus Neapel berichtet, der sein Geld und Gut verloren hatte, den seine Freunde verlassen hatten, und der verzweifelt in die Wildnis floh, um sich dem Teufel zu verschreiben. Dieser erschien ihm in gräßlicher Gestalt und sagte zu ihm, er könne ihn nur dann in seine Gewalt bringen, wenn er erst das Skapulier abnähme, das ihn schütze. In dieser Not erinnerte sich der Jüngling an Maria und bat sie um Verzeihung und um Hilfe: während er das Skapulier viele Male küßte, vertrieb sie die Wesen der Unterwelt (loc. cit., S. 735).

d PRIVILEGIVM SINGVLARE. Iosue: 2 & 6. Ein Wohnhaus trägt am Giebel den Namen Rahab.

Die kananäische Dirne Rahab hatte die beiden Kundschaf ter Josuas in ihrem Haus in Jericho verborgen und ihnen zur Flucht verholfen, indem sie sie an einer roten Schnur von der Stadtmauer herabließ (Ios 2, 15-21). Bei der Eroberung Jerichos verschonten die Israeliten das von Rahab mit der roten Schnur bezeichnete Haus (Ios 6, 25). Die Rettung, die die Kundschafter und später Rahab und ihre Familie mittels der roten Schnur erfuhren, ist hier typologisches Vorbild für das Skapulier. Der Schutz, den die Kundschafter im Haus der Rahab fanden, wird verglichen mit dem Privilegium singulare der Skapulierbruderschaft, festgelegt in der sog. Bulla sabbatina Johannes XXII.: »Ego Mater descendam Sabbato post eorum obitum et quotquot inveniam in Purgatorio, liberabo; et eos ir montem sanctum vitae aeternae reducam.« Die Gewißheit der Errettung aus dem Fegfeuer, die damit Maria den Mitgliedern der Skapulierbruderschaft und Trägern des Skapuliers gegeben hatte, ist zugleich Legitimation der Bruderschaft und für ihre Mitglieder Inbegriff der Heilsgewißheit. Der Bezug auf das vierte Element, die Erde, ist nicht so offensichtlich wie in den übrigen drei Bildpaaren. Er gründet sich auf die Vorstellung, daß sich das Fegfeuer wie die Höhle unter der Erde befindet (vgl. Sturz und Verbannung des apokalyptischen Drachens auf die Erde Apoc 12, 9-17).

Quellen und Literatur

Oefeleana 5, VI, S. 131 f.

Lippert, Johann Caspar Freiherr von, Notizen über Künstler, Ms aus dem späten 18. Jh., StadtA München, Gewerbeamt 1792/4, fol. 16 a v (Abschrift nach Oefele).

Stubenvoll, Pater Beda, Geschichtliche Skizze über das ehem. Karmeliterkloster und Karmelitengottshaus in München, in: OAVG 35, 1875/76, S. 91.

KDB I OB (2), S. 1069

Wilmersdoerffer, Theodor, Beiträge zur Geschichte der Vorstädte Münchens, in: OAVG 58, 1914, S. 87–94.

Guggenberger, Karl, Die Studienkirche in München, ein illustriertes Jubelblatt, München (1920).

Vogel, Hubert, Der Lesesaal des Münchner Diözesanarchivs, in: Münchner Katholische Kirchenzeitung vom 7. 6. 1981, S. 9.

C. B.

THEATINERKIRCHE St. Kajetan