München, Residenz, Grüne Galerie


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 3, Teil 2: Stadt und Landkreis München. Profanbauten. Hirmer, München 1989, ISBN 978-3-7991-6358-3, S. 339–343, geschrieben von Bachter, Falk. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Galerie (Raum 58), im O-Trakt des Königsbauhofes, nördlich an die Reichen Zimmer angrenzend, nach der Wandbespannung mit grünem Seidendamast benannt; Deckenbilder 1944 zerstört, Raum mit Veränderungen wiederhergestellt

Zum Bauwerk: Ab 1731 wurde durch François Cuvilliés d. Ä. als Seitenflügel zu dem Trakt der Reichen Zimmer ein Trakt in NS-Richtung errichtet, dem im S ein Querriegel vorgeschoben war. Hier wurde im Hauptgeschoß anschließend an die Reichen Zimmer eine Galerie eingerichtet. Der Raum war I-förmig: der lange Mittelsaal hatte zwei Querräume im N und S (die Deckenbilder befanden sich im Hauptraum). In der Mitte der O-Wand führten ursprünglich zwei Türen in das Prunktreppenhaus. Stuckdekoration von Johann Baptist Zimmermann (Thon, S. 321 f.).

Der Galeriebau wurde 1826 durch Leo von Klenze um den südlichen Querflügel verkürzt (Errichtung des Königsbaues). Der Raum wurde im April 1944 weitgehend zerstört und bis 1968 wiederhergestellt.

Langgestreckter Raum zu sieben Fensterachsen, an den im N ein querrechteckiger Raum angeschoben ist. Fenster nach W zum Königsbauhof (dem ehem. Residenzgarten), im nördlichen Querraum je ein Fenster nach S zum Königsbauhof und zum Küchenhof.

Auftraggeber: Kurfürst Karl Albrecht von Bayern (1726–45; ab 1742 Kaiser Karl VII.)

Autor und Entstehungszeit: Für die originale Ausmalung Balthasar Augustin Albrecht 1733/34 (Faßmann, fol. 9).

Zum Mittelbild A existiert ein Bozzetto, Öl auf Leinwand 71 × 87 cm, Residenzmuseum München (Depot), BSV Inv. Nr. G 838

Autor des bei der Wiederherstellung nach der Kriegszerstörung eingesetzten Deckenbildes ist Gian Antonio Pellegrini (* 1675 Venedig † 1741 Venedig). Pellegrini kam im Juli 1713 von England nach Düsseldorf, um in den Dienst des Kurfürsten Johann Wilhelm von der Pfalz zu treten. In dessen Auftrag entstand 1713/14 ein Zyklus von zwölf Wand- und zwei Deckengemälden, die vermutlich ehemals den Hauptsaal im Mitteltrakt des Bensberger Schlosses schmückten (Garas, S. 286). Als Schloß Bensberg 1794 den Franzosen als Lazarett diente, wurde die Bildausstattung teilweise entfernt; der Rest kam 1805 nach München. Alle vierzehn Bilder des Zyklus befinden sich im Besitz der BSGS. Das jetzige Deckenbild der Grünen Galerie ist Dauerleihgabe an die BSV.

Grüne Galerie (Vorkriegszustand)

Befund

Träger der Deckenmalerei: Flachtonne im mittleren Galerieteil mit Abmuldungen nach dem anschließenden nördlichen und (seit 1826 abgebrochenen) südlichen Annex hin; umlaufendes Gesims und Hohlkehle

Rahmen: Stuckornamentrahmen (Johann Baptist Zimmermann)

Technik: Originale Ausstattung Fresko (?); polychrom, jetziges Deckenbild Öl auf Leinwand, polychrom

Maße: Raumhöhe 7,40 m; A (zerstört) 4,50 × 6,70; B und C (zerstört) 4,60 × 3,10; jetziges Deckenbild 3,00 × 3,4

A Allegorie der Malerei, Ausschnitt O-Seite (vor der Zerstörung)

 

Erhaltungszustand und Verbleib: A und B wurden im April 1944 durch Kriegseinwirkung zerstört (Photographien vorhanden). C war vielleicht beim Abbruch des Südflügels beschädigt worden; 1883 war es noch vorhanden (Haeutle S. 110), um 1900 nicht mehr (KDB, S. 1127). Beim Wiederaufbau des Raumes nach dem Krieg wurde die Stuckdekoration Johann Baptist Zimmermanns nach Vorkriegsphotographien rekonstruiert. Anstelle des verlorenen Deckenbildes wurde in den Stuckrahmen das Deckenbild Pellegrinis aus Bensberg (BSGS, Inv. Nr. 4637) eingesetzt. Dafür wurde es seitlich angestückt und im Format angepaßt. Die seitlichen Kartuschen (B und C) blieben leer.

Rekonstruierende Beschreibung und Ikonographie

1. Originale Ausmalung von Balthasar Augustin Albrecht 1733/34 (Kriegsverlust)

Die Deckenbilder A und B können nach erhaltenen Photographien, A zusätzlich nach der erhaltenen Entwurfsskizze beschrieben werden, von C ist der Bildgegenstand durch Faßmanns Residenzbeschreibung bekannt.

Die drei Deckenbilder befanden sich im mittleren Teil des Hauptraumes, A in der Mitte, B in der nördlichen und C in der südlichen Abmuldung.

A ALLEGORIE DER MALEREI Ansicht nach O Die Kurfürstin Maria Amalia, durch Palette und Pinsel in ihrer Linken in der allegorischen Rolle der Pictura wiedergegeben, übergibt Jupiter das Bildnis ihres Sohnes, des Kurprinzen Max Joseph, und vertraut diesen dem Schutz des olympischen Herrschers an. Unterhalb von Jupiter entwindet ein mit großen Schwingen geflügelter Genius dem Chronos dessen Attribut, die Sense. Chronos, dessen Blick auf das Bildnis des Kurprinzen gerichtet ist, soll seiner Wirksamkeit enthoben, der Kurprinz der Unsterblichkeit der Götter teilhaftig werden. Die drei Grazien umringen die Kurfürstin, eine krönt deren Haupt mit einem Blumenkranz. Darüber, in hellem Licht, schweben Zephyr und blumenstreuende Putti; links tritt Minerva als Beschützerin der Wissenschaften und Künste auf. Rechts von den drei Grazien ein Putto mit einem Gemälde in monochromer Malweise, vermutlich eine Venus-Darstellung. Am rechten Bildrand wird eine dunkle Gestalt, die das Laster symbolisieren dürfte, von einem weißgekleideten Jüngling mit Malstock und einem Putto, der Pinsel wie Pfeile schleudert, in den Abgrund gestoßen. Zu Füßen der Gruppe der drei Grazien sind zwei Putti mit Zeichnen und mit Farbenreiber beschäftigt. Links neben Minerva bekämpft ein Putto mit dem Schild der Minerva, durch das Medusenhaupt gekennzeichnet, einen gegnerischen Putto, der kopfüber in die Tiefe stürzt.

Die Ölskizze zu der Darstellung weist eine intensive Farbigkeit auf: Das leuchtende Rot des Gewandes von Jupiter wird von dem roten Umhang des farbenreibenden Puttos wiederholt, das Gewand der Kurfürstin ist lila, weiß gehöht. Minerva trägt ein hellblaues Untergewand mit hellgrauem Oberteil und braunem Umhang; dieses Braun findet sich im Kleid des mit Chronos kämpfenden Genius wieder. Als Umrahmung sind strahlend weiße und gelbe, nach außen sich verdunkelnde Wolken eingesetzt.

Im Vergleich mit dem Bozetto wirkte die Komposition des ausgeführten Bildes geschlossener, die Hauptfiguren waren mit den Putti und Genien in einer kreisförmigen Figurengruppe konzentriert.

B ALLEGORIE DER BILDHAUEREI (zerstört, Vorkriegsphoto) Ein Genius meißelt am Sockel einer Herkulesstatue das Wappen Bayerns ein. Im Vordergrund zwei Putti, die an einer Satyrbüste arbeiten. Rechts Minerva in Begleitung einer weiblichen Figur – vermutlich Bavaria, die Personifikation Bayerns. Links am Bildrand zwei Putti mit Palm-, Oliven- und Eichenzweigen, Symbolen für Ruhm, Frieden und Stärke.

»In den driten Theil befindet sich der Genius von Baiern, welcher gleichsam zur Unsterblichkeit des durchleüchtigsten Churhauses Baiern dessen Wappen in einen Marmor Stein schildert« (Faßmann, fol. 9f.).

C ALLEGORIE DER ARCHITEKTUR (zerstört, keine Abb.) »Albrecht: In den zweyten Theil beeyfert sich die Pallas, dem durchleichtigsten Chur Prinzen in der Kriegs Bau-Kunst zu unterrichten« (Faßmann, fol. 9).

Ergänzungen zur Ikonographie: Die ›Grüne Galerie‹ war zur Aufnahme der Kurfürstlichen Gemäldesammlung bestimmt; der Malerei wird im Programm deshalb in der Hierarchie der Künste der bevorzugte Platz eingeräumt. Die verschiedenen Phasen der Entstehung eines Gemäldes werden dabei in die allegorische Handlung einbezogen: Farbenreiben, Zeichnen, Entwurf und Vollendung eines Bildes.

Der Malerei untergeordnet waren in den beiden kleinen Seitenbildern die Bildhauerei und die (Kriegs-)Architektur. In allen drei Deckenbildern tritt Minerva als Göttin und Beschützerin der Künste auf.

Die Förderung der Künste gehörte zu den wichtigen Fürsten-Tugenden und war ein traditionelles Thema in Galerie-Programmen.

Ein ikonographisches Vorbild für das Mittelfresko ist in Jacob van Schuppens Deckenbild in der Wiener Stallburg 1725/30 entstanden, zu sehen. Der Onkel Maria Amalias, Kaiser Karl VI., ließ dort die Kaiserliche Gemäldegalerie errichten; die Deckengemälde sollten Kunstverständnis und Mäzenatentum der Habsburger demonstrieren. Pictura wird in diesem Bild ebenfalls von den drei Grazien gekrönt, Jupiter tritt dort ebenfalls als beherrschende Gestalt auf ebenso wie Minerva als Schutzgöttin der Künste und ein Genius, der Chronos zurückdrängt und damit daran erinnert, daß der Fürst Ruhm und Unsterblichkeit durch die Förderung der Künste erreichen kann.

 
B. Allegorie der Bildhauerei (zerstört)
 
Allegorie auf Johann Wilhelm von der Pfalz, Teilansicht (beim Wiederaufbau adaptiertes Deckenbild)

2. Jetziges Deckenbild von Giovanni Antonio Pellegrini

ALLEGORIE AUF JOHANN WILHELM VON DER PFALZ Im Bildzentrum erscheint Jupiter mit dem Adler auf der Weltkugel, neben ihm steht Concordia mit dem Stabbündel. Zwei Allegorien sind schräg unter Jupiter dargestellt: Die Pfalz hat einen Löwen zu ihren Füßen und blickt zu Jupiter auf, die Linke im Bittgestus auf der Brust; den rechten Arm legt sie um eine junge Frau, deren Kennzeichen der Phönix ist: wohl die Allegorie der Auferstehung (Ripa, s.v. resurrettione). Jupiter blickt auf eine Gruppe am rechten Bildrand: dort versucht Atropos einem Putto einen Kurhut zu entreißen. Hinter ihr sieht man Clotho und Lachesis; alle Parzen zeigen grimmige Mienen. Die Darstellung bezieht sich auf Johann Wilhelm von der Pfalz: Dieser war während des Spanischen Erbfolgekrieges treu auf der Seite des Kaisers und erhielt 1708, als der bayerische Kurfürst Max Emanuel seines Landes und seiner Würden beraubt im Exil lebte, die mit dem Erztruchsessenamt verbundene bayerische Kur (zweite weltliche Kur) zurück, die die Pfalz 1623 an Bayern verloren hatte. Bei den Verhandlungen vor dem Frieden von Rastatt (7. 3. 1714), in dem Max Emanuel in seine alten Rechte wiedereingesetzt wurde, zeichnete sich ab, daß Johann Wilhelm seine neue Würde wieder verlieren könnte. So ist das Bensberger Deckenbild wohl folgendermaßen zu lesen: Jupiter ist eine Allusion auf den Kaiser; Concordia weist auf die Eintracht der Reichsfürsten und damit auf die Treue Johann Wilhelms hin. Die Parzen (= das Schicksal) drohen ihm die neue Würde wieder zu entreißen. Die Entscheidung dar-über liegt jedoch in der Hand Jupiters (= des Kaisers; s. Blickkontakt Jupiter-Atropos), zu dem die Allegorie des Landes Pfalz vertrauensvoll aufblickt. Die Allegorie der ›Resurrettione‹ neben ihr könnte darauf hinweisen, daß die zweite weltliche Kur ja ehemals im Besitz der Pfalz war, die neue Würde also ein Wiederaufleben der alten Würde sei (Deutung nach Matthias Reuß, München)

Quellen und Literatur

Inventar 1748 Faßmann 1770, S. 274 f

Haeutle 1883, S. 109 f. KDBI OB (2), S. 1127.

Thoma/Kreisel 1937, S. 119

Goering, Max, Pellegrini Studien, in: Münchner Jahrbuch der Bildenden Kunst 12, 1937/38, S. 233-50

Garas, Clara, Giovanni Antonio Pellegrini in Deutschland, in: Studi di Storia dell’Arte in onore di Antonio Morassi, Venedig 1971, S. 285-92.

Brunner 1977, S. 102-04.

Thon 1977, S. 321 f.

Seelig, Lorenz, Ein Deckenbildentwurf für die Grüne Galerie der Münchner Residenz, in: Weltkunst 24, 1980, S. 364-69.

Bachter, Falk, Balthasar Augustin Albrecht, München 1981, S. 84 f.

Brunner/Hojer/Seelig 1986, S. 80-85, und Abb. 21. F.B.

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